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Kai-Uwe Schablon: Community Care

Cover Kai-Uwe Schablon: Community Care. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2010. 2., durchgesehene Auflage. 356 Seiten. ISBN 978-3-88617-212-2. 25,00 EUR.
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Thema

Inklusion wird derzeit sowohl im schulischen wie im außerschulischen Bereich als das Leitprinzip im Bereich Sonderpädagogik erachtet. Ein zentrales Konzepts der Inklusion für den außerschulischen Bereichs ist das der „Community Care“, so dass sich daraus die Aktualität der Veröffentlichung von Schablon ableitet. Schablon hat schon frühzeitig in Veröffentlichungen auf das Konzept der Community Care hingewiesen. Mit der vorliegenden Arbeit, die ursprünglich als Dissertation verfasst worden ist, beabsichtigt er Community-Care als „konstruktiven Beitrag zur Inklusion behinderter Menschen“ (13) auch wissenschaftlich zu fundieren.

Schablons Versuch, eine theoretische Grundlage für Community Care zu erbringen, bewegt sich auf der Ebene allgemeiner Reflexion, auf der Ebene umfangreicher Literaturrecherchen und auf der Ebene der Analyse von praktizierten Community Care-Ansätzen.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einführung zur Begriffsklärung und zur Vorgeschichte in USA und Großbritannien geht er in der Einleitung anschließend auf die Situation in Deutschland ein. Dabei beschreibt er einerseits die rechtliche Situation und andererseits die gesellschaftliche Situation (entlang der Diskussion um den Begriff „Behinderung“ und „geistig behindert“).

Auf diesem Hintergrund untersucht er im ersten Teil detailliert die Vorstellungen, die entwickelt wurden im Rahmen von sechs Konzepten der Gemeindeeinbindung, nämlich den

  • Community Care-Ansatz der Ev. Stiftung Alsterdorf, den
  • Community Care-Ansatz des Rauhen Hauses, den
  • Community Care-Ansatz der „Aktion Menschenstadt“ in Essen, den
  • Community Care-Ansatz innerhalb der Community-Living-Bewegung, das
  • Verhältnis des Community Care-Ansatz zum Normalisierungsprinzip und
  • den Community Care-Ansatz in der Sozialpsychiatrie (De-Institutionalisierung der Psychiatrie Gütersloh).

Bei jedem der Konzepte beschreibt er die Geschichte und die „Ist-Situation“ der jeweiligen Einrichtung, das theoretische Verständnis, das sich aus den entsprechenden Veröffentlichungen ergibt und die weitere Planung. Diese Struktur erweitert er bei den einzelnen Ansätzen jeweils um andere Punkte. Unterfüttert wird diese Darstellung durch Expertengespräche mit jeweiligen „Initiatoren“, also mit

  • W. Kraft, Jurist und Vorstandsvorsitzender der Ev. Stiftung Alsterdorf (2004),
  • M. Tüllmann, Bereichsleitung des Rauhen Hauses,
  • K. von Lüpke, Pfarrer und Leiter des Behindertenreferats der Stadt Essen von 1977-2006,
  • E. Knust-Potter, Hochschullehrerin an der FH Dortmund,
  • W. Thimm, Universitätsprofessor Universität Oldenburg, und
  • K. Dörner, Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie in Gütersloh von 1986-1996.

Die Interviews fanden 2003 und 2004 statt, wurden aufgezeichnet und transkribiert und einer inhaltlich-reduktiven Auswertung unterzogen.

Im Einzelnen wurden die Themen

  • Definition von Community Care
  • Definition von Gemeinde
  • Voraussetzung für Community Care
  • Normen, Werte und Zielsetzungen
  • Mittel und Ressourcen
  • Wege der Umsetzung
  • Partizipationsmöglichkeiten der Nutzer
  • Strukturelle Rahmenbedingungen

angesprochen.

