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Michael Eckhart, Urs Haeberlin u.a.: Langzeitwirkungen der schulischen Integration

Cover Michael Eckhart, Urs Haeberlin, Caroline Sahli Lozano, Philippe Blanc: Langzeitwirkungen der schulischen Integration. Eine empirische Studie zur Bedeutung von Integrationserfahrungen in der Schulzeit für die soziale und berufliche Situation im jungen Erwachsenenalter. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. 121 Seiten. ISBN 978-3-258-07704-8. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 34,00 sFr.

Reihe: Beiträge zur Heil- und Sonderpädagogik - 33.
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Thema

Durch das Inkrafttreten des „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ kurz Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen im März 2009 in Deutschland wurde ein zentraler Meilenstein gesetzt, für die Gesellschaft als ein demokratisches Gemeinwesen und zugleich für die Bildungsinstitutionen sowie die Soziale Arbeit als eine, zumindest sogenannt, menschrechtsbasierte Profession. Mit dem Vertrag verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten zur Durchsetzung der Menschen- und Selbstbestimmungsrechte von Menschen mit Behinderung und zur Förderung ihrer Teilhabe und Teilgabe in allen gesellschaftlichen Bereichen. Dieser grundlegend radikale Reformprozess und seine anstehenden Auswirkungen auf die (Sozial)Gesetzgebung können und müssen dazu beitragen, den individuellen Bedarfen und den fundamentalen Selbstbestimmungsrechten der Menschen mit Beeinträchtigungen deutlich besser als bisher Rechnung zu tragen. In diesem Kontext hat die Institution Schule einen gewichtigen Stellenwert. Bildung sei eine Mindesterfordernis für unsere praktizierte Demokratie, so Luthe (2009). Die Ergebnisse der vorliegenden empirischen Langzeitstudie zeigen, zumindest für den Schweizer Kontext, „dass mit der Einweisung von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen in Sonderklassen/ Sonderschulen für Lernbehinderte Chancengerechtigkeit verhindert wird.“ (S.10)

Autor_innen

Prof. em. Dr. Urs Haeberlin ist Leiter des INTSEP-Forschungsprogramms des Heilpädagogischen Institutes der Universität Freiburg, in welchem es maßgeblich um die Vor- und Nachteile der schulischen Integration und Separation von Kindern und Jugendlichen geht bei sogenannter sozialer Benachteiligung und sich zeigenden Schulschwächen. Der vorliegende Band stellt den abschließenden Projektbericht dieser über Jahrzehnte laufenden Längsschnittuntersuchung mit der gleichen Stichprobe dar. Dr. Michael Eckhart, stellvertretender Leiter des Instituts für Heilpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Bern sowie Caroline Sahli Lozano und Philippe Blanc zeichnen sich als die wissenschaftlichen Projektmitarbeitenden.

Aufbau und Inhalt

Das für eine solche empirische Studie recht überschaubare und durch vielfältige Tabellen und Grafiken angenehm lesbar gestaltete Buch gliedert sich in die der Studie zugrunde liegenden fünf Forschungsschwerpunkte. Zunächst gibt es einen Überblick zur Fragestellung und dem Forschungsdesign. Die übergeordnete Forschungsfrage lautet: „Wie beeinflussen schulische Integrationserfahrungen von schulleistungsschwachen Kindern und von Kindern mit Immigrationshintergrund deren berufliche und soziale Situation im frühen Erwachsenenalter?“ (S.12) Zur Bearbeitung konnte auf Stichproben zurückgegriffen werden aus früheren Studien des INTSEP-Forschungsprogramms, die damals im zweiten Primarschuljahr waren und nunmehr junge Erwachsene sind. Es konnte eine Rücklauf von 63% hergestellt werden, was absolut 452 Personen aus 86 schweizerischen Schulklassen bedeutet. Dabei konnten parallelisierte Gruppen gebildet werden aus ehemals Regelklassen und ehemals Sonderklassen für Lernbehinderte. Die Befragungen wurden telefonisch durchgeführt und im Nachgang varianz- und regressionsanalytisch ausgewertet. Im Folgenden werden die zentralen Erkenntnisse hervorgehoben.

