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Riccardo Bonfranchi: Ethische Handlungsfelder der Heilpädagogik

Cover Riccardo Bonfranchi: Ethische Handlungsfelder der Heilpädagogik. Integration und Separation von Menschen mit geistigen Behinderungen. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2011. 189 Seiten. ISBN 978-3-0343-0650-8. D: 33,10 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 48,00 sFr.

Reihe: Interdisziplinärer Dialog - Ethik im Gesundheitswesen - Band 11.
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Thema

Eine Sammlung von Beiträgen zur Ethik (1. Teil) und zur Integration von Menschen mit Behinderung, vor allem im schulischen Bereich (2. Teil), die in einem abschließenden Teil in eine Diskussion der Frage mündet, ob Pränataldiagnostik eine diskriminierende Wirkung entfaltet (3. Teil).

Autor

Riccardo Bonfranchi hat Sonderpädagogik in Köln studiert, promoviert und war bis 2010 als Rektor an Sonderschulen tätig. Von 1990 – 2001 lehrte er in der sonderpädagogischen Lehrerbildung, und schloss 2009 den Master of Advanced Studies in Applied Ethics in Zürich ab. Auf der Basis seiner langjährigen Erfahrung in der Bildung von Menschen mit Behinderung, gerade auch mit hohem Unterstützungsbedarf, reflektiert er Frage der modernen Ethik. Dafür hat er den eigenen Beiträgen Beiträge des Heilpädagogen Emil E. Kobi, des Ethikers Thomas Schramme und Lebenserfahrungen eines Menschen, der mit Autismus lebt, vorangestellt.

Entstehungshintergrund

Deses Buch stellt eine Zusammenschau verschiedener Beiträge (im dritten Teil einer gekürzten Fassung der Masterarbeit von Bonfranchi) dar, die sich mit unterschiedlichen Perspektiven der ethischen Reflexion biomedizinischer Entwicklungen, insbesondere der Pränataldiagnostik, widmen will. Dabei nimmt Bonfranchi auf in der Medizinethik etablierte Modelle wie die mittleren Prinzipien von Beauchamp und Childress und historische Entwicklungen wir die Krüppelbewegung und die Auseinandersetzung um Peter Singer Ende der 80er Jahre Bezug.

Aufbau

Nach den einführenden Beiträgen aus heilpädagogischer und ethischer Perspektive wie dem Beitrags eines Menschen, der mit Autismus lebt, folgen im ersten Teil allgemeinere Beiträge zur Ethik in der Heilpädagogik, die auch historische Entwicklungslinien nachzeichnen. Im zweiten Teil setzt sich Bonfranchi mit der Integration im schulischen Bereich auseinander, wobei er bereits im Vorwort die These aufstellt, dass diese scheitere und er der Ursache nachgehen wolle. Der dritte Teil schließlich vereinigt zwei Beiträge, in denen er den Status des Embryo wir auch die Frage einer diskriminierenden Wirkung von Pränataldiagnostik diskustiert.

Inhalt

Die Einleitung wirft drei Schlaglichter: Emil E. Kobi fasst in seinem Beitrag thesenartig historische Zusammenhänge und pädagogische Grundlagen zu einem Fazit zur Integration zusammen. Thomas Schramme gibt ein kurzes Geleitwort, das die Relevanz der Beschäftigung mit Ethik aus Sicht der Heilpädagogik unterstreicht. Den Einleitung schließt der Beitrag eines Menschen C., der mit Autismus lebt, den Bonfranchi als Schüler kennengelernt hat und der in kurzen Abschnitten seine (Lebens-)Erfahrungen, gerade mit dem Anderssein und der Integration beschreibt.

Im ersten Teil finden sich Beiträge, die sich nach dem Einstieg über ein Fallbeispiel mit der Debatte um Peter Singer, den mittleren Prinzipien von Beauchamp und Childress, und der Moralentwicklung bei Kindern mit geistiger Behinderung befasst.

Der zweite Teil fasst nach der Schilderung eines Fallbeispiels und seiner Analyse, die möglicherweise besser in den ersten Teil gepasst hätte, in drei Beiträgen mit der Integration von Kindern mit geistiger Behinderung in der Schule: Ausgehend von dem technischen Fortschritt und gesellschaftlichen Anforderungen begründet Bonfranchi hier seine These warum Integration scheitere: „Ob dies als Vollintegration in den Regelschulbereich umgesetzt werden kann, ist meines Erachtens sehr zweifelhaft – vor allem wenn jeweils nur ein Kind pro Klasse aufgenommen wird.“ (S. 115)

Im dritten Teil, Separation, ist Pränataldiagnostik der finale Ausschluss?, steht nach der kurzen Darstellung einer Kontroverse zum Thema Status des Embryo, die gekürzte Fassung seiner Abschlussarbeit. Dieser wird mit einer systematischen Betrachtung von Indikationen der Pränataldiagnositk mit einem historischen Rückblick zur Separation von Menschen mit Behinderung eingeleitet und setzt sich vorwiegend mit der Frage auseinander, ob es Hinweise dafür gebe, dass durch die Anwendung der Präntaldiagnostik eine Diskriminierung lebender Menschen mit Behinderung erfolge.