Durch die Auswertung konnte eine Synopse der einzelnen Modelle gewonnen werden, aus der dann mithilfe einer Themenmatrix ein Katalog von sechs Bereichen mit jeweils zehn Unterpunkten erstellt wurde, der im einzelnen aufzeigt, welche Bedeutung die Punkte in den jeweiligen Ansätzen besitzen, wobei implizit auch erkennbar ist, zu welchen Fragestellungen die Modelle keine Aussage machen.

Im zweiten Hauptteil der Arbeit analysiert Schablon zentrale Bezugstheorien in ihrer Aussagemächtigkeit für gelingende Gemeinweseneinbindung im Rahmen von Community Care. Zu diesen Theorien zählt er den Kommunitarismus, das Konzept Lebensqualität, das Konzept soziale Netzwerke und Netzwerknahe Konzepte.

Quintessenz dieser Analysen zeigen nach Schablon, dass

  • „direkte und indirekte professionelle Unterstützung“ gewährleistet sein muss, dass
  • ein „Methodenrepertoire, das individuellen und sozialräumlichen Ansprüchen gerecht wird“ von den Professionellen realisiert werden muss, dass
  • von einer „moralischen und rechtlichen Verpflichtung (der Mitbürger) gegenüber Menschen in marginalisierten Positionen“ ausgegangen werden muss, dass
  • „ein institutionell und öffentlich verortetes freiwilliges soziales Bürgerengagement“ unverzichtbar ist, dass es einer
  • „(Re-)Aktivierung traditioneller und posttraditioneller Ligaturen“ bedarf, dass
  • die „Kommunen bzw. die Träger der Behindertenhilfe“ durch hauptamtliche Mitarbeiterinnen diese Prozesse fördern müssen, dass die
  • „psychischen Befindlichkeiten“ berücksichtigt werden müssen durch „niedrigschwellige Unterstützungsangebote“ und dass es
  • der „Möglichkeit zur verantwortlichen und sinnstiftend erlebten Mitgestaltung“ durch die „Menschen in marginalisierten Positionen“ bedarf. (S. 292)

Eingebunden sind diese Erwartungen durch die Grundannahmen, dass es sich um eine Grasswurzelbewegung handeln muss mit dem Ziel der Bürgergesellschaft, verbunden mit einer Ent-Professionalisierung (bzw. Neubewertung der professionellen Aufgaben) und einer Bevorzugung kommunaler Entscheidungen. (S. 292)

Vor einem kurzen abschließenden Fazit resümiert Schablon die Ergebnisse seiner Arbeit, in dem er deren Bedeutung für die Ausbildung an Fachschulen und der einer möglichen curricularen Umsetzung entwickelt.

Diskussion

Einige kritische Punkte mögen angesichts der detailreichen Arbeit, die auch in den theoretischen Teilen sprachlich klar das Wesentliche heraushebt, angemerkt sein:

