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Gerhard Roth: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten

Cover Gerhard Roth: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 6. Auflage. 349 Seiten. ISBN 978-3-608-94706-9. 16,95 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Die Neurowissenschaften sind eine als innovativ wahrgenommene, im medialen wie wissenschaftlichen Diskurs stark präsente Forschungsrichtung. In der Pädagogik lösen sie sowohl euphorische Rezeption wie starke Ablehnung aus. Die Forderungen namhafter Hirnforscher nach einer neurowissenschaftlichen Grundlegung der Pädagogik, ihre weitreichenden Deutungsversuche zu menschlichem Erleben und Handeln, ihre Kritik an der angeblich mageren Forschungsbilanz der Erziehungswissenschaft und die Forderungen nach einer Neurodidaktik brachten die Erziehungswissenschaft unter Legitimations- und Reaktionsdruck. In der Folge hat diese sich der neurowissenschaftlichen Herausforderung der Pädagogik (Becker 2006) zunehmend aktiver und kritischer gestellt. Anders die Soziale Arbeit: Hier scheint den Neurowissenschaften – abgesehen von ersten Beiträgen in Handbüchern (Spitzer 2011), einigen Beiträgen zur Beratung oder klinischen Sozialarbeit und vereinzelten Tagungen (Bartosch 2009) wenig Bedeutung zugemessen zu werden, das Interesse am Thema hält sich trotz der medialen Allgegenwart in Grenzen. Als Erklärung mag dienen, dass die Soziale Arbeit in ihrer Theoriegeschichte eine deutliche Distanz zu biologisch-medizinischen Erklärungsmustern entwickelt und naturwissenschaftliche Orientierungen für die Soziale Arbeit als unangemessen verworfen hat. Selbst „biopsychosoziale“ Theorien sozialer Probleme können das „bio“ im Modell kaum mehr als nur vage benennen.

Dabei bieten die Neurowissenschaften erhebliches Provokationspotenzial für die Soziale Arbeit: Der Angriff auf den freien Willen (Pauen & Roth 2008), die Wiederkehr der frühen Kindheit als Schicksal (Leuzinger-Bohleber & Wolff 2009), die neuropsychoanalytische Neufassung des Unbewussten oder der hegemonial-naturwissenschaftliche Anspruch auf Erklärung des Menschen gäbe ausreichend Anlass zur kritischen Auseinandersetzung.

Das in den Neurowissenschaften unterlegte Menschenbild hat ebenso wie einzelne Forschungsergebnisse breiten Eingang in gesellschaftliche Vorstellungen vom menschlichen Erleben und Verhalten gefunden. Wenn die Neurowissenschaften beanspruchen, Persönlichkeit, Bewusstsein, Entscheiden und Handeln des Menschen zu erklären und vor allem zur Veränderung des Menschen Beiträge zu liefern, sollte sich die Soziale Arbeit für diese Arbeiten interessieren, denn sie berühren ein wesentliches Interesse der Sozialen Arbeit: Menschen in die Lage zu versetzen, Lebensprobleme zu bewältigen und dabei auch eigenes Verhalten zu verändern. Stabilität oder Veränderbarkeit des Menschen sind für die Soziale Arbeit von hoher Bedeutung, ebenso wie die zur Modifikation menschlichen Handelns zur Verfügung stehenden Konzepte und Methoden.

Autor

Gerhard Roth ist Professor für Verhaltensphysiologie und Direktor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen. Er ist Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs und Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes. Im Bereich der Neurobiologie hat er über 200 Fachartikel veröffentlicht. Seine Bücher („Das Gehirn und seine Wirklichkeit“, „Fühlen, Denken, Handeln“, „Aus der Sicht des Gehirns“, zuletzt „Bildung braucht Persönlichkeit“) haben große Beachtung gefunden.

Entstehungshintergrund

Das Buch beleuchtet das Entscheiden und Handeln des Menschen in der Verknüpfung neurobiologischen und psychologischen Wissens. Es versucht, die Strukturen, die Entwicklung und die Veränderbarkeit der Persönlichkeit zu klären. Dies führt zu den großen Fragen der Psychologie, die Roth ganz unbescheiden stellt – wie soll ich mich entscheiden, soll ich meinem Verstand oder Gefühl folgen? Wie kann ich andere und mich selbst verändern? Wie verhalten sich Individuum und Gesellschaft, Anlage und Umwelt zueinander? Die Antworten berühren grundlegend das menschliche Selbstverständnis und damit alle Disziplinen, die sich mit dem Menschen und seiner Veränderung in Erziehung und Bildung, Sozialer Arbeit, Personalführung oder Psychotherapie beschäftigen.

