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Gottfried Fischer (Hrsg.): Früherkennung und Prävention psychischer Traumatisierung [...]

Cover Gottfried Fischer (Hrsg.): Früherkennung und Prävention psychischer Traumatisierung und das Trauma der Helfer. Asanger Verlag (Kröning) 2003. 96 Seiten. 19,00 EUR.

Themenschwerpunkt der Zeitschrift für Psychotraumatologie und psychologische Medizin 1 (1) ISSN 1611-9568.


AutorInnen und ihr Hintergrund

Alle Autoren/Autorinnen beschäftigen sich aus ihrer jeweiligen Fachlichkeit und in ihrer beruflichen Tätigkeit mit ausgewählten Facetten des Themenfeld Psychotraumatologie

Zielgruppen

Die Zeitschrift und dieses Themenheft wenden sich an viele - MedizinerInnen, TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen, Pflegekräfte, innen-, sozial- und gesundheitspolitisch Verantwortliche. Die Artikel sind sowohl anspruchsvoll als auch LeserInnenfreundlich geschrieben.

Aufbau und Inhalt

ZPPM ist eine Neuerscheinung und erscheint vierteljährlich. Jedes Heft ist einem Themenschwerpunkt gewidmet und umfasst ca. 100 Seiten. ZPPM intendiert die Förderung und Intensivierung des interdisziplinären Dialoges. Interdisziplinär bezüglich verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, verschiedener medizinisch-therapeutischer Fachrichtungen und Theorie, Therapie, Sozialarbeit und der "Praxisfront" - Rettungsdienste, Feuerwehr, Polizei, Sicherheitskräften und NGO. Ziel und Aufgabe der ZPPM ist es "Erkenntnisse der Psychotraumatologie in Disziplinen und Praxisfeldern zu verankern, die zusammenfassend als Disziplinen einer "Psychologischen Medizin" bezeichnet werden." (ZPPM, Jg.1(2003) Heft 1, 4)

