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Joachim Bauer: Schmerzgrenze

Cover Joachim Bauer: Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Karl Blessing Verlag (München) 2011. 285 Seiten. ISBN 978-3-89667-437-1. D: 18,95 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Die Mystifizierung der Aggression kann und muss beendet werden

Ist der Mensch ein Lebewesen, das Macht, Kampf und Gewalt in sich trägt und die Herrschaft über andere Menschen anstrebt, gewissermaßen also ausgestattet mit dem „Gewalt„- Gen? Und geboren mit dem (göttlichen) Auftrag: „Mache dir die Erde und alles was um dich herum und mit dir ist, untertan“? Ist der Mensch eine „Bestie“ oder ein „Gott“? Ein „Mutter-Teresa„-Typ oder ein Tyrann? Ist „Gewalttätigkeit“ ein Überlebensmerkmal? Oder ist der Gegensatz davon, die „Friedfertigkeit“, eine hoffnungslos veraltete und nostalgische Illusion? Angesichts der zunehmenden physischen, psychischen und machtorientierten, politischen und gesellschaftlichen Gewalt auf der Erde? Ist die „Gewaltenteilung“, die in der Demokratie zu den konstitutiven und unverzichtbaren Merkmalen gehört, eine überholte Einrichtung, angesichts der ökonomischen und politischen Zwänge, die in der globalisierten Welt herrschen? Der griechische Philosoph Aristoteles ist sich bei der Frage nicht sicher gewesen, ob das Gewaltsame im Menschen natürlich, also triebbestimmt angelegt oder widernatürlich sei. Und die Adepten und Kontrahenten in der Geschichte haben die Bedeutung der Gewalt, entweder als Aggressionspotential oder als Auswuchs, immer wieder thematisiert, bis hin zu den Fragen, wie mit der Gewalt im 21. Jahrhundert umgegangen werden solle (vgl. dazu u.a.: Herfried Münkler / Matthias Bolander, u.a., Hrsg., Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert, Bielefeld 2009, in: www.socialnet.de/rezensionen/9484.php). Gegen die destruktiven Kräfte, die im lokalen und globalen Verhältnis der Menschen untereinander auftreten, werden vielfältige Präventionsmaßnahmen vorgeschlagen (z. B.: Cornelia Muth / Annette Nauert, Hrsg., Vertrauen gegen Aggression. Das dialogische Prinzip als Mittel der Gewaltprävention, Schwalbach 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10589.php; sowie: Sabine Kurtenbach / Rüdiger Blumör, u.a., Hrsg., Jugendliche in gewaltsamen Lebenswelten, Baden-Baden 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10408.php). Es geht um die Erkenntnis, dass unser Denken und Handeln davon bestimmt ist, welche kulturellen Einflüsse und Identitäten wirken (Wilhelm Berger / Brigitte Hipfl, u.a., Hrsg., Kulturelle Dimensionen von Konflikten, Bielefeld 2010, http://www.socialnet.de/rezensionen/10333.php), und nicht zuletzt wird, angesichts der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt für ein Eintreten eines kooperativen Mensch-Natur-Verhältnisses plädiert (Peter M. Senge, u.a., Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, Heidelberg 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11714.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Die Frage, ob evolutionäre oder revolutionäre Einflüsse den Menschen zu einem Konfliktwesen gemacht haben, einem Aggressivo, einem Teufel; oder ob das Bild vom Angelus, dem friedfertigen, duldsamen und empathischen Engel, nur eine Märchenerzählung ist – diese Kontroversen ziehen sich durch die ganze Menschheitsgeschichte, genau so wie die Frage, was das „so genannte Böse“ (Konrad Lorenz) macht. Die zahlreichen Theorien um Macht, Gewalt, Aggression kreisen um zwei Angelpunkte, die sich entweder auf einen eher resignativen, „faktischen“ Grundtatbestand berufen, dass der Aggressionstrieb im Menschen sein Handeln bestimme, oder die Auffassung, dass aggressives und gewalttätiges Tun ein Prozess im kulturellen und zivilisatorischen Dasein der Menschen ist, also entsteht, nicht besteht.

Der an der Universität Freiburg lehrende Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer ist bereits mit mehreren Arbeiten bekannt geworden, mit denen er der vorherrschenden Auffassung widerspricht, dass es einen Aggressionstrieb gäbe, der den Menschen dazu verdamme oder auch leite, Gewalt als Überlebensstrategie auszuüben. Damit leitet er einen grundlegenden Perspektivenwechsel ein, der es lohnt, beachtet zu werden ( vgl. auch, ders., Das kooperative Gen. Evolution als kreativer Prozess, 2008).

