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André Fischer: [...] Beratung als Beispiel humanistischer Pädagogik

Cover André Fischer: Zur lern- und bildungstheoretischen Verortung von Beratung als Beispiel humanistischer Pädagogik. Am Fall des Zeitphänomens Coaching. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2011. 243 Seiten. ISBN 978-3-8300-5817-5. 78,00 EUR.

Schriftenreihe Studien zur Erwachsenenbildung - Band 33.
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Thema und Hintergrund

Bildung lässt sich (auch) beschreiben als das Erlernen der Fähigkeit, komplexe Herausforderungen zu bewältigen. Eine solche Bewältigung erfordert kognitive, emotionale und physische Kompetenzen, die eng miteinander verbunden sind. Wegen der Komplexität dieser und anderer Aspekte (wie z.B. der sozialen Dimension) spricht man auch von "ganzheitlicher" Bildung – wobei der Anspruch der "Ganzheitlichkeit" im eigentlichen Sinne wohl kaum einzuholen sein wird. Sehr unterschiedliche Formate tragen ihren Teil zu einem "ganzheitlichen" Bildungsprogramm bei. Das Spektrum reicht von musikalischer (Früh-)Erziehung über Sport, Schule, individuelle Förderung und Beratung bis hin zu akademischen Studien – und damit ist eben gerade mal ein Bruchteil in den Blick geraten. Bildung dient – nach diesem Verständnis – der Emanzipation: Befreiung vom scheinbar urwüchsigen Sachzwängen, übermächtigen Strukturen und eigener Unmündigkeit. Auch Beratung ist, wie gesagt, ein Bildungsformat. Der Autor beschreibt sie als ein "Beispiel humanistischer Pädagogik" und greift dabei vor allem auf die Konzepte einer Kritischen Theorie der Bildung zurück, wie sie in den 70er Jahren von Heydorn entwickelt worden ist. Die Rückbindung von Beratung an den Kontext einer Lern- und Bildungstheorie exemplifiziert Fischer in seiner Dissertation am Format Coaching und setzt sich als ("Meta"-)Ziel: "Der Autor möchte sich mit dieser Arbeit für einen Bildungsbegriff einsetzen, der Bildung entgegen der gegewärtigen öffentlichen Wahrnehmung anhand der Beratungsform Coaching als ein emanzipatives Geschehen beschreiben kann." (S. 12)

Autorin

André Fischer arbeitet in eigener psychologischer Praxis in Hamburg. (Vgl. www.praxis-fischer.com)

Aufbau und Inhalt

Die Dissertation von Fischer besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil beschreibt der Autor nach der Einleitung in einem 2. Kapitel die Forschungslage. Dabei stellt er fest, dass das Beratungsformat Coaching von einem "gewissen Maß an unreflektiertem Methodeneklektizismus, Scharlatanerie und Unwissenschaftlichkeit" geprägt ist. Daraus ergibt sich die wichtige Aufgabe, Coaching mit einer tragfähigen pädagogischen Theorie zu unterfüttern. Dazu bestimmt er zunächst dieses Format sehr ausführlich und zeigt auch dessen gegenwärtigen Erscheinungsformen (und Entgleisungen) auf. Danach beginnt er damit, Coaching als ein pädagogisches Praxisfeld darzustellen. In einemweiteren Abschnitt entwirft er einen ersten Abriss einer Beratungsethik.

Das dritte Kapitel, das den zweiten Teil eröffnet, erarbeitet eine Bildungskonzeption. Dabei rekurriert der Autor zunächst auf die Arbeiten Humboldts und beschreibt dann die Humboldtrezeption in der kritischen Theorie der Bildung Heydorns, die ihrerseits wieder den theoretischen Rahmen zur Verfügung stellt, in der Coaching als ein Teil emanzipativer pädagogischer Praxis dargestellt werden kann.

Das vierte Kapitel ist mit "Lernkonzeption"überschrieben und nutzt die Lerntheorie Batesons als weitenren konzeptionellen Baustein. Batesons Theorie einer Hierarchie der Lernebenen nimmt den Kontext von Lernen, vor allem die wechselseitige Bezogenheit von Individuen im Lernprozess in den Blick und eignet sich gerade deshalb für die (Re-)Konstruktion einer (gesellschafts-)kritische Bildungstheorie.

Einen weiteren Baustein fügt das fünfte Kapitel hinzu, nämlich eine Coachingkonzeption. Hierbei greift er auf das R-E-T-Konzept von Ellis zurück, das in Fischers Entwurf als paradigmatisch gilt. Zudem thematisiert er grundlegende Annahmen der Systemtheorie, vor allem Fragen der strukturellen Kopplung zwischen System und Umwelt. Als entscheidende Wende in der Psychotherapie sieht Fischer die Überwindung "biologistischer" Modelle zugunsten von Fragen menschlicher Subjektivität, also der "Ganzheitlichkeit" des Menschen. In diesem Kontext "besteht die hier vertretene und herausgearbeitete Funktion des Coaching darin, dem Menschen seine Entwicklungsmöglichkeiten und die dazugehörigen Schritte in die Zukunft hoffnungsvoll, zielgerichtet und konkret auszugestalten." (S. 192)

Die Überschrift des sechsten Kapitels lautet: Analyse des Entwurfes unter der Perspektive des Strukturmodells pädagogischen Handelns. Anhand der sechs Schritte des "Strukturmodells pädagogischen Handelns" überprüft der Autor die Dissertation "unter dem Blickwinkel professionellen pädagogischen Handelns" (S. 195) Die sechs Schritte sind: Bestimmung der Leitvorstellungen pädagogischen Handelns, Identifizierung von Abweichungen, Bestimmung von handlungsleitenden Normen, Lernbedarfsanalyse, Konzept zur Durchführung pädagogischen Handelns und Evaluation.

