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Doris Pfabigan: Würde und Autonomie in der geriatrischen Langzeitpflege

Cover Doris Pfabigan: Würde und Autonomie in der geriatrischen Langzeitpflege. Eine philosophische, disziplinen- und methodenübergreifende Studie zu Fragen eines selbstbestimmten und würdevollen Alterns. hpsmedia GmbH (Nidda) 2011. 256 Seiten. ISBN 978-3-9814259-3-2. 29,80 EUR.

Buchreihe Pflegewissenschaft.
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Thema

Im Bezug auf die Langzeitpflege alter Menschen bilden die Begriffe "Würde" und "Autonomie" eine konsensuale und übergeordnete Leitvorstellung. Sie fehlen in kaum einem Leitbild entsprechender Einrichtungen und Institutionen. Sie sind Ausgangs- und Zielpunkt moderner Pflegekonzepte. Nicht selten werden sie auch – aus ökonomischen Interessen – als Werbemittel eingesetzt. Was genau unter diesen Begriffen zu verstehen sei, bleibt allerdings zumeist dunkel und diffus. Eine Klärung dieser Begriffe aus philosophisch- resp. theologisch-ethischer Sichtweise ist überfällig. Ebendiese Klärung hat das Buch von Doris Pfabigan zum Ziel, und zwar aus doppelter Perspektive: Einerseits aus dem geisteswissenschaftlichen Diskurszusammenhang heraus, andererseits aus einer – durch die Autorin fachlich reflektierten – Perspektive der Betroffenen.

Autorin

Doris Pfabigan ist wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Institut für Philosophie der Universität Wien. Dort führte sie von 2008 bis 2010 gemeinsam mit Patricia Kacetl das von Peter Kampits geleitete Forschungsprojekt "Würde und Autonomie im Kontext geriatrischer Langzeitpflege" durch. Das vorliegende Buch ist eine Überarbeitung ihrer daraus entstandenen Dissertation. – Doris Pfabigan studierte nach beruflicher Tätigkeit als Krankenschwester Pflegewissenschaft und Philosophie. Sie war langjährig in der stationären und ambulanten Langzeitpflege tätig. Derzeit ist sie am Wiener Institut für Philosophie im Forschungsprojekt "ethik&gesundheit. Unterricht jenseits normalisierender Anerkennung" tätig sowie als Lektorin in verschiedenen Bildungseinrichtungen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält 9 Kapitel und ein ausführliches Literaturverzeichnis (S. 245-255). Dabei enthalten die Kapp. 1-5 philosophisch-theoretische Überlegungen zur Bestimmung der Begriffe Würde und Autonomie. (S. 11-104) Die Kapp. 6-9 enthalten die Dokumentation und Auswertung einer Befragung pflegebedürftiger Menschen zu ebendiesen Begriffen.(S. 105-244)
Kap. 1: Inhaltliche und methodische Einführung (S. 11-22) gibt zunächst eine Begründung der Arbeit (S. 11ff), in der die demografischen Entwicklungen, ambivalente Aspekte des Fortschritts in Medizin und Technik, die Problematik der Altersbilder sowie der Kontext der bestehenden Verhältnisse in der Langzeitpflege als Ausgangspunkt und kritischer Anstoß beschrieben werden. In einem zweiten Abschnitt (S. 17ff) werden Zielsetzung, Methodik und Aufbau der Arbeit dargestellt, wobei die Autorin das zentrale Ziel darin sieht, "die Begriffe Menschenwürde und Autonomie stärker zu konturieren und zu konkretisieren, um sie für die institutionelle Reflexion und zur Entwicklung von Konzepten im Kontextder geriatrischen Langzeitpflege zugänglich zu machen." (S. 17)

