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Sebastian Friedrich (Hrsg.): Rassismus in der Leistungsgesellschaft

Cover Sebastian Friedrich (Hrsg.): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. Analysen und kritische Perspektiven zu den rassistischen Normalisierungsprozessen der „Sarrazindebatte“. edition assemblage (Münster) 2011. 300 Seiten. ISBN 978-3-942885-01-0. 19,80 EUR.
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Thema / Entstehungshintergrund / Aufbau

Gut ein Jahr ist es her, dass die Wogen der sogenannten ‚Sarrazindebatte‘ die Feuilletons und Talkshows des Landes überfluteten und damit einhergehend die Themen Integration und Migration den innenpolitischen Diskurs dominierten. Mittlerweile haben die Wogen sich geglättet, die Diskussionen werden weniger aufgeregt geführt und die Absurdität vieler Thesen aus Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist nachgewiesen (vgl. z.B.: Foroutan 2010). Es ist also Zeit für einen kritischen Rückblick, eine Analyse um der Frage nachzugehen, wie diese Debatte auf so ‚fruchtbaren Boden‘ fallen konnte.

Der Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“, Sebastian Friedrich, und die darin veröffentlichenden AutorInnen stellen sich dieser Aufgabe. Dem Band liegt die These zugrunde, dass „nicht Sarrazin (…) für die ‚Sarrazindebatte‘ entscheidend (war), sondern das Feld, in dem dessen ‚Thesen‘ wirken konnten“1 (8). Dementsprechend ist das erklärte Ziel des Bandes auch nicht eine erneute Auseinandersetzung mit besagten Thesen oder der Personalie Sarrazin, sondern vielmehr die Analyse der „diskursiven Bedingungen“ (8) der Debatte. Friedrich wählt für diese Analyse vier Zugänge, innerhalb welcher sich die AutorInnen aus verschiedenen Fachrichtungen (u.a. Ökonomie, Psychologie, Soziologie) der Thematik nähern:

  1. Migration und Rassismus,
  2. Bevölkerungs- und Biopolitik,
  3. Kapital und Nation sowie
  4. Interventionen und Perspektiven.

Im Folgenden sollen diese Zugänge kurz charakterisiert und dann jeweils ein Beitrag genauer rezensiert werden2 . Anschließend folgt eine kritische Diskussion des Gesamtbandes.

1. Migration und Rassismus

Dieser Zugang setzt sich in fünf Beiträgen mit den vielfältigen Verknüpfungen von Migrationsdiskursen mit rassistischen Ausgrenzungsdiskursen innerhalb der genannten Debatte auseinander. Sabine Hess zeichnet in ihrem Beitrag kritisch die wissenschaftliche Konstruktion von „Einwanderung als Problem“ nach, im Zuge welcher immer wieder ein statisches, geschlossenes Kulturkonzept zum Tragen kommt. Im Anschluss stellt sie alternative wissenschaftliche Perspektiven vor, die zum einen transnational verankert sind und zum anderen die Perspektive der MigrantInnen als Ausgangspukt haben. Sebastian Friedrich und Hannah Schulte zeigen, ausgehend von einer diskursanalytischen Untersuchung, wie MigrantInnen medial als ‚integrationswillige Musterbeispiele‘ und ‚Integrationsverweigerer‘ konstruiert und eingeteilt werden. Serhat Karakayali stellt in seinem Beitrag die These auf, dass ein neuer Typus von Rassismus entstanden ist, der sich durch einen „reflexiven Eurozentrismus“ (96) legitimiert. In dessen Zuge werden scheinbar ‚Außereuropäische‘, als ‚Andere‘ markierte aufgrund ihrer ‚historischen Rückständigkeit‘ bzw. ihres ‚Nichtaufgeklärtseins‘ abgewertet. Als Diskursstrategie werden dabei emanzipatorische Argumentationen (z.B. feministische) aufgegriffen und missbräuchlich gegen MigrantInnen in Stellung gebracht. In dem letzten Beitrag dieses Zugangs beschreiben Vassilis Tsianos und Marianne Pieper einen „postliberalen Rassismus“ (116) und dessen Funktionen. Dieser charakterisiere sich weniger durch den Vorwurf ‚kultureller Abweichung‘ als vielmehr durch einen permanenten Terrorismusverdacht gegenüber MigrantInnen.

