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Susanne Viernickel, Iris Nentwig-Gesemann u.a. (Hrsg.): Profis für Krippen

Cover Susanne Viernickel, Iris Nentwig-Gesemann, Henriette Harms, Sandra Richter, Stefanie Schwarz (Hrsg.): Profis für Krippen. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2011. 236 Seiten. ISBN 978-3-932650-44-4. 15,00 EUR.
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Entstehungshintergrund und Autorinnen

Das Curriculum wurde mit Förderung der Robert-Bosch-Stiftung erstellt.

Das Team wurde in der Alice-Salomon-Hochschule Berlin gebildet, an der die Professorinnen Viernickel und Nentwig-Gesemann im Fachgebiet „Pädagogik der frühen Kindheit“ lehren und forschen. Die Entwicklung wurde in engem Austausch mit den anderen Forschungsstandorten der Bosch-Gruppe vorgenommen, die an der Entwicklung des „Orientierungsrahmens Frühpädagogik Studieren“ beteiligt waren.

Thema

Der Text soll Arbeitsmaterial für frühpädagogische Studiengänge bereitstellen: „Die zehn Curricularen Bausteine bieten eine umfassende inhaltlich-didaktische Grundlage für die Konzeption und Ausdifferenzierung kompetenzorientierter Studien- bzw. Qualifikationsangebote für die pädagogische Arbeit mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren und ihren Familien. Sie ermöglichen eine wissenschaftlich fundierte Orientierung an den zentralen Themenbereichen und geben Anregungen im Hinblick auf die Vermittlung und Aneignung der für das Arbeitsfeld notwendigen Wissensbestände, Fertigkeiten, sozialen und personalen Kompetenzen.“ (11) Damit soll die Profilierung der frühpädagogischen Studiengänge für die Belange der ersten drei Lebensjahre befördert werden.

Aufbau

Das Buch weist drei Abschnitte auf.

Zum 1. Teil

Der erste Teil widmet sich dem „Theoretischen Hintergrund und Konzeptionierung der Curricularen Bausteine“ (11-66). Obwohl das Buch vor dem Stichtag zur Gültigkeit eines Rechtsanspruches auf einen Betreuungsplatz verfasst wurde, hat seine Gültigkeit nicht gelitten – im Gegenteil. Wenn darin auf die Qualität der Betreuung insistiert wird, unterstreicht dies deutlich, dass die Rahmenbedingungen vielerorts und auf längere Sicht noch heftig verbessert werden müssen: „Als besonders wichtige Rahmenbedingungen, die zu den politischen ‚Stellschrauben‘ werden könnten, haben sich die Gruppengrößen, der Fachkraft-Kind-Schlüssel und die Qualifikation des pädagogischen Personals erwiesen. Diese Merkmale werden als das ‚eiserne Dreieck‘ der Strukturqualität bezeichnet.“ (16) Die Autorinnen machen dabei nachdrücklich darauf aufmerksam, dass ein höheres formales Qualifikationsniveau alleine nicht ausreicht, die Situation nachhaltig zu verbessern. Es müssen praxisrelevante Handlungskompetenzen erworben werden können und zugleich die fachliche Expertise im Umgang mit Kindern der ersten Lebensphase von 0 bis 3 Jahren in der Ausbildung erweitert werden. An dieser Stelle setzt das Curriculum an und nimmt dabei Bezug auf die vorhandenen Qualifikationsrahmen zur frühkindlichen Bildung. Das Projekt „Profis für Krippen“ macht praktikable Vorschläge zur curricularen Ergänzung oder Schwerpunktbildung bestehender Studiengänge oder Ausbildungen auf BA-Niveau. Hinsichtlich der Kompetenzorientierung und entsprechend angepasster Evaluation bezieht es sich auf die Arbeiten von Fröhlich-Gildhoff und Nentwig-Gesemann. (Fröhlich-Gildhoff, Nentwig-Gesemann & Pietsch, Freiburg 2011).

