socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Birgit Lütje-Klose, Marie-Therese Langer u.a. (Hrsg.): Inklusion in Bildungseinrichtungen

Cover Birgit Lütje-Klose, Marie-Therese Langer, Björn Serke, Melanie Urban (Hrsg.): Inklusion in Bildungseinrichtungen. Eine Herausforderung an die Heil- und Sonderpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 367 Seiten. ISBN 978-3-7815-1831-5. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Themenschwerpunkt der zu besprechenden Publikation befasst sich mit der Inklusion in Bildungsinstitutionen – eine Herausforderung an die Heil- und Sonderpädagogik. Dieser „steht im Kontext der Diskussion um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen, die durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention besondere Aktualität gewonnen hat“ (S. 11). Die Publikation legt ihren Schwerpunkt „auf mögliche Beiträge der Heil- und Sonderpädagogik zur (Weiter-)Entwicklung einer inklusiven Pädagogik in verschiedenen pädagogischen Handlungsfeldern. (Sie – CR) […] strebt darüber hinaus einen kritisch-konstruktiven Diskurs des Verhältnisses zwischen der Allgemeinen Schul- bzw. Sozialpädagogik und Sonderpädagogik an“ (S. 11 f.).

Herausgeberinnen und Herausgeber

Birgit Lütje-Klose ist promovierte Diplompädagogin. An der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld ist sie Professorin für Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Heterogenität.

Marie-Therese Lamger ist Lehrerin für sonderpädagogische Förderung im Hochschuldienst an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld.

Björn Serke, M.Ed., ist Lehrer an der Laborschule Bielefeld und Lehrbeauftragter an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld.

Melanie Urban ist Lehrerin für sonderpädagogische Förderung im Hochschuldienst an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld.

Entstehungshintergrund

Bei der zu besprechenden Publikation handelt es sich um die Dokumentation „der 46. Arbeitstagung der Dozentinnen und Dozenten für Sonderpädagogik in den deutschsprachigen Ländern, die vom 27. bis 28. September 2010 in Bielefeld stattfand“ (S. 11).

Aufbau

Der Herausgeberband ist in sechs Themenschwerpunkte gegliedert:

1. Inklusionsbegriff – theoretische und philosophische Aspekte

  • Christian Lindmeier: Inklusion und Bildungsgerechtigkeit
  • Isabell Diehm: Integration und Inklusion im Kontext von Migration und Pädagogik
  • Bernhard Rauh: Die Dialektik von Inklusion und Exklusion und ihre Bedeutung für die „Schule für alle“
  • Tanja Sturm: Bildungsgerechtigkeit als Betrachtungsfolie einer inklusiven Schule
  • Kirsten Puhr: Widerstreitende Positionierung zum Konzept Inklusive Schule
  • Theo Klauß: Vom Recht auf eine inklusive Schule für Alle. Didaktische Herausforderungen.
  • Ulrike Schildmann: Inklusive Lern- und Handlungsfelder vor dem Hintergrund der gesamten Lebensspanne
  • Imke Niediek: Neuere Mechanismen von Teilhabe und Ausschluss – eine kritische Praxisreflexion
  • Mechthild Hetzel: Eine Frage von Teilhabe und Ausschluss – zur Konzeptionalisierung von Bildung
  • Eckhard Rohrmann: Inklusion in Bildungsinstitutionen – eine Herausforderung an die gesamte Pädagogik
  • Erich Otto Graf: Schwierige Integration
  • Michaela Kramann, Michelle Proyer, Margarita Schiemer: Schulische Inklusion und die ICF
  • Andrea Erdélyi: Inklusion aus internationaler Sicht – Möglichkeiten und Grenzen des internationalen Vergleichs im Spiegel der UN-Behindertenrechtskonvention

2. Professionalisierung und Lehrerausbildung

  • Petra Kemena, Susanne Miller: Die Sicht von Grundschullehrkräften und Sonderpädagogen auf Heterogenität – Ergebnisse einer quantitativen Erhebung
  • Andrea Dlugosch: Der „Fall“ der Inklusion: Divergenzen und Konvergenzen in Professionalitätsvorstellungen
  • Vera Moser, Lea Schäfer, Hubertus Redlich: Kompetenzen und Beliefs von Förderschullehrkräften in inklusiven Settings
  • Natascha Korff: „In allen anderen Fächern ist das einfach einfacher.“ Belief-Systeme von Primarstufenlehrer/innen zu einem inklusiven Mathematikunterricht
  • Simone Seitz, Katja Scheidt: Professionalisierung von Lehrkräften für inklusiven Unterricht
  • Brigitte Kottmann: Der Studiengang „Integrierte Sonderpädagogik“ an der Universität Bielefeld
  • Thomas Barow: Sonderpädagogische Studieninhalte in der allgemeinen Lehrerausbildung in Schweden
  • Birgit Drolshagen, Birgit Rothenberg: UniversAbility – Hochschulen für Alle. Konsequenzen für eine inklusive Lehramtsausbildung

