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Vera Reimer, Dieter Hohmann: Mädchen können alles!

Cover Vera Reimer, Dieter Hohmann: Mädchen können alles! Ein Trainingskurs zur Identitätsfindung. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2011. 70 Seiten. ISBN 978-3-8346-0811-6. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR, CH: 27,10 sFr.
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Thema

In der Veröffentlichung geht es um die Identitätsfindung heutiger Jungen- und Mädchengenerationen angesichts sich verändernder Rollenbilder. Das Buch bietet pädagogische Hilfestellungen für die Arbeit mit Mädchen- und Jungengruppen und Weiterqualifizierung in praktischer Genderkompetenz.

Autorin und Autor

Die Autorin und der Autor arbeiten in der praktischen Jugendarbeit eines Caritasverbandes in Nordrheinwestfalen. Sie gestalten dort seit vielen Jahren die getrenntgeschlechtliche Bildungsarbeit mit Mädchen und Jungen.

Entstehungshintergrund

Das Werk versteht sich als eine alltagsnahe und praktische Anleitung für pädagogisch Tätige und an getrenntgeschlechtlicher Jugendarbeit Interessierte. Die praktischen Erfahrungen des Autors und der Autorin bilden den zentralen Hintergrund der Publikation. Sie haben im Kontext ihrer beruflichen Tätigkeiten ein Trainingskonzept zur Identitätsfindung von Jungen und Mädchen entworfen, das in der schulischen und außerschulischen Jugendarbeit eingesetzt wird. In ihrer Veröffentlichung stellen sie das Trainingskonzept dar.

Aufbau

Durch eine kreative Aufmachungsidee präsentiert sich das Buch gleichzeitig als zwei Bücher. Je nachdem von welcher Seite es betrachtet wird, heißt es entweder „Mädchen können alles – Ein Trainingskurs zur Identitätsfindung“ oder „Jungen können alles – Ein Trainingskurs zur Identitätsfindung“. Auf diese Weise kommt sichtbar zum Ausdruck, dass es keine Vorder- und Rückseite gibt. Es wird keine Reihenfolge in der Betrachtung der beiden Geschlechter vorgegeben, sondern den Leserinnen und Lesern bleibt es selbst überlassen, von welcher Seite her, sie das Buch beginnen. Wollen sie sich mit Identitätsfragen beider Geschlechter beschäftigen, können sie manuell einen Perspektivenwechsel vornehmen, das Buch auf den Kopf stellen, rumdrehen und wieder mit allem ganz von Vorne anfangen. Zahlreiche Fotos von Jungen und Mädchen aus den Gruppenstunden lockern die Publikation ansprechend auf und ergänzen die rein textlichen Darstellungen.

Inhalt

Der Schwerpunkt der Publikation liegt in der detaillierten Darstellungen von zwölf Gruppenstunden für Mädchengruppen und zwölf Gruppenstunden für Jungengruppen und jeweils damit verbunden die Entwürfe für mögliche Elternabende, einen Vater-Sohn-Tag und Abschlussveranstaltungen. Alle Gruppenstunden sind nach einem einheitlichen, für die Leserinnen und Leser leicht erfassbares Schema, im Umfang von eins bis vier Seiten dargestellt. Strukturelle Gliederungskategorien sind: „Inhalte/Methoden“, „Ort“ und „Material“. Jeder pädagogische Schritt wird ausführlich dargestellt und mit Zeitangabe versehen. Die dargestellten Gruppenstunden umfassen bei beiden Geschlechtern die Themenfelder „Veränderungen in der Pubertät“, „Stärken und Schwächen“, „Regeln und Grenzen“, „Familie und Peergroup“, „Selbstbild und Selbstwert“, „Konfliktlösungsstrategien“, „Liebe und Sexualität“ und „Körper und Aussehen“. Bei den Mädchen werden darüber hinaus noch Themen wie „Sucht und Abhängigkeit“, „Freundschaft“ und „Freizeitverhalten“ aufgegriffen, bei den Jungengruppen sind es Themen wie „Frauenbild“, „Umgang mit guten und schlechten Gefühlen“, „Väter und männliche Vorbilder“, „Vertrauen und Offenheit“ und „Mutproben“.