Aufbau

Im Zentrum des ersten Teils des Buches steht ein neurobiologisch fundiertes Modell der Persönlichkeit. In einem zweiten Teil werden auf dieser Basis die Strukturen, die Dynamik und Prozesse menschlicher Entscheidungen und Handlungen beschrieben werden. Dazu greift das Buch auf emotions-, kognitions- und handlungspsychologische Modelle zurück, z.B. zur Erläuterung der Wechselwirkung von Emotionalität und Rationalität bei Entscheidungen und in der Handlungssteuerung. In einem dritten Hauptteil beschäftigt sich das Buch mit der Frage, wie veränderbar der Mensch ist, was wir tun können, um uns und andere zu verändern und was Möglichkeiten und Grenzen der Persönlichkeitsveränderung sind. Dazu nutzt es Ergebnisse der Lern-, Motivations- und Persönlichkeitspsychologie. Den Abschluss des Buchs bildet ein Kapitel über Persönlichkeit und Freiheit.

Inhalt

Kapitel 1 beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Persönlichkeit, Anlage und Umwelt. Es beschreibt die „big five“ der Persönlichkeitspsychologie als Basismodell und fokussiert dabei auf das biologisch verankerte Temperament, die Bedeutung frühkindlicher Einflüsse und Bindungserfahrungen für die Persönlichkeit. Es betont die biologische Determiniertheit von Intelligenz und Kreativität.

Kapitel 2 gibt einen Blick in das menschliche Gehirn und beschreibt ausführlich und in neurowissenschaftlicher Fachsprache den Aufbau und die Funktionsweise des menschlichen Gehirns und seiner Bausteine. Besonders wird auf den Cortex, das limbische System und die Entwicklung der neuronalen Verknüpfungsstrukturen in den ersten Lebensjahren eingegangen. Im Anschluss an das Kapitel findet sich ein Exkurs zu den Methoden der Hirnforschung.

Kapitel 3Ich, Bewusstsein und das Unbewusste – fokussiert auf die Vielfalt und Modularität menschlicher Bewusstseins- und Ich-Zustände, denen nach Roth verschiedene Teilsysteme des Gehirn zugrunde liegen. Er unterscheidet neun Ich-Zustände, vom Körper- bis zum selbstreflexiven Ich. Der Modularität dieser Ich-Zustände stellt er die Vorstellung eines einheitlichen „Ich“ gegenüber, das diesen modularisierten Teilen (den Anschein von) Kontinuität und Identität gibt. Die Ich-Vorstellung führt er neurobiologisch auf das autobiographische Gedächtnis zurück. Ausgehend davon wird das Bewusstsein, das Vorbewusste und das Unbewusste neurobiologisch beschrieben. Dabei greift Roth eher auf die Kognitionspsychologie als auf die Psychoanalyse zurück.

