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Dorothea Lampke (Hrsg.): Örtliche Teilhabeplanung [...] Menschen mit Behinderungen

Cover Dorothea Lampke (Hrsg.): Örtliche Teilhabeplanung mit und für Menschen mit Behinderungen. Theorie und Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 330 Seiten. ISBN 978-3-531-18173-8. 34,95 EUR.
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Thema

Mit der Ratifizierung der UN Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung steht die Politik vor neuen Herausforderungen. Dank neuer Rechtsnormen und der Weiterentwicklung traditioneller Hilfearrangements wird der vollständige Schutz vor Diskriminierung von Menschen mit Behinderung angestrebt. Diesem Anspruch wird vor allem die Kommunalpolitik gerecht, die dort handelt, wo die Menschen leben, wohnen, ihre Freizeit verbringen u.v.m. Mit dem vorliegenden Sammelband schaffen die Autoren ein Forum, „auf dem theoretische Überlegungen und Praxiserfahrungen vorgestellt werden, an denen sich die örtliche Planungspraxis in ihrer weiteren Entwicklung orientieren kann,“ (S. 18)

Herausgeber und Herausgeberin

Dorothea Lampke ist Dipl. Sozialarbeiterin (FH) und Politikwissenschaftlerin (B.A.). Albrecht Rohrmann studierte Theologie und Soziologie. Derzeit hat er eine Professur für Professor für Sozialpädagogik mit den Schwerpunkten Soziale Rehabilitation/ Inklusion an der Uni Siegen inne und ist Sprecher des Zentrums für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE). Dr. phil. Johannes Schädler ist Geschäftsführer des Zentrums für Planung und Evaluation Sozialer Dienste der Universität Siegen (ZPE).

Aufbau

Der Sammelband ist in drei Abschnitte untergliedert:

  1. Kommunale Behindertenpolitik
  2. Aspekte der kommunalen Teilhabeplanung
  3. Professionelles Handeln in Dienstleitungsorganisationen

In der Einführung spannen die Herausgeber den Bogen von der UN Menschenrechtskonvention mit all ihren Herausforderungen für das „Inklusive Gemeinwesen“ über die Gesetzgebung in Deutschland hin zum Konzept der Teilhabeplanung als lernorientierten und partizipativen Prozess.

1. Kommunale Behindertenpolitik

Den leitet Rohrmann mit der Frage (Re)kommunalisierung der Behindertenpolitik? ein. Der Blick des Lesers wird dabei auf die kommunale Behindertenpolitik gelenkt, die mit der Diskussion um die Entwicklung eines „inklusiven Gemeinwesens“ an Bedeutung gewinnt. Nachdem der Autor einen historischen Abriss über die Herausbildung der Behindertenpolitik gibt, geht er detailliert auf deren Neuausrichtung ein. Die Neubestimmung der Behindertenpolitik sieht Rohrmann allerdings nur in Verbindung mit der Einbeziehung aller Akteure in die Entwicklung des inklusiven Gemeinwesens.

Im Beitrag Behindertenpolitik im aktivierenden Sozialstaat und ihre Auswirkungen auf die kommunale Ebene kommt Spörke zu dem Schluss, dass die Einbeziehung behinderter Menschen als Experten/Innen in eigener Sache erst die Umsetzung der Vorgaben der UN Menschenrechtskonvention zum inklusiv ausgerichteten Anspruch auf Soziale Teilhabe vollständig ermöglicht. Das betrifft nicht nur die Neugestaltung des SGB IX sondern auch Bereiche wie Bildung, Arbeit, Barrierefreiheit sowie Teilhabe im Sinne eines der Aktivierung der BürgerInnen verpflichteten Sozialstaates.

Mit dem Blick des Juristen betrachtet Welti die Rechtlichen Grundlagen einer örtlichen Teilhabeplanung. Diese stellt für den Verfasser einen politischen und behördeninternen Prozess dar, der für die BürgerInnen nur Konsequenzen hat, wenn dieser in entsprechende Rechtsnormen umgesetzt wird. Welti verweist auf die planerische Verantwortung der Sozialleistungsträger.