Yasmin Shoomans Beitrag „Keine Frage des Glaubens“ (59ff) wollen wir einer genaueren Betrachtung unterziehen. Sie arbeitet heraus, wie nach der Dekonstruktion des biologistischen Rassenbegriffs eine ‚neue‘, auf einen deterministischen Kulturbegriff rekurrierende Form des Rassismus entstanden ist. Vorstellungen, die diesem Kulturrassismus folgen, gehen – äquivalent zu älteren rassistischen Szenarien – davon aus, dass „(…) sich klar abgegrenzte und in sich geschlossene Kulturkreise gegenseitig bekämpfen“ (60). Eine Form dieses Kulturrassismus ist der antimuslimische Rassismus, welcher mit Hilfe des „(…) Dreischritts Essentialisierung, Dichotomisierung und Hierarchisierung die Hybridität, Durchlässigkeit und Dynamik kultureller Identitäten (…)“ (64) leugnet und somit zu einer abwertenden „Rassifizierung von Muslim_innen“ führt. In der Folge dieser kulturrassistischen Besetzung des Kulturbegriffs werden aus „Gastarbeiter_innen“ und „Türk_innen“ „Muslim_innen“. Wobei aber – wie der Titel des Beitrages schon andeutet – diese Klassifizierung sich nicht am muslimischen Glauben festmacht, sondern an damit scheinbar verbundenen, determinierenden Wert- und Verhaltensmustern. Shooman gelingt es in ihrem Beitrag eine gute zusammenfassende Darstellung der kulturrassistischen Fundierung des antimuslimischen Rassismus zu geben, sowie ihre Argumentation mit Hilfe von vielen Zitaten immer wieder an die buchtitelgebende Debatte rückzubinden. Zudem stellt sie im Abschnitt „Funktionen des antimuslimischen Rassismus“ einige analytische Erklärungsansätze für diese ‚neue‘ Form des Rassismus vor, die die oft angeführte aber verkürzte Monokausalität von ‚Krise = Rassismus‘ erweitern und bereichern können.

2. Bevölkerungs- und Biopolitik

Im Rahmen des zweiten thematischen Zugangs mit dem Titel „Bevölkerungs- und Biopolitik“ diskutieren Juliane Karakayali, Moritz Altenried und Elke Kohlmann insbesondere die biologistischen Argumentationslinien Sarrazins in ihrem soziopolitischen Kontext. Die drei AutorInnen begreifen den Körper als Ort der Subjektivierung und ergänzen diese Perspektive durch einen intersektionalen Zugang. Sie folgen dabei klassischen Überlegungen der 70er Jahre zur Intersektionalität, die es nahe legen, die Analyse gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse durch Rasse, Klasse und Geschlecht zu erweitern (Vgl. Degele/Winker 2009).

So zeigt Juliane Karakayali anhand der Einführung des Elterngeldes, welches sie als biopolitisches Steuerungsinstrument betrachtet, dass geschlechterpolitische Interventionen in enger Abhängigkeit von gesellschaftlichen Kontexten zu interpretieren und somit in enger Abhängigkeit von „race“ und „class“ zu denken sind. Moritz Altenried hingegen betrachtet die Ausführungen Sarrazins in seinem Artikel als Reartikulation sowohl kolonialer als auch nationalsozialistischer rassistischer Argumentationen. Die zentrale und den Diskursen inne wohnende Kontinuität stellt für ihn die „biopolitische Perspektive auf Fragen von Migration“ (148) dar. Elke Kohlmann bezieht sich wiederum auf ökonomische Aspekte der Debatte, indem sie insbesondere Sarrazins Verständnis von Bevölkerung als Humankapital diskutiert. Sie verweist hierbei auf zwei strategische Operationen, die Sarrazin anwendet um ökonomische Risikogruppen zu konstruieren und Individuen ihr „persönliches Sozialschicksal“ (169) zuzuweisen. Diese bestehen in der Individualisierung von sozialen Ungleichheiten und der „Festschreibung der sozialen Hierarchie als natürliche Hierarchie“ (168).