3. Professionalisierung und Schulentwicklung

  • Susanne Kreitz-Sandberg: Multiprofessionelle Zusammenarbeit in der Schule – Inklusive Ansätze sonderpädagogischer Organisationen in Schweden
  • Lea Schäfer: Schulische Inklusion in Spanien. Was können wir von anderen Ländern lernen
  • Monika Wagner-Willi, Patrik Widmer-Wolf: Förderarrangements in der neuen Schuleingangsstufe im Kontext differenter Bildungskulturen
  • Julia Bischoff: Kooperation in inklusiven Kontexten: Wissenschaftliche Begleitung eines Pilotprojekts
  • Ute Geiling, Constanze Söllner: Professionalisierungsanreize und Widersprüche im Kontext inklusiv orientierter Schulentwicklungsprozesse am Beispiel der FLEX Brandenburg
  • Dietlind Gloystein: Der INDEX FÜR INKLUSION in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrpersonen und anderen pädagogischen Fachkräften

4. Inklusion und frühkindliche Bildung

  • Michael Urban: Anspruch auf Inklusion und Umgang mit Heterogenität in den Systemen der frühkindlichen Bildung und der Schule
  • Rolf Werning, Michael Urban, Ann-Kathrin Arndt, Antje Rothe: Zwischen Regelschule, Förderschule und Zurückstellung vom Schulbesuch – Transitionsprozesse unter erschwerten Bedingungen
  • Oliver Hormann, Ann-Kathrin Jüttner, Katja Koch: Sprachförderung für Migrantenkinder im Elementarbereich
  • Ina Hunger: „Jungen sind da anders.“ Zur erzieherischen Auslegung des Bewegungsverhaltens von Jungen und Mädchen
  • Rolf Werning, Michael Lichtblau, Sören Thoms, Fatma Usanmaz: Interessen als Ressource und Ansatzpunkt inklusiver Förderung

5. Inklusion und Schule

  • Ute Fischer, Barbara Gasteiger Klicpera: Leseförderung durch Wortschatzarbeit: Ergebnisse einer frühen Interventionsstudie zur individuellen Leseförderung
  • Sandra Deneke, Denise Horch, Natalie Pape, Ingeborg Reese: Inklusion durch Teilhabe an Literalität – Schule aus der Sicht funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten
  • Annett Thiele: Schulische Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit chronischen und progredienten Erkrankungen: Eine mehrdimensionale Betrachtung
  • Susanne Mischo: Unterstützte Kommunikation im Kontext von Inklusion
  • Werner Leitner: Inklusion in Bildungseinrichtungen und die Bedürfnisse von Kindern mit autistischen Zügen: Der TEACCH-Ansatz als Bezugspunkt inklusiver konzeptioneller Überlegungen und weiterführender Forschungen
  • Susanne Amft, Brigitta Boveland, Kathrin Hensler Häberlin, Beatrice Uehli Stauffer: Das Potential der Psychomotorik zur Förderung sozio-emotionaler Kompetenzen
  • Blanka Hartmann: Qualität förderpädagogischer Gutachten
  • Karin Salzberg-Ludwig: Inklusive Bildung und ihre Umsetzung in didaktische Strategien

6. Inklusion und berufliche Übergänge

  • Marc Thielen: Berufsorientierende Konzepte für benachteiligte Jugendliche in der allgemeinbildenden Schule zwischen Integrationsbestrebungen und Exklusionsrisiken
  • Helga Fasching, Gottfried Biewer: Problemlagen für einen inklusiven Übergang von der Schule zum Arbeitsleben – Erhebungen aus einem Forschungsprojekt in Österreich
  • Désirée Laubenstein, Manuela Heger: Inklusionsprozesse im Übergangsbereich Schule – Beruf
  • Kilian Spindler, Markus Gebhardt, Tobias Tretter: Jugendliche ohne Ausbildungsplatz – Verbesserungen des BVJ in der Region Bad Tölz
  • Dörte Bernhard: Professionalisierung in der beruflichen Wiedereingliederung in Schweden

Inhalte

In ihrer Einleitung führen die Herausgeberinnen und der Herausgeber aus, dass der Begriff Inklusion „für eine Berücksichtigung der individuellen Unterschiede aller Menschen, ohne dass eine Kategorisierung und Zuordnung zu einer bestimmten Gruppe stattfindet und eine Aussonderung in besondere Institutionen erfolgt (steht – CR). […] Inklusion ist […] nicht in erster Linie eine Angelegenheit der Sonderpädagogik, sondern auf wissenschaftlicher Ebene der Schulpädagogik bzw. auf der Ebene der Umsetzung der Regelschule“ (S. 11). Es folgen nun beispielhaft die inhaltlichen Darstellungen zu je einem Beitrag aus den sechs Themenfeldern:

Isabell Diehm ist promovierte Diplompädagogin und Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld. Hier gehört sie der AG Migrationspädagogik und Kulturarbeit an. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind die Erziehung in der Migrationsgesellschaft, Frühe Kindheit und Geschlecht. Diehm befasst sich in ihrem Beitrag:

  1. mit dem changierenden Integrationsbegriff der Migrationsdebatte;
  2. dem soziologischen Begriff der Inklusion;
  3. dem Inklusionsbegriff der Pädagogik.