Die konkreten Steuerungsmöglichkeiten in der Eingliederungshilfe untersucht Lampke am Beispiel zweier Landeskreisverwaltungen in Baden-Württemberg. 2005 wurde die Eingliederungshilfe kommunalisiert und bis zum Jahr 2009 lief die Implementierungsphase. Die theoretische Basis liefern das Vetospieler-Theorem sowie der Akteurszentrierte Institutionalismus. Im Ergebnis der Untersuchung zeigte sich, dass die Steuerungsmöglichkeiten der kommunales Leistungsträger abhängen von der Struktur des Anbietersektors, von den angewandten Modi der Handlungskoordination und der Handlungsorientierung der in der Verwaltung tätigen individuellen Akteure.

Ein neuer kommunaler Planungsoptimismus und seine Chancen für die Behindertenpolitik ist das Ergebnis einer veränderten kommunalen Behindertenpolitik. Am Beispiel von Rheinland-Pfalz zeigt Steinfurth, wie mit einem Aktionsplanes eine neue Planungskultur gefördert werden kann.

2. Aspekte der kommunalen Teilhabeplanung

Zu Beginn des 2. Abschnittes widmen sich Rund/ Lutz und Fiegler den strukturellen wie auch institutionellen Voraussetzungen einer bedarfsgerechten Sozialpolitik sowie angrenzende Felder wie der Sozialen Arbeit. Kommunale Teilhabeplanung im Kontext Integrierter Sozialraumplanung beinhaltet beides: Überlegungen zur Teilhabeplanung und Lösungsansätze im Kontext Integrierter Sozialraumplanung (ein Projekt der HS Erfurt). Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Instrument der Integrierten Sozialraumplanung multilaterale Lernprozesse auslösen kann und eine wesentliche Voraussetzung für eine Sozial- und Stadtentwicklungspolitik darstellt, die sich an den Bedarfen der Menschen mit Behinderungen ausrichtet.

Kommunaler Wirksamkeitsdialog – Aufgabe und Unterstützung für eine örtliche Teilhabeplanung von Kuhn-Fridrich richtet den Blick auf Formen und Kriterien zur Evaluation von Teilhabeplanungsprozessen.

Cordts betrachtet Örtliche Teilhabeplanung als Herausforderung für vertikale und horizontale Kooperationsprozesse beteiligter Leistungsträger und Anbieterorganisationen. Wobei das Geheimnis der erfolgreichen Teilhabeplanung in einer gelungenen Kommunikation von der Kommune über die Landesebene bis hin zum Bund begründet ist.

Im Beitrag von Sonntag und Kumetz werden exemplarisch Möglichkeiten zur individuellen Teilhabeplanung in Verbindung mit der örtlichen Angebotsstruktur erläutert. Individuelle Teilhabe ermöglichen – örtliche Teilhabeplanung und die Verknüpfung von örtlichen und überörtlichen Aufgaben setzt zwei Bedingungen voraus: der behinderte Mensch muss befähigt werden, am Leben in der Gemeinschaft teilzuhaben und die örtliche Gemeinschaft muss derart gestaltet sein, dass eine tatsächliche Teilhabe erfolgen kann.

Rasch setzt mit ihrem Artikel Inklusive Erziehung und Bildung als Herausforderung für kommunale Behindertenpolitik einige Schlaglichter zur Herausforderung an frühkindliche und schulische Bildung von Kindern mit Behinderung. Als Träger von Bildungs- und Freizeiteinrichtungen bilden die Kommunen wichtige Akteure, die ihre Handlungsspielräume u.a. in Form von Aktionsplänen ausweiten können.

Eine kritische Würdigung erfährt ein kommunaler Index für Inklusion, indem der Frage nachgegangen wird: Kommunale Innovation durch Evaluation per Index? Haus sieht im Index letztendlich Potential für die organisationelle Entwicklung bzgl. Inklusion.

In Teilhabeplanung konkret – Das Modellprojekt der „Örtlichen Angebots- und Teilhabplanung im Landkreis Weilheim-Schongau“ lassen Rohrmann und Wissel den Leser an der Gestaltung eines Projektes teilhaben.

