socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anne Waldschmidt: Selbstbestimmung als Konstruktion

Cover Anne Waldschmidt: Selbstbestimmung als Konstruktion. Alltagstheorien behinderter Frauen und Männer. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 2., korr. Auflage. 262 Seiten. ISBN 978-3-531-17538-6. 34,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In der zu besprechenden Publikation geht es um „eine historisch-analytische Aufarbeitung des Selbstbestimmungsgedankens vor dem Hintergrund allgemeiner gesellschaftlicher Entwicklungen und unter Berücksichtigung von Behinderung. (Außerdem geht es darum, – CR) welche Vorstellungen und Praxen behinderte Menschen entwickeln, die sich an dem Selbstbestimmungsgedanken in ihrem eigenen Alltag orientieren“ (S. 9).

Autorin

1995 wurde die Autorin mit einer Arbeit zum Subjekt in der Humangenetik – Expertendiskurse zu Programmatik und Konzeption der genetischen Beratung 1945 – 1990 – an der Universität Bremen promoviert. Gegenwärtig ist Anne Waldschmidt Professorin für Soziologie und Politik der Rehabilitation und Disability Studies an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Hier leitet sie die internationale Forschungsstelle Disability Studies (iDiS).

Entstehungshintergrund

„Die Studie geht aus zwei Forschungsvorhaben hervor, die an den Universitäten Siegen und Dortmund durchgeführt wurden. Im Auftrage der Arbeitsgruppe 'Selbstbestimmung – Fremdbestimmung' der Forschungsarbeitsgemeinschaft 'Ethik der Gesundheitsversorgung' des Landes Nordrhein-Westfalen wurde zunächst das Projekt „Der Selbstbestimmungsbegriff im Diskurs der Gesundheitsversorgung und seine Bedeutung für chronisch kranke und behinderte Menschen“ realisiert. Das Folgeprojekt hieß 'Selbstbestimmung in Gesundheitsversorgung und Rehabilitation – Theoretische Grundlegung'“ (S. 16). „Zudem erweist sich die Studie im Rückblick als eine Pionierarbeit für die deutschsprachigen Disability Studies, der interdisziplinären und internationalen Studien zu Behinderung, die sich in den letzten zehn Jahren auch hierzulande etabliert haben“ (S. 9).

Aufbau

Die zu besprechende Publikation ist in sechs Kapitel gegliedert. Der Vorbemerkung zur 2. Auflage folgen:

  1. Vorbemerkung
  2. Individuelle Selbstbestimmung und gesundheitliche Beeinträchtigung: Eine theoretische Skizze
  3. Alltagstheorien chronisch kranker und behinderter Männer und Frauen – Einzelfallstudien
  4. Selbstbestimmung, Behinderung und Bioethik: Schlussfolgerungen aus der empirischen Untersuchung
  5. Bibliographie
  6. Transkriptionsregeln

Inhalte

Der Schlüsselbegriff Selbstbestimmung ist meistens im empathischen Sinne ein Synonym für Eigenverantwortlichkeit, Unabhängigkeit, Freiheit, Autonomie und Emanzipation. Selbstbestimmung ist ein Grundrecht des Menschen. „Das Individuum will autonom leben; es soll autonom leben“ (S. 12).

Es ist noch gar nicht so lange her, als eine gesundheitliche Beeinträchtigung die Aberkennung von bürgerlichen Rechten begründete. Eine gesundheitliche Beeinträchtigung „legitimierte Abhängigkeits- und Vormundschaftsverhältnisse und lieferte die Begründung für Ausgrenzungsprozesse oder gar für Ausmerze- und Tötungsmaßnahmen. Insbesondere psychisch und geistig behinderten Menschen ist Willensfreiheit und Autonomie immer wieder abgesprochen worden. Selbst körperlich behinderten Männern und Frauen war es bis vor Kurzem oft nicht möglich, ein selbstbestimmtes Leben zu führen“ (S. 13). Dieser Zustand erfährt gegenwärtig einen Paradigmenwechsel. Verantwortlich hierfür ist das Engagement der Betroffenen selbst. „Seit Mitte der 1980er Jahre gibt ihnen das Stichwort 'Selbstbestimmt Leben' den Antrieb, den Auszug aus dem Heim zu wagen, die eigene Assistenz selbst zu organisieren, für sich Selbstbestimmung einzufordern.“ (S. 13)

