Andreas Vossler: Perspektiven der Erziehungsberatung
Andreas Vossler: Perspektiven der Erziehungsberatung. Kompetenzförderung aus der Sicht von Jugendlichen, Eltern und Beratern. dgvt-Verlag (Tübingen) 2003. ISBN 978-3-87159-708-4. 24,80 EUR.
Einführung
Fachbücher, die auf der Basis von Dissertationen geschrieben werden, sind meist nicht gerade flüssig zu lesen. Von daher überrascht es, dass Andreas Vossler, Diplompsychologe und Referent am Deutschen Jugendinstitut, eine insgesamt lesenswerte Arbeit vorgelegt hat. In der Hauptsache, das sei vorweggenommen, geht es in dem Band um Qualität und Qualitätssicherung in der Erziehungsberatung. Das Buch bezieht sich im Kern auf eine Evaluationsstudie, die der Autor im Auftrag des Caritasverbandes der Erzdiözese München und Freising für dessen 11 Beratungsstellen Ende der 90 Jahre durchgeführt und jetzt im DGVT Verlag veröffentlicht hat. Vielleicht wäre es nicht schlecht gewesen, dies auch so im Titel zu benennen, denn die Buchüberschrift "Perspektiven der Erziehungsberatung" führt doch etwas in die Irre.
Aufbau und Inhalte
Mit einem Vorwort von Heiner Keupp gliedert sich der 328 Seiten starke Band übersichtlich und gut in 8 Hauptabschnitte. Ein einführendes Kapitel informiert über Geschichte, gesetzliche Grundlagen, aktuelle Konzepte, gesellschaftlichen Wandel und seine Bedeutung für die Erziehungsberatung, wobei der Autor im wesentlichen auf aus anderen Veröffentlichungen bekannten Darstellungen zurückgreift. Leserfreundlich sind die grau schattierten Kasten, die Informationen systematisieren und bündeln sowie die am Ende eines jeden Großabschnittes vorhandenen Zusammenfassungen, die die theoretischen Konzepte und Untersuchungsergebnisse im Hinblick auf ihre praktische Relevanz diskutieren.
Das zweite Hauptkapitel ist mit "Basiskompetenzen für eine produktive Lebensbewältigung - das Konzept des Kohärenzsinns" überschrieben und referiert die Grundannahmen des salutogenetischen Modells. Diese sehr ausführliche und umfassende Darstellung bleibt für meinen Geschmack freilich ein Fremdkörper in dem vorliegenden Band, denn es fällt doch etwas schwer, die manchmal mehr als offensichtliche, manchmal aber auch hergeholte Relevanz dieses Konzeptes für die Erziehungsberatung, insbesondere für die referierte Evaluationsstudie, zu erkennen. Der Versuch des Autors, dieses Konzept zu integrieren, klingt denn auch leider nicht so überzeugend und es verbleibt der Eindruck, den Vossler selbst in kritischer Reflexion des salutogenetischen Modells benennt, nämlich dass der Ansatz von Antonowski "keine revolutionäre Wende eingeläutet" habe, sondern eher bereits bekannte ressourcenorientierte Modelle widerspiegelt.
Der dritte Abschnitt fasst die gängigen Qualitätsssicherungsdiskurse zusammen. Der Wert dieses Kapitels liegt für mich neben einer guten und übersichtlichen Aufbereitung des Themas vor allem in der Darstellung und Systematisierung der inzwischen vorliegenden Fülle von vorhandenen Evaluationsstudien zur Erziehungsberatung. Sollten die Kolleginnen und Kollegen noch auf der Suche nach Argumentationshilfen gegenüber Träger und Politik bezogen auf die Wirksamkeit von Erziehungsberatung sein, finden sie hier reiches und anschaulich dargestelltes Material, das gleichwohl nicht auf Kritik verzichtet. Aus dieser Kritik heraus entwickelt der Autor denn auch logischerweise seinen eigenen Forschungsansatz, den er zusammenfassend als "multiperspektivisch" und "multimodal" kennzeichnet und beschreibt (Kap. 4).
