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Wilma Weiß: Philipp sucht sein Ich

Cover Wilma Weiß: Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 6., überarbeitete Auflage. 276 Seiten. ISBN 978-3-7799-1772-4. 16,95 EUR.

Basistexte Erziehungshilfen, hrsg. von der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH).

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2682-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Wilma Weißsetzt sich mit dem Umgang traumatischer Erlebnisse insbesondere in der stationären Kinder- und Jugendhilfe auseinander. Sie fordert die Integration der Bearbeitung dieser negativen Erfahrungen im ständigen Lebensumfeld der jungen Menschen. Hierzu gibt sie Anregungen und schlägt eine Brücke zwischen Therapie und pädagogischer Arbeit mit den traumatisierten Kindern und Jugendlichen.

Autorin

Wima Weiß, Jahrgang 1951 ist Diplom-Pädagogin, Diplom-Sozialpädagogin. Seit 1974 arbeitet sie mit traumatisierten Mädchen und Jungen in verschiedenen Arbeitsfeldern der Jugendhilfe. Sie hat Weiterbildungen in frauenspezifischer Sozialtherapie, struktureller Familientherapie und Traumaverarbeitung nach sexuellem Missbrauch absolviert. Sie ist Leiterin des Fachdienstes Trauma des Albert Schweitzer Kinderdorfes in Hanau (Hessen).

Aufbau

Das Buch ist in drei Oberkapitel gegliedert.

Teil A liefert eine genauere Erklärung des Begriffs „Trauma“ gepaart mit der Vermittlung des nötigen Grundwissens über die Dynamik der unterschiedlichen Traumata und die Kenntnis der Wirkungsfaktoren. Weiß schließt diesen Teil mit einem kleinen Exkurs in die Geschichte des Traumas ab.

Teil B beschreibt die Aufgaben der Pädagogen bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Wissen soll in die Pädagogik integriert werden und so ein Konzept der Zusammenarbeit zwischen Therapie und Pädagogik entstehen. Der Fokus liegt auf dem Alltag der Pädagogen in Einrichtungen der Erziehungshilfe.

Im letzten Teil C stellt Weiß als Fazit heraus, dass die speziellen Belastungen der Helfenden dazu führen, dass die Normen der Jugendhilfe überprüft werden müssen.

Inhalt

Im ersten Teil definiert Weiß zunächst das Wort „Trauma“, um eine Basis für den weiteren Verlauf des Buchs zu schaffen. Im Folgenden macht sie die Risikofaktoren, die traumatische Erfahrungen begünstigen deutlich. Diese fasst sie in 7 Kategorien zusammen.

Die Vernachlässigung beschreibt Weiß als die häufigste form von Kindesmisshandlung. Im Unterschied zur körperlichen oder sexuellen Gewalt wird vernachlässigten Kindern gar keine Aufmerksamkeit der Erwachsenen zuteil. Sie erhalten in keiner Weise Zuwendung oder Förderung. Vernachlässigung kann auf der körperlichen, kognitiven, emotionalen und sozialen Ebene geschehen. Dies führt dann zu schweren Entwicklungsbeeinträchtigungen. Vernachlässigte Kinder haben ein defizidäres Selbstkonzept, da sich dieses im Kindesalter stark an den Reaktionen der Erwachsenen orientiert.

Die seelische Misshandlung ist durch Beziehung und nicht durch eine Tat definiert. Eine seelische Misshandlungsbeziehung ist durch überwiegend inakzeptable Interaktionen der Erwachsenen gekennzeichnet. Dazu gehört laut Weiß Erniedrigung, Entwürdigung, Zurückweisung, emotionale Unereichbarkeit, Gebrauch des Kindes für die Bedürfnisse der Erwachsenen und Terrorisierung. Auch diese form der Misshandlung führt zu einem negativen Selbstkonzept.

Die körperliche Misshandlung beschreibt Weiß als die offensichtlichste Form. Einerseits sind diese Kinder anpassungsfähig, um der Gewalt aus dem Weg zu gehen, andererseits reagieren sie häufig selber mit erhöhter Aggressionsbereitschaft. Sie entwickeln insbesondere im kognitiven Bereich Störungen.

