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Stefan Klaußner: Abusive Supervision

Cover Stefan Klaußner: Abusive Supervision. Eine systemtheoretische Analyse prekärer Führungsbeziehungen in Organisationen. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2011. 344 Seiten. ISBN 978-3-8300-5921-9. 88,00 EUR.

Schriftenreihe Schriften zur Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie - Band 59.
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Thema

Um gleich ein mögliches Missverständnis auszuräumen: Es geht in diesem Buch nicht um missbrauchende Supervisoren oder um eine Supervisionsmethode, die mit Missbrauch einhergeht. Supervision ist hier die englischsprachige Bezeichnung von (Personal-)Führung und abusive kennzeichnet die destruktive, die „dunkle“ Variante, mit seinen Mitarbeitern umzugehen.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Schreyögg, einem Lehrstuhl für Organisation und Führung des Instituts für Management der FU Berlin. Die Publikation ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts und wurde 2011 als Promotion angenommen. Daneben hat der Autor zum Thema zahlreiche Beiträge in Fachzeitschriften und auf Konferenzen erstellt.

Grundverständnis

Für Führungsverhalten, das als andauernd feinselig wahrgenommen wird, hat sich in den letzten Jahren in der Personalforschung der Begriff „Abusive Supervision“ durchgesetzt. Es kann sich dabei um öffentliches Bloßstellen oder Maßregeln handeln, um cholerische Attacken, um physische Gewalt, aber auch um ein systematisches Über- oder Unterfordern. Ähnlich dem Mobbing-Konzept, geht es auch hier um Opfer- und Täterrollen, eine zu oberflächliche Herangehensweise, wie der Autor herausarbeitet. Sieht man das Führungsgeschehen aus beiden Perspektiven, der des Führenden und der des Geführten, so weitet sich der Blick auf das Interaktionsgeschehen. Auf der Grundlage solcher systemtheoretischer Überlegungen wird abusive Supervision als ein „persistentes“, also ein hartnäckig vorherrschendes Interaktionsmuster mit seinen Implikationen aufgezeigt.

Aufbau und Inhalt

Die 344-seitige Monographie gliedert sich in eine Einleitung und fünf Hauptkapitel, die den Gegenstand beginnend mit seiner Relevanz, in Bezug auf den Forschungsstand und unter Einbeziehung der Perspektive des Interaktionsgeschehens behandeln.

Dem Kapitel „Zur praktischen Relevanz…“ (33 S.) folgen das Kapitel „Stand der Abusive Supervision Debatte und ihre Forschungslücken“ (71 S.), das theoretische Grundlagenkapitel „Führung als soziale Interaktion“ (55 S.) und schließlich die „Rekonzeptionalisierung …“ (80 S.). Die „Implikationen…“ (21 S.) zielen einerseits auf die empirische Forschung, andererseits auf den praktischen Umgang mit dem Phänomen. Im Einzelnen werden folgende Inhalte erarbeitet:

1. Zur praktischen Relevanz von Abusive Supervision. Im Rahmen einer explorativen Untersuchung weist der Autor einleitend nach, dass Abusive Supervision von Relevanz ist, gleichzeitig aber schwer zu erfassen, da es sich einerseits um ein subjektiv wahrgenommenes Phänomen und andererseits um ein komplexes dynamisches Geschehen handelt.

2. Stand der Abusive Supervision Debatte und ihre Forschungslücken. Forschungen zur „dunklen Seite“ der Führung, zu Schattenseiten der charismatischen Führung, zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder etwa zu Destructive Leadership gibt es schon lange. Diese der klassischen eigenschaftstheoretischen Führungstheorie verhafteten Befunde werden seit rund zwölf Jahren um das Konzept der Abusive Supervision erweitert. Es ist vor allem Bennet J. Tepper von der Georgia State University in Atlanta zu verdanken, dass hier differenzierte Modelle entwickelt und empirisch getestet wurden. Im Gegensatz zu Mobbing oder Bossing ist die negative Wirkung von Abusive Supervision nicht von vornherein gegen einen Mitarbeiter intendiert. Klaußner arbeitet heraus, dass es eine gravierende Forschungslücke darstellt, die Interaktionsmuster zwischen Führungskraft und Mitarbeiter auszublenden. Es handelt sich eben nicht (nur) um einen Führungsstil, mono-kausale Ursache-Wirkungs-Verhältnisse werden dem Phänomen nicht gerecht.

