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John McLeod: Beraten lernen

Cover John McLeod: Beraten lernen. Das Übungsbuch zur Entwicklung eines persönlichen Beratungskonzepts. dgvt-Verlag (Tübingen) 2011. 164 Seiten. ISBN 978-3-87159-703-9. 19,80 EUR.

Reihe: Beratung - 3.
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Thema

Der Erwerb von beruflicher Handlungskompetenz in psychosozialer Beratung und Psychotherapie ist ein umfassender und fachlich-persönlicher Lernprozess, der in aufwändigen und langdauernden Weiterbildungen i.d.R. nach dem Abschluss eines wissenschaftlichen Studiums oder einer Grundausbildung in psychosozialen, pädagogischen und Gesundheitsberufen stattfindet. Beratungsausbildungen sind fachlich-theoretische, methodisch-praktische und am persönlichen Wachstum der Lernenden orientierte Ausbildungen. Sie nutzen dazu in der Regel komplexe und sog. „starke“ Lernumgebungen. Zu diesen gehören Wissenserwerb, Methodentraining und Videofeedback, fallbezogene Arbeit und Live-Demonstrationen, die Tätigkeit als Co-Berater oder -therapeut, sowie kollegiale Beratung und Supervision. Je nach Provenienz der Ausbildung kommt auch mehrjährige beraterische oder therapeutische Selbsterfahrung als Klient hinzu. Keine Beratungsausbildung kommt ohne die erfahrungs- und reflexionsorientierte Arbeit an der Person des Beraters, an subjektiven Theorien, persönlichen Glaubenssätzen, Einstellungen und Haltungen als Berater oder Therapeut aus, die letztlich die Berufsidentität formt. Für diese unverzichtbare persönliche Auseinandersetzung will das Buch ein „Übungsbuch zum Erwerb eines persönlichen Beratungskonzepts“ – so der Untertitel – sein.

Autor

John McLeod ist Professor für Beratung an der University of Abertay in Dundee, Schottland. Er forscht und lehrt seit mehr als 30 Jahren zur psychosozialen Beratung und Psychotherapie. Er ist Autor vieler, teils in mehrere Sprachen übersetzter, und weithin beachteter Publikationen zur Forschung, Ausbildung und Praxis von Beratung und Psychotherapie.

Entstehungshintergrund

Das Arbeitsbuch ergänzt das im englischen Sprachraum weithin gelobte und verbreitete Lehrbuch des Autors zur psychosozialen Beratung, das seit 1993 in mehreren Auflagen erschienen, auch ins Deutsche übersetzt wurde und seither als Lehrbuch der Beratung eine weite Verbreitung gefunden hat (McLeod 2004).

Aufbau

Das Buch stellt den Anspruch, eine umfassende Transformation von Inhalten der Beratungsausbildung in ein persönliches Beratungskonzept zu leisten und darüberhinaus die Biographie und die Erfahrungen von Menschen in Beratungsausbildungen als Ressource für die Beratung zu nutzen. Die Person des Beraters wird als Hauptinstrument der Hilfe gesehen und es wird als grundlegend betrachtet, „sich selbst als ‚Hilfsmittel? nutzen zu können. In helfenden Berufen ist die Metapher der „eigenen Person als Instrument der Hilfe“ ebenso beliebt wie vage. McLeod zeigt, worin diese Nutzbarmachung der eigenen Persönlichkeit für beraterisch-therapeutische Prozesse bestehen kann und welche Lernprozesse auf diesen Weg führen.

Das Buch gliedert sich in drei Teile:

  1. Kapitel 1 hilft, sich als konstruktive und hilfreiche Person zu reflektieren und sich persönlich auf Klientinnen und Klienten einzustellen.
  2. Kapitel 2, 3 und 4 unterstützen Lernende dabei, Beratungstheorien, -praxis und -fälle persönlich zu adaptieren und für das eigene Beratungshandeln nutzbar zu machen.
  3. Kapitel 5 instruiert zur Verdichtung der bis dahin erarbeiteten Übungen in eine professionelle Identität.