Die häusliche Gewalt richtet sich häufig vom Partner gegen die Mutter. Die traumatische Erfahrung liegt im Miterleben dieser Gewalt. Zur detaillierteren Übersicht hatWeiß hier die Formen der Gewalt aus Sicht der Kinder aufgeführt.

Die traumatische Sexualisierung hat prägenden Einfluss auf die Entwicklung der Sexualität des Kindes. Die Autorin bedient sich des „Modells der vier traumatogenen Faktoren“ (Verrat, Ohnmacht/ Hilflosigkeit, Stigmatisierung, Traumatische Sexualisierung) nach Finfelhor und Browne. Diese belegt sie anhand eines Praxisbeispiels. Weiß arbeitet heraus, dass sexueller Missbrauch zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen der emotionalen, kognitiven und sozialen Entwicklung führen kann.

Die traumatische Trennung beschreibt Weiß insbesondere bei Kleinkindern, die auf ihre Bezugspersonen noch besonders angewiesen sind. Häufig werden diese Erfahrungen auf die eigenen Unzulänglichkeiten zurückgeführt. D.h. Trennung, weil die Kinder nicht gut genug sind. Speziell im Pflegekinderwesen und in der stationären Jugendhilfe hat die traumatische Trennung eine signifikante Bedeutung. Die Autorin betont jedoch auch, dass Trennungen generell zum Leben dazu gehören, deren Ablauf und die anschließende Verarbeitung jedoch den Grad eines möglichen Traumas beeinflussen.

Die letzte Kategorie befasst sich mit den Kindern psychisch kranker Eltern. Weiß macht deutlich, dass dieser Bereich in den letzten Jahren immer zentraler geworden ist. Sie führt die Faktoren auf, die zu negativen Folgen führen können. Kinder die im Kontext psychisch kranker Eltern aufwachsen, haben ein erhöhtes Risiko, selber psychische Auffälligkeiten zu entwickeln.

Weiß stellt klar heraus, dass traumatische Erfahrungen immer einer sorgfältigen Diagnostik bedürfen, die individuell unterschiedlich zu bewerten sind. Entscheidende Faktoren hierfür sind die Umstände der Traumatisierung, die schützenden Faktoren wie das soziale Umfeld, andere Ressourcen, die dazu führen können, dass die traumatische Erfahrung besser verarbeitet werden kann und die objektiven Merkmale einer Traumatisierung. Im Folgenden geht die Autorin auf die entwicklungspsychologischen Auswirkungen traumatischer Belastungen im Kindesalter ein. Dabei beleuchtet sie das Selbstbild, die Beziehungsebene und das Verhalten vor dem Hintergrund der Erinnerungsebene. Nach einem kleinen Exkurs in die Entwicklung der Traumaforschung in Korrespondenz zu traumatischen geschichtlichen Ereignissen wie etwa der Zweite Weltkrieg und seine Folgen schließt sie den ersten Teil mit einem gut auf den Punkt gebrachten Fazit mit dem Appell an professionelle Helfersysteme das Wissen zur Traumabewältigung zu nutzen. Hiermit schlägt sie die Brücke zum zweiten Teil, nämlich den Aufgaben der Pädagogik. Weiß kritisiert dabei deutlich die Verlagerung der Bewältigung von traumatischen Ereignissen in die Therapie und fordert eine Auseinandersetzung mit der Traumapädagogik. Der Begriff der Traumapädagogik wird im weiteren Verlauf näher erläutert. Zunächst stellt die Autorin heraus, dass eine wertschätzende, beziehungsfördernde Haltung notwendig ist, die die Reflexion des eigenen Menschenbildes voraussetzt. Anschließend beschreibt Weiß die Entstehungsgeschichte der Traumapädagogik. Dabei beruft sie sich auf die Reformpädagogik, einem partizipierenden Erziehungsansatz. (Pestalozzi, Korczak, Montessori) auf die Heilpädagogik, die sich mit Kindern mit besonderen Erziehungsbedürfnissen aufgrund wenig hilfreicher Erfahrungen in der Vergangenheit auseinandersetzt und auf die psychoanalytische Pädagogik, die das Übertragungskonzept von Freud integiert. Sie beschreibt u.a. kurz Bettelheims Ansatz, des Milieutherapeutischen Konzepts und erwähnt Bowlbys Bindungstheorie.

