Jürgen Wittpoth: Einführung in die Erwachsenenbildung
Jürgen Wittpoth: Einführung in die Erwachsenenbildung. UTB FÜR WISSENSCHAFT (Stuttgart) 2009. 3., überarbeitete Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-8252-8244-8. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,80 sFr.
ISBN 3-8100-3554-8 (Leske und Budrich).
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension.
Thema
Als Max Weber vor ca. 100 Jahren von der unvollkommenen Kommunikation gesprochen hat, versuchte er der Frage nachzugehen, was wir denn eigentlich von unseren Nächsten, den Mitmenschen bzw. -bürgern wissen? Und er konstatierte, dass es gerade dieses Nicht- oder Unwissen, jenes Informationsdefizit ist, das sich störend auf ein effizientes menschliches Handeln auswirkt.
Heute leben wir in einer Zeit moderner, für Weber völlig undenkbarer Kommunikationsmittel, die es uns nicht nur erlauben, quasi mit jedermann Kontakt aufzunehmen, sondern die uns zugleich mit allen möglichen Ereignissen, Entwicklungen und Erkenntnissen zu versorgen in der Lage sind. Es ist kaum mehr möglich sich dieser rasanten Fortentwicklung technischer Möglichkeiten, die nicht zuletzt dem Transfer von Wissen und Information dienen, zu entziehen, ohne dass man den Anforderungen der Zeit sowohl gesellschaftlich wie beruflich gerecht zu werden vermag.
Es erscheint als logische Konsequenz, dass der Erwachsenenbildung in der heutigen Informations- und Kommunikationsgesellschaft eine immer größere Bedeutung zugesprochen wird. Insofern ist erkennbar, welch ein durchaus berechtigter Erklärungsbedarf dahingehend besteht, dass die Erwachsenenbildung nicht nur als bloßes Konglomerat unreflektierter, unstrukturierter und unorganisierter Wissens- und Erkenntnisvermittlung verstanden wird.
Jürgen Wittpoth hat es sich ganz offensichtlich zur Aufgabe gemacht, die Erwachsenenbildung quasi nicht „eindimensional“ zu betrachten, seine "Einführung in die Erwachsenenbildung" soll vielmehr "eine Einführung in multiperspektivisches Denken und in theoretische Mehrsprachigkeit sein" (S. 14). So unverständlich dies zunächst klingen mag, so nimmt er mit dieser Zielsetzung doch zumindest indirekt darauf Bezug, wie differenziert sich die Erwachsenenbildung gibt - wie wenig man von einer Pauschalierung von Art und Weise, Form und Ausprägung, Sinn und Aufgabe der Erwachsenenbildung sprechen kann, dass es eben "nach dem Durchgang durch verschiedene Betrachtungsweisen der Weiterbildung keinen 'Sieger' geben" (S. 14) wird.
Bereits mit dieser einleitenden Zielsetzung macht Wittpoth deutlich, dass seine "Einführung" auf hoher, eher theoretischer Ebene angesiedelt werden muss - einer Ebene, auf die sich der unerfahrenere Erwachsenbildner zunächst nicht allzu leicht zu bewegen vermögen wird.
Autor
Prof. Dr. phil. habil. Jürgen Wittpoth ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung an der Ruhr-Universität Bochum und Autor einschlägiger Fachpublikationen.
Inhalt
Der Autor geht von dem Faktum aus, dass es unterschiedliche Arten der Erwachsenenbildung und verschiedene Formen der Bildung Erwachsener gibt; er versucht die Differenzierungen perspektivisch herauszustellen und sowohl die programmatischen und die analytischen grundlegenden Unterscheidungen wie auch die impliziten und expliziten Formen der Erwachsenenbildung zu erläutern (S. 9ff.). Zumindest bei den letzteren liegt er mit der Behauptung, dass es (u.a.) Bildungswerke und -stätten der politischen Parteien gibt falsch, da es sich hierbei ausschließlich um derartige Einrichtungen der parteinahen Stiftungen und eben gerade nicht der Parteien selbst handelt! Laut Bundesverfassungsgerichtsurteil sind diese Einrichtungen in ihrer erwachsenenbildnerischen Tätigkeit zur parteipolitischen Neutralität verpflichtet!