Forschungsschwerpunkt 1: Ausbildungszugänge und -wege von jungen Erwachsenen. Aus der deskriptiven Statistik wird erkenntlich, dass die ehemaligen Regelklasseschüler_innen einen durchaus größeren Anteil an höheren Ausbildungszugängen haben. „Die Unterschiede bei diesem globalen Vergleich sind frappant, aber kaum überraschend“ (S.26), so die Autor_innen. Zugleich wurden anhand einer Matched-Sample-Technik parallelisierte Stichproben gebildet, die in den Ausgangslagen Schulleistung, Intelligenz, Geschlecht und Herkunft vergleichbar sind. Auch hierbei bestätigt sich der Befund der negativen Auswirkungen des Besuchs einer Sonderklasse auf den Ausbildungszugang. Die inferenzstatistischen Überprüfungen bestätigen dies. Zugleich weisen ehemals Sonderklassenschüler_innen signifikant mehr Wechsel in ihren Ausbildungswegen auf. Die Chancengerechtigkeit scheint bei Sonderschüler_innen nicht gegeben, was die Autor_innen mit der Stigmatheorie diskutieren. Ebenfalls angeführt wird die Kapitaltransfertheorie von Bourdieu, da Schule als Institution soziale Ungleichheiten reproduziert und eher stabilisiert denn ausgleicht.

Forschungsschwerpunkt 2: Zusammenhänge zwischen sozialen Kontakten mit und Einstellungen zu Ausländerinnen und Ausländern. Hier zeigt sich der Befund, dass „persönliche und freundschaftliche Kontakte in einem bedeutsamen Zusammenhang mit Einstellungen gegenüber Ausländerinnen und Ausländern“ (S.68) stehen. „Junge Erwachsene, die in ihrer Schulzeit mehr persönliche Kontakte mit ausländischen Kindern hatten, erreichen positivere Einstellungswerte als junge Erwachsene mit wenigen Kontakten“ (S.69). Dies lässt den Schluss folgern, dass integrative Erfahrungen gerade in der Schulzeit auf die individuelle Biografie einen deutlich positiven Einfluss haben.

Forschungsschwerpunkt 3: Fähigkeitsselbstkonzept, negativer Selbstwert und Einstellung gegenüber ausländischen Menschen. Bezüglich des Selbstwertes und der Fähigkeitsselbstkonzeptes weisen die Autor_innen ebenfalls entsprechend negative Befunde für ehemals Sonderschüler_innen nach. Insbesondere beim Eintritt in die Ausbildungs- und Berufswelt wird eine zumeist fehlende Passung zwischen den schulischen Fähigkeiten und den realen Anforderungen durch die Betroffenen festgestellt.

Forschungsschwerpunkt 4: Soziale Netzwerke und Integration. Ehemalige Schüler_innen aus Sonderklassen bzw. -schulen weisen deutlich kleinere soziale Netzwerke auf. Wie dies zu bewerten ist, lassen die Autor_innen jedoch offen, da die Quantität nicht unbedingt etwas über die Qualität der Beziehungen in Netzwerken aussagen muss. Es zeigt sich zugleich, dass die Bezugspersonen bei ehemals Sonderschüler_innen zumeist über ebenfalls tiefere Berufszugänge verfügen, was wiederum Konsequenzen auf das soziale Kapital hat, wodurch die Teilhabezugänge zu gesellschaftlichen Ressourcen reduziert sind, zumal sich die ehemaligen Sonderschüler_innen selbst als deutlich weniger sozial integriert einschätzen.