Weiß zeigt auf, wie wichtig in der pädagogischen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen die Integration der Vergangenheit ist. Erst im Bewusstsein der eigenen Biographie können wenig hilfreiche Muster durchbrochen werden. Dabei spielt u. U. die Fremdunterbringung eine große Rolle. Die Kinder und Jugendlichen müssen einen neuen Sinn entwickeln und können dann auch die eigenen Schuldgefühle bearbeiten. Im Folgenden geht die Autorin detailliert auf dieses Thema ein und erarbeitet praktische Handlungsmöglichkeiten für die pädagogischen Fachkräfte in stationären Jugendhilfeeinrichtungen. Den Kinder und Jugendlichen muss die Möglichkeit einer korrigierenden Bindungserfahrung gegeben werden. Das stellt eine große Herausforderung für die Pädagogen dar, denn sie müssen sich mit ihrem eigenen Bindungsverhalten auseinandersetzen. Weiß fordert an dieser Stelle eine bessere Ausbildung der Fachkräfte. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Korrektur des bis dahin meist sehr defizitorientierten Selbstkonzepts. Auch hier beschreibt die Autorin ausführlich die Möglichkeiten und Chancen in der Arbeit der pädagogischen Fachkräfte und geht detailliert auf die einzelnen Komponenten zur Entstehung des Selbstkonzeptes ein. Ein ebenfalls wichtiger Aspekt in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen ist die Genderfrage. Weißführt die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien von Mädchen und Jungen auf und entwickelt so Grundlagen für die pädagogische Arbeit. Im weiteren Verlauf fordert sie die Abwendung von der sexualpädagogischen Zurückhaltung. Insbesondere Kinder und Jugendliche mit sexueller Gewalterfahrung brauchen Unterstützung, um den Begriff der Sexualität neu definieren zu können. Um dies zu gewährleisten müssen auch hier den pädagogischen Fachkräften Konzepte an die Hand gegeben werden, die eine größere Handlungssicherheit ermöglichen.

Weiß fordert eine Zusammenarbeit zwischen Therapie und Pädagogik und beschreibt die Nutzen, die sich daraus ergeben sehr anschaulich. Sie mahnt an, dass es immer wieder dazu kommt, dass beide Fachkräfte Konkurrenz zueinander entwickeln, die für die Bearbeitung der traumatischen Ereignisse, die ja auch im Alltag der Kinder und Jugendlichen eine große Rolle spielen, hinderlich sei. Das vorletzte Kapitel des zweiten Teils befasst sich mit der Elternarbeit. Die Autorin macht deutlich, dass es noch wenige Erfahrungen gibt, die Gefahr einer erneuten Traumatisierung bei einer Rückführung der Kinder und Jugendlichen jedoch groß ist. Unter diesem Hintergrund stellt sie Kriterien auf, die bei einer Rückführung unabdingbar sind.

Im letzten Kapitel geht es um die Auseinandersetzung mit Missbrauchserfahrungen von Kindern und Jugendlichen durch professionelle Bezugspersonen.

In ihrer Schlussfolgerung dieses sehr umfangreichen Teil B fordert Weiß vor dem vorangegangenen Hintergrund ihrer Ausführungen eine Veränderung der pädagogischen Haltung, die dazu führt, dass die Integration der Bewältigung von traumatischen Ereignissen in den pädagogischen Alltag gelingt.

In Teil C setzt sich Weiß mit den notwendigen Grundkompetenzen der Pädagogen auseinander. Sie beschreibt im Folgenden die Belastungsfaktoren der Fachkräfte im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen. So wird aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen häufig lediglich begrenzt. Dies dient zwar zunächst dem Schutz der beteiligten Personen, führt aber dazu, dass diese Gefühle nicht abreagiert bzw. bearbeitet werden können. Ebenfalls der Umgang mit sexualisierten Verhaltensweisen, die den Kindern und Jugendlichen u.U. in ihrem früheren Leben als hilfreich erschienen wird häufig nicht adäquat begegnet, was zur Verstärkung des unerwünschten Verhaltens führen kann. Dadurch werden die Handlungsmöglichkeiten immer weiter eingeschränkt und es besteht die Gefahr, dass die Fachkräfte den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen verlieren. Hier fordert Weiß eine entsprechende Berücksichtigung in Aus- und Weiterbildungen ein. Pädagogische Fachkräfte bedürfen vor allem einer Auseinandersetzung mit den eigenen biographischen Erfahrungen und den sich daraus ergebenden Haltungen. Nur im Bewusstsein der eigenen Lebensgeschichte und den damit verbundenen Verführbarkeiten bzw. Verstickungen und einer ständigen reflexiven Haltung können Übertragungen vermieden werden. Um dies zu belegen beschreibt die Autorin im weiteren Verlauf Übertragungsphänomene und Gegenreaktionen.