Moritz Altenried begreift in seinem Artikel die gegenwärtigen Debatten und die Äußerungen Thilo Sarrazins als Reartikulation von historischen Rassismen durch die „ein Dispositiv [geschaffen wird], das sich in verschiedenen Institutionen, Gesetzen und sozialen Praxen umsetzt“ (147). Altenried meint, unter Bezugnahme anderer Autoren, einen historischen Bruch nach 1945 zu erkennen, der eine kritische Analyse kolonialer und nationalsozialistischer Argumentationslinien in der Gegenwart verhindert.

Der Zusammenhang von Rassismus und Biopolitik hält in seinen Ausführungen durch die einfache Formel „Leben machen und sterben lassen“ (148) Einzug. Damit meint er die Indienstnahme pseudowissenschaftlicher Erkenntnisse zur Legitimation von Rassismen, die letztlich zur simplen Einteilung von wertvollen und wertlosen Subpopulationen beitrugen bzw. beitragen. Durch den engen Zusammenhang von Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen mit Kultur, Religion oder Nationalität werden Stereotype konstruiert, die dazu dienen sollen, eine stark heterogene Gruppe zu homogenisieren. Diese wird einer „weiß dominierte[n] Mehrheitsgesellschaft“ (153) als das ‚Andere‘ gegenübergestellt um gesellschaftliche Ungleichheit zu legitimieren. Altenried konstatiert in seinen Schlussbetrachtungen, dass der Zusammenhang zwischen Biomacht und Rassismen keineswegs nur als historischer Tatbestand relevant für die Gegenwart sei, sondern bezeichnet diesen als „lebendiger denn je“ (158). Er hält fest: „Rassismen bleiben dabei elementarer Bestandteil biopolitischer Macht, da sie Differenzen in das Regime von Biomacht einschreiben und die Ausbeutung, Abwertung, Abschiebung, Disziplinierung und Tötung unterschiedlich kategorisierter Körper ermöglichen“ (ebd.).

Bei genauer Betrachtung scheint der Artikel von Moritz Altenried besonders geeignet die gesellschaftliche Ausgangslage zu beschreiben, im Lichte derer auch die Beiträge von Juliane Karakayali und Elke Kohlmann zu lesen sind. Interessant ist sein Hinweis darauf, dass „subjektivierte Körper [ebenso] zu Orten des Widerstands“ (159) werden können. Dieser leider kurze und nicht weiter ausgeführte Einwurf scheint zentral, da die Aufgeregtheit der ‚Sarrazindebatte‘ leicht dazu verführt, Formen des Widerstands zu übersehen.

3. Kapital und Nation

An die bevölkerungs- und biopolitischen Überlegungen schließt sich ein weiterer thematischer Schwerpunkt an, der mit „Kapital und Nation“ überschrieben ist. In diesem diskutieren die AutorInnen die These eines Erstarkens des nationalen (Selbst-)Bewusstseins in Deutschland als Voraussetzung für eine wirtschaftliche und politische Vormachtstellung im internationalen Kontext. Darüber hinaus konstatieren sie eine Neoliberalisierung der Individuen und ihrer sozialen Beziehungen und deren Reduktion auf den Begriff des Humankapitals.