Der Artikel von Schädler bezieht sich in besonderer Weise auf die Örtliche Teilhabeplanung im ländlichen Raum. Fundament der örtlichen Teilhabeplanung bildet das europäische „Leader“ Planungsmodell. In dieses Regionalmanagementprojekt integrierbar ist die Idee des „integrierten Teilhabezentrums“, das die ideale Verknüpfung von professioneller mit Selbsthilfe darstellt und den spezifischen Bedingungen im ländlichen Raum Rechnung trägt.

An den ländlichen Raum knüpft Rüter an mit ihrem Beitrag Örtliche Teilhabeplanung am Beispiel der Stadt Münster. Auf sehr anschauliche Weise erhält der Leser Einblicke in die vielfältigen Möglichkeiten der Menschen mit Behinderung die Gestaltung eines inklusiven Gemeinwesens mitzugestalten. Hervorzuheben ist, dass diese Planungsvorhaben alle BürgerInnen einbeziehen, so auch junge Eltern mit Ihren Kindern u.a. bei der Gestaltung eines Spielplatzes.

Die Beteiligung von Menschen mit Lernschwierigkeiten an Prozessen der örtlichen Teilhabeplanung für Menschen mit Behinderung ist Anliegen des nächsten Beitrages. Der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung in einer meist fremdbestimmten Lebenssituation verlangt nach einer Form der Erwachsenenbildung, die die Fähigkeiten zur Selbstvertretung fördert. Seifert resümiert, dass eine aktive Beteiligung von Menschen mit Lernbehinderung in allen Bereichen der Gesellschaft möglich ist, sie jedoch geeignete Plattformen, Methoden und adäquate Unterstützung benötigen.

Die Politische Partizipation in kommunalen Beiräten steht im Mittelpunkt des nachfolgen den Beitrages. Einleitend beruft sich Windisch auf Dahl, der in der Anerkennung der Menschenrechte als Persönlichkeitsrecht die Basis demokratischer Systeme sieht. Daran orientierend systematisiert der Autor die aktuellen Partizipationsformen und stellt die Intensität der Partizipation in einem Leitermodell dar. Abschließend werden drei Vorzüge der Beteiligung schwacher Interessen“ (S. 241) an Entscheidungsprozessen mit den dazugehörigen Rahmenbedingungen betrachtet.

Am Beispiel eines Landkreises und einer Kleinstadt erläutern Gaida und Konieczny den Zusammenhang von örtlicher Sozialraumerkundung - Partizipative Projekte in der Teilhabeplanung. Sozialraumerkundung als Methode wird begleitet vom Nebeneffekt der Sensibilisierung für die Situation von Menschen mit Behinderung wird somit handlungsleitender und zielführender Ansatz in der Teilhabeplanung.

Barth erweitert die Sichtweise auf die Herausforderungen durch den demographischen Wandel. Örtliche Teilhabeplanung für ältere Menschen mit und ohne Behinderung focussiert die Frage, wie auch alternde Menschen mit Behinderung in ihrer vertrauten Umgebung verbleiben können. Bei der Realisierung dieses Wunsches wird der Bogen zur örtlichen Teilhabeplanung geschlagen. Im Ergebnis entsteht eine soziale Infrastruktur, die wandelbar ist und den unterschiedlichen Bedarfen gerecht wird.

3. Professionelles Handeln in Dienstleitungsorganisationen

Einführende Gedanken zu Empowerment und Sozialraumorientierung in der professionellen Unterstützung von Menschen mit Behinderung entwickeln Theunissen und Kulig und schärfen so den Blick für den Schwerpunkt des 3. Abschnittes. Die Leitgedanken deutscher Behindertenpolitik verbindet Inklusion mit dem Empowerment und führt zu einer neuen Dienstleistungskultur.

Welche fünf Herausforderungen für professionelles Handeln durch individuellen Teilhabeplanung und personenzentrierte Finanzierung sich bei der Umwandlung einer komplexen stationären Einrichtung in ambulante dezentrale Wohnangebote ergeben, beschreibt Bremauer exemplarisch in seinem Artikel.