Um der selbst gewählten Anforderung nach einem "multiperspektivischem" Vorgehen zu genügen, wurden sowohl die Eltern, als auch die Kinder bzw. Jugendlichen als auch die jeweils zuständigen Beraterinnen und Berater in die Untersuchung mit einbezogen. "Multimodal" war die Studie insofern, als dass sowohl Fragebögen zur Erfassung von Ausgangs-, Prozess- und Ergebnisvariablen als auch Leitfadeninterviews zur Anwendung kamen. Trotz dieses für die Praxis der Erziehungsberatung innovativen Vorgehens räumt der Autor kritisch ein, dass es sich um eine Untersuchung im Nachhinein handelt, die zwangsläufig die Ergebnisse verzerren kann. Diese Kritik gilt nun freilich für die meisten Studien dieser Art, denn Verlaufsuntersuchungen sind sehr aufwändig und damit teuer.
Die Studie liefert eine Fülle von teilweise bekannten, teilweise spannenden und vor allem in dieser Differenziertheit aufschlussreichen Ergebnissen (Kapitel 5, 6 und 7), die in einer abschließenden Zusammenfassung im Hinblick auf ihre Relevanz für die Arbeit der Erziehungsberatung diskutiert werden (Kapitel 8). Bestätigt wird durch die Studie vor allem die allgemeine hohe Zufriedenheit mit der Erziehungsberatung, auch wenn - ebenfalls aus bisherigen Untersuchungen bekannt - der Erfolg nicht immer so hoch eingeschätzt wurde (Diskrepanzphänomen). Der Erfolg wird freilich zwei bis drei Jahre nach Beendigung der Beratung von den Eltern mit zwischen 70% und 82% immer noch sehr hoch eingeschätzt. Ebenfalls bekannt und in der Studie von Vossler bestätigt ist die eher kritischere Haltung der einbezogenen Jugendlichen, die vor allem am Anfang der Erziehungsberatung mehr oder weniger ablehnend gegenüber stehen und in der Erziehungsberatung offensichtlich nicht immer gut angesprochen werden. Dennoch konnten die Auswertungen zeigen, dass im Laufe der Beratung auch zu ihnen in fast allen Fällen Beratungsbeziehungen aufgebaut werden konnten.
Etwas enttäuschend sind die Ergebnisse aus den aufwändigen Signifikanzprüfungen und Diskriminanzanalysen, die Vossler zur Analyse der Fragen durchführte, was kennzeichnet zufriedene Klienten und was zeigt die Analyse der wahrgenommenen Veränderungseffekte. Wenn zur ersten Frage noch nachvollziehbar, aber kaum überraschend, das Fazit gezogen werden konnte, dass zufriedene Klienten sowohl eine gute Beziehung zum Berater aufbauen konnten, dessen Vorgehen schätzten als auch die wahrgenommenen Veränderungen auf die Beratung zurückführten, gab es zur zweiten Frage keinerlei Signifikanzen. Spannend und interessant ist schließlich, wie der Autor, selbst Systemiker und Familientherapeut, im letzten Kapitel die kritische Haltung der befragten Jugendlichen zum weit verbreiteten Familiensetting diskutiert und gut nachvollziehbare Vorschläge für die Praxi macht.
Fazit
Insgesamt ein weiterer Beitrag zur Qualitätsdiskussion in der Erziehungsberatung und insbesondere in den Kapiteln, die über die Ergebnisse der Studie informieren und ihre Relevanz für die Erziehungsberatung diskutieren, eine lesenswerte Arbeit und in diesen Punkten eine gute Ergänzung für die Bibliothek der Beratungsstelle.
Anmerkung der Redaktion: Dies ist eine leicht modifizierte Version einer Rezension, die als Printfassung in den Informationen ...(Heft 1, 2004) erscheint.
Rezensent
Dr. Andreas Hundsalz
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Zitiervorschlag
Andreas Hundsalz. Rezension vom 20.01.2004 zu: Andreas Vossler: Perspektiven der Erziehungsberatung. dgvt-Verlag (Tübingen) 2003. ISBN 978-3-87159-708-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1258.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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