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Sabine Jungk, Monika Treber u.a. (Hrsg.): Bildung in Vielfalt. Inklusive Pädagogik der Kindheit

Cover Sabine Jungk, Monika Treber, Monika Willenbring (Hrsg.): Bildung in Vielfalt. Inklusive Pädagogik der Kindheit. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2011. 236 Seiten. ISBN 978-3-932650-38-3. 19,00 EUR.
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Herausgeber

Sabine Jungk ist Professorin für Interkulturelle Bildung und Erziehung, Monika Treber Professorin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, seit 2009 Rektorin, und Monika Willenbring Professorin für Heilpädagogik, jeweils an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Beinahe alle anderen Autorinnen und Autoren sind ebenfalls Professoren an dieser Hochschule.

Thema

Die Vorstellungen von Bildung in der frühen Kindheit werden neu konzeptualisiert. Ein interdisziplinärer Zugang zur Pädagogik des Kindes ist notwendig. Die Autorinnen und Autoren sehen Vielfalt und Inklusion als Schlüsselbegriffe

In diesem Buch wird die Konzeption des Studienganges „Bildung und Erziehung“ reflektiert, der für die Arbeit mit Kindern bis zwölf Jahren qualifiziert.

Das Buch erscheint als Band 4 in der Reihe „Materialien zur Frühpädagogik“.

Aufbau

Nach einer Einführung durch die Herausgeberinnen können die folgenden Beiträge zu vier Schwerpunkten zusammengefasst werden.

Im ersten Teil geht es um konzeptionell-fachliche Positionen und theoretische Grundlagen. Dabei erklärt Monika Treber die Berücksichtigung der Vielfalt und Inklusion als Herausforderungen einer Pädagogik der Kindheit. Sie beschreibt Inklusion als Perspektive und geht auf Konsequenzen für die Ausbildung ein.

Ausgehend von Bronfenbrenners Sozialisationsmodell erläutert Birgit Bertram das PPCT-Modell (Person – Prozess – Kontext – Zeit), in dem Entwicklung einen lebenslangen Prozess darstellt. In der frühen Kindheit sind die von Bronfenbrenner formulierten Universalien der Kindheit (Stabilität und Kontinuität von Beziehungen, Überschaubarkeit und Regelhaftigkeit der sozialen und physikalischen Umwelt sowie verlässliche Strukturen in Familie und dem erweiterten Umfeld) von Bedeutung. Bertram verdeutlicht, dass die aktuelle Diskussion zu kurz greift, wenn nur die kognitive Förderung gesehen wird. Das Modell der Teilhabe stellt das kindliche Wohlbefinden ins Zentrum, bei dem die intellektuelle Dimension nur eine Dimension neben Dimensionen wie Gesundheit, Beziehung zu Gleichaltrigen, materielle Situation u.ä. darstellt.

Anschließend beschäftigt sich Axel Bohmeyer mit einer Anthropologie des Kindes. Er zeichnet den Weg von Rousseau und Kant bis zu einem modernen Verständnis, einer Anthropologie der Intersubjektivität, nach.

Die folgenden Beiträge fokussieren in einer Querschnittsperspektive Themenbereiche, in denen Vielfalt erkannt und berücksichtigt werden sollte.

Es beginnt Monika Schumann mit Kindern mit speziellen Begabungen bzw. Beeinträchtigungen. Sie zeichnet die Veränderungen der letzten 35 Jahre im Umgang mit Behinderung nach (in Praxis, Theorie, politisches und gesellschaftliches Verständnis) und stellt Integration und Inklusion gegenüber.

Petra Focks arbeitet die Grundzüge einer geschlechterbewußten Pädagogik heraus und macht konkrete Vorschläge, wie in diesem Bereich Vielfalt und Differenzen beachtet und in der Pädagogik umgesetzt werden können.

Sabine Jungk stellt sich den Problemen der kulturellen Integration und macht ebenfalls konkrete Vorschläge für die Praxis.

Die nächsten Beiträge beschäftigen sich mit Beispielen des Theorie-Praxis-Transfers. Monika Willenburg zeigt anhand eines Fallbeispiels am Beispiel Sprache die Erweiterung der Diagnostik zu einer ökosystemischen Diagnostik. Ludger Pesch geht auf die Bedeutung emotionaler und sozialer Kompetenz ein und gibt Anregungen zur Förderung. Angelika Pleger beschäftigt sich mit ästhetischen Bildungsprozessen, dem bildnerisch-gestalterischen Tun der Kinder und fordert eine ganzheitliche Förderung kultureller Intelligenz. Ines Freitag-Amtmann frägt, wie sich Kinder ein Bild von der Welt machen, und gibt Beispiele zur Wissensvermittlung und zur Durchführung kleiner Experimente im Kindergarten. Christine Funk greift das Thema Religionssensibilität auf, ein wichtiges Thema für unsere Gesellschaft und vor allem an einer katholischen Hochschule.

