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Rudolf Leiprecht (Hrsg.): Diversitätsbewusste soziale Arbeit

Cover Rudolf Leiprecht (Hrsg.): Diversitätsbewusste soziale Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2011. 236 Seiten. ISBN 978-3-89974-686-0. 22,80 EUR.

Reihe: Politik und Bildung - Band 62.
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Thema

Die Einsicht, dass Adressaten und Adressatinnen „unterschiedlich verschieden“ (Lutz/Wenning 2001) sind, stellt die Soziale Arbeit aktuell vor neue Herausforderungen und Aufgaben. Hatten feministische und interkulturelle Ansätze die Soziale Arbeit in den 1980er Jahren überhaupt erst auf ihre Blindheit gegenüber differenzbedingten Ungleichheitsverhältnissen aufmerksam gemacht und demzufolge eine Anerkennung von geschlechtsspezifischen oder von kulturellen Unterschieden eingefordert, lässt sich seit Mitte der 1990er Jahre in den differenztheoretischen Diskussionen eine Bewegung hin zu einer Anerkennung der Vielfalt und Verwobenheit von Unterschieden nachzeichnen. Hinter den Stichworten „Heterogenität“ und „Diversität“ verbergen sich demnach Forderungen, den Fokus auf die Vielfalt von Differenzlinien in ihren jeweiligen Verknüpfungen zu richten. Wie wird diese Forderung nach Inblicknahme der „Differenz im Plural“ für die Soziale Arbeit begründet? Und wie sollte eine diversitätsbewusste Soziale Arbeit gestaltet sein? Welche neuen Anforderungen ergeben sich damit für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter? Und welche theoretischen Konzepte erweisen sich als hilfreich für die Thematisierung von Diversität?

Auf diese Fragen gibt der von Rudolf Leiprecht herausgegebene Sammelband ebenso erhellende wie anregende Antworten. Vor dem Hintergrund der Annahme, dass Differenzen „in historischen und gesellschaftlichen Prozessen, die mit bestimmten Konstellationen von Interessen, Macht und Dominanz verbunden waren, `gemacht´ wurden“ (S. 7) will der Sammelband Begründungen für eine diversitätsbewusste Sozialpädagogik geben wie auch forschungspraktische und konzeptionelle Umsetzungsmöglichkeiten einer solchen Perspektive vorstellen.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband widmet sich den Ansatzpunkten einer diversitätsbewussten Sozialen Arbeit deshalb auch in drei Zugängen: erstens im Rahmen einer Thematisierung der Entwicklung einer allgemeinen diversitätsbewussten Theorie und Praxis Sozialer Arbeit, zweitens durch Verweise auf Möglichkeiten und Erkenntnisse einer diversitätsbewussten Jugendarbeit und Jugendforschung und drittens durch die Präsentation von Beispielen diversitätsbewusster Weiterentwicklung und Beforschung sozialarbeiterischer Praxis.

Für die im Rahmen des ersten Zugangs profilierte theoretische Verortung einer diversitätsbewussten Sozialen Arbeit, skizziert Rudolf Leiprecht in seinem Aufsatz zunächst den „Weg zu einer diversitätsbewussten Sozialpädagogik“. Vor dem Hintergrund eines macht- und ungleichheitskritischen Verständnisses von Differenz zeichnet der Herausgeber Thematisierungs- und Dethematisierungsbewegungen von Diversität im Fachdiskurs Sozialer Arbeit nach. Daran anschließend werden Standards und Perspektiven einer intersektionalen, mithin einer die Vielfalt von Differenzlinien in ihren jeweiligen Verschränkungen wahrnehmenden Pädagogik entfaltet. Mit Bezug auf die Forderungen sozialer Bewegungen (Studentenbewegung, Frauenbewegung) wird dann für eine antidiskriminierende Perspektive plädiert. Dabei macht Leiprecht deutlicht, dass eine solche diversitätsbewusste Soziale Arbeit weder ohne das Wissen der speziellen Disziplinen (interkulturelle Pädagogik, feministische Pädagogik, integrative Pädagogik usw.) noch ohne einen subjektorientierten Ansatz erfolgen kann. Antidiskriminierung, Intersektionalität und Subjektorientierung erweisen sich demnach auch für den Verfasser als „tragende Säulen“ (S. 40) einer diversitätsbewussten Sozialpädagogik.

In dem nachfolgenden Aufsatz diskutiert Hans Thiersch mit Rückgriff auf das Lessingsche Drama „Nathan der Weise“ das Verhältnis von Diversity zum Konzept der Lebensweltorientierung. „Anerkennung der eigensinnigen Verschiedenheiten im gleichen Recht“ (S. 57) wie auch „die Anerkennung des Rechts auf Ressourcen und gleiche Rechte“ (ebenda) werden dabei als sich ergänzende Merkmale eines lebensweltorientierten Umgangs mit Diversität erfasst.