Jürgen Link leitet in seinem Beitrag aus der Annahme Sarrazins, es existiere ein spezifischer deutscher Nationalcharakter, der im Kern aus (vererbbarer) Intelligenz bestehe, die Feststellung ab, Sarrazins Äußerungen seien als „protonormalistisches Manifest“ (185) zu verstehen, welches „‚Anormalitäten‘ und indirekt durch sie erst Normalitäten“ (196) herstellt. Christoph Butterwegge zeigt in seinem Beitrag, dass „der gemäß neoliberaler Rezepte strukturierte Finanzmarktkapitalismus zu einer tiefen Sinnkrise des Sozialen geführt“ (200) hat; die einen idealen Nährboden für Sarrazins rechtspopulistische Thesen bildet, welche insbesondere unter der gesellschaftlichen Mitte die Angst vor dem ‚Absturz‘ schüren. Sarrazin nutzt das Argument der „Überlastung des Wohlfahrtsstaats“ (206) um zu verdeutlichen, dass MigrantInnen als ökonomische Belastung zu verstehen sind. Nach Butterwegge folgt hieraus die Organisation sozialer Beziehungen nach marktwirtschaftlichen Prinzipien. Darin sieht er die Gefahr der Rivalität, welche „als Haupttriebkraft einer zerklüfteten, zunehmend in Arm und Reich gespaltenen Gesellschaft“ (212) interpretiert werden kann. Jörg Kronauer richtet seine Aufmerksamkeit auf ein Element aus Sarrazins Argumentation, das nach Einschätzung des Autors bislang wenig beachtet wurde, der „Sorge um den vermeintlich schwächelnden deutschen Staat, der ‚sich abschafft‘“ (215). Als Ausgangsargument dient Sarrazins Feststellung, Deutschland befinde sich ökonomisch gesehen auf dem ‚Abstieg‘, insbesondere infolge demographischer Veränderungen, die eine Abnahme der ‚deutschen‘ Bevölkerung zur Folge haben. Kronauer stellt jedoch gleichzeitig ein Erstarken machtpolitischer Bestrebungen fest, welches wiederum in engem Zusammenhang mit der „Herausbildung eines neuen ‚Nationalstolzes‘“ (221) steht. Dieser schließt Migration nicht gänzlich aus, begrüßt jedoch lediglich die Einwanderung so genannter „bunte[r] Leistungsträger“ (223), die die Bundesrepublik mit ihrem Fachwissen bereichern und damit den wirtschaftlichen Erfolgskurs garantieren.

Nora Räthzel widmet sich in ihrem Beitrag der Frage, wie es sein kann, dass Sarrazins rassistische Argumentationen öffentlich so breit diskutiert wurden, während seine Diffamierungen gegenüber der ‚deutschen‘ Unterschicht kaum Beachtung fanden. Nach Räthzel ist dieser Umstand umso verwunderlicher, bedenkt man, dass Sarrazin nicht den Verfall der deutschen Kultur beklagt, sondern ihn vielmehr der Verlust wirtschaftlicher Dominanz sorgt. Räthzel erklärt diesen Umstand indem sie Rassismus als ‚rebellierende Selbstunterwerfung‘ begreift. Rebellisch meint in diesem Zusammenhang, dass sich Individuen gegen ihre eigene Unterwerfung und dem damit einhergehenden Ausgeliefertsein gegenüber politischen und ökonomischen Verhältnissen insofern wehren, als dass sie sich gegen eine andere Bevölkerungsgruppe richten, „die genauso wenig oder weniger Kontrolle hat als sie selbst“ (233). Damit reproduzieren sie die Mechanismen, die ihre eigene Unterwerfung bestimmen. Sarrazin nutzt diesen Mechanismus, laut Räthzel, indem er die wirtschaftliche Vormachtstellung Deutschlands im internationalen Kontext als gefährdet interpretiert und damit Ängste schürt, die ein Erstarken des ‚Südens‘ gegenüber dem zunehmend an wirtschaftlicher und politischer Macht verlierenden ‚Norden/Westen‘ zum Inhalt haben. Räthzel hält diese Annahme für durchaus begründet. Sie weist zudem darauf hin, dass „die globalen Machtverschiebungen […] dazu [führen], dass in den Ländern des globalen Südens die kritischen Kräfte, die Veränderungen wollen, an Stärke gewinnen“ (236f.). Sarrazin reagiert auf diese Entwicklung und die damit verbundene Gefahr der Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse, indem er insbesondere an die Elite appelliert und sie auffordert sich des drohenden Machtverlusts bewusst zu sein. Strategisch klug gewinnt er so ihre Zustimmung.