Alle Gruppenstunden haben feste Bestandteile wie Blitzlichtrunden zu Beginn und am Ende einer jeden Sitzung, klare Pausen und zum Ende ein Abschlussritual, das jede Gruppe selbst entwickelt. Das Abschlussritual kann ein „Schlachtruf“ sein oder „eine bestimmte Berührung oder Körperbewegung“. Bei den Jungen wird als Beispiel der „Schweinehaufen“ genannt (alle liegen auf der Matte übereinander) oder das sich gegenseitig mit der flachen Hand „abklatschen“. Das Abschlussritual sorgt für ein stimmungsvolles und klares Ende der Sitzung und soll das Gruppenzugehörigkeitsgefühl und den Gemeinschaftsinn stärken. Beide Gruppen haben als weiteren festen Bestandteil das „Maskottchen“ oder die „Sprechmaus“. Bei den Mädchen beispielsweise eine große Handpuppe als Hexe namens Brunhilde, bei den Jungens eine Stoffmaus. Diejenigen die die Puppen in der Hand haben, haben das Wort, sie können sich hinter der Figur verstecken, wenn schwierige und peinliche Äußerungen gemacht werden oder sie können ihr etwas ins Ohr flüstern und vieles mehr.

Diskussion

Das Buch eignet sich hervorragend für angehende und erfahrene Praktikerinnen und Praktiker, die Interesse an getrenntgeschlechtlicher Jugendarbeit haben und die eine oder andere praktische Idee aufgreifen und umsetzen möchten. Der klare Aufbau lädt dazu ein, sich gezielt inspirieren zu lassen. Die Darstellung einzelner Arbeitsblätter ermöglicht eine unkomplizierte direkte Übernahme der Unterlagen. Der Autor und die Autorin greifen neben den traditionellen Themenbereichen für Jugendliche auch schwierigere Aspekte wie „sexuelle Gewalt“, „Ess-Störungen“, „Vater-Sohn-Tage“ und „Mutproben“ auf.

Die Autorin verwendet fast durchgängig eine gendersensible Sprache. Sie verwendet die erforderliche weiblichen Sprachformen, wie Pilotinnen, Freundinnen, Nachbarinnen, Gruppenleiterinnen, wenn von Mädchen und Frauen die Rede ist. Damit unterscheidet sie sich positiv von vielen Fachbüchern. An einzelnen Stellen gibt es Brüche in der Umsetzung einer gendersensiblen Sprache. Da sollen Mädchen „in einer Expertengruppe, die aus vier Teilnehmerinnen besteht“ über ein Problem debattieren, da wird ein Vertrauenspiel „Pilot und Fluglotse“ genannt, oder die Mädchen werden mit einem Input „Jeder erlebt Mobbing anders“ motiviert sich über ihre Mobbingerfahrungen auszutauschen.

Der männliche Autor hat bei der Beschreibung seiner pädagogischen Arbeit diese sprachliche Sensibilität nicht umsetzen müssen, da die gewohnte männliche Formen in seinen Jungengruppen sprachlich angemessen sind. Autorin und Autor haben nicht umgesetzt – gemäß einer geschlechtersensiblen Sprache -beide Geschlechter sprachlich zu repräsentieren, wenn es erforderlich wäre: Da wird bei Mobbingerfahrungen dazu geraten „dem Täter“ Grenzen zu setzen und Lehrpersonen wie „Vertrauens-oder Klassenlehrer“ einzubeziehen. Da werden Eltern von Söhnen informiert, dass sie durch „den Schulpädagogen“ oder „Beratungslehrer“ Unterstützung erhalten können. Besteht von Seiten der Eltern oder der Mädchen ein zusätzlicher Beratungsbedarf, so wird darauf verwiesen, dass in der Schule „der Schulsozialarbeiter“ oder „in schwierigen Fällen auch der Schulpsychologe“ hinzugezogen werden kann. Die sprachliche Unsichtbarkeit weiblicher Professionalität hinter männlichen Sprachformen entspricht häufig der gesprochenen Alltagssprache. In dem vorliegenden Fachbuch, das vom sichtbaren Engagement der Autorin und des Autors für eine Gleichberechtigung der Geschlechter getragen ist, ist sie vermutlich eher der Flüchtigkeit bei der sprachlichen Überarbeitung zuzuschreiben.