Die Autorinnen verfolgen – im Anschluss an Schäfer (Weinheim, München 2005) einen Bildungsbegriff als „…eine besondere Form des Lernens. Der Bildungsbegriff berücksichtigt den subjektiven Sinn und die Bedeutsamkeit, die erworbenes Wissen und Können bzw. erlerntes Verhalten für das Individuum besitzt. Unter Bildung sind dann nur diejenigen Anteile von Entwicklungs- und Lernprozessen zu verstehen, die dazu beitragen, dass das Individuum seine Möglichkeiten des Handelns, Fühlens und Denkens gegenüber sich selbst sowie der sozialen und materiellen Umwelt erweitert. Durch diese Erweiterung erhöht sich für das Individuum die Wahrscheinlichkeit, gemäß seiner eigenen Bedürfnisse und Interessen und in Abstimmung mit anderen selbstwirksam agieren zu können, Kohärenz im Wollen und Handeln zu erreichen, sich an eine gegebene Umwelt zu adaptieren und sie im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten mitgestalten zu können.“ (22f.) Es liegt auf der Hand, dass bei diesen Vorgaben die frühkindliche Bildung als Persönlichkeitsbildung par excellence verstanden werden muss. Sie entfaltet sich in vier Dimensionen (Sozialität, Handlung, Aneignung u. Ausdruck, Identität) Für die Autorinnen bekräftigt dieser Befund die Dringlichkeit von inklusiver Bildung, die in jeder Ausbildung daher auch Platz greifen muss. Für den Aufbau stabiler emotionaler Beziehung und die Gestaltung einer passenden Lebensumwelt als „eigener Bildungs- und Lernkultur“ (24) müssen die Fachkräfte über eine professionelle, u.a. auch forschende, Haltung verfügen. Auch dies ist eine der Zielsetzungen des Curriculums.

Als besondere „Kernkompetenzen von Fachkräften für die Arbeit mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren und ihren Familien“ (41-49) werden „Biographische Kompetenz, Selbstreflexivität und forschende Haltung“ (41ff.) genannt, wobei der „professionelle Umgang mit Ungewissheit“ (42) im Zentrum der Professionalität verortet wird. Ressourcenorientierung und Empathie, aktive Berücksichtigung von Diversität bilden weitere Dimensionen für ein angemessenes Kompetenzprofil. Entsprechend nimmt sich das Curriculum selbst beim Wort und will Anleitung zur Konstruktion kompetenzorientierter Lehr- und Lernprozesse geben, die sich durch „konstruktivistische Didaktik“ (51) auszeichnen: „ Lehr-Lern-Situationen tragen dann zur Professionalisierung pädagogischer Handlungspraxis bei, wenn sie unterstützen, dass sich die Disposition, in alltäglichen und auch in neuen, komplexen und herausfordernden Situationen kompetent zu handeln, auf der Performanzebene, also im konkreten Handlungsvollzug, auch tatsächlich niederschlägt.“ (52)

Zum 2. Teil

Der zweite Teil, die „curricularen Bausteine“, wird in zehn Einheiten präsentiert. (69-203) Hier wird das zentrale Anliegen des Arbeitsbuches operationalisiert. Jeder Baustein wird in gleicher Gliederung präsentiert.

Eine Einleitung greift erläuternd den zentralen Sachverhalt des Abschnitts auf. Danach werden die Voraussetzungen und Bezüge des Bausteins innerhalb des Curriculums und der sonstigen Ausbildung benannt.

Es folgen die Bildungsinhalte in knapper Thesenform, die durch einen Katalog von Fragen und knappen Ergänzungen ausgebreitet werden. „Lernziele/Kompetenzen“ werden in vier Handlungsfeldern in der Formulierung von Lernergebnissen differenziert. Anschließend werden Lehr- und Lernmethoden aufgezeigt. Jeder Baustein endet mit einem eigenen Literaturverzeichnis.

In dieser Form werden folgende Themen curricular aufbereitet:

  1. „Professionelle Haltung: selbstreflexive und forschende Zugänge“ (71-85),
  2. „Grundlagen von Entwicklung und Bildung in den ersten drei Lebensjahren“ (87-102),
  3. „Pädagogische Begleitung und Unterstützung frühkindlicher Entwicklungsthemen“ (103-114),
  4. „Pädagogische Begleitung und Unterstützung frühkindlicher Entwicklungsthemen für Kinder mit besonderen Entwicklungsverläufen“ (115-129),
  5. „Gesundheit und Pflege von Kindern in den ersten drei Lebensjahren“ (131-144),
  6. „Ausgewählte Werkzeuge für die Begleitung von Entwicklungs- und Bildungsprozessen von Kindern in den ersten drei Lebensjahren“ (145-159),
  7. „Institutionelle Betreuung von Kindern in den ersten drei Lebensjahren – Historische Entwicklung und aktuelle Diskurse“ (161-171),
  8. „Pädagogische Ansätze und Praxiskonzepte und ihre Relevanz für die Arbeit mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren“ (173-182),
  9. „Familien mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren – Begleitung und Unterstützung“ (183-192),
  10. „Spezielle Aspekte der Qualitätsentwicklung in frühpädagogischen Institutionen für die Arbeit mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren“ (193-203).