Im Kapitel 4 beschreibt Roth die Verankerung der Persönlichkeit im Gehirn. Er entwirft ein Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit, das in die drei Hauptbereiche „unbewusstes Selbst“ (mit vegetativem und unterem limbischen System), „kognitiv-kommunikatives Ich“ und „individuell-soziales Ich“ gegliedert ist und dem die Bausteine des Gehirns zugeordnet werden. Die vier Ebenen und ihr Einfluss während der Entwicklung der Persönlichkeit werden erläutert, Roth weist hierbei auf die seiner Meinung nach große Bedeutung von genetischen Einflüssen („Temperament“) und emotionaler Konditionierung („limbisches System“) hin; er bleibt dabei erziehungspessimistisch: „Eine temperamentmäßig verschlossene oder misstrauische Person, die zudem traumatisierende Erfahrungen machte, wird sich auch in der besten sozialen Umgebung kaum zu einem offenen und anpassungsfähigen Menschen entwickeln“ (98) – schlechte Prognosen für in Kinder- und Jugendheimen oder Pflegefamilien platzierte Kinder, wie der Rezensent findet. Roth konstatiert vier Einflusskräfte auf die Persönlichkeit, aus denen vor allem der Biologe spricht: Genetische Prädispositionen und Eigentümlichkeiten der Hirnentwicklung – also Reifungsprozesse – würden ca. 50 % unserer Persönlichkeit festlegen, insbesondere das Temperament, die Begabungen und den Intelligenzgrad. Vorgeburtliche und frühe nachgeburtliche affektiv-emotionale Erlebnisse stellten die dritte Einflusskraft dar – Stress, Suchtmittelmissbrauch, Gewalt oder psychische Belastungen v.a. der Mutter, die ersten Bindungserfahrungen und die ersten sozialen Erfahrungen mit dem engeren Umfeld wirkten besonders auf das limbische System. Als vierte Einflusskraft nennt Roth die sozialisierenden Vorgänge im späteren Kindesalter und der Jugend, die überwiegend die bewusste Persönlichkeit formten, ca. 20 % der Persönlichkeit ausmachten und den veränderungszugänglichen Teil der Persönlichkeit darstellten. Wieder verweist Roth auf die geringe Bedeutung höherer kognitiver Funktionen in der Persönlichkeitsentwicklung angesichts der Bedeutung von Genen, Hirnentwicklung und frühkindlicher Sozialisation: „Bemerkenswert ist die geringe Rolle, welche unsere kognitiv-intellektuellen Fähigkeiten hierbei spielen“ (105). Mit diesem Modell beansprucht Roth, die Anlage-Umwelt- und Individualitäts-Sozialitäts-Kontroverse endgültig zu beenden, was allerdings mit der Wechselwirkung, gegenseitigen Durchdringung und individuellen Ausprägung der vier Faktoren wieder ziemlich relativiert wird.

Ein zweiter kulturgeschichtlicher Exkurs auf das Verhältnis von Verstand und Gefühl schließt dieses grundlegende Kapitel ab.

Mit dem Kapitel 5 beginnt die Auseinandersetzung mit menschlichem Handeln und Entscheiden. Es fokussiert auf Ökonomie und Psychologie menschlicher Entscheidungsprozesse. Roth kritisiert zuerst die Rational Choice Theory menschlichen Handelns und bezieht sich dabei auf Modelle der Bounded Rationality (Gigerenzer & Selten 2001), auf Gigerenzers „Bauchentscheidungen“ (Gigerenzer 2007) und Dörners Untersuchungen zum Entscheidungsverhalten in komplexen Situationen (Dörner 2007), aus denen er Empfehlungen zu rational-bewussten, heuristischem oder unbewusst-intuitivem Entscheidungsverhalten in verschiedenen Situationen ableitet.

Kapitel 6Psychologie und Neurobiologie von Verstand und Gefühlen – beschäftigt sich mit Emotionen, ihrer Entstehung im limbischen System und mit emotionaler Konditionierung und den entsprechenden neurobiologischen Prozessen. Es wird auf die Funktion von Belohnungen, das Belohnungsgedächtnis und Belohnungserwartungen und die Funktion der entsprechenden Neurotransmitter Serotonin/Dopamin eingegangen; so werden die neurobiologischen Grundlagen von Bedürfnissen und Motivation im limbischen System erklärt.

Kapitel 7 Handlungspsychologie und Neurobiologie über die Steuerung von Willenshandlungen unterlegt das Rubikon-Modell der Handlungsregulation von Heckhausen (Heckhausen & Heckhausen 2006) mit einem neurobiologischen Modell. Die neurobiologischen Prozesse während der verschiedenen Handlungsphasen (präaktional, aktional und postaktional) werden erläutert und die handlungsregulierenden Instanzen als multi-zentrisches Netzwerk beschrieben, in dem die zahlreichen Ich-Zustände und das unbewusste Selbst (mittlere und untere limbische Ebene) bei Entscheidungen und im Handeln „in einen Wettbewerb mit teilweise ungewissem Ausgang treten“ (179). Entscheidungen und Handlungen müssen schließlich in Übereinklang mit dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis stehen, und „woher weiß das limbische System, was zu tun ist?“ (176): Hier liefern die Amygdala die negativen, stark bewegenden Anteile, das mesolimbische System die positiven und motivierenden Erfahrungen und der Hippocampus die autobiographische Erinnerung, die Konsistenz von Handeln und emotionalem Erfahrungsgedächtnis macht schließlich stimmiges Handeln aus. Das Ergebnis solch komplexer mentaler Prozesse schreibt das Bewusstsein sich dann selbst zu: „Das ist eine sehr praktische Illusion, denn wahrscheinlich würden wir psychisch die Wahrheit gar nicht ertragen, dass wir eigentlich aus vielen Instanzen bestehen“ (179).