  • Psychosoziale Beratung von Polizeibeamten in dienstlichen Belastungssituationen -W. Sennekamp/H. Martin. Berichtet und diskutiert werden die Informationen einer Befragung von 1717 Polizeibeamt-Innen (Rücklauf 31,6% = 540). 2/3 der Befragten erlebten extreme Belastungssituationen mit langfristigen subjektiven Auswirkungen. 77% stellten sich eine Beratung als hilfreich vor. Ehrenkodex, Korpsgeist und bisherige Karrieremuster "verbieten" eine innerbetriebliche Beratung, da die AnsprechpartnerInnen in Rollendiffusionen geraten (müssen). Die "PsychoSoziale Betreuung (PSB) - Polizeipräsidien Karlsruhe und Pforzheim - arbeiten sowohl nicht pathologisierend oder abwertend als auch ressourcenorientiert. In 59% der Fälle reichten wenige Intensivgespräche als Hilfe zur Selbsthilfe, die verbleibenden 41% wurden an ambulante oder stationäre Hilfeeinrichtungen weitervermittelt.
  • Zielgruppenorientierte Soldatenhilfe - R. Bering / G. Zudeck / C. Schedlich / G. Fischer. Es geht um die Prüfung und Optimierung der Kriseninterventionsmaßnahmen - "debriefing" nach kritischen Ereignissen bei Einsätzen der Bundeswehr. Die Arbeitsgruppe "Prävention und Behandlung von Psychotraumen" entwickelte und arbeitet mit dem Zielgruppenorientierten Interventionsansatz. Dieser unterscheidet drei Risikoprofile: "Selbstheiler", "Wechslergruppe" und "Risikogruppe". Er verfügt über abgestufte, profilorientierte Interventionsrepertoires. Die Anwendbarkeit dieses Ansatzes wird an einer Fallvignette exemplifiziert, um zu prüfen, ob der Kölner Risikoindex Bundeswehrversion (KRI-BW) für die Risikoprofil-Zuordnung der Betroffenen tauglich ist und greift. Das Ergebnis ist positiv: für alle eine psychoedukative Aufklärung und Selbsthilfe durch Distanzierungs- und Stabilisierungstechniken, für die "Wechsler" eine psychologische Nachsorge und für die "Risikogruppe" eine psychotraumatologische Therapie.
  • Belastungen für Therapeuten in der Arbeit mit Folterüberlebenden - N.F. Gurris. Nachgegangen wird den Fragen, inwieweit eine "stellvertretende Traumatisierung und Compassion Fatrigue" bei asylsuchende Folteropfer behandelnden TherapeutInnen auftritt, welchen zusätzlichen spezifischen psychischen Belastungen sie durch die Asylsuche ihrer Klientel ausgesetzt sind und welche Folgen das für ihre sozio-psychische Gesundheit hat. Die therapeutischen Rahmenbedingungen sind unzulänglich bis therapiegefährdend. Zum einen fehlt eine angemessene ambulante Regelversorgung für asylsuchende Folterüberlebende, da viele niedergelassene Ärzte PTBS nicht diagnostizieren (können) bzw. ihre Therapie auf ein dominantes Phänomen z.B. Angst reduzieren. Zum anderen ist die Existenz der Psychosozialen Zentren für Folterüberlebende (PSZ) Jahr für Jahr gefährdet. Es herrscht chronischer Geld- und Sachmittelmangel. Grundausstattung, Ansatz und Praxis der PSZ werden kurz beschrieben. Des Weiteren wird erläutert, was stellvertretende Traumatisierung bzw. compassion fatigue meint. Es gibt vielfältige, überzeugende und ernstzunehmende Hinweise, dass die MitarbeiterInnen der PSZ mit traumatischen Belastungsreaktionen und/oder anderen psychischen Beeinträchtigungen zu tun haben. Die Ursachen sind multifaktoriell: Stressoren innerhalb des therapeutischen Prozesses (Vermeidungsverhalten, Containerfunktion, Nähe-Distanz etc.); externale Stressoren ( Asylanerkennungskampf, unsicherer Aufenthaltsstatus, gefährdeter Rollenkonfusion, Rollenfunktionskonflikte etc.). Da oftmals - wenn auch unterschiedlich stark - das gesamte Team an stellvertretender Traumatisierung leidet, kann dies in den Teams weder aufgefangen noch aufgearbeitet werden. Dies führt zu teaminternen Wiederholungen dessen, was dem Klientel geschah, Opfer-Täter-Zuschreibungen, wechselseitige Schuldzuschreibungen, Vernichtungsphantasien, Spaltungen bis hin zu Ausstoßungen. Notwendig ist deshalb eine dauerhafte Existenzsicherung der PSZ ( EU-Vernetzung, EU-Finanzierung), klare Rollendifferenzierung und ggf. bis zur Asylanerkennung ein sozialarbeiterisches Case-Management, dem dann eine konsistente Traumatherapie folgt.