Die tabuisierende Gegenreaktion soll die Brisanz des sexualisierten oder aggressiven Verhaltens herabsetzen. Die aggressive Gegenreaktion wird durch die Intensität des aggressiven Verhaltens der Kinder und Jugendlichen ausgelöst und führen zur Stagnation in der Auseinandersetzung. Die sexuelle Gegenreaktion ist häufig ein sekundäres sexuelles Gefühl, ausgelöst durch die Übertragungs- Gegenübertragungsinteraktion. Die Tabuisierung dieses Gefühls kann zu erheblichen Zweifeln an der eigenen Fachlichkeit und damit an der pädagogischen Arbeit führen.

Weiß öffnet in dem Zusammenhang die Möglichkeiten für das Team. Auch hier bestehen Verführbarkeiten beispielsweise der Spaltung durch unterschiedliche Bewertungen. Die Autorin macht an dieser Stelle die Notwendigkeit der Reflexion im Sinne einer gelingenden Zusammenarbeit deutlich. Fehlendes Wissen über das Thema der Traumatisierung führen bei den Fachkräften zur Überforderung. Weiß stellt in diesem Zusammenhang drei Grundkompetenzen in den Fordergrund: die Sachkompetenz, die Selbstreflexion und die Selbstfürsorge. Um dies zu erreichen müssen laut Weiß die Rahmenbedingungen verändert werden. Die Autorin kritisiert hier deutlich die derzeitigen Standarts insbesondere der Fachschulausbildung. Sie fordert den immer komplexer werdenden sozialen Zusammenhängen gerecht zu werden und die Ausbildung dem permanenten Entwicklungsfeld der Jugendhilfe anzupassen. Als Kompensation dienen derzeit die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Des Weiteren kann das Team eine große Ressource bedeuten und in Form der kollegialen Beratung Entlastung und neue Handlungsmöglichkeiten schaffen. Insbesondere der Leitungsebene kommt eine zentrale Rolle zu. Sie ist verpflichtet die entsprechenden Rahmenbedingungen für ihre Mitarbeiter zu schaffen. Die Leitung muss Verantwortung übernehmen und für eine wertschätzende Atmosphäre sorgen. Sie muss durch kontinuierliche Fort- und Weiterbildungsangeboten den Mitarbeitern entsprechende Qualifizierungen ermöglichen, die den veränderten Anforderungen gerecht werden. Nur so können sich Mitarbeiter entwickeln und ihre Handlungskompetenzen erweitern. Zum Schluss beklagt Weiß die geringe gesellschaftliche Wertschätzung der Arbeit in diesem Bereich. Die Herkunftsfamilie hat immer noch den höchsten Stellenwert und die Rechte der Kinder und Jugendlichen werden noch viel zu wenig gesehen.