Kap. 2: Traditionelle Konzeptionen der Menschenwürde (S. 23-44). Ausgehend vom Befund des gegenwärtigen Gebrauchs des Würdebegriffs als Leerformel (S. 24ff) gibt die Autorin einen kurzen Abriss der Begriffs- und Ideengeschichte des Würdebegriffs (S. 29ff) um dann ausführlicher einerseits die metaphysische, andererseits die vernunftphilosophische Dimension des Begriffs der Menschenwürde zu beleuchten (S. 31ff, 34ff). Ein gesonderter Abschnitt befasst sich mit der Kritik des Kant'schen Würdebegriffs (S. 38ff). Hier beleuchtet die Autorin kritisch eine einseitige Bezogenheit der Menschheitsformel im Kategorischen Imperativ auf den Menschen als nur vernunftbegabtem Wesen. Die bedingte Naturhaftigkeit, also auch Leiblichkeit des Menschen, so wird unter Bezug auf die kritische Kant-Rezeption gezeigt, bleibt bei Kant weitgehend ausgeklammert.

Kap. 3: Bedürfniskonzeption der Menschenwürde (S. 43-73). Um eben diese Leiblichkeit geht es im ersten Abschnitt dieses Kapitels (S. 45ff): Leiblichkeit in der Spannung zwischen Natur und Kultur, Soziale Aspekte der Körperlichkeit, Zusammenhänge zwischen Körperlichkeit und Gefühlen resp. Affekten sowie Aspekte der Entfremdung des Leibes sind Schwerpunkte dieses Abschnittes. – Ein zweiter Teil befasst sich mit "Konstitutiven Bedingungen personaler Identität" (S. 55ff). Zu ihnen gehören: Sprache und Selbstreflexion, eigene Wertperspektiven, Anerkennung und Selbstachtung. Der Aspekt der Verknüpfung von Selbstachtung und Würde sowie Auswirkungen von Erniedrigungen für die Identität schließen das Kapitel ab.

Kap. 4: Autonomie (S. 74-99). Nach einem einleitenden Abschnitt, in dem die Autorin angesichts der verbreiteten Überbetonung des Autonomiebegriffs dessen ambivalente Seiten beleuchtet, gibt sie zunächst einen ideengeschichtlichen Abriss zu den Begriffen Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung (S. 77ff). Die Frage, inwieweit Autonomie Würde begründen kann, bildet einen weiteren Gesichtspunkt (S. 79ff). Der Abschnitt "Negative und positive Freiheit" bezieht sich auf Isaiah Berlins Abhandlung "Two Concepts of Liberty" (1995), in dem es - vereinfacht gesagt – um Freiheit von Zwang (negativ) und um Freiheit zu selbst bestimmtem Dasein (positiv) geht. Mit einer Kritik der negativen Freiheitskonzeptionen (S. 83ff), in welchen die Autorin auch einen Zusammenhang mit (neo-)liberalistischen Freiheitskonzeptionen sieht, wird die Diskussion fortgesetzt. Im folgenden Abschnitt "Autonomie im Wertehorizont" (S. 86ff) wird verdeutlicht, dass der Spielraum von Handlungspräferenzen - also Autonomie – "in einen Rahmen übergreifender Wertsetzungen eingebunden ist, durch den vorgängig festgelegt ist, was sich dem Handelnden als Entscheidungsmöglichkeit überhaupt aufdrängt." (S. 86). Um Privatheit als grundlegendem Bestandteil der Autonomie (S. 90ff) geht es im Folgenden, bis schließlich der Bezug zur Selbstbestimmung im Alter unter sozial- und rechtspolitischen Aspekten hergestellt wird (S. 93ff). Der Abschnitt "Autonomie im Kontext geriatrischer Langzeitpflege" (S. 97ff) schließt das Kapitel ab.

Kap. 5: Zusammenfassung der theoretischen Überlegungen (S. 100-104). Dieses Kapitel bündelt abschließend die Überlegungen des ersten – philosophisch-ethischen - Hauptteils der Arbeit.

