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Thomas Knaus, Olga Engel (Hrsg.): fraMediale. Digitale Medien in Bildungseinrichtungen

Cover Thomas Knaus, Olga Engel (Hrsg.): fraMediale. Digitale Medien in Bildungseinrichtungen. kopaed verlagsgmbh (München) 2011. 230 Seiten. ISBN 978-3-86736-269-6. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR.
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Thema

Der Band versammelt Beiträge einer Fachtagung vom 16.3.2011 zur Verwendung von digitalen Medien in Schule und Hochschule. Die Spanne reicht von lern-theoretischen und medien-didaktischen Überlegungen sowie einer empirischen Studie zur Medienentwicklung an allgemeinbildenden Schulen über die Vorstellung von aktuellen Medienprojekten aus der Region Frankfurt/M. bis zur Behandlung medientechnischer Fragen beim Einsatz in Schule und Universität. Die pädagogischen Einrichtungen sehen sich zum Handeln veranlasst angesichts einer Jugendgeneration, die ganz selbstverständlich Youtube, Twitter, Potcasts, Blogs, Social-Networks und Apps für das Smartphone nutzt.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Thomas Knaus ist Initiator und Olga Engel Organisatorin der Veranstaltung. Beide treten auch als Autoren von Beiträgen auf. Er ist Leiter und sie Mitarbeiterin am Frankfurter Technologiezentrum [:Medien] FTzM an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Die Tagung fraMediale ist ein Projekt des FTzM und wird veranstaltet vom Team von fraLine. Als Kooperationsprojekt der Stadtverwaltung Frankfurt/M. und der Fachhochschule ist dieses Team bereits seit zehn Jahren damit beschäftigt, die Frankfurter Schulen beim Einsatz, Support und der Weiterentwicklung digitaler Medien für den Unterricht zu unterstützen. Immer wieder fließen Erfahrungen aus dieser Arbeit in die Texte ein, womit die Themen äußerst praxisnah dargestellt werden können. Die Autoren waren für die mündlichen Vorträge dazu angehalten, 15 Minuten nicht zu überschreiten. Daher sind auch die schriftlichen Beiträge von überschaubarer Länge.

Aufbau und Inhalt

Der Inhalt wird in drei Teilen präsentiert.

  1. Der erste Teil erörtert lerntheoretische, mediendidaktische und medienpädagogische Themen und gibt einen empirischen Einblick in die Nutzungsweisen und Probleme des Einsatzes digitaler Medien an Frankfurter allgemeinbildenden Schulen.
  2. Der zweite Teil umfasst Medienkonzepte aus Universität und Lehrerbildung sowie Projektberichte aus Fachdidaktiken und Inklusion (bei Krankheit) an Schule.
  3. Der dritte Teil behandelt einzelne medientechnische Probleme und Lösungen.

Im ersten Beitrag des theoretischen ersten Teils liefert Thomas Knaus zunächst eine Begründung für den Einsatz von digitalen Medien in schulischen und universitären Lehr-/Lernprozessen. Er schlägt Brücken zur bildungstheoretischen Didaktik und orientiert sich an einem (moderaten) Konstruktivismus, bei dem der Lehrende Settings und ein lernförderndes Umfeld gestaltet. Er betrachtet nicht vertiefend (wie ansonsten nahe liegend) die Aspekte von Selbststeuerung und Projektlernen, sondern geht ansatzweise auf den lehrerinnen- und lehrerzentrierten Unterricht ein, der in der Praxis nach wie vor dominiert. Medien liefern hier überwiegend Anschauungsmaterial, doch sind auch Verknüpfungen zu den Lebenswelten der Schüler möglich. Der versierte, selbstverständliche Umgang mit digitalen Medien ist aber in der schulischen Praxis häufig noch nicht gegeben. Der Unterstützungsbedarf bezieht organisatorische und technische Faktoren ein, doch liegt der Fokus auf der Herausbildung von Medienkompetenz und von medienpädagogischer Kompetenz bei den Lehrenden. Fortbildungen seien durch individuelles, medienpädagogisch-technisches Coaching besonders effektiv. Der nächste Schritt liege nunmehr darin, die allgemeinen Medienkompetenzen mit dem Vorgehen der jeweiligen Fachdidaktiken zu verschränken.

