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Heidi Fischer, Michael Renner: Heilpädagogik

Cover Heidi Fischer, Michael Renner: Heilpädagogik. Heilpädagogische Handlungskonzepte in der Praxis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2011. 317 Seiten. ISBN 978-3-7841-1979-3. 23,90 EUR, CH: 34,50 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7841-2667-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Heidi Fischer und Michael Renner stellen in ihrem Buch neben grundsätzlichen Ausführungen zu den theoretischen Grundlagen der Heilpädagogik und Essentials des heilpädagogischen Handelns heilpädagogische Handlungskonzepte vor, die sie in eine systematische Ordnung gebracht und mit praktischen Beispielen – vorwiegend aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – illustriert haben. Ihr Anliegen ist es zum einen „personalistisches und systemisches Denken miteinander zu verbinden“ (S. 13) und zum anderen in Abgrenzung zu therapeutischen Orientierungen „die pädagogische Basis der Heilpädagogik in den Vordergrund zu stellen“ (S. 14). Das Buch ist im Kontext der „Ausbildung an der Fachschule für Heilpädagogik in Ravensburg“ (S. 13) entstanden und greift auf Beispiele aus der dort angeschlossenen heilpädagogischen Ambulanz zurück.

Autorin und Autor

Heidi Fischer ist Sozialpädagogin und Heilpädagogin und als Dozentin an der Fachschule für Heilpädagogik in Ravensburg tätig.

Michael Renner ist Sozialarbeiter, Heilpädagoge und Diplompädagoge und ebenfalls Dozent an der Fachschule für Heilpädagogik in Ravensburg.

Aufbau

Das Buch ist in vier große Kapitel unterteilt.

  1. Kapitel eins ist der konzeptionellen Grundausrichtung heilpädagogischen Handelns gewidmet.
  2. In Kapitel zwei wird die Basis für die Verbindung von Theorie und Praxis heilpädagogischer Handlungskonzepte gelegt.
  3. In Kapitel drei wird „der Einsatz von Medien und deren Wirkungen in heilpädagogischen Handlungssituationen“ vorgestellt. Differenziert wird in diesem Kapitel nach den Medien Spiel, Bewegung und Werken.
  4. Das Kapitel vier schließlich befasst sich mit Bildungsprozessen im Kontext heilpädagogischer Elternarbeit.

Wichtige Zusammenfassungen oder zentrale Inhalte werden im Text durch Umrahmung besonders hervorgehoben. Auch die geschilderten Praxisbeispiele sind grafisch hervorgehoben.

Inhalt

Im Kapitel eins wird einführend der Begriff Heilpädagogik in seiner Entstehung und aktuellen Fassungen erläutert. Unter der Überschrift „Wissenschaftliche Konzeptionen als Orientierung für das heilpädagogische Handeln“ werden einschlägige Ansätze und erkenntnistheoretische Positionen vorgestellt. Berücksichtigt werden der „Personalistische Ansatz“ (z.B. Kobi), systemisches Denken unter Berücksichtigung der soziologischen Systemtheorie (Luhmann), neuro-biologische Zugänge (Maturana / Varela; Roth), des systemisch-ökologischen Ansatz Bronfenbrenners und die Rezeption systemischer Zugänge in der Heilpädagogik etwa durch Otto Speck oder Kobi. Es schließt sich eine Auseinandersetzung mit konstruktivistischen Positionen und der Frage nach deren Implikationen für das Handeln an. Ausführlich behandelt wird die Lebensweltorientierung in der heilpädagogischen Arbeit unter Rückgriff auf Husserl, Schütz und Habermas. Nach Einschätzung der Autoren mangelt es trotz der Bezugnahme auf Lebensweltorientierung bei Speck und Kobi bislang noch an Beschreibungen „lebensweltorientierter heilpädagogischer Praxis“ (S. 40). Diese Lücke möchten sie durch eigene Beschreibungen füllen.

Im Kapitel zwei geht es zunächst um „Heilpädagogisches Handeln im Spannungsfeld von Haltung und Handlung“. Dabei wird – u. a. gestützt auf Haeberlin – die Bedeutung des Menschenbildes im Kontext heilpädagogischer Handlungskonzepte herausgestellt, und es werden verschiedene pädagogisch-therapeutische Ansätze im Hinblick auf ihr Bild vom Kind vorgestellt. Besonders hervorgehoben wird zusätzlich das Salutogenesemodell von Antonovsky als für die Heilpädagogik gewinnbringende Grundlage. Die anschließenden Ausführungen sind Konzeptbausteinen heilpädagogischen Handelns gewidmet mit der Schwerpunktsetzung auf Fragen heilpädagogischer Diagnose und Diagnostik sowie heilpädagogischer Beziehungsgestaltung. Dabei werden kritische Diskussionen heilpädagogischer Diagnostik aufgegriffen und Ausgangspunkte für eine heilpädagogische Diagnostik dargelegt, die über ein reine normorientierte, klassifizierende Diagnostik hinausgehen. Als grundlegend für die heilpädagogische Beziehung werden „bedingungslose Wertschätzung, zugewandtes, ermutigendes und Halt gebendes Reagieren“ (S. 107) genannt. Unter der Überschrift „Arbeiten im systemischen Kontext“ werden Elternarbeit, Arbeit mit anderen Institutionen und Berufsgruppen bis hin zur Arbeit mit Mandatsträgern der Politik, um die Verbesserung von Lebensverhältnissen anzuregen (vgl. S. 117), aufgeführt. Es schließen sich Ausführungen zum Kontrakt mit den Eltern, Zeit- und Raumgestaltung sowie Anforderungen an Evaluation an.