Dazu bietet das Buch 80 Lernaufgaben und Übungsaktivitäten. Sie stellen die Basis für ein beraterisches Portfolio dar, das McLeod beim Beginn des Lernprozesses mit dem Buch anzulegen empfiehlt. Alle Übungen sind mit weiterführender (meist englischsprachiger) Literatur versehen. Konsequente Querverweise schaffen den nötigen Bezug zum Lehrbuch Counselling - eine Einführung in die Beratung (McLeod 2004). Alle Übungen werden mit Ziel beschrieben und einer detaillierten Anleitung beschrieben.

Inhalt

Die Hinweise zum Gebrauch des Übungsbuchs geben eine Einführung in die Philosophie und die Grundgedanken des Buchs sowie in mögliche Arbeitsweisen damit. McLeod beschreibt Grundannahmen zur Beratung und zu Lernprozessen in Beratung. Weiter gibt er Empfehlungen zur Einzel- und Gruppenarbeit, zur Selbstverantwortung und Selbstsorge im Lernprozess und zur Erarbeitung und Dokumentation des persönlichen Erfahrungsschatzes im bereits genannten Portfolio. Auch Hinweise zur datenschutzbezogen sicheren Aufbewahrung der persönlichen Aufzeichnungen fehlen nicht.

Kapitel 1 „Auf Lebenserfahrungen aufbauen“ beschreibt die Grundlagen eines persönlichen Ansatzes in der Beratung. Die eigene Lebensgeschichte wird als Ressource angesehen, da „die Auseinandersetzung mit ihr Antworten fördert, die Hilfesuchende von Beratern benötigen werden“ (S.26). Dazu beginnt das Buch mit einer eigenen Autobiographie in Kurzform. Weitere Übungen beschäftigen sich mit der Führung eines Tagebuchs, persönlichen Erfahrungen in und dem Interesse an Beratung, dem eigenen Selbstbild, frühen Erinnerungen, der Reflexion der eigenen kulturellen Identität oder eigenen Beziehungsmustern. Auch die persönlichen Erfahrungen zu eigenen Lebenskrisen, Verhaltensänderungen oder selbst erlebter Therapie und Beratung als Klient werden in diesem Kapitel reflektiert.

Kapitel 2 „Sinn geben“ instruiert zur Konstruktion eines Rahmens zum Verstehen von therapeutischen und beraterischen Veränderungsprozessen. McLeod geht davon aus, dass das persönliche Rahmenkonzept des Verstehens von psychosozialen Problemen bedeutsamer ist als irgendeine isolierte therapeutisch-beraterische Theorie und daher eine reflexive und persönliche Positionierung in Bezug auf theoretische Positionen bedeutsam sind. Dazu werden Übungen zur generellen Funktion von Theorien und Metatheorien angeboten. Weitere Übungen beschäftigen sich mit der Reflexion impliziter Theorien, die aus den persönlichen Übungen des ersten Kapitels rekonstruiert werden. Danach fokussieren die Übungen auf Schlüsselkonzepte der Beratung und Psychotherapie, als Beispiel einige der 24 Übungen: Empathie, Selbst, kognitive Verhaltenskonzepte, irrationale Überzeugungen und dysfunktionale Selbstgespräche, Problem- und Lösungsorientierung, Unbewusstes, Übertragung, therapeutische Beziehung und viele andere mehr.

Kapitel 3 „Die Theorie in der Praxis“ leitet dazu an, vier vom Autor beschriebene Fälle (darunter einen längeren Beratungsverlauf) zu überdenken, diese mit theoretischen Konzepten in Verbindung zu bringen und die eigenen emotionalen und handlungsbezogenen Reaktionen zu reflektieren. Die Fallgeschichten spiegeln die Eingangsphase der Beratung und damit verbundene erste Einschätzungen eines Beratungsfalls und einige weitere, herausfordernde Episoden in Beratungsprozessen.

