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Martin Nagl-Cupal: "Den eigenen Beitrag leisten". Krankheitsbewältigung [...]

Cover Martin Nagl-Cupal: "Den eigenen Beitrag leisten". Krankheitsbewältigung von Angehörigen auf der Intensivstation. hpsmedia GmbH (Nidda) 2011. 205 Seiten. ISBN 978-3-9814259-2-5. 28,90 EUR.

Buchreihe Pflegewissenschaft.
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Thema

Krankheit und Hilfebedürftigkeit eines Familienmitglieds haben immer auch Auswirkungen auf das Familiensystem. Dies gilt in ganz besonderer Weise bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung, die einen Aufenthalt auf der Intensivstation erforderlich macht. Welche Erfahrungen machen Familien auf Intensivstationen? Welche Auswirkungen auf die Familien werden sichtbar? Wie bewältigen Familien dieses krisenhafte Ereignis und welche Unterstützung benötigen sie? Diesen und weiteren Fragen widmet sich das Buch von Martin Nagl-Cupal im Rahmen einer vom Autor durchgeführten empirischen Untersuchung.

Autor

Martin Nagl-Cupal ist Krankenpfleger mit Sonderausbildung Intensivpflege. Er hat Pflegewissenschaft an der Universität Wien studiert und ein Promotionsstudium an der Universität Witten/Herdecke absolviert. Er ist Universitätsassistent am Institut für Pflegewissenschaft der Uni Wien sowie Lektor an Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Einrichtungen im Bereich der Pflege.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Buchreihe Pflegewissenschaft des Verlags hpsmedia erschienen. Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um die Dissertation von Martin Nagl-Cupal, die er an der Universität Witten/Herdecke verfasst hat. Verfasser des Vorworts ist Prof. Dr. Wilfried Schnepp, dem Betreuer der Doktorarbeit.

Aufbau

Das 205 Seiten umfassende Buch gliedert sich nach Vorwort und Einleitung in vier Kapitel:

  1. Relevante Literatur
  2. Problemstellung und Methode
  3. Ergebnisdarstellung
  4. Diskussion

In der Einleitung erfolgt eine Begründung der Themenwahl. Der Autor stellt die hohe Bedeutung der Anwesenheit von nahen Angehörigen für die Genesung und das Wohlbefinden der Patienten heraus. Er zeigt auf, dass anwesende Familienmitglieder den Patienten in ihrer schweren gesundheitlichen Krise, die gekennzeichnet ist von einer hohen Abhängigkeit und Hilfslosigkeit, ein Gefühl von Zuversicht und Sicherheit vermitteln können. Gleichzeitig – so der Verfasser – durchleben die Angehörigen selbst oftmals eine schwere psychische Krise, die es zu bewältigen gilt. Hier liegt das Forschungsinteresse des Autors, welches auch in seiner eigenen beruflichen Erfahrung auf der Intensivstation gründet.

Inhalt

Im Kapitel 1 beschäftigt sich Martin Nagl-Cupal mit dem Forschungsstand zur familiären Krankheitsbewältigung auf Intensivstationen. Dabei konzentriert er sich in erster Linie auf Studien, in denen die Perspektive der Familien im Mittelpunkt steht. Etwas irritierend ist, dass zu Beginn des Kapitels noch keine Erläuterung der Suchstrategie erfolgt.
Der Autor identifiziert vier Forschungsstränge: Studien zu Bedürfnissen von Angehörigen, Zufriedenheitsstudien, Studien über familiale Veränderungen durch den Aufenthalt auf der Intensivstation sowie Studien zum Erleben von Angehörigen auf Intensivstationen.

