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Wolfgang Geiling, Daniela Sauer u.a. (Hrsg.): Kooperationsmodelle zwischen Sozialer Arbeit und Schule

Cover Wolfgang Geiling, Daniela Sauer, Sybille Rahm (Hrsg.): Kooperationsmodelle zwischen Sozialer Arbeit und Schule. Ressourcen entdecken - Bildungschancen gestalten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 244 Seiten. ISBN 978-3-7815-1828-5. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR.
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Thema

Die zu besprechende Publikation „bereitet Diskurslinien auf und bietet Impulse für die Handlungspraxis im Kooperationsfeld Schule – Soziale Arbeit“ (Einband).

Herausgeber und Herausgeberinnen

Wolfgang Geiling ist Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Pädagoge, Systemischer Familientherapeut, Supervisor und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Daniela Sauer ist Diplom-Pädagogin, Systemische Beraterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Schulpädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Sybille Rahm ist Professorin für Schulpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist das Ergebnis von in den Jahren 2008 und 2009 in Bamberg veranstalteten Tagungen, die sich thematisch mit:

  1. Soziale Arbeit und Schule – Systemische Perspektiven gelingender Kooperation
  2. Soziale Arbeit und Schule – Ressourcen gemeinsam entdecken und dann? (vgl. S. 7)

befassten.

Aufbau

Soziale Arbeit und Schule – Perspektiven der Kooperation

  1. Sybille Rahm: Entgrenzung des Schulischen – Konturen neuer professioneller Selbstverständnisse im pädagogischen Sektor
  2. Ulrich Deinet: Strukturen schaffen, Schnittmengen bilden und gemeinsam handeln – Anregungen für die Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule
  3. Heinz-Jürgen Stolz: Lokale Bildungslandschaften – Systemisch-pädagogische Perspektiven
  4. Josef Faltermeier: Bildung in Deutschland – Neue Perspektiven für die Jugend

Soziale Arbeit in der Schule und für die Schule

  1. Wolfgang Geiling, Annette Sauter: Systemische Soziale Arbeit mit Schulen – Erfolgsfaktoren und Hindernisse
  2. Daniela Sauer, Regina Mehl: Aktiv gegen Mobbing unter Schülerinnen und Schülern – Kooperation von Schulleitung, Lehrkräften und Jugendsozialarbeiter(inne)n an Schulen im Sinne einer nachhaltigen Schulentwicklung
  3. Anita Maile-Pflughaupt, Ulrich Bartosch, Guido Pollack: Unterschiedliche Professionalitäten und Organisationen als Herausforderung der Kooperation: Befragung von Lehrer(inne)n, Schüler(inne)n, Eltern und Sozialarbeiter(inne)n in konkreten Schulsozialarbeitsprojekten

Aus der Praxis berichtet

  1. Stefan Freitag, Veit Schmitt, Martina Schwarz, Stéphanie Vieli-Wengerter, Helmut Lockenwitz, Norbert Kotz: Stütz- und Förderklassen im Vergleich
  2. Annette Sauter, Markus Streicher: Die Praxisklasse – ein Beispiel gelingender Kooperation zwischen Sozialer Arbeit und Schule aus systemischer Perspektive
  3. Jörg Pfaff, Bernd Schmitt: Kooperationsbedingungen von Jugendhilfe und Schule am Beispiel einer Haupt- und einer Förderberufsschule in Bayern
  4. Birgit Linhardt, Wolfgang Geiling: Brücken bauen zwischen Jugendhilfe und Schule am Beispiel eines ESF-Programms Schulverweigerung – Die 2. Chance
  5. Stephan Groß, Rainer Schott: Erziehungspartnerschaft mit Eltern als Antwort auf Eskalation im schulischen Alltag
  6. Elke Ernstberger, Gudrun Cyprian: Mentoren begleiten Familien – das Projekt „die Hofer Schulbegleitung“
  7. Nicole Röthig, Axel Meyer: Die Notwendigkeit der kulturellen Bildung: Der Kultur- und Schulservice als eines der wichtigsten Instrumente für die Einbindung der kulturellen Bildung in die Bildungslandschaft der Stadt Coburg
  8. Uwe Stritzel, Andreas Schiebel, Matthias Gensner, Wolfgang Geiling: BasKIDball – ein soziosportives Bildungsprojekt an der Schnittstelle zwischen Schule und Sozialer Arbeit