Welches ist die beste Entscheidungsstrategie? Das verrät Kapitel 8 im Rückgriff auf die Ausführungen von Dörner und Gigerenzer zu Entscheidungen unter Komplexitäts- und Ungewissheitsdruck. Roth erläutert die Vor- und Nachteile von rationalen (Kopf-), heuristischen (Bauch-) und intuitiven Entscheidungen und weist wiederum auf die Bedeutung des emotionalen Erfahrungsgedächtnisses für Entscheidungen hin. Rational könne man nur abwägen, nicht aber entscheiden, daher seien auch hier wieder die subcorticalen, limbischen Strukturen wesentlich beteiligt.

Mit dem dritten kulturgeschichtlichen Exkurs zur Veränderbarkeit des Menschen beginnt der dritte Hauptteil des Buchs, der sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung von Persönlichkeit und Verhalten befasst. Roth kritisiert hier den Erziehungsoptimismus ebenso wie den „extremen Anti-Biologismus“ in den deutschen Geisteswissenschaften ab den 1960er Jahren. Trotz zunehmender Offenheit für die Ergebnisse der Neurowissenschaften und der experimentell-empirischen Psychologie beherrsche mehr denn je ein unrealistischer Veränderungsoptimismus die Konzepte von Erziehung und Bildung: „Ohne jegliche wissenschaftliche Begründung wird davon ausgegangen, dass Menschen ein Leben lang in ihrer Persönlichkeitsstruktur formbar sind, neues Wissen erwerben und neue Fertigkeiten erlernen können“.

Kapitel 9 beschäftigt sich mit Stabilität und Veränderbarkeit der Persönlichkeit anhand von Langzeitstudien zur Entstehung delinquenten Verhaltens und gewalttätiger Persönlichkeiten. Roth verweist wieder auf die Rolle genetischer Einflüsse, früher Hirnentwicklung und bereits früher (negativer) Bindungs- und Sozialisationserfahrungen für die Ausbildung abweichenden Verhaltens. Er anerkennt die Komplexität der Problementstehung und auch die Rolle ungünstiger sozioökonomischer Bedingungen, gibt beim Zusammentreffen von ungünstigen Bedingungen in den drei erstgenannten Bereichen aber ungünstige Prognosen für die Veränderung solcher Menschen auch mit therapeutischen Methoden. Im Weiteren befasst er sich mit Bereichen der Veränderbarkeit des Menschen und konstatiert hier ein starkes Gefälle: Seien auch 70-jährige durch Übung noch gut in der Lage, motorisch-prozedurale Fähigkeiten zu erwerben, so sehe es im Bereich kognitiv-intellektuellen Lernens schon nicht mehr so gut aus. Ungünstig schätzt Roth den Bereich des emotionalen Lernens in höherem Alter ein. Charakter und Persönlichkeit würden sich nach der Pubertät stabilisieren und Erwachsene seien „nur noch in geringem Maße in ihrer Persönlichkeit veränderbar“ (225).

Kapitel 10 beschäftigt sich mit der Veränderbarkeit des Verhaltens aus Sicht der Lernpsychologie. Es schildert Mechanismen von Verstärkung, Bestrafung, Vermeidungslernen usw. und bleibt einem behavioristischen Verständnis von Lernen verhaftet. Es vernachlässigt bedeutsames, sinnhaftes, biographisch-reflexives Lernen und – besonders bedeutsam, wenn es um emotionales Lernen geht – therapeutische oder soziale Lernprozesse finden keine Erwähnung.

Kapitel 11 Motivation und Gehirn beschreibt im ersten Teil die bekannten neurobiologischen Prozesse der Dopamin- und Serotoninausschüttung, die emotionale Zustände beeinflussen und so als Belohnung und Motivationsfaktoren wirken. Diese Prozesse werden mit Motiven (biogene, Macht-, Anschluss- und Leistungsmotive) verknüpft und die Ebene von Motiven und Zielen unterschieden. Die sechs Merksätze zu Belohnung sind sehr am operanten Konditionieren orientiert und stehen im Widerspruch zur sonst benutzten Handlungstheorie im Sinne Dörners oder Heckhausens (selbstgesteuertes, selbstmotiviertes Handeln).

