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Günter Mey (Hrsg.): Jugend-Kulturen

Günter Mey (Hrsg.): Jugend-Kulturen. Pabst Science Publishers (Berlin, Bremen, Miami, Riga, Rom, Viernheim, Zagreb) 2011. 134 Seiten. ISBN 978-3-89967-676-1. 13,00 EUR.

Reihe: Psychologie & Gesellschaftskritik - Nr. 138 = Jg. 35, H. 2.
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Thema

Das Thema „Jugend“ bzw. „Jugend-Kulturen“ ist ein viel beachtetes. So rufen auffällige und provozierende Jugend-Kulturen immer wieder mediale Diskussionen hervor. Auch wissenschaftlich werden Jugend, Jugendliche und ihre „Kulturen“ thematisiert, erforscht und diskutiert. Die Publikationen dieses Themengebietes sind kaum noch zu überschauen, sodass man kein weiteres Sammelwerk zu dieser Thematik zu brauchen scheint. Dennoch lohnt sich der Blick in das Themenheft „Jugend-Kulturen“der Zeitschrift „Psychologie & Gesellschaftkritik“.

Aufbau und Inhalt

Die ersten beiden Aufsätze dienen einem überblicksartigen Einstieg in das Thema „Jugend“ – allerdings mit einer unterschiedlichen Zugangsweise.

Der als Essay bezeichnete Aufsatz von Klaus Farin zu „Jugendkulturen heute“ stellt die Bedeutung von Jugendkulturen, verstanden im Sinne von Jugendszenen, dar und betrachtet gleichermaßen medial kontrovers diskutierte Phänomene wie zum Beispiel jugendliches Risikoverhalten, Gewalt und Rechtsextremismus aus der Perspektive der Jugendlichen. Zwar werden durchaus problematische Verhaltensweisen thematisiert. Insgesamt wirbt Farin für eine respektvolle Sicht auf und einem respektvollen Umgang mit Jugend.

Unter dem Titel „Immer diese Jugendforschung!“ zeichnet Günter Mey die historische Entwicklung und die unterschiedlichen Linien und Perspektiven von Jugendforschung nach. Neben einer sehr systematischen Rekonstruktion der Geschichte von Jugendforschung weist Mey auf Problematiken von Jugendforschung hin. So konstatiert er die Verwendung eines Jugendkonzeptes, das eher zu einem hohen sozioökonomischen Milieu passe (vgl. S. 40). Ferner sei die Jugendforschung unübersichtlich geworden und ihre Ergebnisse sehr widersprüchlich und stelle daher „ein höchst zersplittertes Feld“ (S. 42) dar. Er fordert mit Rückgriff auf Christian Lüders die Besinnung auf „gemeinsame inhaltliche Bezugspunkte“ (ebd.) und appelliert an die Psychologie sich für (qualitative) Jugendforschung zu öffnen, damit sie wieder Teil von Jugendforschung und von dieser zur Kenntnis genommen wird.

Die folgenden drei Aufsätze befassen sich aus einer eher empirischen Perspektive mit verschiedenen Schwerpunkt von Jugendforschung.

Am Anfang trifft Dagmar Hoffmann Überlegungen zum „Aufwachsen und Heranreifen in mediatisierten Lebenswelt“, mit denen die Autorin die Stärken und Schwächen der Mediensozialisationsforschung auslotet. In Anschluss an die Rekonstruktion des Diskussionsstandes dieser Forschungslinie sowie der darauf aufbauenden Analyse ihrer Potenzialen und Grenzen konstatiert Hoffmann eine zunehmende Subjektorientierung in der Jugendmedienforschung und eine damit einhergehende „Renaissance der klassischen Identitätstheorien“ (S. 64), die letztlich dazu führe, dass Medien und ihre Nutzung vor allem „entweder als Risiko oder als Ressource im Kontext der Sozialisation betrachtet“ (S. 66) würden. Ihr „Plädoyer für eine phänomenologische Betrachtung von Medienaneignungsprozessen im Jugendalter“ (S. 51) dagegen lautet, dass Medien „Werkzeuge, Apparate und Plattformen [sind [N.S.]], über die, in denen und mit denen Kommunikation, Interaktion und Sozialisation stattfindet“. (S. 67).

Ob das Jugendalter eine „Zeit der Extreme“ ist, fragt Andrea Kleeberg-Niepage mit Blick auf „Rechtsextremismus im Jugendalter“. Die offenen Fragen der wissenschaftlichen Diskussion sind für sie die folgenden: „Ist Rechtsextremismus also ein jugendliches Durchgangsphänomen?“; „Sind Männer also anfälliger für solches Gedankengut?“ und „Ist Rechtsextremismus also ein individuelles oder doch eher ein gesellschaftliches Phänomen?“ (S. 75). Im Verlauf des Aufsatzes verneint sie die erste Frage eindeutig. So seien rechtextreme Einstellung nicht auf das Jugendalter beschränkt, lediglich Gewaltanwendung – allerdings auch ohne einen politisch extremen Hintergrund – komme bei Jugendlicher häufiger als bei Erwachsenen zum Einsatz (vgl. S. 79). Vergleichbar sind ihre Ergebnisse bezüglich der Geschlechterfrage. So unterscheiden sich die rechtsextremen bzw. ausländerfeindlichen Einstellungen nicht nach Geschlecht, jedoch wenden sich junge Frauen seltener entsprechenden Szenen oder Gruppen zu (vgl. S. 84-85). Zu der dritten Frage kommt die Verfasserin zu dem Ergebnis, dass im Bereich der Ursachenforschung individualisierte Ursachenzuschreibungen überwiegen. Für Kleeberg-Niepage ist dies jedoch ein unzureichender Blick, sodass die Antwort auf die dritte Frage zugleich ihr Fazit ist: Die „Mitverantwortung der Mehrheitsgesellschaft für die Übernahme rechtsextremer Überzeugungen“ (S. 88) wird ausgeblendet.