3. Führung als soziale Interaktion – Theoretische Grundlagen. Die Austauschtheorie (Leader-Member-Exchange Forschung), kognitive Theorien und Identitätstheorien der Führung werden herangezogen ebenso wie konstruktivistische und systemtheoretische Überlegungen. Als Fazit wird festgehalten, dass die individuellen Erwartungsstrukturen im konkreten Führungskontext genauer betrachtet werden müssen.

4. Abusive Supervision – Rekonzeptionalisierung als persistentes Muster der Führungsinteraktion. Implizite Theorien und rekursives Verhalten, Formalität und Informalität sowie Unternehmenskultur geben hier die Komponenten der Diskussion. Das Phänomen der Pfadkonstitution nach Sydow et al. wird als Erklärungsmuster herangezogen, um die Ultra-Stabilität destruktiver Interaktionsmuster zu beschreiben.

5. Implikationen aus der Rekonzeptionalisierung von Abusive Supervision. Hier werden von Klaußner eher allgemein gehaltene Empfehlungen für Führungsgespräche und -trainings gegeben. In Bezug auf die weitere empirische Forschung empfiehlt er qualitative Untersuchungsmethoden: Beobachtung und Befragung. Im Anhang findet sich ein entsprechender kurzer Interviewleitfaden.

Diskussion

Eine Dissertation wird zur Erlangung eines akademischen Titels erstellt, als potentieller Leser ist vom Autor der kritische Fachwissenschaftler vorgesehen, der eine umfassende – und damit gelegentlich langatmige – Darstellung der wissenschaftlichen Diskussion erwartet. Ein Leser außerhalb des Wissenschaftsbetriebs hat andere Erwartungen. Von daher schränkt sich der Kreis potentieller Nutzer dieses Buchs in der vorliegenden Fassung ein. Das hat wiederum eine kleine Auflage zur Folge, wodurch der Verkaufspreis auf eine Höhe steigt, die für den Gelegenheitsleser uninteressant wird.

Im vorliegenden Fall wäre es trotzdem schade, wenn die Publikation keine Beachtung außerhalb der Fachwissenschaft fände. Die differenzierte Wahrnehmung der Führer-Geführten-Beziehung ist auch für den Praktiker eine zwingende Voraussetzung, dauerhafte Verbesserungen bei Problemen in der Führungsdyade zu kreieren. Allerdings konzentriert sich Klaußner auf Entstehungsbedingungen und Konzepte, die Wirkung und damit auch die Überwindung von Destruktivität in der Führungsbeziehung stehen nicht im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Aus einer mikropolitischen Sicht müsste die Analyse sogar noch weiter greifen. Die Beteiligten sind ja nicht nur Akteure gelingender oder misslingender Interaktion, sondern Gestalter im Sinne strategischer Orientierungen und im Sinne politisch-moralischer Ansprüche. Dies gerät in der vorliegenden systemtheoretischen Betrachtung gelegentlich aus den Blick.

Fazit

Klaußner ist mit seiner Dissertation eine umfassende und gleichzeitig kritische Darstellung des Phänomens „Abusive Supervision“ gelungen. Seine Publikation kann Fachkollegen uneingeschränkt empfohlen werden. Dem interessierten Laien wäre mit einer Kurzfassung, die weniger ausführlich auf klassische Forschungsarbeiten eingeht und dabei Wiederholungen vermeidet, besser gedient.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Hochschule Wismar, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Homepage www.antonhahne.de


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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 29.10.2012 zu: Stefan Klaußner: Abusive Supervision. Eine systemtheoretische Analyse prekärer Führungsbeziehungen in Organisationen. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2011. ISBN 978-3-8300-5921-9. Schriftenreihe Schriften zur Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie - Band 59. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12315.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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