Nach einem komprimierten Überblick über die ersten drei Forschungslinien widmet sich Herr Nagl-Cupal schwerpunktmäßig dem vierten Forschungsstrang, dem Erleben von Angehörigen auf Intensivstationen. Bezogen auf diesen Bereich erläutert der Autor nun das Ziel seiner Recherche sowie seine Suchstrategie. Diese richtet sich vorrangig auf qualitative Studien, die einen vertieften Einblick in das Erleben von Angehörigen auf Intensivstationen ermöglichen. Die Recherche des Verfassers verweist auf vergleichsweise wenige Studien zu diesem Thema. Insgesamt 15 Untersuchungen werden schließlich ausgewertet und zusammenfassend dargestellt. Zunächst werden die Erkenntnisse zu den Auswirkungen eines Aufenthalts auf der Intensivstation für die Angehörigen, wie ein permanentes Leben mit Unsicherheit, stark wechselnde emotionale Reaktionen sowie veränderte Rollen und Verantwortlichkeiten in der Familie, erläutert. Anschließend geht der Autor auf Forschungserkenntnisse zur Bewältigung dieser Auswirkungen ein. Dominierende Bewältigungsstrategien sind demnach die Hoffnung auf eine gesundheitliche Verbesserung, der Erhalt von Informationen, die Nähe zum kranken Angehörigen, das Eingebundensein in die Pflege sowie soziale Unterstützung.
Zum Ende des Kapitels gibt der Verfasser einen kurzen Einblick in verschiedene Modelle der Krankheitsbewältigung. Eine eigene theoretische Verortung nimmt er dabei nicht vor. Es wird damit nicht deutlich, welches Bewältigungsverständnis der Arbeit zugrunde liegt, zumal auch eine nähere Beschäftigung mit dem Bewältigungsbegriff fehlt. Das Kapitel schließt mit einer kritischen Diskussion der vorgefundenen Forschungslage und der Schlussfolgerung, dass es einen Bedarf an vertieften Erkenntnissen zum Erleben von betroffenen Familien gibt.

Kapitel 2 widmet sich dem methodischen Vorgehen der Arbeit. Vor dem Hintergrund der rudimentären Forschungslage über die familiäre Bewältigung eines Intensivaufenthalts formuliert der Autor das Ziel seiner Untersuchung – nämlich die Darstellung der Situation der Familie, wenn eines ihrer Mitglieder auf der Intensivstation liegt – und seine zentralen Forschungsfragen, in denen er den Auswirkungen auf die Gesamtfamilie sowie dem Umgang der Familie mit einem Intensivaufenthalt eines Familienmitglieds nachgehen will.
Dem Ziel entsprechend wählt Herr Nagl-Cupal ein qualitatives Design in Orientierung an der Grounded Theory. Die Datenerhebung erfolgte mittels narrativ ausgerichteter Interviews mit insgesamt 22 Personen aus 11 Familien, darunter auch zwei Kinder unter 12 Jahren. Der Autor ist in seiner Darstellung der Vorgehensweise sehr genau. Feldzugang, Sampling, Datenerhebung und Datenauswertung werden sorgfältig beschrieben. Das Kapitel beeindruckt durch seine gründliche und kenntnisreiche Darlegung des Studiendesigns. Nach dem Eingehen auf Gütekriterien der qualitativen Forschung wird das Forschungsvorhaben, welches eine besonders vulnerable Personengruppe in einer krisenhaften Lebenssituation in den Blick nimmt, noch unter ethischen Gesichtspunkten betrachtet.

Das anschließende Kapitel 3, in dem die Darlegung der empirischen Befunde erfolgt, bildet den eigentlichen Kern der Arbeit. Zunächst werden beispielhaft kurze Fallbeschreibungen von drei teilnehmenden Familien vorgestellt, die dazu beitragen, dem Leser die Situation von Betroffenen anschaulich näherzubringen. Anschließend gibt der Autor einen komprimierten Überblick über seine Ergebnisse, die – mit einer Grafik hinterlegt – die Systematik der weiteren Ausführungen verdeutlichen, bevor er dann mit der ausführlichen und umfangreichen Darstellung der Ergebnisse entlang des Kodierparadigmas beginnt. Den Forschungsfragen folgend, arbeitet er zunächst die Auswirkungen eines Intensivaufenthalts auf die Familie heraus, bevor er sich den Strategien widmet, die Familien anwenden, um die Situation zu bewältigen. Schlüssig und nachvollziehbar arbeitet er dabei die zentrale Kategorie „den eigenen Beitrag leisten“ heraus. Demnach wollen Familien das Möglichste tun, um am Genesungsprozess mitzuarbeiten, das Leben des Erkrankten zu erhalten und diese schwierige Situation als Familie durchzustehen. Die wichtigsten Strategien auf der Handlungsebene liegen der Untersuchung zufolge darin, der erkrankten Person beizustehen, um sie zu schützen und emotional zu unterstützen, Informationen über den Verlauf der Erkrankung einzuholen, Verantwortung in der Familie zu teilen, füreinander da zu sein sowie alle sonstigen Aktivitäten und Bedürfnisse zurückzustellen. Der Autor identifiziert des Weiteren Strategien zur Bewältigung der psychischen Belastung, wie die Unterdrückung der eigenen Emotionen und das Hoffen auf einen positiven Ausgang der Ereignisse. Im Weiteren arbeitet er positive und negative Konsequenzen dieser Handlungen sowie intervenierende Bedingungen und kontextuelle Faktoren heraus. Die Ergebnisdarstellung zeigt sich stimmig und nachvollziehbar, zentrale Erkenntnisse werden durch gut gewählte Interviewzitate hinterlegt.