Der letzte Teil umfasst heterogene Beiträge. Im ersten Aufsatz beschäftigt sich Sylvia Krol mit der Bedeutung von Übergängen, teilt sie in normative und nicht-normativ Übergänge ein. Sie greift das Konzept der Passung auf und formuliert Voraussetzungen und Anforderungen an eine professionelle Begleitung.

Kooperation mit den Eltern ist ein wichtiges Thema für eine gelingende frühkindliche institutionelle Erziehung. Ralf Quindel und Yvonne Conradt thematisieren Erziehungsziele und Unterstützungsbedarf, veranschaulichen dies an den Aussagen eines Vaters, der das Triple P-Programm mitgemacht hat, und gehen auf das Empowerment-Konzept ein.

Monika Schumann und Monika Willenbring stellen das Präventionsprogramm Opstapje vor und berichten über die Durchführung in Berlin mit wissenschaftlicher Begleitung durch die Hochschule sowie Ergebnisse der Evaluation.

Abschließend reflektiert Stephan Höyng über Männer in der Kindertagesstätte. Er beschreibt die Veränderung des Männerbildes im Allgemeinen, aber auch die Probleme, die es aufwirft. Er geht im Besonderen auf die Rolle des Männlichen in der Frühpädagogik ein und resümiert, dass die die Öffnung der Tagesstätte nur Sinn macht, wenn sie mit einer gleichstellungspolitischen Qualitätsoffensive verwoben ist.

Diskussion

Pädagogik der frühen Kindheit ist ein gesellschaftlich wichtiges Thema. Viele (Fach-)Hochschulen nehmen sich diesem Thema in ihrer Ausbildung und Forschung an.

Der Aufbau des Buches folgt einer klaren Struktur. Die Beiträge des ersten Teils entwickeln anschaulich fachliche Grundpositionen. In den Beiträgen zur Querschnittsperspektive werden drei Bereiche angesprochen, die von großer Bedeutung für das Miteinander in der Gesellschaft sind: Kinder mit besonderem Förderbedarf, die Geschlechtszugehörigkeit, Kinder mit Migrationshintergrund. Die Formulierung von Inklusion als „optimierte Form der Integration“ finde ich nachdenkenswert; sie verdeutlicht die Zielrichtung sowie dass dieses Ziel nicht kostenneutral erreicht werden kann. Die Aussage jedoch, dass jedes Jahr so und so viel Prozent in die gesellschaftliche Perspektivlosigkeit entlassen werden, nur weil sie die Schule auf einem Förderzentrum beenden, kann ich so nicht nachvollziehen; sie greift zu kurz. Nur die formale Schulform zu ändern, wird ihre Chancen nicht verbessern; dazu muss sich perspektivisch noch vieles in Gesellschaft und Wirtschaft verändern.

Auch die Beiträge zum Transfer in die Praxis greifen wichtige Bereiche auf und überzeugen in den Beispielen. Für eine gelingende Frühpädagogik ist natürlich die Kooperation mit den Eltern und deren Bildung sowie die Begleitung der Übergänge essentiell. Sehr gut hat mir der differenzierte und einfühlsame Beitrag über Männer in der Tagesstätte gefallen (Es wird ja auch den Beitragenden zu diesem Buch, bei denen es sich überwiegend um Frauen handelt, nochmals symbolisiert, dass die frühkindliche Pädagogik Frauendomäne ist).

Zielgruppe

Alle, die in der frühkindlichen Erziehung beschäftigt sind, sei es in Ausbildung, Lehre oder Praxis.

Fazit

Ein Buch, das Eingang in die Ausbildung der pädagogischen Berufe, sei es an Fachschulen und Fachakademien oder an Hochschulen, finden sollte.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 20.12.2011 zu: Sabine Jungk, Monika Treber, Monika Willenbring (Hrsg.): Bildung in Vielfalt. Inklusive Pädagogik der Kindheit. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2011. ISBN 978-3-932650-38-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12087.php, Datum des Zugriffs 28.05.2016.


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