Franz Joseph Röll nimmt die Erfordernisse der „Wissensgesellschaft“ zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen und stellt bei den Jugendlichen anlässlich ihrer Web 2.0-Nutzung bereits ein verändertes Interaktions- und Kommunikationsverhalten sowie entsprechende Muster zur Aneignung von Wirklichkeit fest. Dem interaktiven Lernen in der Lebenswelt der Lerner müsse mehr Raum gegeben werden. Dafür gebe es auch bereits mediale, kreative didaktische Konzepte, die Lerner dazu auffordern, eigene Lösungswege zu suchen und mit Text, Bild und Film auch zu gestalten. Röll verfolgt eindeutig die Perspektive hin zum selbstgesteuerten, erkundenden Lernen und wirft mit seinem Konzept der „Pädagogik der Navigation“ die Forderung nach einer Veränderung der Rolle der Pädagoginnen und Pädagogen auf. Er ist davon überzeugt, dass Schule sich damit mehr auseinandersetzen muss.

Nicola Döring und Yvonne Ludewig berichten über eine von ihnen in 2010 durchgeführte Befragung von Lehrerinnen und Lehrern zur Medienentwicklung an allgemeinbildenden Schulen. In den Gesprächen der Fokusgruppen, die mit der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet wurden, werden zwar positive Einstellungen, Engagement und eine hohe Nutzungsintention der Lehrer deutlich. Doch fallen die Ergebnisse zur Umsetzung im schulischen Alltag sehr ernüchternd aus: Computer und Internet werden noch immer nur in geringem Umfang genutzt, teilweise fehlen die Computer oder sie sind veraltet und die Qualifizierung der Lehrkräfte lässt zu wünschen übrig. Verbessert werden müsste neben der technischen Infrastruktur insbesondere eine bedarfsgerechte Fortbildung mit praxisorientierten Seminaren, am besten an den Schulen vor Ort, sowie die Vermittlung von Best-Practice-Beispielen.

Der Digitale Campus an der FH FFM ist im zweiten Teil des Bandes Thema von Christoph Tomas. Das Ziel einer „medienbruchfreie(n) elektronischen Unterstützung aller Kernprozesse im Rahmen des ‚Student Lifecycles′“ (S. 72) und die Integration anderer Dienste sind ambitioniert. Interessant ist aber vor allem die Prozessbeschreibung der Einführung, denn es handelt sich nicht allein um ein IT-Projekt sondern um einen tief greifenden Organisations- und Veränderungsprozess für die Hochschule.

Es folgen zwei Beiträge, die sich mit der Medienkompetenz für Lehramtsstudierende beschäftigen. Claudia Bremer macht deutlich, dass die grundlegenden didaktischen Überlegungen um die Jahrtausendwende angestellt worden waren. Später wurde dann in Frankfurt /M. ein Kompetenzmodell für die Lehrerbildung in Hessen entwickelt. Darin sind Bildungsziele, Standards und Umsetzungsempfehlungen enthalten, die hier auch in der curricularen Umsetzung beschrieben werden. Inzwischen ist das landesweite Konzept auf alle drei Phasen der Lehrerbildung erweitert worden und im Anhang zu diesem Aufsatz dokumentiert („Medienbildungskompetenz für Lehrkräfte“).

Der Beitrag von Martin Leonhardt und Karl-Heinz Lochner belegt, dass die digitalen Medien in der Lehrerausbildung inzwischen ihren Platz gefunden haben. Blogs, Wikis und von Schülern produzierte Audio-Podcasts sind im Fremdsprachenunterricht sinnvoll einzusetzen. Weitere Projekte werden dargestellt:

