Arnd-Michael Nohl: Pädagogik der Dinge
Arnd-Michael Nohl: Pädagogik der Dinge. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 214 Seiten. ISBN 978-3-7815-1808-7. 17,90 EUR.
Thema
Wie lernen wir mit Dingen umzugehen? Wie zwingen uns die Dinge, z.B. ein Stuhl eine bestimmte Haltung auf? Die Erziehung hängt mit dem Materiellen zusammen, beeinflusst diese und wird von ihr beeinflusst.
AutorIn oder HerausgeberIn
Dr. Arnd-Michael Nohl ist Professor für Erziehungswissenschaften, insbesondere systematische Pädagogik, an der Helmut- Schmidt- Universität Hamburg.
Entstehungshintergrund
Auslöser waren Diskussionen mit Burkhard Schäffer, der in „einer … breit angelegten Studie die „symmetrische Anthropologie“ Bruno Latours für die empirische Untersuchung von generationsspezifischen „Medienpraxiskulturen“ fruchtbar gemacht hat.“ Es folgte ein Hauptseminar :“die Pädagogik der Dinge“.
Aufbau und Inhalt
1. Einleitung
2. Frau Hintzer und ihre Filzpuppen. Nohl führt mit Frau Hintzer (anonymisierte Interviewpartnerin) ein Interview, dessen Bedeutung ihm erst später klar wurde. Hier geht es um die Lebensgeschichte und die Entwicklung von Frau Hintzer zu einer erfolgreichen Kleinunternehmerin. So wurde Frau Hintzer durch ein „Ding“ (Filzpuppe) zur Unternehmerin, als auch dieses „Ding“ weiterentwickelt, gleichzeitig wurde ein Bildungsprozess eingeleitet.
3. Zwischen den Menschen und Dingen: anthropologische Fragen. Nohl geht der Frage nach, ob sich Bildung im Kontakt mit materiellen Dingen entfalten kann. Dabei widmet er sich Bruno Latours, der Menschen und Dinge fast auf die gleiche Stufe stellt. Für die Pädagogik stellt Nohl fest, geht es nicht nur darum, wie sich der Mensch durch und mit den Dingen sozialisiert, sondern gleichfalls darum, ob mit den Dingen etwas passiert, ob sie ihre Funktion erhalten oder verändern.
4. Lernen mit materialen Objekten zwischen Realismus und Konstruktivismus. Woher weiss man, wann eine Figur einen Bauarbeiter darstellt? Und entstehen unsere Begriffe von den Dingen beim Handeln? Nohl fasst das Kapitel schließlich in acht Thesen zusammen:
- Der Begriff des Lernens bezeichnet den Erwerb von Wissen und Können.
- Wissen- lernen funktioniert über ein symbolisches System (Sprache) Können- lernen ist die Beherrschung der Funktionalität.
- Aneignung ist Wiederholung und miteinander verknüpfte Begegnung zwischen Mensch und Ding.
- Ohne regelmäßige Praxis sind die menschlichen Aktionen ungerichtet. Nach und nach kristallisiert sich erfolgreiche Praxis heraus.
- Regelmäßigkeiten der Praxis ergeben sich solange aus menschlicher Aktionen bis Dingreaktionen aktualisiert werden.
- Modi über das Wissen: Ikonisches Wissen, Indexisches Wissen, Symbolisches Wissen.
- Der Aufbau durch symbolisches Wissen wird durch Können- lernen begleitet.
- Die Dinge verändern sich durch einen kollektiven Prozess über Menschengenerationen hinweg.
5. Bildung und neue Dingfunktionen: Eine Seniorin online in der Transaktionsperspektive. Kann sich ein Mensch durch Handlung mit Dingen verändern? Nach John Dewey beschreibt Nohl diesen Prozess mit „transaction“. Nohl untersucht hier den Prozess einer Seniorin, die einen Computer bekommt bis hin zu der Gestaltung ihrer eigenen Internetseite.
6. Die Materialität der Erziehung. Nohl erklärt am Beispiel des „Berliner Schlüssels“, wie Dinge erziehen können. Dieser muss ganz durch das Schlüsselloch geschoben werden und dann auf der anderen Seite wieder gedreht werden, um ihn herauszunehmen, gleichzeitig wird die Tür wieder verschlossen. So lässt sich die Anforderung: am Abend die Türe verschließen z.B. automatisch herbeiführen.
7. Hineinwachsen in Dingwelten. Neugeborene unterscheiden sich erst allmählich von den umgebenen Dingen. Doch dann können Dinge zu großer Bedeutung für die Sozialisation werden. Nohl zeigt verschiedene Beispiele auf, die dies verdeutlichen: Klassenzimmer, Schreibtisch…
8. Menschen und Artefakten in konjunktiven Transaktionsräumen. Alte Dinge haben den Kontakt zu den Menschen, die sie besaßen verloren, doch andere Menschen wiederum können sich wieder von ihnen berühren lassen, von den Geschichten der Dinge. Sie können zu „Speichergedächtnis“ werden. Nohl gibt dem Bedeutung indem er anführt, dass z.B. Mädchen, die aus einer familiären Sozialisation kommen in der Technisches kaum von Bedeutung ist, es schwerer im Physik und Chemieunterricht haben als andere. So beeinflussen die Dinge und deren Bereitstellung den Menschen und seine Fähigkeiten.
9. Ausblick: Eine Pädagogik der Dinge. Die Erkenntnisse werden hier zusammengefasst. Nohl schließt mit der Frage : wie können die pädagogischen Prozesse zwischen Menschen und Dingen empirisch erforscht werden? Überlegungen gehen hin zur Videoaufnahme und zur menschenzentrierten Sozialforschung.
10. Literatur
Fazit
Nohl untersucht auf unterschiedliche Weise den Zusammenhang zwischen Menschen und Dingen. Dabei führt er viele Grundlagen anderer Autoren an, die in verschiedenen Sachgebieten seine Thesen und Gedanken ergänzen oder infrage stellen. Seine Überlegung sind teils sehr theoretisch und abstrakt. Hier ist sicher nicht der Laie oder fachfremde Leser angesprochen. Einige gerade der praktischen Anteile (wie Beispiele und Interviews) im Buch erhellen jedoch auch diesem die Thesen und das Grundthema.
Rezensentin
Monika Pietsch
Training und Konstruktives Lernen
selbständige Trainerin und Beraterin, Schwerpunkt: Team- und Führungskompetenzen mit den Methoden des konstruktiven Lernens
Homepage www.training-konstruktiv.de
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Zitiervorschlag
Monika Pietsch. Rezension vom 13.01.2012 zu: Arnd-Michael Nohl: Pädagogik der Dinge. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 214 Seiten. ISBN 978-3-7815-1808-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12274.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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