Manfred Hofer: Selbständig werden im Gespräch
Manfred Hofer: Selbständig werden im Gespräch. Wie Jugendliche und Eltern ihre Beziehung verändern. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 341 Seiten. ISBN 978-3-456-84012-3. 39,95 EUR.
Das Thema
Das Thema des Buches ist, wie Jugendliche und Eltern unter den Bedingungen westlicher postindustrieller Gesellschaften miteinander reden, warum sie so reden und welchen entwicklungspsychologischen Sinn das macht.
Zum Autor
Manfred Hofer ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Mannheim.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in zwei große Teile. Der erste Teil des Buches, die Kapitel 1 bis 5, umfasst eine dem Thema entsprechende Literatur- und Theoriediskussion. Der zweite Teil, Kapitel 6 bis17, ist der ausführlichen Darstellung der empirischen Arbeit in verschiedenen Forschungsprojekten in Mannheim gewidmet. Eine umfangreiche Literaturliste schließt sich an. Ein gut bearbeitetes Sachverzeichnis am Schluss hilft sehr, zielgenau entsprechende Inhalte schnell zu finden. Im Einzelnen:
Kapitel 1 dient der Einführung in die Problemstellung. Hofer verdeutlicht hier seine theoretische Grundposition, die stark durch die "Individuationstheorie" beeinflusst ist, wie sie u. a. von Youniss vertreten wird. Die empirische Basis der Gesprächsstudien (Konfliktgespräche Mütter-Töchter), Experimente (mit jugendlichen Versuchspersonen) und Befragungen (von Familien) wird vorgestellt und eine Vorschau über die Kapitel gegeben. Kapitel 2 behandelt die Situation von Eltern und Jugendlichen heute und klärt den Beziehungsbegriff. Kapitel 3 ist den theoretischen Ansätzen zur Autonomieentwicklung gewidmet, während Kapitel 4 den Aspekten Konflikte, Peergruppen und interindividuellen Unterschieden thematisiert. Kapitel 5 schließlich erläutert die Begründung für die Annahme der Autonomieentwicklung durch Gespräche.
Den empirischen Teil eröffnet das 6. Kapitel mit einer allgemeinen Darstellung methodischer Aspekte (Gewinnung von Stichproben u.a.), worauf in Kapitel 7 die Datenbasis der Mannheimer Forschungsprojekte beschrieben wird. Die folgenden Kapitel beleuchten die wichtigsten Ergebnisse dieser Forschung in systematischer Form. Kapitel 8 beispielsweise enthält eine Überprüfung der Individuationstheorie anhand einer Längsschnittuntersuchung über vier Jahre. Ab Kapitel 9 geht es um die Analyse von Gesprächen zwischen Eltern und Jugendlichen. Dabei werden in Kapitel 11 Fragen des Gesprächsverlaufs thematisiert, wobei mit einem Unterscheidungs-kriterium ÈkonstruktivesÇ versus ÈdestruktivesÇ Gespräch gearbeitet wird. Kapitel 12 erweitert die bisherige Sichtweise auf Eltern und Jugendliche, in dem deren Kommunikation mit Freunden und Geschwistern hinzugenommen wird. In einem Exkurs wird in Kapitel 13 die Frage aufgegriffen, ob sich in Mannheimer und Leipziger Familien die Argumentationen in Gesprächen unterschieden. Kapitel 14 reflektiert die Bedingungen sprachlicher Interaktion, Kapitel 15 die Folgen dieser Interaktion für die Beziehung. Kapitel 16 umreißt die Folgen sprachlicher Interaktion für die psychosoziale Entwicklung der Jugendlichen, während das 17. Kapitel ein Phasenmodell der Transformation vorstellt und diskutiert. Erläutert wird hier der Übergang von der alten zur neuen Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichen, womit die Annahmen der Individuationstheorie bestätigt werden, dass es im Entwicklungsverlauf zu einem Anstieg des Autonomieschemas bei Jugendlichen und einem korrespondierenden Sinken der elterlichen Kontrolle kommt. Ein letztes 18. Kapitel stellt als Zusammenfassung pädagogische Schlussfolgerungen vor, wobei hier der Gedanke der Förderung, wie beispielsweise der verbundenen Interaktion, eines angemessenen Kontrollverhaltens der Eltern, der Autonomie u.a. im Zentrum stehen.
Zielgruppen
Manfred Hofer gibt im Vorwort selbst an, dass dieses Buch sich "in erster Linie an Fachkollegen und Studierende" richtet, die sich mit der betreffenden Thematik eingehender beschäftigen wollen. Dieser Einschätzung kann ich sehr gut folgen, wobei ich "Fachkollegen" gerne differenzierten möchte. Sowohl Fachkollegen und natürlich auch Fachkolleginnen aus dem Hochschulbereich wie diejenigen aus der Beratungs- und Therapiepraxis, die mit Jugendlichen und ihren Familien arbeiten, können von diesem Buch sehr profitieren. Zusätzlich zu diesem Personenkreis möchte ich aber noch betonen, dass auch interessierte Laien, wie beispielsweise engagierte Eltern, durchaus ihren Nutzen aus der Lektüre dieses Buches ziehen können.
Fazit
Dieses Buch ist Fachkräften und Studierenden an Hochschulen, Praktikerinnen und Praktiker der Sozialen Arbeit in Beratung und Therapie sehr zu empfehlen. Durch eine klare und eingängige Schreibweise hat es Hofer geschafft, diese wichtige Thematik gut lesbar zu machen. Durch viele Darstellungen und Erläuterungen wird der anspruchsvolle Text gut erschlossen, so dass er nie langweilig oder unverständlich wird. Speziell Studierende, die sich den Mühen empirischen Forschung unterziehen wollen oder müssen, erhalten hier wertvolle Verständnishilfen und Anleitungen.
Rezensent
Prof. Dr. Peter Bünder
Fachhochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf. Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 27.07.2004 zu: Manfred Hofer: Selbständig werden im Gespräch. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 341 Seiten. ISBN 978-3-456-84012-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1219.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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