Kap. 6: Einleitung zur empirischen Untersuchung (S. 105-122). Der zweite Teil des Buches beginnt mit einer methodologischen Grundlegung, in der die Vorgehensweise der Autorin erläutert wird. Dabei geht es um methodische Grundaspekte (S. 106ff), um die Methode des Episodischen Interviews nach Uwe Flick (S. 111f), um die Gestaltung des Interviewleitfadens (S. 112ff), Überlegungen zum Forschungszugang (S. 114ff), Aspekte der Durchführung (S. 116ff), die soziodemografische Beschreibung der InterviewpartnerInnen (S. 118ff) sowie den Auswertungsprozess (S. 120ff).

Kap. 7: Würde und Autonomie aus Sicht pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehörigen (S. 123-225). In vier Hauptabschnitten werden folgende Schwerpunkte der Befragung dargestellt und ausgewertet:

  • 7.1: Bedrohung der Würde und Autonomie im Alter (S. 124ff): Durch defizitäre Fremdzuschreibungen wird das Selbstbild und die Entfaltungsmöglichkeit alter Menschen in vielen Bereichen eingeschränkt. Allerdings können subjektive Interpretationen gerade von Menschen in hohem Alter auch zu einer positiven Umkehrung solcher Wirkungen führen.
  • 7.2: Dimensionen der Würde und der Zusammenhang mit Autonomie (S. 133ff): Die befragten Personen entwickeln zwei Konzepte von Würde: Sie ist einmal an geistige und körperliche Funktionstüchtigkeit gebunden. Zum andern ist sie auf achtende und wertschätzende soziale Beziehungen angewiesen. – Eine besondere Anfälligkeit für Würdeverletzungen entsteht allerdings dann, wenn Menschen durch Verlust ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten dauerhaft von der Hilfe anderer abhängig werden.
  • 7.3: Autonomie (S. 153ff): Eine hohe Bedeutung für die Autonomie haben kommunikative Prozesse, in denen einerseits die Erhaltung der Selbstbestimmung pflegebedürftiger Menschen und andererseits Erfordernisse des fürsorgerlichen Handelns Pflegender zur Kongruenz gebracht werden sollen. Dabei geht es auch um Aspekte der Macht im Verhältnis von Pflegebedürftigen und Pflegenden bzw. pflegender Institution.
  • 7.4: Die Bedeutung von Würde und Autonomie in ausgewählten Lebensbereichen (S. 172ff): Zu den untersuchten Bereichen gehören zunächst: Essen, Pflegehandlungen, Tagesablauf. – Einen wichtigen Schwerpunkt bildet auch die Frage nach sinnvollen (d.h. produktiven, erfüllenden) Handlungs- und Tätigkeitsmöglichkeiten pflegebedürftiger Menschen sowie die Frage nach den Möglichkeiten von sozialen Beziehungen, und zwar innerhalb der Einrichtung, nach außen sowie zwischen Pflegebedürftigen und Pflegenden. Hier spielen gerade die familiären Beziehungen eine wichtige Rolle, bei denen sich zeigt, dass von einem "Niedergang der intergenerationellen Beziehungen" (Joseph Hörl, 2008) keine Rede sein kann. - Ein weiterer Aspekt besteht in der Frage nach materieller Sicherheit und dem Gefühl, "ein Zuhause zu haben" (S. 215), in dem individuelle Kontrolle über das eigene Selbst möglich ist. – Dies ist schließlich auch entscheidend für die Wahrung der Privatsphäre.

Kap. 8: Kritische Würdigung zum methodischen Vorgehen der empirischen Studie (S. 226-228). Anhand der von Siegfried Lamnek (2005) aufgestellten Kriterien der Validität Qualitativer Sozialforschung überprüft die Autorin ihr methodisches Vorgehen. Dabei weist sie darauf hin, dass angesichts der "metaphernreichen Aussagen der Befragten" (S. 226) der Interpretation dieser Aussagen eine besondere Rolle zukommt, die "eine stärkere Orientierung an den Konstruktionen und dem Gebrauch von Sprachbildern, die in unserer Gesellschaft mit Würde und deren Missachtung verbunden sind", (S. 226) voraussetzt. Es ist allerdings keine Frage des Bildungsstandes oder des Vorliegens von Pflegebedürftigkeit, wie schwer oder leicht den Befragten der Umgang mit dem Begriff "Würde" fällt.

