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Thomas Schauder: Heimkinderschicksale

Cover Thomas Schauder: Heimkinderschicksale. Falldarstellungen und Anregungen für Eltern und Erzieher problematischer Kinder. Juventa Verlag (Weinheim) 2003. 194 Seiten. ISBN 978-3-621-27533-0. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

Frühere Ausgabe unter dem Titel: Verhaltensgestörte Kinder in der Heimerziehung.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2065-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Der Autor

Der Autor war über zwölf Jahre lang als klinischer Psychologe in einem heilpädagogischen Kinderheim tätig gewesen, er berichtet in dem Buch über seine umfassenden Praxiserfahrungen.

Das Buch

Im ersten Kapitel "Heimerziehung - was ist das und wozu ist sie gut?" zeigt Thomas Schauder die gesetzlichen Rahmenbedingungen der stationären Erziehungshilfe auf, legt konzeptionelle Gedanken zur Heimerziehung vor, nennt deren Ziele und Grenzen und widmet sich vor allem psychologischen Vorgehensweisen: der Diagnostik und der Therapie, letztere sowohl mit dem Kind als auch psychotherapeutischer Arbeit mit den Eltern.

Das zweite Kapitel handelt von den Kindern, weshalb kommen diese ins Heim und warum sind sie verhaltensgestört, dies sind die Leitfragen. "Die primären Ursachen der genannten kindlichen Störungen und Auffälligkeiten liegen zum überwiegenden Teil in sogenannten 'gestörten' Familienverhältnissen, in denen die Kinder aufwachsen müssen" (S. 45). Folgerichtig nimmt für Thomas Schauder die Arbeit mit den Eltern der betroffenen Kinder einen zentralen Stellenwert ein. Wenn eine Elternarbeit nicht realisierbar ist, weil die Eltern sich jeglichen Gesprächen und Verantwortung entziehen oder wenn gar die Kontakte völlig abgebrochen sind, dann sei die Prognose eher ungünstig. Nur schwerlich könne solchen Kindern eine "realistische Sichtweise ihrer Lebenssituation" vermittelt werden, "da häufig massive Widerstände gegen diese Wahrnehmung der familiären Wirklichkeit bei den betroffenen Kindern vorhanden sind." Viele würden daher "an den ungeklärten Fragen ihrer Vergangenheit" scheitern (S. 34 f.). An dieser Stelle sei jedoch ein Widerspruch erlaubt: Denn eine Elternarbeit kann auch sehr wohl ohne die Beteiligung der Eltern stattfinden. Elternarbeit würde dann bedeuten, dass professionell mit dem betroffenen Kind sein Elternbild, seine familiären Traumata und die geheimen Wünsche und Sehnsüchte aufgearbeitet werden, um ihm so zu einem realistischeren Selbstbild und dem Bild seiner Eltern zu verhelfen.

Das dritte Kapitel umfasst vier ausgewählte Kinderschicksale. Sehr sensibel und mit viel Empathie werden in diesen Falldarstellungen die Grenzen aber auch die Möglichkeiten der stationären Erziehungshilfe aufgezeigt. Der Leser kann so die Praxis der Hilfeplanung nachvollziehen, er erfährt, welche oftmals unvorstellbaren Irrungen, Wirrungen, Kränkungen, Misshandlungen oder Vernachlässigungen die Biographie eines Kindes vor seinem Heimaufenthalt gekennzeichnet hatten. Intensive therapeutische Arbeit mit dem Kind und mit seinen Eltern hat in zwei der vier beschriebenen Fälle eine Rückkehr der Kinder zu Elternteilen ermöglicht, ein drittes Kind war auf eine langfristige stationäre Erziehungshilfe in einer Wohngemeinschaft angewiesen. In einem weiteren Fall werden die Grenzen der Heimerziehung aufgezeigt. Ein von der Familie ungeliebtes Mädchen leidet unter extremen Selbstzweifeln und schweren Ängsten. Ihre massive Autoaggression führt nach verschiedenen gescheiterten Maßnahmen der Jugendhilfe zum Suizid durch eine Überdosis Heroin.

Im vierten Kapitel spricht Schauder weitere Themen zur Heimerziehung an, so z.B. deren differenziertes Angebot, die Notwendigkeit praxisbegleitender Forschung und auch der Supervision.

Das fünfte Kapitel beinhaltet Leitsätze und Regeln, auf die Eltern in der Kindererziehung achten sollten. Es werden beispielsweise Leitsätze zur Wertschätzung aber auch zur Kritik und zum Umgang mit Aggression und mit Wut vorgestellt. Der Wunsch des Autors mit diesen Leitsätzen und Regeln betroffene Väter und Mütter zu erreichen, dürfte aber leider fehlschlagen. Denn Eltern von problematischen Kindern werden ein solches Buch in aller Regel nicht lesen. Für die professionellen Kräfte in der Heimerziehung sollten die ausgewählten Leitsätze aber eine wichtige Orientierung darstellen, welche dann auch an betroffene Eltern weitergegeben werden können.

Im sechsten Kapitel werden noch unterschiedliche Anlaufstellen zu Fragen der Erziehung angegeben.

Zusammenfassung und Fazit

Es handelt sich insgesamt um ein sehr einfühlsam geschriebenes Buch eines Praktikers. Der Blickwinkel des Psychologen ist stets vorhanden, daher erfährt aber der Leser auch kaum etwas über die in den Heimgruppen angewandten pädagogischen Methoden. Das Buch ist sowohl inhaltlich als auch optisch enorm gut strukturiert und wurde in einem leicht verständlichen Sprachstil geschrieben. Vor allem Leser, welche sich erstmals der Thematik stationäre Erziehungshilfe annähern wollen, werden so einen leichten Zugang finden. "Insider" können vor allem von den ungemein sensibel und detailliert aufgearbeiteten Fallbeispielen profitieren.


Rezensent
Prof. Dr. Richard Günder
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Zitiervorschlag
Richard Günder. Rezension vom 13.01.2004 zu: Thomas Schauder: Heimkinderschicksale. Juventa Verlag (Weinheim) 2003. 194 Seiten. ISBN 978-3-621-27533-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1223.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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