Inhalte

Aus diesem beitragsreichen Buch seien zur Grundorientierung aus jedem Thementeil ein Beitrag herausgegriffen, dem exemplarisch ein besonderer Blick zukommt:

Sybille Rahm befasst sich in ihren Ausführungen mit den Konturen neuer professioneller Selbstverständnisse im pädagogischen Sektor. Hier geht die Mitherausgeberin dieser Publikation dem Verhältnis von Sozialer Arbeit und Schulpädagogik und deren Entgrenzung auf den Grund. „Brisante Themen, wie zum Beispiel Erziehungspartnerschaften mit Eltern, Präventionsprogramme gegen Mobbing oder die Einrichtung von Stütz- und Förderklassen, sind in der Schulentwicklung geläufige Ansätze und weisen auf nahe liegende Kooperationen zwischen Sozialer Arbeit und Schulpädagogik“ (S. 10).

Auf diesen Abschnitt folgt eine Diskussion zu den entgrenzten Problemräumen in den Sozialwissenschaften, denn „Grenzen lösen sich auf. Entgrenzung als Strukturprinzip tritt an deren Stelle. Dies hat schwerwiegende Konsequenzen für die wissenschaftlichen Disziplinen einerseits, für die Individuen, die Gruppen, die Arbeit, die Ökonomie andererseits. Entgrenzungstendenzen verunmöglichen biographische Standardverläufe der Lebenskonzepte, die Orientierung an stabilen Lebensmustern oder an lebenslanger Normalarbeit. Die Individuen sind aufgefordert, sich selbst zu verorten in Verhältnissen, die untereinander verknüpft, ohne feste Grenzen, sich ständig verändernd und stets neu zu definieren sind“ (S. 11).

Die Autorin fragt dann danach, welche Bedeutung die sozialwissenschaftliche Entgrenzungsdebatte nun für die Schultheorie hat. Es wird der Frage nachgegangen wo Schule anfängt bzw. wo sie aufhört und wo der nicht-schulische – z. B. Freizeitbereich – anfängt bzw. aufhört.

Nachdem Rahm im vorausgegangenen Abschnitt festgestellt hat, dass das pädagogische Feld entgrenzt ist, betrachtet sie aktuelle Reformmaßnahmen, als da wäre die Einführung des Ganztags. „Hier ist Entgrenzung ein empirisch belegbares Strukturprinzip. Gruppendiskussionen mit Lehrer(innen) und Schüler(innen) einer Grundschule, die sich auf Eigeninitiative hin zur Tagesschule entwickelte, weisen deutlich auf Vermischungstendenzen. Die Verlängerung des Arbeitsalltages in der Schule wird von den Lehrerpersonen als „Freizeit“ apostrophiert“ (S. 14).

Die seit etwa zwanzig Jahren betriebene Schulentwicklungsforschung richtet ihren Fokus auf die Einzelschulentwicklung. Zur Entfaltung von Kulturen der Öffnung wird beispielhaft Chemnitz angeführt. Nach Unterrichtsschluss verfolgen Schülerinnen und Schüler eigene Forschungsprojekte. „Dazu fahren sie an die Technische Universität Chemnitz. Hier haben sie Ansprechpartner(innen) und Zugang zu den Labors. Ein Team entwickelt Versuchsreihen, um einen Stoff zu finden, der über seine Farbe die Umgebungstemperatur anzeigen kann“ (S. 18).

Eine Frage ist die nach den Folgen die Entgrenzung für das pädagogische Expertentum hat. „Gerade […] der Professionalisierungsgedanke in der Lehrerbildung, der auf der Idee einer Zugehörigkeit zur learning community basiert, setzt die einzelne Lehrkraft autonom. Sie handelt professionell, wenn sie weiterlernt“ (S. 18).

