Günter Amendt: No drugs - no future
Günter Amendt: No drugs - no future. Drogen im Zeitalter der Globalisierung. Europa Verlag (Wien) 2003. 206 Seiten. ISBN 978-3-203-75013-2. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 30,50 sFr.
<i>Anmerkung der Redaktion:</i> Eine aktualisierte Neuauflage ist bei Zweitausendeins für € 12,95 erhältlich .
Einführung in das Thema
Die Drogenpolitik wird in Veröffentlichungen zur Drogenforschung und zur Drogenhilfe meist als gegeben vorausgesetzt und eher selten reflektiert. Daher bleiben die traditionellen politischen Voraussetzungen der Drogenprohibition weitgehend wirksam und behindern einen realistischen Umgang mit dem so genannten Drogenproblem. Günter Amendt hat sich in mehreren bekannten Veröffentlichungen, z.B. "Die Droge - Der Staat - Der Tod. Auf dem Weg in die Drogengesellschaft" und "Sucht - Profit - Sucht", seit vielen Jahren auf die internationale Drogenpolitik konzentriert.
Auch " No Drugs. No Future" beschäftigt sich mit diesem Thema. Der Titel ist etwas irritierend. Dass die Zukunft von Drogen abhänge, ist ziemlich dramatisch formuliert. Vielmehr ist nur festzustellen, dass wie in der Vergangenheit so auch in Zukunft und unter den Bedingungen der Globalisierung verstärkt der Gebrauch psychoaktiver Substanzen zur Lebenswelt der Menschen gehören wird.
Inhalt
In drei jeweils mehrfach unterteilten Kapiteln entwickelt sich die Argumentation von einer Problemskizze zu einem "Lösungs"vorschlag.
Im ersten Kapitel wird ausgehend vom Wortlaut des Buchtitels begründet, dass eine Zukunft ohne Drogen nicht vorstellbar sei, da "die Lebensumstände der Menschen in den Gesellschaften des reichen Nordens den Gebrauch von psychoaktiven Substanzen erforderlich machen, weil anders die Arbeit nicht zu bewältigen und das Leben nicht zu ertragen wäre." (S. 13)
Das zweite Kapitel resümiert die bekannten Probleme der Prohibition am Beispiel der Cannabisdiskussion, den politisch-ökonomischen Zusammenhang des Drogenhandels mit den Netzwerken des Terrors und der organisierten Kriminalität sowie der ökologischen Dimension der illegalen Kokainherstellung. Man kann dieses Kapitel getrost als Zusammenfassung und Abrechnung mit der traditionellen Drogenpolitik lesen.
Im dritten Kapitel werden Möglichkeiten einer "Drogenpolitik der praktischen Vernunft" (S. 201) zur Überwindung des Prohibitionsdogmas und zur Problemlösung erörtert. "Lösung" ist freilich nicht der richtige Begriff, vielmehr geht es um einen realistischen, gesellschaftlich verantwortbaren und die Menschenwürde achtenden politischen Handlungsvorschlag.
Schwerpunkte
Die Schwerpunkte der insgesamt sehr breiten und differenzierten in weiten Teilen aber auch bekannten Argumentation sind - nach meiner Wahrnehmung - die Problemanalyse und die Stellungnahme für differenzierte Drogenlegalisierung als Problem"lösung":
- Der soziologisch-kulturkritische Ansatz der Problemskizze ist so neu nicht, wird doch schon die "Drogenkrise" des 16. Jahrhunderts auf ähnliche Weise mit den Belastungen und Verunsicherungen der Menschen im Wandel zur Neuzeit erklärt. Es ist aber plausibel mit dem Autor anzunehmen, dass die Situation einstweilen eher schwieriger als leichter wird: "Weil aber Nüchternheit für immer mehr Menschen zu einem immer schwerer ertragbaren Zustand wird, greifen immer mehr Menschen zu immer mehr Hilfsmitteln, die ihnen erlauben, der Wirklichkeit zu entfliehen, sie zu verdrängen oder zu schönen." (S. 22) Zu den "Hilfsmitteln", die als Selbstmedikation zur Steuerung und Bewältigung des Alltags eingesetzt werden, gehören Drogen im weiten Sinne des Begriffs, insbesondere auch die Lifestyle-Drogen der Pharmaindustrie. Exemplarisch für die Entwicklung wird die Dopingproblematik ausführlich diskutiert. Es ist ein Verdienst des Autors, die öffentliche Fixierung der Drogenpolitik auf die Sonderwirklichkeit weniger zur Zeit illegalisierter Drogen zurückzuweisen und die Problematik im politisch-gesellschaftlichen Zusammenhang zu diskutieren - auch wenn damit eine teilweise eher spekulative kulturkritische Ausrichtung verbunden ist.
- Der Vorschlag zur Problemlösung orientiert sich an einem Bericht der Eidgenössischen Betäubungsmittelkommission von 1996, der ausgehend von drei Grundmodellen (das therapeutische Modell, das Modell der sozialen Kontrolle und das Modell der Schadensminimierung) verschiedene Szenarien der Drogenpolitik diskutiert. Dabei werden die Extremvarianten der konsequenten Repression wie auch der vollständigen Deregulation des Drogenmarktes "als praktisch nicht durchführbare und politisch nicht akzeptable Lösungsvarianten" ausgeschlossen (S. 186). Als "vernünftig und wissenschaftlich fundiert" (S. 191) wird das Szenario einer differenzierten Legalisierung unterstützt, in dem anerkannt wird, dass der Konsum von Drogen eine Realität ist wie auch gleichzeitig ein gesellschaftliches Problem. Mit "differenzierte Legalisierung" ist gemeint, dass die Gesellschaft je nach den Risiken gesellschaftliche Grenzen der Freigabe in der Form staatlicher Regulierungen setzt, z.B. Werbeverbote, Staatsmonopole, strafrechtliche Verfolgung illegaler Anbieter und an den unterschiedlichen Biographien von Drogenabhängigen orientierte Hilfsangebote, wenn der Konsum zu gesundheitlichen bzw. sozialen Problemen führt.
Zielgruppen
Das Buch ist keine Fachbuch im engeren Sinne, sondern ein Sachbuch, das sich an eine allgemeine engagierte Öffentlichkeit wendet, zu der auch Sozialarbeiter und Sozialpädagogen gehören.
Autor
Günter Amendt lebt als freier Schriftsteller und Journalist in Hamburg und hat zahlreiche Texte zu unterschiedlichen Themen, darunter sehr bekannte Texte zur Drogenpolitik und zur Sexualwissenschaft veröffentlich.
Fazit
Das Buch ist sehr gut lesbar und für alle am Thema Drogen interessierte LeserInnen zu empfehlen. Wer die früheren Texte des Autors kennt, wird in diesem Buch nicht gar so viel Neues finden, sondern mehr eine Aktualisierung früherer Streitschriften zum Thema. Die engagierten Denkanstösse des Autors bleiben wichtig und seine drogenpolitischen Vorschläge sind im Prinzip richtig.
Rezensent
Prof. Dr. Peter Loviscach
Fachhochschule Dortmund
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Zitiervorschlag
Peter Loviscach. Rezension vom 23.03.2004 zu: Günter Amendt: No drugs - no future. Europa Verlag (Wien) 2003. 206 Seiten. ISBN 978-3-203-75013-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1212.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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