  • Die katholische Theologie der Goethe-Universität betreibt auf der Plattform „Second life“ ein sogenanntes „Zweitreisebüro, mit dem sie Schüler an virtuell nachgebildete, religiös interessante Orte schicken kann
  • Beim Mathematikunterricht wird das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit beim Einsatz digitaler Medien analysiert
  • Die LPR Hessen und ihre Medienprojektzentren Offener Kanal halten vielfältige Medienbildungsangebote bereit
  • P.U.L.S. ist die Abkürzung für „PC-gestützter Unterricht für langzeiterkrankte Schülerinnen und Schüler“. Die Autoren Thorsten Mehlbaum, Frank Pastorek und Gisela Reisert fassen das Vorhaben folgendermaßen zusammen: „Ziel des Projektes P.U.L.S ist es, den erkrankten Schülerinnen und Schülern in der Klinik beziehungsweise zu Hause durch Videokonferenzen zwischen ihren Stammschulen und dem Krankenbett die Möglichkeit zu eröffnen, am Unterricht teilzunehmen und mit ihrer Klasse in Interaktion treten zu können. Neben der Vermittlung von Unterrichtsstoff stehen vor allem die Kommunikation, das Aufrechterhalten der sozialen Kontakte und das Gefühl der Dazugehörigkeit im Vordergrund.“ Dazu wurde ein Medienkoffer konstruiert, der im Klassenzimmer zur Video-Übertragung installiert wird und ein Pendant am Ort des kranken Kindes hat. In Absprachen können die Geräte ausgeliehen werden.

Der dritte Teil des Bandes sei denjenigen empfohlen, die technische Aspekte der digitalen Medien vertiefen wollen, ggf auch Beschaffungen vorhaben oder Nutzer unterstützen wollen. Man findet:

  • Ein Pro und Contra digitaler Tafeln
  • Technologieanalyse digitaler Tafelsystem
  • IT-Sicherheitskonzepte für mobile Geräte an Schulen
  • Video-Gebrauchsanweisungen – Vermittlung technischer Sachverhalte durch Videoclips
  • Abschließend ein kulinarischer Nachschlag mit (nicht virtuellen) Kochrezepten.

Diskussion

Auffallend ist, dass die schul-didaktischen Beiträge jeweils zu Anfang eine Legitimation liefern, warum man sich für Lehr- und Lernprozesse überhaupt mit digitalen Medien abgeben sollte. Für schulferne Personen erscheint dies 12 Jahre nach dem BMBF-Programm „Neue Medien in der Bildung“ leicht anachronistisch. Das Grundsätzliche ist aber nicht dominant in diesem Band. Vielmehr sind es die Einblicke in Ausbildungskonzepte, Unterrichtspraxen, Hindernisse und sachkundige Lösungen, die ein lebendiges Bild vom Entwicklungsstand der digitalen Bildungslandschaft in Frankfurt zeichnen, an dem sich andere Interessierte orientieren können. Die geplante regelmäßige Weiterführung sollte auch weiterhin editorisch begleitet werden, um die Entwicklungsschritte ablesen zu können.

Der Einsatz digitaler Medien in Bildungsprozessen legitimiert sich am besten über qualifizierte Projektvorhaben. So ist der kurze Aufsatz zum Digitalen Campus jeder Hochschulleitung zu empfehlen, die ähnliches vorhat. Und schlagender als bei dem Projekt zur sozialen und bildungsmäßigen Integration von langzeiterkrankten Schülerinnen und Schülern kann die Nützlichkeit der mit den Medien möglichen Überwindung von Zeit und vor allem Raum kaum belegt werden.

Ein Tagungsband versammelt stets heterogene Themen. Man muss sich ja nicht für alles interessieren – aber es erweitert den Horizont, wenn man es tut.

Fazit

Dankenswerterweise wird einem potentiell breiterem Publikum eine Momentaufnahme des Entwicklungsstands zum Umgang mit neuen Medien in den Bildungseinrichtungen Schule und Hochschule geboten. Das hier gezeichnete Bild ist ehrlich bei den bestehenden Hindernissen und Problemen, zeigt aber auch vorbildliche Leistungen der beiden Frankfurter Hochschulen und von kreativen Kollegen in der Projektarbeit auf, sowie Wege, wie die Entwicklung zu verbessern ist. Der Band ist eine Art Barometer der Umsetzung von Theorie in Praxis, insbesondere in Schule, bezüglich der Unterstützung von Bildungsprozessen mit Hilfe der Medien, die Jugendliche ansonsten nur außerhalb der Bildungseinrichtungen selbstverständlich nutzen.


Rezensent
Prof. Karl-Heinz Himmelmann
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Himmelmann. Rezension vom 28.09.2012 zu: Thomas Knaus, Olga Engel (Hrsg.): fraMediale. Digitale Medien in Bildungseinrichtungen. kopaed verlagsgmbh (München) 2011. ISBN 978-3-86736-269-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12480.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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