Dieser empirische Fokus des Themenheftes schließt mit Stefan Thomas?' Betrachtung von „Identität und Exklusion unter Postadoleszenten“. Präsentiert werden Ergebnisse einer ethnographischen Studie zu den Folgen von Armut und Exklusion bei Jugendlichen, die sich in der Szene am Berliner Bahnhof Zoo aufhalten. Unter Rückgriff auf den Identitätsbegriff arbeitet der Autor heraus, dass die Jugendlichen „beschädigte Identitäten“ (S. 98) haben. Ganz deutlich kann dies an der Unmöglichkeit der Jugendlichen, „eine kohärente Lebensgeschichte“ (S. 101) erzählen zu können, veranschaulicht werden. Als Reaktion zeigen einige Jugendliche am Bahnhof Zoo eine „fragmentierte Identität“ (S. 103). So werden einzelne Erlebnisse zu „Heldengeschichten“ stilisiert, um „allen Identitätsbeschädigungen auszuweichen“ (ebd.). Ein weiteres wichtiges Moment am Bahnhof Zoo ist die Selbstbehauptung, die situativ in scherzhaften und verbalen Wettkämpfen, die auch der Aushandlung der sozialen Positionen in der Gruppe dienen, inszeniert wird. Thomas fordert eine „integrative Theorie der Armut“, die auf die Verantwortung der Gesellschaft hinweist, „gerade jungen Menschen die Aussicht auf eine gelingende Integration und Identitätsbildung zu bieten“ (S. 109).

Das Themenheft endet mit einem Blick auf Psychotherapie und Beratung mit Jugendlichen von Barbara Bräutigam. Unter der Überschrift „Mal ist es ein Scheißleben und mal ganz cool“ rekonstruiert die Verfasserin zunächst die entwicklungspsychologischen und -psychopathologischen Erkenntnisse zum Jugendalter. Daraus entwickelte sie die besonderen Erfordernisse an Beratung und Psychotherapie mit Jugendlichen. Sie befürwortet die „Einbeziehung unterschiedlicher Settings“ (S. 119), d.h. die „Balance zwischen Elternarbeit und einzeltherapeutischen Setting“ (S. 120) und „Elastizität bei dem raschen Wechsel zwischen regressiven und progressiven Persönlichkeitsanteilen“ (S. 121). Resümierend betont sie die besonderen Anforderungen an die Persönlichkeit der Berater und Therapeuten. Veranschaulicht werden die Ausführungen mit Fallvignetten, sodass sie ihre Überlegungen und Forderung konkretisiert.

Fazit

Bei der Lektüre und Einschätzung des Themenheftes ist zu berücksichtigen, dass sich die Veröffentlichung explizit in der psychologischen Disziplin verortet, in der die subjektorientierte Jugendforschung eher wenig Beachtung findet. Explizit wird somit eine Leserschaft adressiert, die sich mit dieser Perspektive wenig oder gar nicht auseinander gesetzt hat. Gelungen ist die abwechslungsreiche Zusammenstellung der verschiedenen An- und Aufsätze, die dem eingangs erklärten Ziel folgen, aus der Perspektive einer „subjektorientierten Jugendforschung […] die Alltagswelten Jugendlicher angemessen zu berücksichtigen.“ (S. 6). Der Facettenreichtum von Jugendforschung wird sowohl thematisch als auch in den Zugängen abgebildet. Dabei wird versucht sowohl eher an den wissenschaftlichen Diskurs anzuschließen als auch für diesen Perspektiven zu entwickeln – vor allem in den Aufsätzen von Mey und Hoffmann. Andererseits werden Menschen angesprochen, die mit Jugendlichen arbeiten. Am deutlichsten wird dies im Aufsatz von Bräutigam, aber auch Thomas und Kleeberg-Niepage entwerfen Perspektiven für psychologische oder pädagogische Praxis.

Zusammenfassend ist dieses Themenheft empfehlenswert für einen exemplarischen Einblick in das Feld der Jugendforschung. Bei der vertieften Auseinandersetzung mit spezifischen Themen und Forschungszugängen bietet sich es jedoch eher weniger an.


Rezensentin
Nora Schulze
M.A.


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Zitiervorschlag
Nora Schulze. Rezension vom 21.09.2012 zu: Günter Mey (Hrsg.): Jugend-Kulturen. Pabst Science Publishers (Berlin, Bremen, Miami, Riga, Rom, Viernheim, Zagreb) 2011. ISBN 978-3-89967-676-1. Reihe: Psychologie & Gesellschaftskritik - Nr. 138 = Jg. 35, H. 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12324.php, Datum des Zugriffs 28.03.2017.


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