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Victor Tiberius (Hrsg.): Zukunftsorientierung in der Betriebswirtschaftslehre

Cover Victor Tiberius (Hrsg.): Zukunftsorientierung in der Betriebswirtschaftslehre. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2011. 323 Seiten. ISBN 978-3-8349-2474-2. 39,95 EUR.
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Herausgeber

Dr. Victor Tiberius ist Postdoc mit Schwerpunkt Strategisches Management an der Universität Potsdam.

Entstehungshintergrund

Anders als es der Titel suggeriert, handelt es sich nicht unbedingt um eine Auseinandersetzung mit der Betriebswirtschaftslehre als vielmehr um eine differenzierte Betrachtung der Zukunftswissenschaft. Ausgangsüberlegung ist die Tatsache, dass sich Betriebswirtschaftslehre zwangsläufig mit der Zukunft auseinandersetzen muss, dies jedoch nach Ansicht des Herausgebers nicht ausreichend tut. Die BWL beschäftigt sich danach vergleichsweise wenig mit den konzeptionellen und methodischen Grundlagen sowie den Implikationen der Zukunft. Unterstellt wird ein naives Zukunftsverständnis, welches zwangsläufig zu einem suboptimalen Umgang mit Zukunftsfragen führen würde. Dieses Defizit soll mit der Publikation verringert werden.

Aufbau

Die Publikation ist wie ein traditionelles Referat mit Einleitung, dem Hauptteil Zukunftsorientierung in den speziellen Betriebswirtschaftslehren und einem Ausblick aufgebaut. Die beiden kurzen Teile Einleitung und Ausblick werden weitgehend vom Herausgeber selbst bestritten. Die elf Kapitel der speziellen Betriebswirtschaftslehren wurden dagegen von renommierten Professoren und ihren Mitarbeitern geschrieben.

Inhalte

Teil I: Einleitung. Die beiden ersten Aufsätze stammen von Victor Tiberius selbst. Ein sehr ausführlicher Aufsatz (70 Seiten) „Grundzüge der Zukunftsforschung“ beschreibt die Disziplin als solche und geht auch auf unterschiedliche wissenschaftstheoretische Erkenntnisverfahren ein. Hierzu werden teilweise sehr grundsätzliche Erklärungen und Beschreibungen gegeben. Deutlich kürzer ist die Auseinandersetzung mit dem Thema des Sammelbandes „Zur Zukunftsorientierung in der Betriebswirtschaftslehre.“ Letztlich hätten diese Ausführungen auch in den ersten Aufsatz integriert werden können; Kapitel 2.4 „Überblick über die Beiträge in diesem Band“ hätte in die Einleitung gehört. Horst Wildemann, Ordinarius an der TU München, schließt die Einleitung mit dem Aufsatz „Lehren aus der Krise – Zukunft besser gestalten“ ab. Als Krise ist die Finanzkrise der Jahre 2008-2010 gemeint. Hier sind interessante Methoden zur Verbesserung der Zukunftsfähigkeit dargestellt, die durchaus bedenkenswert sind.

Teil II: Zukunftsorientierung in den speziellen Betriebswirtschaftslehren. In elf „speziellen Betriebswirtschaftslehren“ wird die Zukunftsforschung untersucht. Da es sich um unterschiedliche Autoren handelt, kann es keine Gesamtbewertung geben. Den Anfang macht Elisabeth Fröhlich von der Cologne Business School mit ihrer Analyse der Zukunftsforschung im Beschaffungsmanagement. Das nächste Thema ist die Zukunftsorientierung in der betrieblichen Finanzwirtschaft, gefolgt von einem steuerrechtlichen Thema: Der Einfluss unsicherer Besteuerung auf Managemententscheidungen. Interessant ist der weite Bogen, der bei „Megatrends als Treiber der Zukunftssicherung des Controllings“ gezogen wird. „Schnittstellen von Foresight und Innovationsmanagement“, „Zukunftsorientierung in der Logistik“ und „Zukunftsorientierung im Marketing“ folgen. Den Abschluss bilden die Aufsätze „Organisation der Zukunft – Legitimität und Unsicherheit!“, „Zukunftsorientierung in der Personalwirtschaft? Eine partielle Ernüchterung!“, „Zur Zukunftsorientierung im Public Sector“ sowie „Strategisches Management und die Offenheit der Zukunft“.