Wolfmayr setzt in seinem Beitrag mit den Herausforderungen für die Anbieter sozialer Dienstleistungen auseinander und unternimmt einen Lösungsversuch: Kooperativ planen – Örtliche Teilhabeplanung als Herausforderung für Anbieter von Diensten für behinderte Menschen. Trotz identifizierter wachsender Finanzierungsprobleme setzt er bei Dienstleistungsorganisationen mit speziellen Angeboten für Menschen mit Behinderung auf die Entwicklung innovativer und nachhaltiger ökonomischer Strukturen.

Der folgende Praxisbeitrag von Welte und Lampke bezieht sich auf die kommunalisierte Eingliederungshilfe in Baden-Württemberg. Den Rahmen bildet die Aussage: Inklusionsorientierte kommunale Teilhabplanung – Zumutung oder wegweisender Impuls für Groß- und Komplexeinrichtungen. Zunächst wird die Ausgangslage von Groß- und Komplexeinrichtungen im Land dargestellt um daraus mögliche Impulse für eine inklusionsorientierte Weiterentwicklung dieser Einrichtungen zu identifizieren. Abschließend wird begründet, inwieweit die kommunale Teilhabeplanung Zumutung und wegweisender Impuls sind: für die eigene inhaltliche und strukturelle Ausrichtung und für andere örtliche Akteure.

An diese Impulse setzt Hartsuiker an, indem sie sich mit der Bedeutung und Aufgaben von Führung in inklusionsorientierten Konversionsprozessen von Einrichtungen der Behindertenhilfe auseinandersetzt. Diese Umwandlungsprozesse der Groß- und Komplexeinrichtung zu dezentralen Dienstleistungsorganisationen bettet die Verfasserin in das Konzept der „lernenden Organisation“ ein. Die Nachhaltigkeit dieser Wandlung kann jedoch nur garantiert werden, wenn sich veränderte Denk- und Handlungsweisen in der Unternehmungskultur verankern und die Schlüsselkompetenz des „Systemdenkens“ von allen Mitarbeitern verinnerlicht wird.

Diskussion

Als Fachbuch für Menschen, die mehr oder weniger eng mit dem Thema Teilhabe von Menschen (mit Behinderung) verbunden sind, gedacht, zeigt sich bei jedem gelesenen Beitrag mehr die Tiefe dieses Sammelbandes. Die Herausgeber weisen nach, dass die Ratifizierung der UN Menschenrechtskonvention nicht nur weitreichende Folgen für die Behindertenpolitik und die Behindertenhilfe hat, sondern dass der Schutz vor Diskriminierung und das Recht auf Teilhabe grundlegende Menschenrechte sind, die jeden Menschen etwas angehen (können). Gleichzeitig belegen die Beiträge aus der Praxis, die notwendigen Wahlfreiheiten auch für Menschen mit Behinderung, die Notwendigkeit der Bildung auch bei Menschen mit einer Lernbehinderung und die Pflicht der (kommunalen) Politik, die die normativen Rahmenbedingungen für diese grundlegenden Menschenrechte schaffen muss. Dieser Sammelband beschäftigt sich weitestgehend mit Fragen der bürgernahen Gesellschaft, Verwaltung, Dienstleister und dem aktiven Bürger selbst. Ein wahrhaft impulsgebendes und handlungsleitendes Buch!

Fazit

Ein faszinierendes Buch, das sich im Grunde nur einem Thema widmet, doch dies von ganz unterschiedlichen Standpunkten aus. Teilhabeplanung ist ein dynamischer Prozess, der verschiedenste Menschen einbezieht, auf unterschiedlichsten Ebenen stattfindet – der im Grunde jeden BürgerIn betrifft. Dieses ist das Buch für den teilhabenden BürgerIn – ein Buch für jeden Menschen, der sich so definiert!


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Barbara Wedler
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Zitiervorschlag
Barbara Wedler. Rezension vom 01.12.2011 zu: Dorothea Lampke (Hrsg.): Örtliche Teilhabeplanung mit und für Menschen mit Behinderungen. Theorie und Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18173-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12366.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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