Die Untersuchung Waldschmidts hat problemzentrierte Leitfadeninterviews als Grundlage. Im Sommer 1997 wurden die Interviews mit drei Männern und zwei Frauen durchgeführt. Dieselben wurden über die qualitative Inhaltsanalyse und hermeneutische Interpretation ausgewertet. Der Fokus wurde v. a. auf folgende Forschungsfragen gerichtet:

  • „Welches Verständnis von Selbstbestimmung haben chronisch kranke und behinderte Menschen?
  • Welchen Stellenwert hat der Selbstbestimmungsbegriff in der Alltagspraxis von Menschen, die als direkt Betroffene mit chronischer Krankheit und Behinderung leben?
  • Welche Erfahrungen der Selbst- und Fremdbestimmung machen sie im System der Gesundheitsversorgung?
  • Welche Sichtweisen haben sie zum Selbstbestimmungsrecht in den Bereichen Sterbehilfe und biomedizinische Forschung?“ (S. 15).

Vorangestellt ist den Einzelfallstudien eine theoretische Ausarbeitung über den Zusammenhang von persönlicher Autonomie und gesundheitlicher Beeinträchtigung unter historischen und systematischen Aspekten.

So widmet sich die Verfasserin zunächst der Etymologie der Wortteile „Selbst“ und „Bestimmung“, was zur Darstellung von Selbstbestimmung im Kontext von Krankheit und Behinderung führt. Letzteres wird besprochen unter den Gesichtspunkten:

  • Vernunft als Maßstab: Abgestufte Grade persönlicher Autonomie
  • verspätete Befreiung oder neoliberale Pflicht? Historische Betrachtungen.

In den Abschnitt zu Konstruktionen in der Moderne leitet Waldschmidt folgendermaßen ein: „Nach meinen Überlegungen zur Logik der Selbstbestimmung, die zur Schlussfolgerung einer abgestuften Hierarchie unter den Betroffenen je nach ihrem Vernunftvermögen führte, und zu den historischen Aspekten, welche die These von der verspäteten Befreiung behinderter Menschen in der neoliberalen Moderne zum Ergebnis hatten, möchte ich nun in diesem Abschnitt den Versuch unternehmen, ein heuristisches Model zu entwickeln“ (S. 50). Diese Entwicklung erfolgt aus den Perspektiven der:

  • Selbstbeherrschung;
  • Selbstinstrumentalisierung;
  • Selbstthematisierung;
  • Selbstgestaltung.

Das zweite Kapitel wird mit den forschungsleitenden Fragestellungen abgeschlossen.

Kapitel 3 beinhaltet die Einzelfallstudien zu den Alltagstheorien chronisch kranker und behinderter Männer und Frauen. Das sind Erzählungen von Menschen, die „jeden Tag aufs Neue versuchen, Selbstbestimmung für sich herzustellen“ (S. 79). Die leitfadenstrukturierten Intensivinterviews „sollen Einblicke bieten in die lebensweltliche Relevanz von persönlicher Autonomie, vor allem vor dem Hintergrund eigener Erfahrung mit chronischer Krankheit und Behinderung. Die zwei Frauen und drei Männer im Alter von 39 bis 56 Jahren […] stellen eine zufällige Auswahl der unter der großen, sehr heterogenen Gruppe der von einer gesundheitlichen Beeinträchtigung direkt Betroffenen (dar – CR). Sie haben jeweils ihre höchstpersönliche Geschichte; sie sind mit einer individuellen Lebenssituation konfrontiert und sicherlich nicht repräsentativ für die Gesamtgruppe. Gleichwohl ist anzunehmen, dass sich in ihren Erfahrungen und Sichtweisen das Allgemeine spiegelt“ (S. 79).

Bei den Schlussfolgerungen vergleicht die Autorin die fünf Einzelfallstudien miteinander, arbeitet ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten heraus und stellt so eine Kontrastierung her, „die es ermöglicht, allgemeine Schlussfolgerungen zum Zusammenhang von individueller Selbstbestimmung und gesundheitlicher Beeinträchtigung zu entwickeln“ (S. 243).

Fazit

Eine wertvolle Arbeit, die allen mit Behinderten und über Behinderte Arbeitenden dringend zu empfehlen ist. In der Ausbildung für die Arbeit am und mit Behinderten muss das Buch eine Pflichtlektüre sein.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
E-Mail Mailformular


Alle 117 Rezensionen von Carsten Rensinghoff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 21.12.2011 zu: Anne Waldschmidt: Selbstbestimmung als Konstruktion. Alltagstheorien behinderter Frauen und Männer. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 2., korr. Auflage. ISBN 978-3-531-17538-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12610.php, Datum des Zugriffs 23.07.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!