Kap. 9: Zusammenfassung der Ergebnisse und Implikationen für Theorie und Praxis (S. 229-244). Aus den Ergebnissen der Untersuchung folgert die Autorin Maximen für die konzeptionelle und praktische Gestaltung der geriatrischen Langzeitpflege. Erforderlich ist eine Ethik der Achtsamkeit, wie sie etwa Elisabeth Conradi (Take Care, 2001) entwickelt hat. – Die Ermöglichung von Selbstbestimmung ist ein weiterer Schwerpunkt, der allerdings intensive Prozesse der Interpretation von Aussagen Pflegebedürftiger sowie des Aushandelns von individuellen und fürsorgerlichen Erfordernissen voraussetzt. Bedingung dafür ist eine genaue Kenntnis der Biografie und der damit verbundenen Wertorientierungen der Pflegebedürftigen. – Aus diesen beiden Schwerpunkten ergeben sich dann konkrete Implikationen für die institutionelle Ebene, für das erforderliche Kompetenzprofil pflegender und betreuender Personen sowie letztlich auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Zielgruppe

Für die auf pflegewissenschaftlicher Ebene geführte Diskussion der Begriffe Würde und Autonomie, also für Studierende und Lehrende aber auch für den innerhalb der in der Forschung geführten Diskurs, ist das Buch von Doris Pfabigan ein äußerst wichtiger und klärender Beitrag. Obwohl sie sich – vor allem im ersten, philosophisch-theoretischen Teil – auf hohem wissenschaftlichem Niveau bewegt, sollte die Untersuchung aber auch da, wo es um die konkrete Gestaltung von Praxis in der geriatrischen Langzeitpflege geht, gründlich verarbeitet werden. Denn sie trägt dazu bei, die Formelhaftigkeit von Leitbildern und von Pflegekonzepten innerhalb einzelner Institutionen zu überwinden sowie pflegerische Praxis im Sinne von Würde und Autonomie bewusst zu gestalten.

Diskussion und Fazit

Die Sinnentleerung und der formelhafte Gebrauch der Begriffe (Menschen-)würde und Autonomie ist ein allgemeines gesellschaftliches Problem, das nicht zuletzt auch im interkulturellen Diskurs erhebliche Auswirkungen hat. Wenn – bezogen auf einen bestimmten Lebensbereich, wie es die geriatrische Langzeitpflege ist – diese Begriffe eine gründliche Klärung und damit ja auch eine Belebung erfahren, kann dies nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das wirklich Besondere am Buch von Doris Pfabigan besteht aber darin, dass sie zwischen der theoretisch-philosophischen Diskussion dieser Begriffe und den im qualitativen Verfahren erhobenen Aussagen von in ihrer Würde und Autonomie gefährdeten Menschen einen – letztlich dialektischen - Bezug herstellt. Erst dadurch bekommen die in philosophischer Abstraktheit geführten Überlegungen das Gewicht, das ihnen im Raum der Pflege aber darüber hinaus auch im gesamten Bereich Sozialen Handelns zukommt. Dass die Autorin besonders im ersten Teil des Buches zeigt, dass eine sinnvolle Reflexion der Begriffe Würde und Autonomie nur in sehr komplexen Dimensionen möglich ist, kann angesichts mancher Tendenzen zur Verflachung in den Begründungsdiskussionen von Sozialem Handeln nur begrüßt werden. Insofern ist das Buch sowohl für den pflegewissenschaftlichen Wertediskurs als auch für die Konzeptbildung und konkrete Gestaltung pflegerischer Praxis ein unbedingt empfehlenswerter Beitrag.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 10.12.2012 zu: Doris Pfabigan: Würde und Autonomie in der geriatrischen Langzeitpflege. Eine philosophische, disziplinen- und methodenübergreifende Studie zu Fragen eines selbstbestimmten und würdevollen Alterns. hpsmedia GmbH (Nidda) 2011. ISBN 978-3-9814259-3-2. Buchreihe Pflegewissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12563.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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