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Heidi Fausch-Pfister: Musiktherapie und Psychodrama

Cover Heidi Fausch-Pfister: Musiktherapie und Psychodrama. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2012. 164 Seiten. ISBN 978-3-89500-856-6. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.

Reihe: zeitpunkt musik.
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Thema

Das Buch „Musiktherapie und Psychodrama“ geht im Wesentlichen der Frage nach, wie sich die Elemente des Psychodramas im Rahmen der musiktherapeutischen Praxis anwenden lassen. Dass beide therapeutischen Orientierungen ein „fruchtbares Paar“ bilden, verdeutlicht die Autorin in vielfältiger Weise. Dies beruht zum einen auf Ähnlichkeiten (wie der Bedeutung von Spontaneität, Kreativität, Resonanz), zum anderen auf wechselseitiger Ergänzung durch die Stärken des jeweils anderen Ansatzes. Der Autorin geht es vor allem darum, die Umsetzung der Psychodrama-Elemente in der Musiktherapie darzustellen, weniger darum, die Wirkungen der Musiktherapie zu thematisieren. Entsprechend sind die meisten Kapitel der Präsentation von psychodramatischen Methoden und Ansätzen in musiktherapeutischen Settings und der Ähnlichkeit in den Arbeitsformen gewidmet. Die Diskussion um musiktherapeutische Richtungen bleibt allerdings außen vor.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die in langjähriger Praxis erfahrene Musiktherapeutin ist als Psychodramaleiterin ausgebildet und als Lehrtherapeutin tätig. Sie ist als Gastdozentin verschiedentlich in Musiktherapie- und Psychodrama-Ausbildungen engagiert und verfügt über einen Masterabschluss in klinischer Musiktherapie. Das Buch beruht auf der Masterthesis der Autorin.

Aufbau

Der Aufbau des Buches in 16 Kapiteln ist zu Anfang in seinem Sinn nicht so leicht zu erschließen, fehlt doch eine übersichtliche Grobstruktur in der Gliederung. Beim Lesen wird der Fortgang der Darstellung aber von Kapitel zu Kapitel plausibel und schließlich auch ersichtlich, dass Morenos „dreiteilige Aktionsmethode Psychodrama, Soziometrie und Gruppenpsychotherapie“ für diese Gliederung Pate gestanden hat.

Inhalt

Das Buch eröffnet die Thematik mit einem kurzen, aber vielsichtigen Überblick über die psychischen und sozialen Potenziale von Musik und ihre therapeutisch nutzbaren Wirkungen und einigen Kommentaren zur Besonderheit des musiktherapeutisch bevorzugten Instrumentariums.

Die Autorin skizziert im ersten Kapitel auch einige entwicklungspsychologische und neuropsychologische Grundlagen der Wirkungen von Musik, bevor sie am Beispiel von Aufstellungsarbeit, szenischem Spiel und Rollenspiel aufzeigt, dass Elemente des Psychodramas implizit schon in verschiedenen methodischen Konzepten der Musiktherapie enthalten sind.

Mit dem zweiten Kapitel „Was ist Psychodrama?“ nimmt die nun umfangreiche Darstellung dieses Ansatzes ihren Anfang. Dieser beginnt mit einer kurzen Darstellung des Menschenbildes von Moreno und der Erarbeitung der wichtigsten Grundbegriffe des Psychodramas wie „Tele“ und „Rolle“. Die Autorin zeigt hier die Ähnlichkeit von Morenos „Rollenkategorien“ mit Sterns „Bereichen der Bezogenheit“ und Hegis „musikalischen Komponenten“ auf, was im sechsten Kapitel dann wieder aufgegriffen wird. Sodann werden die wichtigsten Psychodrama-Elemente erläutert.

Mit den Parallelen zwischen Musiktherapie und Psychodrama befasst sich das dritte Kapitel. Auf der Basis des Vergleichs zwischen dem Telebegriff im Psychodrama und dem Resonanzbegriff in der Musiktherapie diskutiert die Fausch-Pfister Aspekte der Synchronisation, der Diagnostik, der Spiritualität und der Sponaneität. Hier zeigt sich die Ähnlichkeit beider Ansätze im Blick auf die Gestaltung von Musik und Drama und auf die mediäre Kommunikation.

Ein besonderer Stellenwert wird in diesem Buch der Frage zugesprochen, welche Funktionen und Wirkungen den Psychodrama-Elementen zukommen. Dies zu erarbeiten ist die Aufgabe des vierten Kapitels, in dem ein differenzierter Überblick über Funktionen, Wirkungen und Indikationen entwickelt wird und die Psychodrama-Elemente in ihrer Wirkung am Beispiel eines Praxisberichts zu einem ausgewählten Fall über 23 musiktherapeutische Sitzungen hinweg illustriert werden. Abschließend werden in diesem Kapitel musiktherapeutische und psychodramatische Wirkungen einander gegenüber gestellt.

Die Sitzungsgestaltung in der psychodramatischen Musiktherapie in ihrem Dreitakt von „Erwärmung“, „Spielphase“, „Sharing“ und „Feedback“ wird im fünften Kapitel vorgestellt, wobei die Rolle des/der TherapeutIn für jede Phase eingehend unterschieden wird. Sharing und Feedback werden in ihrer Wirkung und in ihren methodischen Möglichkeiten differenziert erörtert und an einem Praxisbeispiel veranschaulicht. Ans Ende dieses Kapitels platziert die Autorin einen nützlichen Entwurf für ein Protokollformular für die musiktherapeutischen Sitzungen.