Teil III Ausblick besteht nur aus einem Aufsatz „Management in unsicheren Zukünften – Einordnung, Kritik und Ausblick“ vom Herausgeber und Christoph Rasche, Professor an der Universität Potsdam.

Diskussion

„Zukunft ist etwas, das die meisten Menschen erst lieben, wenn es Vergangenheit geworden ist.“ Dieses Bonmot von William Somerset Maugham zeigt die ganze Problematik dieser Publikation: ihre Bedeutung kann man erst ermessen, wenn die Zukunft keine Zukunft mehr ist, sondern Vergangenheit. Der Autor schreibt selber: “ Die Richtigkeit einer zukunftsgerichteten Aussage kann nicht überprüft werden.“ (S 46). Lohnt es daher, sich überhaupt mit der Fragestellung auseinanderzusetzen? Ein klares Ja und Nein. Ein klares Ja, wenn der Auftrag von Wissenschaft ernst genommen wird, neues Wissen zu generieren. Gerade in der wissenschaftstheoretischen Diskussion ist es wichtig, sich mit der Metaebene auseinanderzusetzen. Nur so kann der gestaltenden Funktion von Wissenschaft – was muss heute getan beziehungsweise unterlassen werden, um zu einer bestimmten Zukunft zu kommen beziehungsweise diese zu vermeiden? – Rechnung getragen werden. Die Zukunftsforschung gehört zweifellos in die epistemologische Betriebswirtschaftslehre und kann zu höheren ontologischen Ebenen führen.

Ganz anders sieht es aus, wenn man von Humboldts neuhumanistischem Bildungsideal abhebt und die Verzweckung der Ergebnisse betrachtet. Folgt man Eugen Schmalenbach, dem Begründer der heutigen Betriebswirtschaftslehre, so handelt es sich bei ihr um eine Kunstlehre. Seine methodologische Basis war eine technologische Betrachtung der Betriebswirtschaft, die Verfahrensregeln geben sollte. Wer so etwas erwartet, wird von dem Buch enttäuscht werden. Selbst die Darstellung der „speziellen Betriebswirtschaftslehren“ – über deren Zusammensetzung sich trefflich streiten ließe – erfüllt diese Anforderung nicht. Zur Anwendungsorientierung ist also ein klares „Nein“ zu artikulieren.

Fazit

Aller Skepsis des Rezensenten zum Trotz, die vor allen aus dem umfassenden Anspruch des Herausgebers gespeist wurde, handelt es sich um eine lohnende Publikation. Ob das Buch dem Anspruch gerecht wird, „innerhalb der Betriebswirtschaftslehre für einen wissenschaftstheoretisch und methodologisch anspruchsvollen Umgang mit der Zukunft und assoziierten Sachverhalten wie Unsicherheit, Offenheit und Mehrdeutigkeit zu sensibilisieren“ (so der Klappentext), mag dahin gestellt bleiben. Ein Verdienst des Herausgebers und der vielen renommierten Autoren ist darin zu sehen, dass sie die Betriebswirtschaft als Erkenntnisobjekt einer wissenschaftstheoretischen Betrachtung unterziehen. Damit grenzt sich diese Publikation von jenen zahlreichen rezeptologischen Handreichungen deutlich ab, die in der Folge der pragmatischen Managementlehren unbewiesene Allgemeinplätze als wissenschaftliche Weisheiten verkünden. Für das Bestreben, Betriebswirtschaft als Wissenschaft zu sehen, gilt dem Herausgeber Dank.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
Professor für Human Resource Management an der Fachhochschule Koblenz
RheinAhrCampus Remagen
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 22.12.2011 zu: Victor Tiberius (Hrsg.): Zukunftsorientierung in der Betriebswirtschaftslehre. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-8349-2474-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12310.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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