Diskussion

In ihrem Buch präsentiert Weiß eine plausible Argumentationskette, die unweigerlich dazu führt, auch auf gesellschaftlicher Ebene die Herangehensweise an die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit traumatischen Erfahrungen zu überarbeiten. Sie führt sehr eindrucksvoll die gegenwärtigen Grenzen in der Traumaarbeit auf und fordert insbesondere in der Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte ein Umdenken. Dabei liefert sie praktische Handlungsmöglichkeiten immer wieder gepaart mit theoretischem Bezug. Die teilweise ausführlichen Exkurse in die unterschiedlichen Theoriegebäude beispielsweise in der Entwicklung des Selbstkonzepts, gekoppelt mit Beispielen aus der Praxis führen zu hilfreichen Anleitungen für die Arbeit mit den traumatisierten jungen Menschen. Die Autorin schafft es insbesondere durch die Praxisbeispiele deutlich zu machen, dass eine Kooperation zwischen Therapie und Pädagogik möglich und wünschenswert ist. Aus meiner eigenen Berufserfahrung weiß ich um die Kompetenzkämpfchen, die häufig einer konstruktiven Zusammenarbeit im Wege stehen. Hier werden Schauplätze bedient, die am Klienten vorbei gehen. Es darf nicht sein, dass im Gerangel der Fachkräfte die Chancen, die sich aus einer gemeinsamen Herangehensweise ergeben, im Keim erstickt werden. Vielmehr besteht die Möglichkeit voneinander zu profitieren im Sinne einer ganzheitlichen Herangehensweise, um eine gelingende Traumabewältigung zu gewährleisten. Schließlich passiert die Gesundung von Kindern und Jugendlichen mit traumatischen Erfahrungen nicht zuletzt auch im alltäglichen Miteinander durch korrigierende positive Erfahrungen. Dies macht Weiß deutlich, indem sie detailliert diverse Traumata beschreibt und deren mögliche Folgen darlegt. Ihrem ausführlich beschriebenen Abschnitt über konstante Bindungserfahrungen stehe ich allerdings kritisch gegenüber. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die Bezugspersonen beständig bleiben. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild. In wenigen Berufen gibt es so häufige personelle Wechsel, wie insbesondere in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Die Autorin versucht sich hier in einem Erklärungsansatz. Sie führt die Überforderung der pädagogischen Fachkräfte an, die ihrer Meinung nach der nicht ausreichenden Ausbildung vor allem in den Fachschulen geschuldet ist. Des Weiteren gibt es nur wenig gesellschaftliche und nicht zuletzt monetäre Anerkennung. Immer wieder macht Weiß in ihrem Buch auf die gesellschaftliche Verantwortung aufmerksam. Die veränderten Bedingungen durch zunehmende Individualisierung und Pluralisierung der Lebenswelten machen eine Anpassung der pädagogischen Konzepte unabdingbar. Um dies zu gewährleisten müssen die Fachkräfte entsprechend geschult werden. Auf die Leitung kommen neue Aufgabenfelder zu. Sie muss ihre Einstellungspolitik und die Personalentwicklung überarbeiten, um ihren Mitarbeitern die nötige Unterstützung zu geben. Transparenz, Partizipation und Wertschätzung sind die Leitbegriffe der veränderten Rahmenbedingungen in der stationären Jugendhilfe. Aus meiner Sicht sollte Supervision in allen pädagogischen Tätigkeitsfeldern mittlerweile standardisiert sein und deren Notwendigkeit nicht mehr hinterfragt werden müssen. Leider gibt es jedoch noch sehr viele Einrichtungen und Institutionen, die es sich leisten darauf zu verzichten und damit mögliche Folgen, wie beispielsweise den Burnout in Kauf nehmen.

In ihrer Schlussbemerkung stellt Weiß noch mal sehr anschaulich dar, welche Bedingungen für eine gelungene Bearbeitung von Traumata notwendig sind. Dabei macht sie den pädagogischen Fachkräften Mut, sich gesellschaftlich und sozialpolitisch Gehör zu verschaffen. Ein Fazit für die Ausbildung ist die Übernahme der veränderten Anforderungen an die Jugendhilfe durch die Vermittlung von Grundkenntnissen und spezifiziertem Fachwissen in die Curricula der Ausbildungen.

Fazit

Ein Buch, das viele Denkansätze gibt und vor allem die meines Erachtens längst Überfällige Diskussion über eine Veränderung der Ausbildungscurricula im sozialen Bereich anstößt.


Rezensentin
M.Sc. Angelika Alieff-Sliepen
Sozialpädagogin / Sozialarbeiterin Supervisorin (M.Sc.) (DGSv.) Invisio. Praxis für systemische Beratung, Supervision und Coaching, Münster
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Zitiervorschlag
Angelika Alieff-Sliepen. Rezension vom 02.07.2012 zu: Wilma Weiß: Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 6., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-1772-4. Basistexte Erziehungshilfen, hrsg. von der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH).

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2682-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12513.php, Datum des Zugriffs 01.06.2016.


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