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Jeannette Goddar, Dorte Huneke (Hrsg.): Auf Zeit. Für immer

Cover Jeannette Goddar, Dorte Huneke (Hrsg.): Auf Zeit. Für immer. Zuwanderer aus der Türkei erinnern sich. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2011. 232 Seiten. ISBN 978-3-462-04432-4. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 19,50 sFr.

Reihe: KiWi - 1274 - Paperback.
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Thema

Gerade rechtzeitig zum 50. Jahrestag des am 31.10.1961 abgeschlossenen Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und der Bundesrepublik zur Beschäftigung türkischer Gastarbeiter in Deutschland legen Jeannette Goddar und Dorte Huneke bei Kiepenheuer & Witsch in Köln den von ihnen herausgegebenen Interviewband „Auf Zeit. Für immer“ mit türkischen Zuwanderern vor. Aus der Sicht der ab 1961 nach Deutschland Gekommenen soll die Situation als türkische Gäste unseres Landes deutlich gemacht werden. Durch die Zusammenstellung von 15 Interview-Artikeln mögen die Unterschiede zwischen den ersten Zuwanderern der 1960er Jahre und der Situation der zweiten und dritten Migranten-Generation am Anfang des 21. Jahrhunderts erhellt werden.

Autorinnen

Die Politikwissenschaftlerin Jeannette Goddar behandelt als Journalistin Themen von Migration, interkulturellen Beziehungen und Integration in überregionalen Print- und Funk-Medien. Die Philologin und Literaturwissenschaftlerin Dorte Huneke arbeitet als freie Autorin und Übersetzerin auf dem Gebiet der interkulturellen Initiativen und Projekte.

Grundlegende Inhalte

Der Titel „Auf Zeit. Für immer“ steht für den Spannungsbogen, unter dem die Arbeitsmigration von der Türkei nach Deutschland stand und steht. Nach der ursprünglichen Intention sollten die Zuwanderer nur vorübergehend und möglichst familienlos nach Deutschland kommen und ihr Gastland nach wenigen Jahren wieder verlassen. Die Interviews machen deutlich, wie sich bei den Zuwanderern selbst mit der Zeit Gesichtspunkte dafür ergaben, dass die Rückkehr die Ausnahme blieb und Deutschland dauerhafter Lebensraum wurde. Die Integration der ersten Zuwanderer vollzog sich im seinerzeit überbeschäftigten Deutschland noch relativ reibungslos. Verständlich wird, wie sich die Konflikte durch die ersten Rezessionen der deutschen Wirtschaft in den 1970er Jahren und durch den Familiennachzug vermehrten. Auch der Kulturschock nachgeholter Angehöriger und die Schwierigkeiten der Folgegenerationen kommen zur Sprache. Bei der Vielzahl der Fälle ist eine generelle, summarische Beurteilung der Situation der Migrantinnen und Migranten aus der Türkei nicht möglich. Immer wieder zeigen die Interviews Ambivalenzen der Zuwanderer auf.

Inhalte im einzelnen

Der Interview-Band „Auf Zeit. Für immer“ behandelt nach einer Einleitung, in der die Geschichte der deutsch-türkischen Migration vom Bau der Bagdad-Bahn an durch Deutsche umrissen wird, in einem ersten großen Teil von 150 der 232 Seiten mit zwölf Beiträgen die Situation der ersten Zuwanderer-Generation. Hier ergeben sich viele Beispiele gelungener Integration. Das zeigen Sätze wie „Wir sind eben ein bisschen wie die Deutschen geworden“ oder „Deutschland hat mir das Leben gerettet…und es ist eine Heimat für uns geworden“. Ausnahmen von dieser Regel schlagen sich in einer Äußerung nieder wie „Wir sind hier auch schlecht behandelt worden“. Hierfür steht auch ein Anklang an Günter Wallraffs Reportage „Ganz unten“.

Zwei Interview-Beiträge stehen für die zweite Generation mit den Kulturschocks, unter dem nachgeholte Türken litten und mit in Hartz-IV „integrierten“ Enkeln der dritten Generation, die auf die schiefe Bahn zu geraten drohen. Als Abschlusskapitel ist ein Interview des türkischstämmigen Jungjournalisten Sinan Şat mit der ehemaligen Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John eingedruckt, in dem diese zur Lösung der Konflikte für eine Öffnung des Arbeitsmarktes und für offene Bildungsgänge plädiert.