Nora Räthzel führt in ihrem Artikel eine globale Perspektive ein, die die ‚Sarrazindebatte‘ deutlicher in ihren internationalen Kontext stellt. Gleichzeitig gelingt es ihr die globale Betrachtungsebene an die Erfahrungsebene der Subjekte zurückzubinden, indem sie auf ein alternatives Erklärungsmodell von Rassismus verweist, welches als machttheoretische Interpretation zur Entstehungsbedingung von Fremdenfeindlichkeit gelesen werden kann.

Ihr Verweis auf den wirtschaftlich und politisch erstarkenden ‚Süden‘ und den damit einhergehenden globalen machtpolitischen Verschiebungen ergänzen die Debatte um eine interessante Perspektive. Gleichwohl bleibt Skepsis angesichts der Prognose eines so radikalen Machtverlusts des ‚Nordens‘. Doch Räthzel ist sich des Experimentcharakters ihrer Argumentation durchaus bewusst und bezeichnet sie als eine These, „die zu verfolgen sich lohnt“ (236).

4. Interventionen und Perspektiven

Der vierte und letzte Zugang des Bandes widmet sich potentiellen Strategien und Argumentationslinien zur Entkräftung bzw. Bekämpfung diskriminierender Debatten. Charlotte Misselwitz versucht in ihrem Beitrag der ‚emotionalen Unsachlichkeit‘ der ‚Sarrazindebatte‘ mit eigener Unsachlichkeit zu begegnen und nennt diese Interventionsmethode „narrative Spiegelung“ (244). Ihre These ist, dass emotional begründete Ausgrenzungsdiskurse am geeignetsten durch eigene, emotional besetzte Ausgrenzungserfahrungen bekämpft werden können.

Im zweiten Beitrag dieses Abschnitts beschäftigen sich Gabriel Kuhn und Regina Wamper mit den Mechanismen des angeblichen Tabubruchs, welcher in der Debatte immer wieder mit dem symptomatischen Ausspruch „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ (252) beschworen wurde. Sie zeigen auf, dass diese Argumentationsfigur, welche „(…) männliche, weiße, sozial Privilegierte zum Opfer der Unterdrückung werden (lässt)“ (252), indem sie sich auf den Wert der Meinungsfreiheit beruft, keinesfalls eine neue Strategie der „extremen Rechten“ ist. Im Gegenteil, die „Rechten“ sahen die Meinungsfreiheit schon „(…) immer genau dann in Gefahr bzw. abgeschafft, wenn rassistische, sexistische, antisemitische, klassistische oder andere ausgrenzende Aussagen in Frage gestellt werden“ (254). Neu aus ihrer Sicht ist, dass es sich im Falle der ‚Sarrazindebatte‘ um eine „gescheiterte Tabuisierung“ (ebd.) handelt, denn mit den hohen Verkaufszahlen seines Buches und seinen ausverkauften Lesereisen habe Sarrazin bewiesen, „(…) dass seine Thesen sehr wohl sagbar sind“ (ebd.). Die rhetorische Formel des ‚Unsagbaren‘ entkräften die AutorInnen weiter indem sie die Diskursakteure in existierenden Machstrukturen verorten und deutlich machen, dass „(…) Sarrazin und seine Befürworter_innen (…) aus einer machtvollen Position an bestehende rassistische Diskurse anknüpfen und diese verstärken“ (256).

Welche Aufgaben ergeben sich aus dieser Argumentation für die Kritik an rechten Ausgrenzungsdiskursen, die sich auf die Meinungsfreiheit berufen? Sie müsse diese Verschränkungen „entwirren“ und die Komplexität von Zusammenhängen anerkennen um nicht in die Falle einer Entweder-oder-Rhetorik von Redefreiheit versus Kritik zu tappen. In einem ersten Versuch zu entwirren, stellen die AutorInnen dem individuellen ‚ich-sag-was-ich-will-Freiheitsbegriff‘ die Idee einer „freien Gesellschaft“ gegenüber, die sich darüber definiert, dass keines ihrer Mitglieder von zum Beispiel rassistischen Diskursen ausgegrenzt wird.