Kapitel 4 „Praxisreflexion“ beschäftigt sich weniger mit „Anforderungen an eine therapeutische Beziehung“, wie der Untertitel suggeriert, als mit kritischen und dilemmatischen Situationen in der Beratungspraxis. Um diese zu antizipieren und zu reflektieren, werden Übungen bereitgestellt, die sich mit Werten der Berater, moralischen Dilemmata von Klienten (und Beratern) auseinandersetzen. Weiter Vertraulichkeit und Datenschutz, der Umgang mit körperlichem Berühren und Berührtwerden, die Grenzen der Beziehung und der Umgang mit Erfolglosigkeit reflektierend erarbeitet. Dazu kommen einige Aspekte mediengestützter Beratung.

Kapitel 5 „Entwicklung einer professionellen Identität“ resümiert die bis hierhin angestellten Reflexionen („Werkzeugkasten“, Überprüfung der Qualitäten und Fähigkeiten) und gibt weitere Ausblicke zur Evaluation der eigenen Beratertätigkeit, z.B. zum Marketing, Erfolgsevaluationen, dem Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks oder der Haltung zur Beratungsforschung. Am Ende stellen sich die Lernenden dem Blick in die Zukunft: „Heute in zehn Jahren …“.

Den Schlussteil bilden Anmerkungen für Tutoren sowie Internetquellen, weiterführende Literatur, die Bibliographie und ein ausführliches Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Nach Kenntnisstand des Rezensenten instruiert McLeod als erster konsequent und explizit in einem Arbeitsbuch zur Integration von fachlichem Wissen, praktischer Erfahrung, methodischer Übung und persönlicher Entwicklung in der Beratungsausbildung. Auch wenn dies bereits in vielen Beratungsausbildungen praktiziert werden dürfte – einzig Kuhn (2001) weist auf die Bedeutung eines persönlichen Beratungskonzepts derart explizit hin. In diesem Sinne schließt das Buch eine wirkliche Lücke in der Literatur. Beraterische Arbeit beinhaltet persönliche Wachstums- und Lernprozesse, denen sich Berater unterzogen haben sollten, wenn sie ihren Klienten hilfreich sein wollen: Das Buch setzt die Idee des „pädagogischen Doppeldeckers“ (Wahl 2001, 2002), in der Ausbildung als Adressat selbst zu erfahren, was man lernen will, auf konsequente Weise um. Die Verbindung des Arbeitsbuches mit dem Lehrbuch von McLeod „Counselling – eine Einführung in die Beratung“ (McLeod 2004) ist konsistent gemacht, das Arbeitsbuch ist aber auch ohne das Lehrbuch nutzbar. In der Diskussion um die schulenspezifische oder integrative Ausrichtung von Beratung bleibt McLeod gelassen. Seiner Auffassung nach funktionieren beide Wege, wichtiger ist jedoch, und dazu leitet das Buch an, sich des eigenen, persönlichen Rahmenkonzepts zu versichern und zu erkennen, wo Lernende in Bezug auf die theoretische Tradition, die sie inspiriert, stehen. So lässt sich mit dem Arbeitsbuch auch ein persönliches Verhältnis von methoden-/theoriespezifischen Elementen und generischen Prinzipien der Beratung und Psychotherapie erarbeiten. Wie im englischen Sprachraum häufig, wird sowohl im Lehrbuch „Counselling“ als auch im Arbeitsbuch „Beraten lernen“ nicht zwischen Beratung und Psychotherapie unterschieden. Dies bleibt auch deshalb ungewohnt, weil die Abgrenzungsbemühungen zur Psychotherapie im Beratungsdiskurs der letzten Jahrzehnte deutlich sind: Beratung sei „mehr als verkürzte Psychotherapie“ (Redlich in Nestmann 1997) oder Psychotherapie ein „Spezialfall von Beratung“ (Schiersmann & Thiel 2009). Auch fehlen Bezüge zum Kontext von Beratung in z.B. klinischer Psychologie, Pädagogik oder Sozialer Arbeit. Erst diese Kontexte machen die Funktion von Beratung aber spezifisch. Dies macht das Buch breiter einsetzbar, aber auch ergänzungsbedürftig, weil viele Überlegungen implizit in Richtung selbständiger, psychosozialer Berater oder Therapeuten zielen.