Diskussion

Von der Zusammenstellung der Interviews, die die Herausgeberinnen überwiegend redaktionell überarbeitet und nur in geringeren Teilen im Originalton belassen haben, darf man keine qualitativen, empirisch abgesicherten Forschungsergebnisse zur deutsch-türkischen Migrationssituation der letzten fünfzig Jahre erwarten. Zumindest aber wird deutlich, dass diese fünf Jahrzehnte Zuwanderungsgeschichte von Türken nach Deutschland einem Wandel unterworfen waren, der von den politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen in beiden Ländern beeinflusst wurde: In der Frühzeit war die Zuwanderung wegen des Arbeitskräftemangels in Deutschland und in der Türkei wegen Mangels existentieller Grundlagen und wegen politischer Pressionen für die Migranten ein Gewinn. In der Gegenwart hat sich die Lage in der Türkei wesentlich gebessert, so dass gerade die sozial aufgestiegenen und beruflich kompetenten Kinder und Enkel der ersten Migrantengeneration begehrte und willkommene Rückwanderer in die Türkei sind. Probleme bereiten hingegen die wenig kompetenten Zuwanderer-Kinder und -Enkel, die wenig Integrations-Chancen haben. Eine angebliche Ausländerfeindlichkeit der Deutschen bestätigt sich in den Interviews eher nicht.

Durch die Aufnahme von originalen Interview-Passagen ergeben sich immer wieder schlagkräftige Aussagen. Insofern stellt der Interview-Band eine geglückte Mischung dar aus geglätteter, gut lesbarer Überarbeitung und originalen Äußerungen der Zuwanderer selbst. Bei allem Wohlwollen für die Lage der Zuwanderer ist das Buch in der Benennung der Konfliktpunkte auf türkischer Seite korrekt, als da sind: Nicht emanzipiertes Frauenbild, hergebrachte Ernährungs- und Gebetsvorschriften und patriarchale familiale Muster.

Die Gewichtung zwischen der Darstellung der Situation der ersten und der zweiten Generation ist mit 150 gegen 25 Seiten schieflastig. Gefragt werden kann auch, ob nicht bereits von einer dritten Generation gehandelt werden müsste, in der die Bandbreite zwischen dem auf Seite 20 geschilderten sozialen Aufstieg von Zuwanderern in gehobene Berufe (Selbständige, Wissenschaftler, Ärzte, Künstler, Journalisten) und misslungener Integration mit sozialem Abdriften am breitesten ist.

Es liegt nämlich nahe und es bestätigt sich in den Interviews, dass bei strikter Beibehaltung der mitgebrachten Normen die Konflikte mit der Aufnahme-Gesellschaft größer werden als bei teilweiser Assimilation der Normen des Gast-Landes. Zuzustimmen ist dem Urteil eines im Teil „Die zweite Generation“ Interviewten, von dem ein Ehrenmord an seiner eigenen Mutter verlangt wurde, die angeblich die Ehre des Vaters verletzt hatte: Der interviewte Sohn lehnte ab und sagte: „Wo so etwas passiert, regiert noch das Mittelalter“ (Seite 189).

Wieweit die dargestellte Lösung der Konflikte mit Pendeln zwischen Deutschland und der Türkei unter dem Horizont einer globalisierten Welt hilfreich ist, mag sich in einer zunehmenden Zahl an Fällen in der Praxis zeigen. Jedenfalls ist die Interview-Zusammenstellung reich an gelungeneren und weniger gelungenen Integrationsbemühungen. Durch die Gliederung in 15 Einzelarbeiten lässt sich der eindrückliche und in vielen Teilen sogar anrührende Band auch gut portionsweise lesen. Eine Zeittafel zu den historischen Ereignissen und den rechtlichen Rahmensetzungen zwischen 1903 und 2011 am Ende des Buches fördert das Verständnis.

Fazit

Der Interviewband „Auf Zeit. Für immer“ gibt ein differenziertes Bild ab von den unterschiedlichen Bewältigungen der Probleme türkischer Arbeitsmigranten in Deutschland. Er zieht plausible Verbindungen zwischen den individuellen Integrations-Situationen und den makrogesellschaftlichen Umständen in Herkunfts- wie Aufnahmeland. Klischees wie Ausländerfeindlichkeit der Deutschen bestätigen sich gerade nicht.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 17.11.2011 zu: Jeannette Goddar, Dorte Huneke (Hrsg.): Auf Zeit. Für immer. Zuwanderer aus der Türkei erinnern sich. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2011. ISBN 978-3-462-04432-4. Reihe: KiWi - 1274 - Paperback. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12441.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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