  • Burnout - und Traumaforschung: Anmerkungen zum transkulturellen Substrat - I. Rösing. Die internationalen Forschungen zu Burnout (BO) und zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) werden bzgl. ihrer transkulturellen Orientierung verglichen. Die BO-Forschungen ist sowohl transnational als auch ethnozentrisch (westliche Begriffe von Person, Selbstgefühl und -wert, Ich-Konzept, Leistungsbewertung), ihr fehlen kulturanthropologische Deutungen nationaler und kultureller Unterschiede. Es gibt eine scientific community und ihr Instrument MBI (Maslach Burnout Inventory). Beide Mängel führen dazu, dass das subjektiv Erlebte der BO Betroffenen in der Forschung nicht vorkommt. Obwohl messmethodisch noch ethnozentriert ist die PTSD-Forschung bedingt durch die Traumaauslöser - Krieg, Massengewalt, Genozide, Katastrophen, Terror etc. - stärker fremd- und interkulturell orientiert zumindest sensibilisiert. So werden einerseits zunehmend qualitative Verfahren und Methoden der Feldforschung (wieder) eingesetzt, um kulturellen Dimensionen gerecht zu werden und andererseits mehren sich die kulturkritischen Diskurse und Reflexionen. 13 Variablen potentieller kultureller Unterschiede werden vorgestellt. Abschließend werden die Unterschiede zwischen BO und PTSD benannt. PTSD ist eine anerkannte Krankheit, die von Professionellen behandelt wird. Für PTSD gibt es den Nachweis organischer Korrelate, für BO (noch) nicht. In der PTSD-Forschung gibt es bzgl. bestimmter Kriterien einen Konsens, in der BO-Forschung (noch) nicht, die PTSD-Praxis ist kontrovers bzgl. der Behandlungszugänge und -wege ( z.B. debriefing, EMDR etc. ).
  • Neoliberalismus als soziopsychischer Traumatisierungsprozess - R. Bianchi. Kurz und prägnant führt Bianchi in die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie ein. Die basale soziale Selbstobjektbeziehung wird zur kritischen Kategorie, um die Wirkkraft des Neoliberalismus und seiner sozialen Folgen in der psychischen Tiefenstruktur aufzuzeigen und sozialpsychoanalytisch zu verstehen. Gravierende und/oder traumatische Ereignisse im Erwachsenenleben können das Identitätsgefüge labilisieren bis beschädigen, wenn eine benigne Subjekt-Umwelt-Beziehung zur malignen wird. Der traumtheoretische Spaltungsbegriff bildet die Brücke zwischen der intrapsychischen Struktur und dem spezifischen Charakter sozialer Prozesse und Strukturen (z.B. die Spaltung bei KZ-Ärzten in ein Auschwitz- und ein Normal-Selbst). Mittels dieser modellhaften theoretischen Konstrukte können die durch traumatisierende ökonomisch-soziale Entwicklungen ausgelösten psychischen Folgewirkungen als "ökonomische Neurose", die Aufspaltung des Selbst in ein neoliberal-aggressives Täter-Selbst und ein neoliberales Opfer-Selbst, erklärt und verstanden werden. Der europäische Sozialstaat war ein benignes basales Selbstobjekt - kollektive Verantwortung für die Absicherung des Individuums gegen Unfall, Krankheit, Alter, Armut. Heute verabsolutiert der Neoliberalismus den Markt und seine Ergebnisse und fordert die Entstaatlichung der Ökonomie und die Ökonomisierung der Gesellschaft - Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung sind die Stichworte. Shareholder value bedeutet die programmatische und realökonomische Dominanz des betriebswirtschaftlichen über das volkswirtschaftliche Prinzip ökonomischen Denkens, Entscheiden und Handeln. Es geht um kurzfristige Gewinnmaximierung (Kasino-Kapitalismus), erzielt durch massive Rationalisierungswellen - Arbeitsplatzvernichtung - (jobless growth), was zu einer strukturellen Massenarbeitslosigkeit führt. Neoliberale Politik verfolgt zwei Ziele: permanente Senkung der Steuerlast für Unternehmen und Zerstörung des Sozialstaats, d.h. die Ökonomisierung der Gesellschaft und der Individuen. Die Vorherrschaft des sozialdarwinistischen Gewinnprinzips evoziert einen dissoziativen Prozess, eine Ökonomisierungsspaltung sowohl gesamtgesellschaftlich als auch intraindividuell, ersetzt das benigne soziale Selbstobjekt durch ein malignes. Die Folge ist die soziopsychische Verwüstung unserer Sozialstrukturen und der affektiven und Identitätsstrukturen der Individuen. Die Zerstörung der Vollbeschäftigung und steigende strukturelle Massenarbeitslosigkeit führen zur Kerntraumatisierung, die weitere Traumafolgen nach sich zieht: anwachsendes Anomiepotential, kollektive Perspektivlosigkeit, aggressive, sozialpsychologische Atmosphäre, individuelle Desorientierung und Fragmentierung der Identitäts- und Selbst-Struktur der Individuen. Die strukturell aufgezwungene Erwerbslosigkeit und damit unfreiwillige Verlust von Arbeit erzeugt multiple und gravierende psychische Belastungen und Schädigungen, massive Gefühle der Verlassenheit, die in Selbstwertverlust, Isolation und Hoffnungslosigkeit einmünden. Verschiedene Untersuchungen dokumentieren bzw. lassen den Rückschluss zu, "dass der dauerhafte Verlust des Arbeitsplatzes die Betroffenen der konstitutiven, identitätsrelevanten benignen Sozialbindung beraubt und zur Beschädigung des psychischen Identitätskerns der Persönlichkeit führt, der sich von frühauf intersubjektiv konstituiert" (S.61). Diese Phänomene mittels Sachzwängen zu begründen und damit die Ursachen zu naturalisieren, führt zur individuellen Resignation und Entpolitisierung, wo Solidarisierung vonnöten wäre. - Der zweite Teil des Vortrages erscheint in Heft 2
  • Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung im April 2002 - O.Decker / O. Niedermayer./ E. Brähler. Vorgestellt, diskutiert und interpretiert werden ausgewählte Ergebnisse einer Studie zum Ausmaß und zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in Deutschland. Eine Fragebogenerhebung mit 1001 Ostdeutschen und 1050 Westdeutschen, die von geschulten Interviewern durchgeführt wurde, lieferte die Datenbasis. Vorgängige Dokumentationen belegen Zusammenhänge zwischen rechtsextremen Einstellungen und Sterbehilfe, Zustimmung zu Eugenik, dem Versuch über ein Nationalismusverständnis innerpsychische Konflikte zu lösen bzw. Defizite der psychischen Struktur zu kompensieren - narzisstische Verwundungen, mangelnde Frustations- und Ambiguitätstoleranz- und der Entstehung psychosomatischer Krankheiten. Zusätzlich relevant ist die Thematik für die medizinische Psychologie und Soziologie, da sie sich vermehrt konfrontiert sieht mit den Opfern rechtsextremistischer Gewalttaten - Flüchtlinge, Ausländer, Behinderte, Schwule. Reaktualisiert werden dadurch die Studien zum Autoritären Charakter (Adorno). Vergleichende Untersuchungen von ost- und westdeutschen Jugendlichen kommen selten zu signifikanten Unterschieden, zeigen jedoch als Gemeinsamkeit eine anpassende bis konformistische Orientierung. Ein Manko bisheriger Forschungen war ihre Unvergleichbarkeit aufgrund des Einsatzes unterschiedlicher Instrumentarien. Eine Expertenkommission entwickelte deshalb einen Fragebogen zum Rechtsextremismus mit jeweils 5 Fragen in den 6 Abbildungsdimensionen. Die drei am stärksten verbreiteten Dimensionen sind Ausländerfeindlichkeit (Ost > West), Chauvinismus (West > Ost), Antisemitismus (West >> Ost). Im Westen findet zusätzlich eine deutliche Verharmlosung des Nationalismus statt. In West wie in Ost neigen und haben Befragte mit geringerer Bildung stärker rechtsextreme Einstellung. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass höher Gebildete bei der Zustimmung vorsichtiger sind u.U. widersprüchlich zu ihrer inneren Wirklichkeit und dass ihre Berufsfelder von sozialen Krisen eher indirekt bzw. später betroffen sind, so dass eine psychische Regulation (noch) nicht notwendig ist. Frauen und Jüngere sind für rechtsextreme Einstellungen weniger empfänglich als Männer und Ältere (> 60 Jahre)
  • Einige Überlegungen zu Psychohygiene und Burnout-Prophylaxe von TraumatherapeutInnen. Erfahrungen und Hypothesen. - L. Reddemann. Die Gefahr von compassion fatigue und die Notwendigkeit von Psychohygiene werden dargestellt, Maßnahmen zum Psychohygiene-Management vorgeschlagen und einige Elemente eines Psychohygieneseminars vorgestellt. Die mangelnde Bereitschaft zur Psychohygiene der Nachkriegsgeneration in Deutschland wird soziohistorisch und psychodynamisch abgeleitet, erläutert und zu verstehen versucht. Die Unkenntnis über die Rolle der Eltern/Großeltern im Naziregime und die daraus abzuleitende Ambivalenz zwischen Opfer- und Mit-TäterInnen-Anteilen brachte diese Generation in einen double-bind und eine verinnerlichte Sippenhaft, die bis heute eine adäquate Selbstfürsorge und Psychohygiene behindern.

Es folgen noch Informationen zu:

  • Wer macht was in der Psychotraumatologie? Hinweise auf Zentren, Vereine, Forschungsprojekte und Behandlungsangebote
  • Kongresse und Tagungen
  • Rezensionen und Neuerscheinungen

Fazit

Die Zeitschrift ist klar strukturiert. Die Artikel bieten Einblicke in verschiedene Facetten der Forschung, Prävention und Intervention in psychotraumatologisch relevanten Gebieten Die Mischung ist gelungen. Hinsichtlich ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz sind die Artikel von Bianchi und von Decker et. al. und hinsichtlich der soziohistorischen Deutung der Psychohygiene"abstinenz" der Artikel von Reddemann besonders zu empfehlen. ZPPM füllt eine Lücke fachlich kompetent und wird den eigenen Ansprüchen gerecht.


Rezensentin
Dr. Michaela Schumacher
Homepage www.drmichaelaschumacher.de
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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 01.06.2004 zu: Gottfried Fischer (Hrsg.): Früherkennung und Prävention psychischer Traumatisierung [...]. Asanger Verlag (Kröning) 2003. 96 Seiten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1235.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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