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Knud-Christian Hein: Rechtliche Grenzen von Anti-Aggressivitäts-Trainings

Cover Knud-Christian Hein: Rechtliche Grenzen von Anti-Aggressivitäts-Trainings. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. 231 Seiten. ISBN 978-3-8258-9620-1. 24,90 EUR, CH: 37,90 sFr.

Reihe: Kriminalwissenschaftliche Schriften - Band 12.
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Autor

Knud-Christian Hein hat hier seine 2005/6 im Fachbereich Rechts- u. Wirtschaftswissenschaften der Universität Mainz angenommene Dissertation als Band 12 der Kriminalwissenschaftlichen Schriften (Hg. von Schöch/Dölling/Meier/Verrel) publiziert.

Thema

Die Anti-Aggressivitäts-Trainings sind seit ihrer Entwicklung aus dem vor allem von dem Begründer Michael Heilemann und Kollegen geprägten „Antagonistentraining für eine gewaltfreie Lebensführung“ (als deliktspezifische Modifikation des „Geschlechtsrollenseminars“ für Sexualstraftäter) im Übergang der 80/90-er Jahre im Hamelner Jugendstrafvollzug in letzter Zeit immer populärer geworden. In der sozialpädagogischen Gewaltprävention wie Gewalttäterbehandlung sind derartige Ansätze mittlerweile völlig en vogue und gelten als längst etablierte Methode in sekundär- und tertiärpräventiv orientierten sozialpädagogischen Handlungsfeldern.

Welche rechtlichen Implikationen und Problematikendiese ja charakteristischerweise doch ziemlich „konfrontativen“ Kurse haben und welche formal juristischen Grenzen ihnen eigentlich gesetzt sind, ist Gegenstand der vorgelegten Analyse.

Die allgemeinen straf- und jugendhilferechtlichen Grundlagen der „Intensiv“-Maßnahmen – vor allem des umstrittenen sog. „Heißen Stuhls“ – werden kritisch diskutiert, etwa hinsichtlich der drängenden Frage einer möglichen Verletzung der Menschenwürde und der körperlichen Integrität der Teilnehmer durch das provokative Trainingsprogramm oder die offensive Behandlung durch die Trainer. Dies sind nicht nur zentrale „moralisch- ethische“ Fragen, sondern eben auch eindeutig und fundamental rechtliche, die in der oft unüberschaubaren Praxis von den Akteuren zuweilen übersehen, nicht beantwortet oder nicht hinreichend gewürdigt und berücksichtigt werden. Hier nun werden die gesetzlichen Probleme und rechtlichen Grenzen bzw., und darum geht?s, systematische Grenzüberschreitungen ausführlich untersucht und diskutiert. Dazu zählt die Problemstellung des de lege lata ja stets fehlenden strafprozessualen Zeugnisverweigerungsrechts der „Trainer“.

Aufbau

Nach einer Einleitung im ersten Teil der Untersuchung befasst sich der große zweite Teil (S.13 -103) mit der ausführlichen Darstellung der Anti-Aggressivitäts-Trainingskurse in Deutschland, im Besonderen sehr ausführlich mit der des theoretischen Bezugsrahmens und deren praktischer Umsetzung, der originären Konzeptionierung in der Jugendstrafanstalt Hameln und des Curriculums sowie seiner bisherigen Effiziens.

Der dritte Teil der Untersuchung (S.104-228) ist den vielschichtigen und differenzierten rechtlichen und kriminologischen Implikationen gewidmet, die detailliert herausgearbeitet und in Bezug zu den jeweiligen zeitlich aufeinander folgenden inhaltlichen „Phasen“ der Programme (nämlich vor Beginn des Kurses und dann die sog. Integrationsphase, Konfrontationsphase mit Provokationstests, Kompetenzphase und am Ende der Realisationsphase) diskutiert werden.

Die wesentlichen Ergebnisse werden im vierten Teil (S.229-231) kurz zusammengefasst.

Diskussion

Nicht nur, dass der Autor bei strafunmündigen Kindern als Teilnehmer von Anti-Aggressivitäts-Trainingskursen (die es auch schon gibt) ob der intensiven Methoden und Techniken vor den negativen psychischen Folgen warnt und zudem eine Gefahr sieht, dass sich für Kinder contra legem das SGB VIII zum „Ersatz-Strafrecht“ entwickelt – er hat auch bei den „normalen“ Kursen (i.d.R. für gewaltaffine oder gewalttätige Jugendliche) gravierende rechtliche Bedenken: So sieht er, dass bereits in der Integrationsphase die Teilnehmer Nachteile dadurch erleiden, weil die Trainer kein Zeugnisverweigerungsrecht haben und so die ihnen gegenüber „gebeichteten“ weiteren Straftaten richterlich bekannt machen könnten. Der Autor plädiert daher für die Einführung eines Zeugnisverweigerungsrechts für die Trainer wie auch Teilnehmer der Kurse.

Schwerer aber wiegt sicher, dass die Kursteilnehmer besonders in der Konfrontationsphase „in ihren Grundrechten verletzt“ würden (S.230), denn auf dem „Heißen Stuhl“, dem Kernstück und quasi therapeutischem „Nadelöhr des Kurses“ (ebd) kommt es aufgrund der Provokationszwecke zu einer „Verletzung der Menschenwürde“, auch durch körperliche Angriffe, Berührungen und Tätscheleien, die das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit tangieren. Er kommt zu dem Ergebnis, das derartige „Eingriffe in Art. 2 II 1 GG somit verfassungsgemäß nicht zu rechtfertigen“ und demzufolge als (übliche) „gerichtliche Weisungen unzumutbar“ sind und demzufolge „zu unterbleiben“ haben (S.231).

Fazit

Das vorliegende Werk wirft bei aller offenbar verbreiteten Zustimmung für die Anti-Aggressivitäts-Trainings nicht nur wichtige kritische Fragen rechtlicher Bewertung und Bedenken des Programms auf, sondern weist – vor allem hinsichtlich des „Heißen Stuhls“ – sogar Grundrechtsverletzungen nach, die auch die zur Kursteilnahme „verdonnerten“ Rechtsbrecher nicht erdulden müssen (und dürfen). Hier sollte nach des Autors Expertise dessen deutliche Warnung vor der sorglosen Ausweitung der Kurse und vor allem den Gefahren des „verantwortungslosen Umgangs“ (S.231) nicht überhört werden; schon gar nicht von denen, denen es professionell um Schutz und Wahrung von Recht und Gesetz geht. Ein kritisches Grundlagenwerk mit besonderer Empfehlung.


Rezensent
Dr. phil. Dipl. Sozialpäd. Jörg-M. Wolters
Erziehungswissenschaftler. Institut für Budopädagogik. Arbeitsgemeinschaft „Kampfkunst in Pädagogik und Therapie"
Homepage www.Budopaedagogik.de


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Zitiervorschlag
Jörg-M. Wolters. Rezension vom 23.01.2012 zu: Knud-Christian Hein: Rechtliche Grenzen von Anti-Aggressivitäts-Trainings. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. ISBN 978-3-8258-9620-1. Reihe: Kriminalwissenschaftliche Schriften - Band 12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12328.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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