Kapitel 12 Einsicht und Verstehen beschäftigt sich anders, als bei Kapitelanfang angekündigt, nicht mit der Vernunft und deren schwerem Stand bei Entscheidungen, sondern mit den subjektiven Realitäten, in denen Menschen leben und den Verständigungsprozessen, die Verstehen limitieren. Dazu werden einige bekannte Theoreme der Kommunikationspsychologie resümiert und Bezüge zum Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit gemacht. Verstehen und Einsicht sind nach Roth in Kommunikationsprozessen deshalb so schwierig, weil Menschen von der unteren und mittleren limbischen Ebene, also ihrem Temperament und den frühen emotionalen Konditionierungen bestimmt seien – schlechte Aussichten auch hier für Erziehung, Psychoedukation, Bildung oder Beratung.

In Kapitel 13 verrät Roth konsequenterweise, warum er nun auch die Selbsterkenntnis für so schwierig hält. Das Ich und die bewussten Teile der Persönlichkeit – also neurobiologisch das autobiographische Gedächtnis – wähnt sich in der Illusion der Urheberschaft, derweilen die unbewussten Teile der Person ihr munteres Spiel treiben und dem Subjekt falsche Urheberschaft vorgaukeln und wahre Gründe verbergen. Unvermittelt fühlt sich der Leser vom Feld des Behaviorismus (Kap. 12) zurück in psychoanalytischem Terrain.

Kapitel 14 schlägt nun drei Strategien vor, um andere zu ändern, den Befehl von oben, den Appell an die Einsicht und Orientierung an der Persönlichkeit (von Mitarbeitern), denn die Ausführungen richten sich vor allem an ein beruflich-betriebliches Umfeld. Die im Weiteren vorgebrachten Vorschläge zur Mitarbeiterführung klingen allerdings eher nach einem populärpsychologischen Ratgeber zur Mitarbeiterführung als nach einem psychologisch fundierten Fachbuch, was die Kluft zwischen neurobiologischer Grundlagenforschung und dem Mangel an Erklärungen in Anwendungsbereichen einmal mehr deutlich macht.

Kapitel 15 beschreibt das Thema Selbstveränderung. Roth geht hier auf Psychotherapie, Beratung oder Psychoedukation nicht ein, was angesichts des Themas „Veränderung von Persönlichkeit“ nahe läge. Er beschreibt stattdessen Selbstmotivation, religiöse Erweckungserlebnisse und Veränderungen im Rahmen von Partnerschaften – wieder auf eher populärpsychologische Art.

Kapitel 16Persönlichkeit und Freiheit – beschäftigt sich mit der menschlichen Willensfreiheit, die Roth bekanntermaßen als unzulängliche Vorstellung verwirft. Er kritisiert erst einige Annahmen eines „traditionellen“, alternativistischen Begriffs der Willensfreiheit. Anschließend konstruiert er einen Motivdeterminismus menschlichen Handelns als einzig mögliche Grundlage menschlicher Entscheidungen, die Vielfalt der Ich-Zustände, die in Kapitel 3 beschrieben wurden, bleibt hier unerwähnt. Am Ende des Kapitels bemüht er jedoch wieder das menschliche Gehirn als bewusst-unbewusstes, multizentrisches Entscheidungs-Netzwerk und die Existenz von Handlungsoptionen und die Vielfalt möglichen Handelns („bei uns Menschen fast unbegrenzt“). Wie Willensfreiheit sich dann zum Motivdeterminismus, zu den zugestandenen Handlungsoptionen, zum Gefühl von Autorschaft und der multizentrischen Entscheidungsarbeit des Gehirns verhält, bleibt leider offen. Das Buch schließt ziemlich abrupt mit den Ausführungen zur Willensfreiheit und ohne Resümee oder Ausblick.

Diskussion

Roth legt einen Versuch vor, die Neurowissenschaften einerseits einem nichtwissenschaftlichen Publikum zugänglich zu machen, andererseits die Handlungsrelevanz ihrer Ergebnisse für Pädagogik, Psychologie, Personalführung etc. zu belegen. Beides gelingt nach Auffassung des Rezensenten nur sehr eingeschränkt.