Das siebte Kapitel zieht ein Fazit und fasst (einmal mehr) die Ergebnisse zusammen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis beschließt den Band.

Diskussion

Ich beginne die Diskussion mit dem Klappentext auf der Rückseite des Buches: "Im Interesse einer Konstituierung anpassungsresistenter Persönlichkeitsanteile sollen Bedarfe einer herrschaftskritisch insinuierten Auseinandersetzung zur Persönlichkeitsentwicklung in Richtung auf Ich-Autonomie bildungstheoretisch und lerntheoretisch begründet werden. Die Reanimation von Subjektkapazitäten zugunsten einer verhältnissekritischen Selbstreflexion soll mithilfe einer konzeptionell fokussierten und auf pädagogische Implikationen bezogenen Spezifikation von Beratung die Aussicht auf eine Implementierung des Zeitphänomens Coaching als Momentum humanistischer Pädagogik tragfähig erscheinen lassen." Was soll man da noch sagen? Außer vielleicht: "Hurra, die Kritische Theorie lebt und ist auch nicht Ende der 80er Jahre in Rente gegangen!" Es ist lange her, dass ich solche Sätze gelesen, geschweige denn geschrieben habe… Aber vermutlich sind sie nicht zuletzt dem Format "Dissertation" geschuldet.

Gleichwohl halte ich es für ein wichtiges und weiterführendes Projekt, Coaching als Teil emanzipativer pädagogischer Praxis zu verstehen und zu beschreiben. Es ist noch nicht sehr lange her, dass Coaching der Geruch anhaftete, es gehe in erster Linie darum, karriereorientierte Führungskräfte fit zu machen für den Überlebenskampf im Dschungel kapitalistischer Gewinnmaximierung - und so letztlich zur Stabilisierung ausbeuterischer Systeme beizutragen. Im Konzept von Fischer geht es dagegen um die Autonomie handelnder Subjekte, damit um den Gewinn von Freiheit und damit letztlich um Menschwerdung im ganzheitlichen Sinn.

Darüber könnte man noch wesentlich dickere Bücher schreiben als den 243seitigen Band von Fischer. Der Autor hat sich beschränken müssen. Gleichwohl verstehe ich manche Beschränkungen nicht, Anschlüsse werden eher postuliert als begründet, Positionen oft eher angerissen als ausgeführt – das macht die Lektüre mühsam. In der Beschreibung von Coaching wechselt Fischer unvermittelt zwischen metatheoretischen Konzeptelementen und der Beschreibung methodischen Handelns und methodischer Fehler. Auch verstehe ich angesichts der wirklich zahlreichen Coachingkonzepte, die auf dem Paradigma von Bateson basieren, die Beschränkung auf R-E-T nicht – wie ich innerhalb dieses Konzeptes die Einbahnstraße Denken --> Fühlen nicht verstehe. (Es gibt ja nicht wenige Konzepte, die genau anders herum arbeiten und gleichwohl recht erfolgreich sind im Coaching!)

Sehr instruktiv finde ich hingegen die Kapitel zur Bildungs- und Lernkonzeption. Die liefern eine gute Basis für eine haltbare Coachingtheorie. Das Ziel von Bildung kann nach dem Verständnis des deutschen Idealismus als "Selbstbewusstsein" beschrieben werden, das sich in der tätigen Aneignung der Welt bildet. Solches Selbst-Bewusstsein ist die Basis der Autonomie des Subjektes – und die wiederum kann ich als Ziel von Coaching uneingeschränkt bejahen. Gelegentlich arbeitet der Autor allerdings auch arg holzschnittartig, und ich habe den Verdacht, dass sich hier in der Ideologiekritik wiederum eine (unreflektierte) Ideologie etabliert. So spricht er davon, im Coaching sei eine "technizistische Vorstellung" weit verbreitet – die Behauptung wird allerdings in keiner Weise belegt, sondern bleibt im Gefühlten. (S. 47) Und: "strukturelle Kopplung der einen Psyche an die andere" (S. 146) klingt auch nicht gerade wenig technizistisch.

Fischer selbst schreibt, die Verbindung von Bildungs- und Lernkonzeption brauche noch weitere Arbeit, das würde ich nach der Lektüre bestätigen – und hinzufügen: Diese Arbeit wäre lohnend! Für die Coachingkonzeption würde ich mir ein Weitung wünschen: Die Coachinggeschichte ist nach dem R-E-T weitergegangen bzw. hat sich danach erst richtig entwickelt. Der Autor benennt Ellis als Wegbereiter lösungsorientierter Ansätze, zeigt aber z.B. deren Entwicklung gar nicht auf, ganz zu schweigen von integrativen, auf systemische Konzepte rekurrierende Entwürfen, die die heutige Coachinglandschaft deutlich prägen. Wenn Coaching als Teil emanzipativer Praxis beschrieben wird, kann man m.E. beispielsweise auf eine Rezeption der Arbeiten von Hilarion Petzold nicht verzichten.

Fazit

Ich lese das Buch von Fischer als einen wichtigen Diskussionsbeitrag zu der Frage, was Coaching sein will. Die Grundentscheidung für eine ethisch begründete Förderung und Stabilisierung individueller Autonomie teile ich und wünsche mir genau darüber eine pädagogisch und psychologisch gut informierte Diskussion in der Coaching-Community!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 20.02.2012 zu: André Fischer: Zur lern- und bildungstheoretischen Verortung von Beratung als Beispiel humanistischer Pädagogik. Am Fall des Zeitphänomens Coaching. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2011. ISBN 978-3-8300-5817-5. Schriftenreihe Studien zur Erwachsenenbildung - Band 33. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12384.php, Datum des Zugriffs 24.08.2016.


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