Perspektiven einer diversitätsbewussten Pädagogik im Umgang mit Gender zeigt der anschließende Beitrag von Heike Flessner auf. Dabei wird zunächst deutlich gemacht, warum und in welchen Bereichen Gender eine zentrale Kategorie sozialpädagogischer Praxis darstellt: Zum einen strukturiere Gender als Differenzlinie das Berufsfeld, zum anderen umfasse der Begriff Gender eine Vielzahl theoretischer Positionen und pädagogischer Konzepte, die die Soziale Arbeit bis heute nachhaltig beeinflusst haben. Am Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe stellt Flessner aktuelle Perspektiven einer genderorientierten Arbeit vor, die die kontextbezogene Vielschichtigkeit von Differenzlinien, und deren jeweilige Verwobenheiten zu berücksichtigen sucht.

Dass durch Diversity die komplexen Verschränkungen von Identitätskonstruktionen und damit auch Macht- und Ungleichheitsstrukturen in den Blick genommen werden könnten, macht der nachfolgende Beitrag von Albert Scherr deutlich. Allerdings bedürfe die Verwendung des Konzeptes zunächst einer Vergewisserung des jeweiligen Verständnisses von Diversity. Besonderes Potential für die Sozialpädagogik böten dabei – so Scherr – angelsächsische Ansätze, bei denen z.B. mit dem Konzept der Intersektionalität die Verschränkungen von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen in den Blick genommen würden.

Im Rahmen des zweiten Zugangs des Sammelbandes werden die Perspektiven und Möglichkeiten diversitätsbewusster Ansätze im Feld der Jugendarbeit und Jugendforschung konkretisiert. So gibt der englischsprachige Aufsatz von Ann Phoenix einen Überblick über Erkenntnisse intersektional arbeitender Jugendstudien. An den Forschungsthemenfeldern „Verlassen des Elternhauses“, „Gemeinschaftsbildungen im Kontext Schule“ sowie „Subjektivierungspraxen und soziale Positionierungen von Identität“ arbeitet Phoenix erhellend heraus, wie die Kategorien Race, Class und Gender interagieren. Zugleich machen die von ihr präsentierten Forschungsergebnisse deutlich, wie unerlässlich eine solche Perspektive für die Jugendforschung ist. Nicht nur, dass durch die intersektionale Perspektive der soziale Kontext der Jugendlichen Berücksichtigung finde, lasse sich auch verdeutlichen – so Phoenix – wie soziale Positionierungen verhandelt und bearbeitet werden. Darüber hinaus könne analysiert werden, inwiefern soziale Differenzkategorien in die Selbstverständnisse und Subjektpositionen junger Menschen einfließen.

Wie ein Dokumentarfilm als Medium zur Thematisierung von Rassismus und Diskriminierungserfahrungen Jugendlicher eingesetzt werden kann, ist Thema des nachfolgenden Beitrags von Wiebke Scharathow und Rudolf Leiprecht. Dabei werden von den AutorInnen sowohl Effekte der Film- und Forschungsarbeit mit Jugendlichen beleuchtet wie auch die Reaktionen auf den Film und damit seine Bildungsmöglichkeiten differenziert diskutiert.

Daran anschließend stellt Rudolf Leiprecht noch einmal Inhalte und Methoden eines Workshops vor, der auf eine rassismuskritische Bildung von Jugendlichen abzielt.

Im dritten Kapitel des Bandes werden schließlich forschungs- und entwicklungspraktische Implikationen eines diversitätsbewussten Zugangs zur Sozialen Arbeit beschrieben. So präsentieren Richard Krisch und Wolfgang Schröer ein Positionspaper für die sozialräumlich orientierte Offene Jugendarbeit, das den jeweiligen lebensspezifischen Möglichkeiten und auch Begrenzungen von Jugendlichen in ihrem Sozialraum Rechnung tragen will. Durch ein „Diversitätsbarometer“ sollen der soziale Druck, den die Jugendlichen erleben, wie auch die wahrgenommenen Beteiligungsmöglichkeiten erhoben werden, um diese dann als „Aufforderung zur lokalen Auseinandersetzung“ (S. 154) zu nutzen.

Die Ergebnisse einer diversitätssensiblen Evaluation eines Modellprojekts, das SchülerInnen Unterstützung beim Übergang von Schule und Beruf bietet, stehen im Fokus des daran anschließenden Aufsatzes von Anke Spies.

Bettina Schmidt hingegen liefert mit ihrem Beitrag eine diversitätssensible Beschreibung und Reflexion ihres eigenen Forschungsvorhabens, das das subjektive Erleben von TeilnehmerInnen an einem Grundschul-Projekt mit Methoden des Anti-Bias Ansatzes im Hinblick auf erfahrene Handlungsmöglichkeiten und auch strukturelle Begrenzungen auslotet.

In dem abschließenden Beitrag des Sammelbandes erläutern Bedia Akbas und Dirk Ysker Strukturen, Rahmenbedingungen, Vorgehensweisen, Ziele wie auch mögliche Stolpersteine eines Modellprojekts, das sich zum Ziel setzt, Bildungs- und Partizipationsmöglichkeiten in einem Stadtviertel zu verbessern.