  1. In der Soziologie gibt es eine lange Reflexionsgeschichte zum Begriffspaar Gemeinschaft und Gesellschaft (Toennies), bzw. Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung (M. Weber) bzw. organische und mechanische Solidarität (Durkheim). Ein Anschluss an diese Reflexionen würden der Diskussion um Community Care gut tun.
  2. Es wird in der Arbeit zu wenig diskutiert, was an Behinderung als Stigmatisierung begriffen werden muss und was in Bezug gesetzt werden muss zu einem Verhalten, dass Hilfe, Care erforderlich macht. Nirje, einer der beiden Erstformulierer des Normalisierungsprinzip betonte die dreifache Last, die das Leben von geistig behinderten Menschen prägt, nämlich als geistig behindert behandelt zu werden, zu erkennen, dass man als geistig behindert behandelt wird und kognitiv eingeschränkt zu sein. Man kann mit Rückgriff auf philosophische Diskussionen Begriffe wie kognitive Einschränkung, Behinderung oder Kompetenz dekonstruieren, aber dann muss man diese Logik auch auf alle anderen Begriffe anwenden. Man kann nicht selektiv konstruktivistisch argumentieren, ohne unglaubwürdig zu werden. Care ergibt sich durch einen Bedarf und diesen Bedarf kann man nicht nur auf Stigmatisierung zurückführen. In dem Sinne hätte ich bei den Interviews erwartet, dass der Autor den jeweilig impliziten Begriff des Grundes für Care bei den Initiatoren herausarbeitet oder durch entsprechende Gesprächsführung herausgefunden hätte. Er selbst verwendet ja durchaus den Begriff Behinderung („geistig behinderte Mensch“, wobei die Definitionsfrage nicht verschwindet, ob man das Subjektiv oder das Adjektiv benutzt).
  3. Weiterhin ist sowohl in der Inklusions-Diskussion wie in der Community-Care-Konzept ein politischer Subtext verborgen. Schablon thematisiert das ansatzweise, indem er zum einen darauf verweist, dass Community Care ein Konzept mittlerer Reichweite sei, zum zweiten dass im Kommunitarismus eine Tendenz zu konservativen Moralvorstellungen angelegt ist und zum dritten, dass Community Care mit der Vorstellung einer grassroot-Bewegung zu verbinden ist. Aber gerade, da Community Care auch mit einer expliziten Ethik antritt und diese als moralische Forderung an alle Bürger versteht, sollte man die politischen Implikationen und Hintergründe nicht außer Acht lassen. Dabei ist beispielsweise zu unterscheiden, ob die jeweiligen Vertreter von einer pragmatischen politischen Perspektive ausgehen oder möglicherweise auch von einem eher klandestin gehaltenem Maximalkonzept gesellschaftlicher Veränderung.
  4. Der Anti-Instutionalismus wird meistens als selbsterklärend behandelt. Der Anti-Institutionalismus im Community Care-Konzept könnte auch interpretiert werden als ein Kampf um Macht innerhalb von Institutionen oder ein Kampf von Vertretern des Community Care Konzepts im Verein mit auf Kostenreduzierung bedachten Kommunen gegen die bestehenden Institutionen, wobei der Anti-Institutionalismus vor allem als Legitimationsbeschaffung einer Fraktion, die sich um Machterwerb bemüht, bewertet werden könnte.
  5. Wenn Schablon sein eigenes Interesse an dem Thema als „ideologisch“ (S. 24) bezeichnet, dann lässt sich vermuten, warum die verschiedenen wenig miteinander abgeglichenen Versatzstücke von philosophischen und wissenschaftstheoretischen Diskussionen, nämlich Phänomenologie, sozialer Konstruktivismus, symbolischer Interaktionismus, Rollentheorie des Strukturfunktionalismus, Care-Ethik, Kommunitarismus, Lebensweltkonzept, Lebensqualität, grounded theory, Parteilichkeit der Wissenschaft (Handlungsforschung, Praxisforschung) nebeneinander stehen. „Ideologisch“ verweist entweder auf eine ungenaue Begriffsführung oder auf das prä-soziologische, sicherheitsspendende Konzept der sozialen Welt als Verdinglichung im Sinne einer negativen Dialektik.

Fazit

Schablons Arbeit kann m.E. insofern nicht als die zentrale wissenschaftliche Grundlegung des Community Care-Modells verstanden werden, aber sie bietet so viel sortiertes Material und durchaus auch skeptische Reflexionen zur Community Care-Diskussion, dass die Diskussion nur mit und nicht ohne seine Arbeit weitergehen sollte. Zur Übersicht über das Konzept sei auf seine Veröffentlichungen in Fachzeitschriften (z.B. VHN 78 (2009, 34-45)) verwiesen.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Klingmüller
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Zitiervorschlag
Bernhard Klingmüller. Rezension vom 19.09.2012 zu: Kai-Uwe Schablon: Community Care. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2010. 2., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-88617-212-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12545.php, Datum des Zugriffs 09.12.2016.


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