Der Autor wechselt permanent zwischen neurowissenschaftlichem Fachjargon, der Sprache der Kognitions- und Handlungspsychologie und launig-alltagspsychologischen Kommentaren und Empfehlungen hin und her. Dem Anspruch des Buchs, eine neurowissenschaftlich fundierte Theorie der Persönlichkeit und ihrer Veränderung vorzustellen, tun diese Ebenenwechsel nicht gut, zumal viele der populärpsychologischen Kommentare recht trivial daherkommen. Die Idee der Neurowissenschaften, die Psychologie auf empirisch-naturwissenschaftlicher Grundlage zu fundieren, wird auch wenig glaubwürdig, wenn sich der größte Teil des Buch aus psychologischen Modellen generiert. Roth bedient sich neben dem modernen Wissen der Handlungs- und Kognitionspsychologie einiger älterer Theoreme aus dem Behaviorismus und der Psychoanalyse, die man eigentlich überwunden glaubte. Er verfügt über großes psychologisches Wissen, baut es aber nach ziemlich eigenem Gusto zusammen, mal tiefenpsychologisch, mal motivationstheoretisch, mal behavioristisch. welche theoretische Orientierung dieser Auswahl zugrunde lag, wurde mir nicht verständlich. Auch ist es deutlich der Biologe, der sich am menschlichen Verhalten versucht, wenn er die Genetik, frühkindliche Bindung und frühe Prägungen als bestimmend für die menschliche Entwicklung darstellt. Konträre Ergebnisse der Neurowissenschaften z.B. zur Neuroplastizität werden nicht referiert. Diese würden das unterstellte Menschenbild jedoch deutlich verstören. Das Buch vertritt ein statisches und unsystemisches Modell menschlicher Persönlichkeit und menschlichen Handelns. Sozialökologische Bedingungen menschlicher Entwicklung, die Bedeutung von Aktualsituationen für das Handeln oder die Wirkungen von Lebenskrisen für die menschliche Veränderung tauchen bei Roth nur als Randnotiz auf. Menschliches Lernen ist reduziert auf ein behavioristisches Modell, bedeutungsorientiertem, sinnhaftem Lernen wird nur wenig Raum beigemessen. Menschliche Entwicklung über die Lebensspanne ist dabei dynamischer ist als Roth glauben macht – in den „big five“ finden Veränderungen über die Lebensspanne statt, die er nicht zur Kenntnis nimmt (Berk & Schönpflug 2011, S. 738f.). Von einer wie Gips erstarrten Persönlichkeit ab dem 30. Lebensjahr kann nach neueren Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie keine Rede sein.

Das menschliche Ich und Bewusstsein wird mit der „Illusion der Autorenschaft“ etwas gar schnell entsorgt: Was dafür bleibt, ist die Homunkulus-Problematik der Neurowissenschaften, denn es ist nicht klar, wer entscheidet, wenn „ich“ entscheide („Herr Richter, ich habe den Bankangestellten nicht umgebracht, es war mein Gehirn“) (Kuhl 2010, S. 424). Dabei wird Roth der Vielfalt menschlicher Ich-Zustände nicht gerecht, auch wenn er vom Gehirn als einem multizentrischen Entscheidungszentrum spricht – letztlich bleibt davon nur der Motivdeterminismus übrig.

Zur Willensfreiheit führt Roth eine fragmentarische und einseitige Diskussion – der „rein geistige Charakter“ des Menschen, die Subsumption psychischen Funktionierens unter naturwissenschaftliche Gesetze oder Kausalität und Zufall, führen zu Nebendiskussionen. Unbeachtet bleibt hingegen die Normalität innerer Vielfalt, also von Motivkonflikten, Dilemmata, von Ich-Zuständen, die miteinander ringen (Schulz von Thun 2002; Watkins & Watkins 2003) und zu denen man sich auch bewusst entscheidet – eben nicht primär unter den Bedingungen des Handelns unter Druck und (teil-)automatisierter Handlungen, bei denen das Unbewusste dem Bewusstsein die bekannten 350 Millisekunden voraus ist. Rogers? Begriff der Freiheit zeigt die Engführung von Roths Freiheits- und Determinationsverständnis: Freiheit ist nicht Freiheit von Determination, sondern von einer besonderen Form von Determination (Kuhl 2010, 423). Das Gegenteil von Freiheit ist dann nicht Indeterminiertheit, sondern Zwang (innerer oder äusserer). Autonomie ist die Freiheit, aus der Fülle des Selbst schöpfen zu können, ohne dass selbst-fremde Kräfte diese Freiheit einschränken (innere oder äussere Zwänge).