Diskussion

Der Autor bringt in seinem Buch verschiedene Perspektiven zueinander, die eine interessante Zusammenschau ergeben und sein Fazit vorbereiten: Es gebe keinen Anhaltspunkt dafür, dass durch (auch massenhafte) Anwendung der Pränataldiagnostik (PND), die Achtung vor geborenen Menschen schwinde. Sie (die PND) sei vielmehr der Ausfluss des Motives behindertes Leben nicht zu wollen, das „immer schon dagewesen“sei (S.178). PND stelle eher eine Form dar, die die Hürde, das Leben von Menschen mit Behinderung in Frage zu stellen, erhöht habe, da historisch die Kindstötung durch die nachgeburtliche Tötung das Standardverfahren gewesen sei. Dabei setzt sich Bonfranchi auch mit den Äußerungen auseinander, die aus der Behindertenbewegung selbst stammen, z.B. von Franz Christoph aus der Krüppelbewegung. Zuvor hat er die Menschenwürde und das Selbstbestimmungsrecht der Eltern besprochen und bewertet; er geht von einer schwachen Menschenwürde bei Menschen mit schweren geistigen und mehrfachen Behinderungen und einem Vorrang des Selbstbestimmungsrecht der Eltern aus. Dies provoziert schon bei der Darstellung hier in dieser Rezension, was allerdings eher der Gewinn an Bonfranchis Buch ist, wie auch schon Thomas Schramme schreibt: Sich mit Thesen und Argumentation auseinander zu setzen, die gegen die allgemeine Meinung innerhalb der Heilpädagogik gerichtet sind und einen starken Denkanstoß darstellen. Leider ist Bonfranchi in dieser Darstellung oft unmittelbar wertend, setzt sich wenig differenziert mit den Argumentationen auseinander und schreibt, zum Beispiel im Abschluss der Heil- und Sonderpädagogik, dieses globale Urteil: „Ihre Plädoyers sind weltfremd und zielen letztlich am Problem vorbei.“ Mit dieser Art der wertenden Darstellung, die oft unbegründet bleibt, wird eine sinnvolle Auseinandersetzung schwierig. Das Buch erfüllt nicht den Anspruch einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung, auch wenn Bonfranchi häufig wichtige Fragen stellt, die sonst übergangen werden. Insbesondere schwierig ist, dass er überaus häufig, insbesondere in den beiden ersten Teilen das Sein als Argument gegen das Sollen stellt und damit die grundlegende Herangehensweise ethischer Fragestellungen vermissen lässt.

Fazit

Dieses Buch vereint Aspekte der Diskussion zur Akzeptanz von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft ausgeführt an den Beispielen von Integration in die Regelschule und der Anwendung von Pränataldiagnostik. Der Autor sieht es als erwiesen an, dass eine seit „immer“ bestehende Fremdheit und ablehnende Haltung gegenüber einem Leben mit Behinderung bestehe, die sich in dem Wunsch zeige, Behinderung zu vermeiden. Dem sei in der modernen Gesellschaft das umfangreiche Bemühen der Heilpädagogik und der Behindertenhilfe entgegengesetzt, was aber an den zugrundeliegenden Motiven nichts ändere – andererseits aber auch die Achtung von Menschen mit Behinderung nicht ausschließe, wobei er sich auf Menschen mit schweren geistigen und mehrfachen Behinderung bezieht. Zusammengefasst stellt das Buch einen Beitrag dar, der zur Auseinandersetzung anregt, auf verschiedene Quellen zurückgreift, dabei aber dennoch wenig Begründungen und differenzierte Argumente im Sinne einer ethischen Auseinandersetzung liefert.


Rezensentin
Prof. Dr. med. Jeanne Nicklas-Faust
Evangelische Hochschule Berlin (z.Zt. beurlaubt)
Bundesgeschäftsführerin der Lebenshilfe Bundesvereinigung
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Zitiervorschlag
Jeanne Nicklas-Faust. Rezension vom 08.07.2013 zu: Riccardo Bonfranchi: Ethische Handlungsfelder der Heilpädagogik. Integration und Separation von Menschen mit geistigen Behinderungen. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2011. ISBN 978-3-0343-0650-8. Reihe: Interdisziplinärer Dialog - Ethik im Gesundheitswesen - Band 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12275.php, Datum des Zugriffs 06.12.2016.


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