Wittpoth wendet sich auf den Folgeseiten (S. 15 ff.) der Historiographie der Erwachsenenbildung zu und weist auf die einerseits weit zurückliegenden Wurzeln, andrerseits aber auch auf die relativ junge Verrechtlichung derselben hin. In einem weiteren Kapitel (S. 35 ff.) referiert und entwickelt der Autor Theorieansätze und Bezugsebenen, wie z.B. jene der Institution/Organisation oder des Individuums/Interaktion, die er besonders dezidiert abhandelt. In einem anderen Kapitel (S. 65 ff.) wird die Erwachsenenbildung der Forschung und deren relevanten Methoden unterworfen, um sich dann schließlich ab S. 107 mit den Strukturen, Institutionen und Aktivitäten der Weiterbildung in Deutschland auseinander zu setzen. Wittpoth widmet die beiden letzten Kapitel der Erwachsenenbildung als Beruf (S. 175 ff.) und dem Studium der Erwachsenenbildung sowie ihrem Stellenwert auf dem Arbeitsmarkt (ab S.197).
Zielgruppen
Das Buch ist als Band 4 in der Reihe "Einführungstexte Erziehungswissenschaft" erschienen, erhebt somit den Anspruch für jene bestimmt zu sein, die sich in die Thematik einzuarbeiten gedenken, da ihnen bislang die nötigen Kenntnisse wie auch die entsprechende Praxis fehlen. Der Autor möchte jene erreichen, bei denen "sich am Ende 'Lust' an einer multiperspektivischen Beobachtungshaltung und Reflexionsweise einstellen" (S. 14). Der Herausgeber der Reihe, Heinz-Hermann Krüger, hat dabei als Zielgruppe klar jene Studierenden in erziehungswissenschaftlichen Hauptfachstudiengängen wie auch Lehramtstudierende vor Augen, die "Grundlagentexte für einführende Lehrveranstaltungen" (S. 5 "Editorial") suchen.
Fazit
Geht man von den potentiellen Zielgruppen aus, so muss man sagen, dass sich wohl viele der genannten Personenkreise mit dieser "Einführung" überfordert fühlen werden. Trotz eines durchaus gelungenen didaktischen Aufbaus (z.B. wichtige Stichwörter am Seitenrand) lässt das Buch nicht selten einen klaren und stringenten "Faden" vermissen, weil der Autor allzu schnell immer wieder in häufig verklausulierte theoretische Abhandlungen verfällt, die es dem Einführung suchenden Leser nicht leicht machen, das Gesagte und Gemeinte zu durchdringen.
Setzt man allerdings voraus, dass es sich beim Leser um einen nicht allzu Unerfahrenen handelt, bietet das Buch eine Fülle von wichtigen Erkenntnissen, einen hohen Reflexionsgrad und eine fundierte Wissensvermittlung. Es erscheint dem Rezensenten hervorragend geeignet für all diejenigen, die nicht erst seit heute in der Erwachsenenbildung tätig sind und die sich über ihre Profession wieder einmal richtig im Klaren werden wollen und sollen. Das Buch bietet eine umfassende Zusammenschau all der wichtigen Aspekte, die die Erwachsenenbildung auf der Basis ihrer geschichtlichen Entwicklung und vor dem Hintergrund der heutigen Erfordernisse ausmachen. Es wäre abschließend allerdings dringend zu wünschen gewesen, dass sich der Autor - gerade im Hinblick auf die angesprochene Zielgruppen-Leserschaft - um eine verstärkte Verexemplifizierung seiner wichtigen Erkenntnisse, Aussagen und Forderungen bemüht hätte.
Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät
Angewandte Sozialwissenschaften
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Kommentare
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 2. Auflage aus dem Jahr 2006.
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 21.07.2007 zu: Jürgen Wittpoth: Einführung in die Erwachsenenbildung. UTB FÜR WISSENSCHAFT (Stuttgart) 2009. 3., überarbeitete Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-8252-8244-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1232.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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