Forschungsschwerpunkt 5: Ungleichheiten aus Sicht der Betroffenen. Für diesen abschließenden Forschungsaspekt wurden 16 junge Erwachsene mit einem fokussierten Leitfaden interviewt, die zuvor wiederum durch die Matched-Sample-Technik bezüglich Geschlecht, soziale und nationale Herkunft gepaart wurden. Hinsichtlich der Intelligenz und der Sprachleistungen gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen diesen Gruppen. Interessant dabei erscheint, dass unabhängig der schulischen Biografie die jungen Erwachsenen sich ihre erfahrene schulische Segregation und ihre aktuelle Situation über das Leistungsprinzip zu erklären versuchen.

Diskussion

Die Autor_innen konstatieren zusammenfassend, dass sich „der Besuch einer Sonderklasse für Lernbehinderte auf die berufliche Integration nachteilig“ (S.111) auswirke. Zugleich wird geäußert, dass sich durch Sonderschulzuweisungen bestehende Ungleichheiten in der Gesellschaft reproduzieren und stabilisieren. Im Grunde ist dies keine überraschende Erkenntnis.

Die Forderung für „ein flexibles System von Fördermaßnahmen, das einer Aussonderungstendenz der allgemeinen Schule begegnet, gemeinsame soziale Lernprozesse Behinderter und Nichtbehinderter ermög­licht und den individuellen Möglichkeiten und Bedürfnissen behinderter Kinder und Jugendlicher entgegenkommt“ ist eine aus den 70er Jahren. „Die dadurch zustande kommende gemeinsame Unterrichtung von behinderten und nicht behinderten Kindern bringt eine sonderpädagogische Verantwortung für die allgemeine Schule mit sich, die sie bisher nicht wahrzunehmen brauchte, weil es neben ihr die Sonderschule gab und noch gibt.“ So formuliert vom Deutschen Bildungsrat und zwar im Jahr 1973 (S.24).

Der Direktor des Institutes für Menschenrechte, Herr Prof. Bielefeldt, formuliert recht diplomatisch 36 Jahre später (!) im Spiegel online: „Diese Konvention setzt das System der Förderschulen unter einen neuen – und wie ich finde, heilsamen – Rechtfertigungsdruck. Denn in der Konvention steht, dass behinderte Kinder ein Recht auf inklusive Bildung haben. Wenn in Deutschland 400.000 Kinder und Jugendliche, also acht von zehn Kindern mit Behinderungen, keinen Platz im allgemeinen Schulsystem finden, obwohl viele von ihnen und ihren Eltern dies wollen, steht dies offensichtlich in Spannung mit den Vorgaben der Behindertenrechtskonvention.“ (Bielefeldt 2009)

Fazit

Es handelt sich bei dem vorliegenden Buch um die Darstellung einer beeindruckenden empirischen Studie. Allein schon aufgrund des Forschungsdesigns durch den mehrjährigen Längsschnitt erhalten die Erkenntnisse eine gewichtige Fundierung. Zugleich sehen die Autor_innen besondere ethische Herausforderungen nicht nur an Bildungsinstitutionen sondern an unsere Gesellschaft insgesamt, die nach wie vor maßgeblich auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtet scheint und dadurch deutlich selektiv agiert. Mal sehen, wie weit sich das System in weiteren 36 Jahren entwickelt haben wird.

Literatur

  • Bielefeldt, H. (2009): Interview im Spiegel online Schulspiegel 05.03.2009 http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,611490,00.html (Zugriff am 30.12.2011)
  • Deutscher Bildungsrat (1973): Empfehlungen der Bildungskommission: Zur pädagogischen Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher. Bonn
  • Luthe, E.-W. (2009): Kommunale Bildungslandschaften – Bildung als Integrationswert der örtlichen Gemeinschaft, in: Der Landkreis (2009), S. 613-619.

Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 03.01.2012 zu: Michael Eckhart, Urs Haeberlin, Caroline Sahli Lozano, Philippe Blanc: Langzeitwirkungen der schulischen Integration. Eine empirische Studie zur Bedeutung von Integrationserfahrungen in der Schulzeit für die soziale und berufliche Situation im jungen Erwachsenenalter. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. ISBN 978-3-258-07704-8. Reihe: Beiträge zur Heil- und Sonderpädagogik - 33. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12312.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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