Im Kapitel 4 erfolgt die Diskussion der Befunde. Bezogen auf ihre theoretische Relevanz zieht der Verfasser Schlussfolgerungen für den Familienbegriff, stellt den einzigartigen Beitrag der Familie für den Genesungsprozess eines Patienten auf der Intensivstation heraus und verweist auf die extreme Belastung von betroffenen Angehörigen. Dabei nimmt er einen Abgleich seiner Befunde mit bereits vorliegenden Forschungserkenntnissen vor und stellt sie in den Zusammenhang mit verschiedenen Theoriekonzepten. Anschließend benennt er eine ganze Reihe an Implikationen für die Praxis. Die Vorschläge von Herrn Nagl-Cupal zielen dabei nicht nur auf das Personal von Intensivstationen, sondern ebenso auf die institutionelle Ebene des Krankenhauses, auf die Ausbildung der verschiedenen Berufsgruppen sowie auf die politische Ebene. Den Abschluss des Kapitels bilden die Benennung von Grenzen der Studie und der Verweis auf weiteren Forschungsbedarf.

Diskussion und Fazit

Das Buch „Den eigenen Beitrag leisten – Krankheitsbewältigung von Angehörigen auf der Intensivstation“ von Martin Nagl-Cupal gibt einen tiefen Einblick in das subjektive Erleben von Angehörigen auf Intensivstationen. Eindrücklich zeigt die Untersuchung auf, dass die lebensbedrohliche Erkrankung eines Familienmitglieds eine enorme Herausforderung und existentielle Erfahrung darstellt, deren Bewältigung eine immense Kraftanstrengung der gesamten Familie erfordert.

Die vom Autor verfolgten Fragestellungen werden in überzeugender Weise bearbeitet und beantwortet. Besonders zu würdigen ist das transparente methodische Vorgehen entsprechend den Prinzipien der Grounded Theory. Die Stärke der Studie liegt zweifelsohne in ihrem umfassenden Ergebnisteil, in dem nicht nur zentrale Bewältigungsstrategien, sondern auch kontextuelle Faktoren des Bewältigungsgeschehens herausgearbeitet werden. Dem Autor gelingt es dadurch, die Komplexität des Bewältigungsgeschehens sichtbar zu machen. Eine größere Gewichtung hätte die Beschäftigung mit Konzepten der Krankheitsbewältigung verdient. Dies zeigt sich später in der Essenz der Arbeit für die Theoriediskussion, zu deren Bereicherung eine deutlichere theoretische Rahmung stärker hätte beitragen können. Gehaltvoller zeigt sich die Diskussion zu den praktischen Implikationen. Hier entwirft der Autor zahlreiche unbedingt diskussionswürdige Ideen, die auf eine verbesserte Unterstützung von Angehörigen auf der Intensivstation zielen.

Das vorliegende Werk trägt dazu bei, die bisherige Angehörigenforschung in Deutschland um die Perspektive von Familien auf der Intensivstation zu erweitern. Für die Wissenschaft bietet es zahlreiche Anregungen für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema. Fachkräften vermittelt es eine neue Sicht auf die Wirklichkeit der Angehörigen von Intensivpatienten und ermöglicht ein besseres Verständnis von Familien. Seine Lektüre empfiehlt sich daher insbesondere für pflegerisches und ärztliches Personal in Krankenhäusern und Intensivstationen. Schließlich ist das Buch aber auch ein Plädoyer für eine insgesamt stärkere Familienorientierung in der Gesundheitsversorgung.


Rezensentin
Prof. Dr. Christa Büker
Homepage www.hm.edu
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Zitiervorschlag
Christa Büker. Rezension vom 20.03.2012 zu: Martin Nagl-Cupal: "Den eigenen Beitrag leisten". Krankheitsbewältigung von Angehörigen auf der Intensivstation. hpsmedia GmbH (Nidda) 2011. ISBN 978-3-9814259-2-5. Buchreihe Pflegewissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12562.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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