Der „Erwärmung“ widmet Fausch-Pfister ein umfangreiches Kapitel, in welchem zahlreiche Formen und Methoden für diese Phase eingehend zur Darstellung kommen.

Die nachfolgenden kürzeren Kapitel widmen sich nun aber nicht den weiteren Phasen, wie der Leser/die Leserin vielleicht erwarten würde, sondern bearbeiten verschiedene (Rand)aspekte des Psychodramas, die im Grunde für alle Phasen von Bedeutung sind, wenn sie auch für die Spielphase besonders zentral sind. Es sind dies Aspekte wie „Bühne und Zuschauerraum“, „Szenenaufbau“ und „Szenenwechsel“.

Die sozialen Aspekte des Psychodramas sind der Inhalt der Kapitel 10 und 11. Hier werden zunächst die Möglichkeiten zum Rollencluster in der Musiktherapie diskutiert und die Arbeit am Rollencluster an einem Praxisbeispiel aufgezeigt, sodann Methoden des Rollentauschs oder Rollenwechsels und des Doppelns und Spiegelns anhand verschiedener Spielformen und schließlich die Anwendung der Soziometrie nach Moreno für das musiktherapeutische Arbeiten in Gruppen erörtert.

Am Ende des Buches ergänzt die Autorin das Methodenspektrum zum therapeutischen Vorgehen noch um die Verfahren des „sozialen Atoms“ und des „kulturellen Atoms“, die sie in besonderer Weise als geeignet einschätzt, um den Anfang und das Ende einer Therapie zu markieren und Veränderungen durch den Vergleich zu erschließen. Hier werden wiederum dem Morenoschen Dreischritt entsprechend Anleitungen zum Stundenverlauf entwickelt und an mehreren Beispielen verdeutlicht. Rückblickend auf den Verlauf der Therapie kann eine „Prozess-Aufstellung“ oder eine „Prozess-Zeichnung“ die eigene Entwicklung des oder der KlientInnen noch einmal vor Augen führen, wie das 15te Kapitel zeigt.

Abschließend zieht die Autorin Bilanz zur Gegenüberstellung der musiktherapeutischen und psychodramatischen Elemente. Ihre anfängliche Hauptthese, dass das, „was die Musiktherapie aus dem Meer des Unbewussten auftauchen lässt, … mit Psychodrama-Elementen an Land gezogen werden“ kann, kann durch die Ergebnisse der einzelnen Kapitel nun verschiedentlich als konkretisiert bestätigt werden.

Fazit

Zusammenfassend kann folgendes Resümee gezogen werden: Das Buch ist wohl in erster Linie für MusiktherapeutInnen geschrieben, die ihr methodisches Repertoire erweitern oder auch die Nachhaltigkeit ihrer Interventionen mit psychodramatischen Mitteln verstärken wollen. Sie gewinnen mit dieser Arbeit nicht nur eine gute Einführung in das Psychodrama und einen ersten Einblick in die Möglichkeiten des Psychodramas im musiktherapeutischen Rahmen, sondern bereits fundierte und sehr anschaulich dargestellte methodische Grundlagen für ihre Arbeit. Vieles ist so konkret entwickelt, dass es sich – vielleicht zuweilen modifiziert – unschwer in die eigene Therapieplanung integrieren lässt. Das Buch ist aber auch für Studierende von besonderem Interesse, die die Nützlichkeit von Morenos Psychodrama für eine psychodynamisch orientierte Musiktherapie kennenlernen wollen und hier eine theoretisch kompetente Darstellung der Bezüge zwischen Musiktherapie und Psychodrama finden. Dass die Autorin für beide Richtungen in der Fachliteratur recht bewandert ist, zeigt nicht nur das umfangreiche Literaturverzeichnis, das in ausgewogenem Verhältnis psychodramatische und musiktherapeutische Quellen berücksichtigt, sondern auch die hervorragende Integration dieser Quellen in die theoriedarstellenden Passagen. Damit erreicht auch die Fachsprachlichkeit des Buches ein ordentliches Niveau, ohne dass die Lektüre aber irgendwo unverständlich würde. Das verhindert schon die gewissenhaft durchgeführte Veranschaulichung von Phasen, Formen und Methoden durch informative Praxisbeispiele. Das durchweg hohe Maß an Strukturiertheit im Aufbau wie in den Einzeldarstellungen in den Kapiteln und die systematische Einflechtung von Praxisbeispielen wie auch die Integration von methodischen Materialien machen das Buch zu einem vielseitig nutzbaren Kompendium und zugleich zu einer gelungenen Einführung ins Psychodrama im musiktherapeutischen Feld. Auch wenn der Aufbau des Buches vielleicht eine Systematik andeutet, die nicht überall konsequent durchgehalten wird, hat man doch nach Vollendung der Lektüre den Eindruck, in wohlgeordneter Weise ungemein viel über das Psychodrama und seine Anwendungsmöglichkeiten in der Musiktherapie erfahren zu haben. Alles in Allem wird das Buch zweifellos dem Anspruch gerecht, ein Lehrbuch zu sein.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Krieger


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Zitiervorschlag
Wolfgang Krieger. Rezension vom 10.07.2013 zu: Heidi Fausch-Pfister: Musiktherapie und Psychodrama. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-89500-856-6. Reihe: zeitpunkt musik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12458.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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