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in sieben Kapitel.

Im ersten setzt er sich kenntnisreich und überzeugend damit auseinander, wie der „Mythos Aggression“ in der Theoriebildung und im gesellschaftlichen und politischen Handeln der Menschen entstanden ist, durch deren Vertreter wie Sigmund Freud, Charles Darwin, Konrad Lorenz und anderen theorietauglich gemacht, experimentell scheinbar bewiesen wurde und sich in Ideologien, wie etwa den Rassentheorien verfestigt und viel Unheil in der Welt angerichtet hat. Dabei geht Bauer zwar davon aus, dass nach seinen Forschungen die Auffassung vom dem Menschen innewohnenden Aggressionstrieb zwar ad acta gelegt werden könne, die Aggression in der Welt jedoch weiterhin vorhanden sei. Es sind die Erkenntnisse der neueren Neurobiologie, die den Menschen nicht als „Trieb„-Wesen, sondern „als ein in seinen Grundmotivationen primär auf soziale Akzeptanz, Kooperation und Fairness ausgerichtetes Wesen“ auswiesen.

Den Beweis für seine o. a. These tritt der Autor in den folgenden Kapiteln an, etwa mit den Fragen: „Worauf sind die Grundmotivationen des Menschen gerichtet?, von welchen Grundbedürfnissen man ausgehen müsse und wie sich die Missachtung oder Verweigerung dieser Grundmotive als „Schmerzgrenze“ im Gehirn zeige (2). Dazu freilich bedarf es einer Aufdeckung der „Logik der Aggression“, die sowohl als ein biologisch verankertes Programm zu verstehen sei, ohne das die Menschheit nicht überleben könne, als auch andererseits das Überleben gefährde. Ein Blick auf die neurowissenschaftlichen Forschungen zeig, dass es einer Beachtung bedarf, wie aggressives Verhalten kommuniziert oder gesetzt wird, ob und wie die Signale zu verstehen sind, die von Aggressionen ausgehen (3). Weil es weder sinnvoll noch möglich sei, Aggression im menschlichen Dasein abzuschaffen, bedürfe es zur Festlegung der „Schmerzgrenze“ der Nachschau, wie in menschlichen Gesellschaften Gewalt akzeptiert und ausgeübt oder geächtet und präventiv dagegen vorgegangen wird; welchen Stellenwert also gesellschaftliche Gleichheit, Gerechtigkeit und soziale Fairness haben (4). Es bleibt nicht aus, dabei auch die Frage danach zu stellen, wie der Mensch sich evolutionär entwickelt hat: „Mit Einsetzen des zivilisatorischen Prozesses wurden auch zwischenmenschliche Bindungen zu einer knappen Ressource“ (5). Die Entstehung von Moralsystemen, Religionen und Rechtsauffassungen. Während einerseits die in menschlichen Gesellschaften praktizierten Moralvorstellungen „Garantiesysteme für Zusammenhalt, Kooperation und gegenseitige Hilfe“ sein können, wirken sie andererseits aber auch als „Potential(e) zur Erzeugung von Feindschaft und Gewalt“ (6). Es gilt die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wie alltägliche und globale Gewalt zu verstehen ist und wie sie begrenzt werden kann – durch Bildung und Lernen, durch Aufklärung und Überzeugung (7)!

Fazit

Joachim Bauers Plazet, das er in seiner informativen und auf 372 Quellenverweise gerichteten Analyse zur Beachtung der neurobiologischen „Schmerzgrenze“ von aggressivem und gewalttätigem menschlichen Verhalten formuliert, macht überzeugend deutlich, dass „das menschliche Gehirn (…) über einen neurobiologisch verankerten Sinn für Gerechtigkeit (verfügt)“, der Mensch also in der Lage und fähig ist, „gut“ zu sein und human zu handeln. Wie ein „gutes Leben“ möglich ist, wie dies bereits Aristoteles mit seinem eu zên, dem guten Leben postuliert hat, das der Mensch Kraft seines Verstandes erreichen könne, hängt also nicht von Trieben und Genen, sondern vom Wollen ab! Diese neurobiologische Erkenntnis ist es, die Joachim Bauer mit Recht von einem Umdenken sprechen und daran erinnern lässt, dass unser Gehirn über ein „Aggressionsgedächtnis“ verfügt, das es zu kennen, zu beachten und zu leben gilt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.11.2011 zu: Joachim Bauer: Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Karl Blessing Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-89667-437-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12108.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


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