Diskussion

Dem von Rudolf Leiprecht herausgegebenen Sammelband gelingt es für die Notwendigkeit einer diversitätsbewussten Perspektive in der Theorieentwicklung, der Forschung, und der Praxis Sozialer Arbeit zu sensibilisieren. So werden zum eine ebenso zugängliche wie auch inhaltlich differenzierte und überzeugende Einblicke in zentrale theoretische Ausgangspositionen und Grundlagen einer sich als diversitätsbewusst verstehenden Sozialen Arbeit gegeben. Zugleich werden den Leserinnen und Lesern überzeugende Projekte vorgestellt, die für die Konzeptionierung von Diversitätsbewusstsein und Diversity in Forschung und Praxis bedeutsame Anhaltspunkte liefern.

Als besonders überzeugend erweist sich dabei, dass die unterschiedlichen Thematisierungen durchgängig eine macht- und ungleichkeitskritische Perspektive auf Differenz profilieren. Dadurch wird deutlich, dass es bei der Forderung nach Diversitätsbewusstsein gerade nicht um mehr „Buntheit“ geht, sondern ganz im Gegenteil um eine kritische wie auch differenzierte Perspektive auf die Verwobenheiten sozialer Ungleichheitskategorien und Diskriminierungsformen. Zugleich machen die Beiträge deutlich, dass die Forderung nach Diversitätsbewusstsein nicht als Zusatz- sondern als Kernaufgabe Sozialer Arbeit betrachtet werden kann, insofern durch diese eine Professionalisierung der Praxis und eine Differenzierung der Theorieentwicklung angeregt werden kann. Dass dabei bestehende differenztheoretische Positionen (Feministische Soziale Arbeit, Interkulturelle Arbeit) nicht aufgeben werden müssen, sondern diese ganz im Gegenteil weiterhin als wichtige WissenslieferantInnen für eine diversitätsbewussten Arbeit fungieren, ist ein weiter Pluspunkt des Bandes, der das Konzept der Diversität nicht gegen andere differenztheoretische Fokussierungen und Ansätze ausspielen will, sondern um ergänzende Debatten bemüht ist.

Der zweite Teil des Bandes bietet vor diesem Hintergrund eine gelungene Konkretisierung der diversitätsbewussten Forderungen. Während der Aufsatz von Ann Phoenix deutlich macht, welcher erkenntnistheoretische Gewinn mit einer intersektionalen Perspektive auf jugendliche Akteure verbunden ist, stellen Wiebke Scharathow und Rudolf Leiprecht konkrete Methoden einer diversitätsbewussten Jugendarbeit vor.

Etwas weiter und damit nicht ganz so pointiert angelegt erweist sich dann der dritte Zugang des Bandes. Obwohl hier jeweils überaus interessante und argumentativ überzeugende Beispiele aus der Forschung und der Praxis vorgestellt werden, ist der Diversitätsbezug bzw. die Rückbindung an die zuvor eröffneten theoretischen Perspektiven nicht immer offensichtlich und zugänglich.

Insgesamt leisten alle drei Zugänge aber einen theoretisch erhellende Einlösung der Ansprüche des Herausgebers für die „Aus- und Weiterbildung von Professionellen Sozialer Arbeit“ (S. 9) genutzt werden zu können wie auch „theoriebezogen und praxisnah aktuelle Entwicklungen zu diskutieren und Lösungsvorschläge für komplexe Gegenstände und komplizierte Fragen vorzulegen“ (S. 9). Allerdings muss auch bemerkt werden, dass der praktische Fokus in dem Band eher auf sozialpädagogischen Handlungsfeldern liegt und auf den Bereich Bildung ausgelegt ist. Hier wären noch einmal ergänzende Beispiele aus der Praxis wünschenswert gewesen, in denen es stärker um sozial benachteiligte Erwachsene und um Fragen von Umverteilung und fehlenden Ressourcen geht.

Fazit

Der Sammelband bietet einen vielfältigen und differenzierten Einblick in die Begründungen einer diversitätsbewussten Sozialen Arbeit. Gleichzeitig werden wichtige Grundverständnisse erklärt, in aktuelle Entwicklungen und Debatten eingeführt wie auch konkrete Umsetzungsmöglichkeiten und Praxisbeispiele vorgestellt. Und wenngleich in der Einleitung des Sammelbandes gewarnt wird, dass die mit dem Diversitätsansatz verbundenen Forderungen nach Antidiskriminierung, nach der Vermeidung von Stereotypisierungen und nach einer Kritik an bestehenden Machtverhältnissen „hohe Anforderungen (sind), die an Professionelle Sozialer Arbeit gestellt werden“ (ebenda), zeugen die unterschiedlichen Beiträge des Bandes davon, dass die Versuche diese Anforderungen einzulösen, als ebenso notwendig wie gewinnbringend für die Soziale Arbeit verstanden werden können.


Rezensentin
Prof. Dr. Melanie Plößer
Homepage www.fh-bielefeld.de/fb4/personen/ploesser
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Zitiervorschlag
Melanie Plößer. Rezension vom 30.11.2011 zu: Rudolf Leiprecht (Hrsg.): Diversitätsbewusste soziale Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2011. ISBN 978-3-89974-686-0. Reihe: Politik und Bildung - Band 62. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12110.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


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