Das Buch ist ausschließlich ein Praxisbuch, es ist nicht dazu geeignet, sich über aktuelle Debatten zur (De)Konstruktion von Geschlechtsidentitäten innerhalb der Jugendarbeit zu informieren. Auf Diskurse über die soziale Kategorie ‚Geschlecht‘, Intersexualität, Transsexualität, Homosexualität und Heterosexualität und deren pädagogischen Implikationen angesichts der Vielfalt geschlechtlicher Identitätspolitiken werden nicht verwiesen. Aus der Vielfalt sexueller Identitäten wird die ‚Homosexualität‘ benannt, „Heterosexualität“ als Begriff wird nicht erwähnt. Die Gruppenstunden zum Thema „Erste Liebe“ und „Sexualität“ sind heteronormativ und orientieren sich wie selbstverständlich an den heterosexuellen Liebes-Erfahrungen der Jugendlichen. So werden beispielsweise in der Jungengruppe unter dem Thema ‚Erste Liebe‘ Impulse gesetzt sich über die ‚persönliche Traumfrau‘, bei den Mädchengruppen sich über „Liebe oder Verliebtheit zu Jungen“ auszutauschen.

Das Buch gibt keine Antworten auf Fragen welche Impulse Gruppenleiterinnen und -leiter setzten können, die offen oder verdeckt lesbische und schwule Jugendliche in Ihren Gruppen haben. Oder ganz ‚normale‘ Jugendliche, die auf der Suche sind nach ihrer geschlechtlichen Identität sind und Ermutigung zur Vielfalt brauchen, da sie in einem familialen und sozialen Kontext der Diskriminierung von Homosexualität aufwachsen? Bei der Neuüberarbeitung dieser Veröffentlichung wäre anzustreben, die vorhandene Heteronormativität zu reflektieren und sichtbarer dar zu stellen, wie in einem „Trainingskurs zur Identitätsfindung“ durch methodische Impulse die Vielfalt von Trans- Homo- Inter- und Heterosexualität für die Jugendlichen ‚übersetzt‘ werden können. Anregungen hierzu gibt es unter anderem unter http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de.

Fazit

Das Buch ist absolut empfehlenswert. Seine Stärken liegen in der fundierten Praxiserfahrung des Autors und der Autorin und deren Genderkompetenz für jugendliche Identitätsfindung im Kontext einer Gleichstellung der Geschlechter. Das Buch eignet sich für angehende und erfahrene Praktiker und Praktikerinnen der Jugendarbeit. Es gibt einen guten Einstieg in die Praxis getrenntgeschlechtlicher Jugendarbeit. Es bietet zahlreiche methodische Inspirationen. Die Darstellung einzelner Arbeitsblätter ermöglicht eine unkomplizierte direkte Übernahme der Unterlagen. Die Umsetzung einer geschlechtersensiblen Sprache ist weitestgehend gelungen.

Die Schwächen des Buches liegen in der fehlenden Darstellung des theoretischen Kontextes für einen „Trainingskurs zur Identitätsfindung“. Angesichts aktueller gesellschaftspolitischer Debatten über die Gleichstellung verschiedener sexueller Identitäten, wäre dies zukunftsweisend und die verdeckte Heteronormativität wäre dadurch vermieden worden.


Rezensentin
Prof´in Dr´in Monika Barz
Evangelische Hochschule Ludwigsburg. Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit Frauen und Mädchen, Geschlechterforschung. Promotionsbeauftragte
Homepage www.eh-ludwigsburg.de
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Zitiervorschlag
Monika Barz. Rezension vom 09.10.2012 zu: Vera Reimer, Dieter Hohmann: Mädchen können alles! Ein Trainingskurs zur Identitätsfindung. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2011. ISBN 978-3-8346-0811-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12385.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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