Zum 3. Teil

Einen dritten Teil bildet „Fachtextdatenbank“ die in zwei beispielhaften Texten in der Druckversion angefügt ist. Grundsätzlich wird aber auf www.kita-fachtexte.de und www.weiterbildungsinitiative.de verwiesen und zur aktiven Mitwirkung am Ausbau der Datenbank eingeladen.

Abgedruckt finden sich ein Text von Claudia Weigelt zum Thema „Familie werden – Veränderungen der Paarbeziehung durch die Geburt des ersten Kindes“ (12 S.) sowie von Dörte Weltzien zur „Begleitung von Kooperation und Spiel Null- bis Dreijähriger“ (13 S.) Die Datenbank selbst ist nun zwischenzeitlich…

Diskussion

Der Band leistet die wichtige Bestandsaufnahme von spezifischen Themen und Kompetenzzielen für die Ausbildung von frühpädagogischen Fachkräften. Dabei werden die Anforderungen an kompetenzorientierte Lehrformen berücksichtigt. Wenngleich die Bausteine auch mit einer hilfreichen spezifischen Literaturliste versehen sind, bleibt die genauere Fassung der Inhalte und ihrer Vermittlung doch aus. Die Autorinnen verweisen allerdings selbst auf die Tatsache, dass eine entsprechend didaktisch aufbereitete Literatur, die für das Studium der Frühpädagogik hinreichend wäre, weitgehend fehle. Daher ist es nur konsequent, dass durch den Aufbau der Textdatenbank diese Lücke nach und nach gefüllt wird. Diese elektronische Sammlung ist zwischenzeitlich stattlich angewachsen. Sie wird damit zur eigentlichen Basis der „Bausteine“. Man findet dort gute und klar strukturierte Beiträge, die durch ihre Ergänzungen, wie Analyse- und Reflexionsfragen, Aufgabenstellungen mit Transfercharakter, Glossar und weiterführende Literatur, als hilfreiches Material mit Praxistransfer einzusetzen sind. Als Buch präsentiert sich das Curriculum in weiten Teilen noch als eine Art von spezifischem Qualifikationsprofil für die Ausbildung von Fachkräften dieses Bereiches. Es bedarf der Ergänzung durch Lehrbücher oder eben der Textsammlung im erwähnten Maßstab. Für die Entwicklung und den Ausbau von Studienprogrammen und Ausbildungsangeboten in diesem Feld ist es weiterhin überaus hilfreich, verschafft es doch einen Überblick für ein Gebiet, dessen Ausbau noch im vollen Gange ist.

Fazit

Der Band 8 der „Materialien zur Frühpädagogik“ ist ein empfehlenswerter Leitfaden für die Erschließung der Ausbildungsanforderungen frühpädagogischer Fachkräfte. In diesem Sinne ist er für diejenigen, die solche Programme entwickeln oder bearbeiten eine Pflichtlektüre. Interessierte an der Ausbildung werden ein differenziertes Bild ihres angestrebten Arbeitsfeldes mit den Anforderungen, die an sie künftig gestellt werden, erhalten. In diesem Sinne ist das Buch auch Ausdruck eines Vorhabens, das sich als „work in progress“ begreift. Eine angemessene stilistische Form für eine Disziplin in Entwicklung, die sich der Entwicklung besonders verpflichtet sieht.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Bartosch
Professur für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW) seit 2009; Mitglied im Team deutscher Bologna-Experten des DAAD (2007-2013); ehem. Vorsitzender des deutschen Fachbereichstages Soziale Arbeit (2006-2012)
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Zitiervorschlag
Ulrich Bartosch. Rezension vom 23.09.2013 zu: Susanne Viernickel, Iris Nentwig-Gesemann, Henriette Harms, Sandra Richter, Stefanie Schwarz (Hrsg.): Profis für Krippen. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2011. ISBN 978-3-932650-44-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12415.php, Datum des Zugriffs 06.12.2016.


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