Zu Beginn des Kapitels drei wird das Verständnis der Autoren von Medien als Mittler in Lehr- und Lernprozessen und im heilpädagogischen Bezug dargelegt. Medien stellen für sie ein Vehikel dar, über das der „Zugang zum Verstehen der Lebenswelt eines Kindes“ (S. 142) erschlossen werden kann. Sie haben kommunikativen Charakter und sind nicht auf Sprache als Ausdrucksmedium beschränkt. Dem Finden und Auswählen eines geeigneten Mediums kommt in der Zusammenarbeit mit dem Kind bereits eine besondere Bedeutung zu. Die Beschäftigung mit einem Medium kann zugleich „zur Erweiterung lebensweltlicher Erfahrungen“ beitragen (S. 158). Konkretisiert wird der Einsatz von Medien an den Beispielen Spiel, Bewegung und Werken. In allen drei Unterkapiteln werden zunächst theoretische Grundlagen zum ausgewählten Medium vorgestellt, diese in den heilpädagogischen Kontext übertragen und mit einem Praxisbeispiel abgerundet. Die Ausführungen zum Medium Spiel beispielsweise erläutern die spezifische Orientierung des Vorgehens an einem lebensweltlich-ökologischen Ansatz, der von den Selbstkonstruktionen des Kindes ausgeht und an diese anzuschließen versucht. Die Ausführungen grenzen sich zugleich von rein therapeutischen Konzepten oder heilpädagogischer Übungsbehandlung ab (vgl. S. 160). Vergleichbar wird der Einsatz des Mediums Bewegung von einer Reduzierung auf Übung und Training abgegrenzt und ein erweitertes Verständnis von Bewegung als Medium zur Bewältigung von Lebenserschwernissen entwickelt (vgl. S. 212). Ebenso wird der Einsatz des Werkens getragen von einem Verständnis, dass hinter den Tätigkeiten ein „meist unbewusster übergeordneter Gegenstandsbezug“ liegt, der „nur aus dem Entwicklungskontext des Kindes erschossen werden“ kann (S. 252).

Im Kapitel vier wird schließlich auf die heilpädagogische Elternarbeit eingegangen und diese als Bildungsarbeit entworfen. Bereits in den Praxisbeispielen zu den vorangegangenen Kapiteln wurde deutlich, dass die Eltern jeweils in den Prozess eingebunden werden. Nach grundsätzlichen Ausführungen zu Erziehungsaufgaben legen die Autoren ihr Verständnis heilpädagogischer Elternarbeit dar. Ihrer Meinung nach geht es „in der Zusammenarbeit mit Eltern in der Regel um die Gestaltung und Ermöglichung von Lehr- und Lernprozessen mit dem Ziel der Erweiterung der pädagogischen Handlungskompetenz“ (S. 285). Basis ihres Konzeptes sind Grundprinzipien psychoanalytisch-pädagogischer Erziehungsberatung und der Deutungsmusteransatz. Diese verbinden Sie mit erwachsenenpädagogischen Ansätzen zu einem eigenen Konzept.

Fazit

Heidi Fischer und Michael Renner haben ein umfassendes Werk vorgelegt, das besonders durch die Verbindung von differenzierter theoretischer Grundlegung und praktischen Umsetzungsbeispielen der heilpädagogischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern überzeugt. Gelungen ist ebenso die von Grund auf pädagogische Konzeptualisierung, die sich von verkürzten Förderkonzepten oder therapeutischen Ansätzen abhebt und auf einem breiten fachlichen Fundament aufbaut.


Rezensentin
Prof. Dr. Hiltrud Loeken
Evangelische Hochschule Freiburg, Dekanin Fachbereich Soziale Arbeit
Homepage www.eh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Hiltrud Loeken. Rezension vom 13.03.2012 zu: Heidi Fischer, Michael Renner: Heilpädagogik. Heilpädagogische Handlungskonzepte in der Praxis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2011. ISBN 978-3-7841-1979-3.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7841-2667-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12293.php, Datum des Zugriffs 01.06.2016.


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