Das Buch erfordert aufwändige Schreibprozesse und einen hohen persönlichen Aufwand. Der Rezensent schätzt mindestens 200 Stunden Zeit, um alle 80 Aufgaben ernsthaft durchzuarbeiten. Das Buch bietet sich daher als Logbuch für größere Beratungsausbildungen an, in Studiengängen mit Basismodulen zur Beratung werden Auswahlen durch Dozierende nötig sein, aber viele Aufgaben lassen sich auch im Rahmen von Basismodulen zur Beratung im Studium der Psychologie oder Sozialen Arbeit nutzen. Fraglich bleibt, ob das selbstgesteuerte Lernen mit dem Arbeitsbuch ohne sozialen Support durch eine Gruppe durchgehalten wird. McLeod empfiehlt daher auch soziale Unterstützungsgruppen für die Arbeit mit dem Buch.

Fazit

Das Buch zeigt angehenden Beraterinnen und Beratern, „wohin man schauen soll, aber nicht was man finden wird“ (McLeod 2011, 15). Es ersetzt nicht therapeutische oder beraterische Selbst-Erfahrung, aber es bringt auf den Weg, diese zu artikulieren – auch ein Weg, sich selbst kennenzulernen. Die Arbeit mit dem Buch ist aufwändig. Daher rührt auch die Empfehlung des Autors, das Buch begleitend zu einer größeren Ausbildung zu benutzen und sich genügend Zeit dafür einzuräumen. Dann wird die Auseinandersetzung damit sehr ertragreich sein.

Der Rezensent teilt die Einschätzung von Nestmann und Simon im Vorwort: Es ist kein Blitzkurs, es ist fundiert, anspruchsvoll, erfordert Zeit, Engagement und Ausdauer, Offenheit vor sich selbst und Bereitschaft, sich auch mit Unhinterfragtem und Unangenehmem auseinanderzusetzen. Aber genau deshalb beschreibt es einen Lernweg, der zeigt, was es heisst, „sich als Person“ zum wesentlichen Mittel beraterischer Arbeit zu machen.

Das Buch ist geeignet als persönliches Logbuch für eine größere Weiterbildung in Beratung, für Dozenten zur Auswahl von Übungen in Beratungsmodulen und für ambitionierte Studierende, die Beratung sehr klar für sich als Arbeitsschwerpunkt sehen und sich schon im Studium in Beratungskompetenzen vertiefen wollen.

Literatur

  • McLeod, John (2004). Counselling – eine Einführung in Beratung. Tübingen: DGVT-Verlag.
  • Kuhn, Rolf (2001). Arbeit am persönlichen Beratungskonzept. In: Panorama, S. 6-8.
  • Redlich, Alexander (1997). Psychologische Beratung ist mehr als verkürzte Therapie. In: Nestmann, Frank (Hg.). Beratung. Bausteine für eine interdisziplinäre Wissenschaft und Praxis. Tübingen: dgvt-Verlag. S. S.151-161.
  • Schiersmann, Christiane/Thiel, Heinz-Ulrich (2009). Beratung als Förderung von Selbstorganisationsprozessen – auf dem Weg zu einer allgemeinen Theorie der Beratung jenseits von ‘Schulen? und ‘Formaten?. In: Möller, Heidi/Hausinger, Brigitte (Hg.). Quo vadis Beratungswissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 73-105.
  • Wahl, Diethelm (2001). Nachhaltige Wege vom Wissen zum Handeln. In: Beiträge zur Lehrerbildung, Nr. 19 (2). S. 157-174.
  • Wahl, Diethelm (2002). Mit Training vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln? In: Zeitschrift für Pädagogik, Nr. 2. S. 227-241.

Rezensent
Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle
Homepage www.widulle.ch
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Zitiervorschlag
Wolfgang Widulle. Rezension vom 09.01.2012 zu: John McLeod: Beraten lernen. Das Übungsbuch zur Entwicklung eines persönlichen Beratungskonzepts. dgvt-Verlag (Tübingen) 2011. ISBN 978-3-87159-703-9. Reihe: Beratung - 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12550.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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