Kuhn und Wamper erhellen mit ihrer Analyse das Umfeld und die Mechanismen des besagten Diskurses. Sie machen deutlich, dass die Argumentationen älter sind als die ‚Sarrazindebatte‘ und widersprechen damit der häufig geäußerten Annahme, hier hätte es einen deutlichen ‚Rechtsruck‘ gegeben. Zudem ist ihnen anzurechnen, dass sie nicht davor zurückschrecken auch schwarz-weiß Malereien ‚der Linken‘ zu benennen und anzumahnen sich den verschiedenen Problematiken „(…) behutsam, spezifisch und ohne essentialistische Verallgemeinerungen (…)“ (257) zu nähern. Die Forderung nach Meinungsfreiheit und einer ‚Grenze des Sagbaren‘ stellt im Sinne einer „freien Gesellschaft“ keinen Widerspruch dar, dies argumentativ zu belegen ist der Verdienst dieses Beitrages.

Diskussion/Fazit

Der vorliegende Band richtet sich an LeserInnen, die an einer theoretischen Einordnung der ‚Sarrazindebatte‘ interessiert sind, sich keiner Denktradition oder Disziplin verpflichtet fühlen, sondern auf der Suche nach multiperspektivischen Zugängen zum ‚Diskursereignis Sarrazin‘ sind.

Der Umfang der Beiträge lässt eine eingehende und detaillierte Analyse aller identifizierbaren Diskursstränge und -ebenen nicht zu. Dennoch enthält der Sammelband mehrdimensionale Diskursbeschreibungen, denen es gelingt vielfältige theoretische Zugänge zu schaffen und somit die Analyse der Debatte um interessante und heterogene Aspekte zu bereichern. Eine Vielzahl der Artikel wird dem in der Einleitung formulierten Anspruch gerecht, die Debatte, die Sarrazin mit der Veröffentlichung seines Buches ausgelöst hat, lediglich als Impuls für eine Analyse der gesellschaftlichen Diskursbedingungen zu begreifen. Leider gelingt dies jedoch nicht allen AutorInnen und es wird teilweise ausschließlich auf die Äußerungen Sarrazins Bezug genommen. Weiterhin erstaunlich ist, dass sich die Beiträge, hinsichtlich der Qualität und der theoretischen Fundierung, zum Teil auf sehr unterschiedlichen Niveaus bewegen. Hier wäre ein genaueres Lektorat des Herausgebers wünschenswert gewesen.

Dennoch stellt der Band eine interessante und lesenswerte Form dar die ‚Sarrazindebatte‘ nicht weiter pseudowissenschaftlich zu befeuern, sondern wissenschaftlich zu beleuchten und in diesem Zusammenhang die gesellschaftlichen Verhältnisse einer Analyse sozialer Ungleichheit zu unterziehen.

1 Zur Diskussion warum trotzdem der Begriff „Sarrazindebatte“ gewählt wird vgl. S. 10

2 Wir wählen – aufgrund des vorgegebenen Rahmens dieser Rezension – dieses Vorgehen um eine bloß zusammenfassende Auflistung aller 15 Beiträge zu umgehen und den LeserInnen zumindest vier ausgewählte Aufsätze nahe zu bringen, ohne dabei jedoch auf eine kritische Diskussion des Gesamtbandes zu verzichten.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Nina Jann
FU Berlin/Arbeitsbereich Sozialpädagogik
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Rezensent
Julian von Oppen
FU Berlin/Arbeitsbereich Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Nina Jann/Julian von Oppen. Rezension vom 30.12.2011 zu: Sebastian Friedrich (Hrsg.): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. Analysen und kritische Perspektiven zu den rassistischen Normalisierungsprozessen der „Sarrazindebatte“. edition assemblage (Münster) 2011. ISBN 978-3-942885-01-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12067.php, Datum des Zugriffs 27.09.2016.


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