Die Grundschullehrerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld, Petra Kemena, und die Professorin für Grundschulpädagogik an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld, Susanne Miller, beantworten in ihrem Beitrag die Frage, „wie Lehrerinnen und Lehrer die Heterogenität in ihrem Schulalltag einschätzen, insbesondere auch die bereits durchgeführten oder avisierten bildungspolitischen Maßnahmen, die vor allem zu einer Erhöhung der Leistungsheterogenität beitragen“ (S. 124). Dem theoretischen Hintergrund, der Fragestellung und dem methodischen Vorgehen folgen:

  • die Darstellung der Ergebnisse;
  • die Einschätzung und Wünschbarkeit bildungspolitischer Maßnahmen;
  • die Einflussfaktoren auf den Schulerfolg.

Als Mitarbeiterin im Grundschulreferat der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung widmet sich Dietlind Gloystein dem Index für Inklusion. „Die UN-Konvention 2006 – als Behindertenrechtskonvention (BRK) nach Ratifizierung durch den Bundesrat am 31.12.2008 veröffentlicht und seit dem 26.3.2009 in Deutschland völkerrechtlich in Kraft – verpflichtet in Art. 24 (4) die ratifizierenden Staaten zur Schaffung eines inklusiven Schulsystems. Zielführend bedarf es einer neuen Orientierung von Schule und Lehrerbildung“ (S. 219). Also: Deutschland braucht, Gloystein folgend, dringend eine inklusiven Lehrer- und Erzieherbildung.

Für den Themenkomlex Inklusion und frühkindliche Bildung betrachten Rolf Werning, Professor für Pädagogik bei Lernbeeinträchtigung am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover, Michael Urban, Vertretungsprofessor für Erziehungswissenschaft am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt/Main und den beiden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover, Ann-Kathrin Arndt und Antje Rode die Transitionsprozesse unter erschwerten Bedingungen. Ihr Beitrag enthält erste Ergebnisse „des Forschungsprojektes 'Lernerfahrungen im Übergang. Lern- und Entwicklungsprozesse sozioökonomisch benachteiligter Kinder im Schnittfeld von Familie, Kindergarten und Schule'“ (S. 238).

Das Thema Inklusion und Schule enthält einen Beitrag von der Grund- und Hauptschullehrerin Ute Fischer und der Professorin Dr. Barbara Gasteiger Klicpera, die den Arbeitsbereich Integrationspädagogik und Heilpädagogische Psychologie der Universität Graz leitet. In ihrer Untersuchung „soll geprüft werden, ob die Kinder, die zu Beginn der zweiten Klasse Schwierigkeiten im Erwerb des Lesens zeigen, durch eine zeitlich begrenzte sprachsystematische Wortschatzarbeit in ihrer Leseentwicklung so weit unterstützt werden können, dass Effekte nachweisbar sind“ (S. 273).

Für Inklusion und berufliche Übergänge sei an dieser Stelle auf einen Beitrag von der Systemischen Psychotherapeutin Dr. Helga Fasching und dem Professor für Sonder- und Heilpädagogik des Instituts für Bildungswissenschaft der Universität Wien, Gottfried Biewer, verwiesen. Hierin „werden ausgewählte empirische Ergebnisse einer österreich-weiten Folgebefragung mit Eltern von Schüler/innen mit intellektueller Beeinträchtigung im Hinblick auf Probleme für einen inklusiven Übergang von der Schule in den Beruf analysiert, die im Rahmen eines komplex ausgelegten Forschungsprojektes des Wissenschaftsfonds FWF […] erhoben wurden“ (S. 336).

Fazit

Ein lehrreicher, auf aktuelle Forschungen hinweisender, aber immer kritisch zu betrachtender Tagungsband, der sich beispielsweise für die Themensuche für wissenschaftliche Hausarbeiten sehr gut eignet.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
E-Mail Mailformular


Alle 118 Rezensionen von Carsten Rensinghoff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 19.12.2011 zu: Birgit Lütje-Klose, Marie-Therese Langer, Björn Serke, Melanie Urban (Hrsg.): Inklusion in Bildungseinrichtungen. Eine Herausforderung an die Heil- und Sonderpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1831-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12297.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!