Hinsichtlich komplementärer Bildungsdiskurse ist die „demokratische Schule […] konzipiert als eine gemeinschaftlich verantwortete Einrichtung. Dies kann als Weg der Einbindung von Jugendlichen in die Gesellschaft betrachtet werden“ (S. 22).

„Die Entscheidung über disiplinäre Schwerpunkte und Zuständigkeiten pädagogischen Handelns ist angesichts weiter Theoriehorizonte notwendig. Sie erfordert Verhandlungen. Sie verhindert die bloße Vermischung multipler Perspektiven und die theorielose Rückkehr zu einer Pädagogik vom Kinde aus. […] In der kooperativen Schulentwicklung wird das Zusammenwirken aller am Bildungsprozess Beteiligten angestrebt, um eine Optimierung des pädagogischen Angebotes zu erreichen“ (S. 24).

Mobbing bzw. Bullying gewinnt besonders seit Mitte der 1980er Jahre ein wissenschaftliches und öffentliches Interesse. Diesem Phänomen widmen sich Daniela Sauer und Regina Mehl in dem zweiten Text, der hier exemplarisch vorgestellt wird und in den Themenschwerpunkt Soziale Arbeit in der Schule und für die Schule einleitet.

Als Definition führen die Autorinnen an, dass Mobbing unter Schülerinnen und Schülern „ein systematisches und wiederholtes Schikanieren Schwächerer, welches zumeist im Rahmen einer relativ stabilen Gruppe zwischen einander bekannten Personen […] hauptsächlich in kontrollschwachen Räumen auftritt“ (S. 89)

„Dadurch, dass kontrollschwache Räume […] häufig die Orte von Mobbing sind, können Lehrkräfte, Schulleitung und Jugendsozialarbeiter(innen) an Schulen diese Mobbingprozesse nicht ohne Weiteres erkennen“ (S. 91). Lehrerinnen und Lehrern, Schulleiterinnen und Schulleitern fehlt es an Sensibilität und Fachwissen. „Viele Lehrkräfte entscheiden sich, aus der Sorge heraus die Situation für die betroffene Schülerin bzw. den betroffenen Schüler zu verschlimmern, für das Nichteingreifen und Schweigen“ (S. 92).

Sauer/Mehl führen Maßnahmen an, die sich gegen Mobbing richten und theoretisch fundiert sowie empirisch evaluiert sind.

Kommen wir nun zu einem Bericht aus der Praxis. Hierbei handelt es sich um das Projekt Brücken bauen zwischen Jugendhilfe und Schule am Beispiel des ESF-Programms Schulverweigerung – Die 2. Chance. Die Erkenntnis, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler ihre Schulkarriere ohne Hauptschulabschluss beenden und somit „kaum Chancen auf einen Ausbildungsplatz und […] eine eigenständige und von staatlichen Systemen unabhängige Lebensführung“ (S. 178) bestreiten, führte zu dem Programm Schulverweigerung – Die 2. Chance. Die Autorin und der Autor erläutern in ihrem Beitrag die für das Programm relevanten Verhaltensausprägungen und diagnostischen Richtungen, die sich in zwei Formen der Schulverweigerung manifestieren:

a) aktive Schulverweigerung, wie Schulschwänzen;

b) passive Schulverweigerung, wie mangelnde Beteiligung am Unterrichtsschluss.

Für diese Schulverweigerer ist die 2. Chance gedacht. „Die 2. Chance ist ein bundesweites Programm zur Integration schulverweigernder Schülerinnen und Schüler in das Regelschulsystem. Ziel […] ist es, auf einen erfolgreichen Hauptschulabschluss hinzuarbeiten“ (S. 180).

Fazit

Zu empfehlen ist die Publikation, wie bereits auf dem Einband festgehalten, für „sowohl an Theorieinteressierte als auch an Praktiker in sozialen und pädagogischen Handlungsfeldern“ (Einband).


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 28.10.2011 zu: Wolfgang Geiling, Daniela Sauer, Sybille Rahm (Hrsg.): Kooperationsmodelle zwischen Sozialer Arbeit und Schule. Ressourcen entdecken - Bildungschancen gestalten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1828-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12096.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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