Fazit

Das Buch hinterlässt mich als Rezensenten enttäuscht: Es wirft große Fragen auf und trägt weitreichende Deutungsansprüche vor, die es nicht einlösen kann. Dabei wird wesentliches Wissen aus der Psychologie in teils sehr komplexer und differenzierter Art mit den Neurowissenschaften und ihren Erkenntnissen konfrontiert. Leider mündet das Buch in die Provokation mit Thesen, die aus einem biologistischen Menschenbild abgeleitet sind und konträre Forschungsergebnisse wie z.B. zur Neuroplastizität, zu Persönlichkeitsveränderungen in höherem Alter oder zur Wirkung von Psychotherapie oder kritische Einschätzungen zur Neuroforschung (Stichwort „Neuromythen“) zu wenig berücksichtigen. Roth vagabundiert in Teilen des Buchs launig zwischen Fachwissenschaft und Alltagspsychologie hin und her und er benutzt psychologische Modelle überwiegend nach Maßgabe seiner implizit biologistischen Grundannahmen. Als Einführung in ein integratives Modell von Neurowissenschaften und Psychologie scheint es mir wenig geeignet, da es die Psychologie für die neurobiologischen Positionen vereinnahmt, statt in einen ergebnisoffenen Diskurs mit weniger einseitigem Rezeptionsmodell zu treten.

Schließlich bleiben die Empfehlungen zur Praxis der Veränderung menschlichen Handelns. Sie sind, gemessen am Potenzial psychosozialer Hilfen, im engeren Sinne von Beratung und Psychotherapie, enttäuschend trivial. Ein Nutzen des Buches bleibt: Roth führt in eine dezidiert biologistische Interpretation neurowissenschaftlicher Erkenntnisse ein, der sich die Sozialwissenschaften stellen sollten: Die Herausforderung der Psychologie, Psychotherapie oder auch Sozialen Arbeit wäre, in einen offenen, selbstbewussten und kritischen Diskurs zu treten und die eigenen Wissensbestände selbstbewusst und auf Augenhöhe zu vertreten, denn mindestens für die Pädagogik kann als gesichert bislang lediglich gelten, „dass niemand genau weiss, worin der Nutzen neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für die Erziehungswissenschaft bestehen könnte“ (Becker 2006, S. 10).

Literatur

  • Bartosch, Ulrich (2009). Neurowissenschaft und Soziale Arbeit: Von der Hirnforschung lernen? Dokumentation einer Fachtagung in Wernberg-Köblitz vom 26. Juni 2008. Eichstätt: Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt Fakultät für Soziale Dienste.
  • Becker, Nicole (2006). Die neurowissenschaftliche Herausforderung der Pädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
  • Berk, Laura E. & Schönpflug, Ute (2011). Entwicklungspsychologie. München: Pearson Studium.
  • Dörner, Dietrich (2007). Die Logik des Misslingens: strategisches Denken in komplexen Situationen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
  • Gigerenzer, Gerd (2007). Bauchentscheidungen die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München: C. Bertelsmann.
  • Gigerenzer, Gerd & Selten, Reinhard (2001). Bounded rationality : the adaptive toolbox. London: MIT Press.
  • Heckhausen, Jutta & Heckhausen, Heinz (2006). Motivation und Handeln. Berlin: Springer.
  • Kuhl, Julius (2010). Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie Motivation, Emotion und Selbststeuerung. Göttingen: Hogrefe.
  • Leuzinger-Bohleber, Marianne & Wolff, Angelika (2009). Frühe Kindheit als Schicksal? Trauma, Embodiment, Soziale Desintegration psychoanalytische Perspektiven. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Pauen, Michael & Roth, Gerhard (2008). Freiheit, Schuld und Verantwortung Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Schulz von Thun, Friedemann (2002). Das "innere Team" und situationsgerechte Kommunikation. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
  • Spitzer, Manfred (2011). Neurobiologie. In: Otto, Hans-Uwe/Thiersch, Hans (Hg.). Handbuch Soziale Arbeit: Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. München: Reinhardt. S. 1012-1021.
  • Watkins, John Goodrich & Watkins, Helen Huth (2003). Ego-States – Theorie und Therapie ein Handbuch. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme.

Rezensent
Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle
Homepage www.widulle.ch
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Zitiervorschlag
Wolfgang Widulle. Rezension vom 29.06.2012 zu: Gerhard Roth: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 6. Auflage. ISBN 978-3-608-94706-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12142.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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