Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft (Hrsg.): Inklusion vor Ort
Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft (Hrsg.): Inklusion vor Ort. Der Kommunale Index für Inklusion - ein Praxishandbuch (SD 42). Lambertus Verlag (Freiburg) 2011. 232 Seiten. ISBN 978-3-7841-2070-6. D: 13,00 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 19,50 sFr.
Thema
‚Inklusion‘ ist insbesondere durch die Konvention der Vereinten Nationen zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen zu einem gesellschaftspolitischen Thema geworden. Politische Akteure auf allen Eben sehen sich herausgefordert zur Entwicklung von Aktionsplänen und zur Entfaltung von Aktivitäten, die den Tendenzen gesellschaftlicher Spaltung entgegenwirken. Auf kommunaler Ebene sind die politisch verfassten Gebietskörperschaften und öffentliche Organisationen wie Bildungseinrichtungen oder Verwaltungen angesprochen. Die konkreten Vorgaben der Konvention fordern sie auf, ihre Infrastrukturen und Angebote so zu gestalten, dass sie von Allen ohne Diskriminierung genutzt werden können. Das Praxishandbuch will in leicht verständlicher Sprache Anregungen zur Entwicklung und Gestaltung inklusiver Prozesse auf lokaler Ebene geben.
Entstehungshintergrund
Die Montag Stiftung hat 2010 ein Arbeitsbuch ‚Kommunaler Index für Inklusion‘ herausgebracht. Es handelt sich um eine Übersetzung, der im Suffolk County Council in England erarbeiteten Arbeitshilfe ‚Aspiring to Inclusion‘. Mit dieser Arbeitshilfe wurde anschließend in Pilotkommunen gearbeitet, um auf der Grundlage der Erfahrungen das nun vorliegende Praxishandbuch zu entwickeln. Der Ansatz steht in einer Tradition von vergleichbaren Indices für Inklusion, die in England zunächst für Schulen und dann für Kindertageseinrichtungen entwickelt wurden und internationale Verbreitung fanden. Die Grundidee der Indices lässt sich dem Ansatz des Diversity-Management zuordnen, mit dem der Umgang mit Verschiedenheit in Organisation, vor allem auch in Unternehmen gestaltet werden sollen. Mit dem Bezug auf öffentliche und demokratisch verfasste Organisationen erfährt der Ansatz allerdings eine Herauslösung aus dem Management-Ansatz und wird um partizipative Elemente erweitert, die nicht in erster Linie funktional auf die Organisationsziele ausgerichtet sind.
Aufbau
Das Buch beginnt mit einem Vorwort von Rita Süßmuth und einem Vorwort der Herausgeber. In diesem wird das Jahr 2010 als Eintritt in die ‚Dekade der Inklusion‘ bezeichnet. Ähnlich wie der Begriff der ‚Nachhaltigkeit‘ soll der Begriff zu einem fundamentalen Wandeln führen, den das vorliegende Praxishandbuch unterstützen will.
In der Einleitung wird das Verständnis von Inklusion als Menschenrecht und als Haltung vorgestellt. Es folgen Hinweise zum Entstehungshintergrund und zur Zielgruppe des Index. In einem weiteren Abschnitt werden fünf Ebenen der Kommune unterschieden, ausgehend von der einzelnen Person, über die Ebene des unmittelbaren privaten Umfelds, die öffentlichen Organisationen, die Ebene der Vernetzung bis hin zur Kommune als Ganzes.
Den Hauptteil des Buches bietet der Fragenkatalog des Index. Es werden drei Fragebereiche unterschieden, die den zuvor eingeführten Ebenen der Kommune zugeordnet werden:
- Unsere Kommune als Wohn- und Lebensort
- Inklusive Entwicklung unserer Organisation
- Kooperation und Vernetzung in unserer Kommune
Den einzelnen Fragebereichen werden dann verschiedene Dimensionen zugeordnet. Jeweils auf einer Doppelseite werden zu diesen Dimensionen Fragen gestellt. Die Fragen sind dabei nicht untereinander angeordnet, sondern unregelmäßig über die Seiten verteilt. Sie sollen Arbeitsgruppen anregen, den bisher erreichten Stand der Inklusion zu reflektieren und über die Weiterentwicklung der Inklusion nachzudenken. Die erste Dimension beispielsweise trägt den Titel ‚Inklusive Werte‘ und enthält Fragen wie „Ist es für alle selbstverständlich, dass Ausgrenzung und Diskriminierung geduldet wird?“ oder „Werden Menschen unterschiedlichen Alters gleichermaßen wertgeschätzt und ihre Erfahrungen einbezogen?“
Dem Charakter eines Praxishandbuches folgend schließt sich dem Fragenkatalog ein umfangreicher Abschnitt mit methodischen Hinweisen an, der unter dem Motto steht ‚Inklusive Prozesse umsetzen‘. Hier wird sehr anschaulich in zwölf Schritten ein möglicher Veränderungsprozess beschrieben. Das Kapitel enthält ebenfalls Hinweise zur Moderation von Gruppenprozessen und methodische Anregungen für die Gestaltung von Arbeitsprozessen. Das Kapitel endet mit Hinweisen zu den Möglichkeiten einer inklusiven Begleitung von Inklusionsprozessen.
Im letzten Abschnitt des Buches werden sieben sehr unterschiedliche kommunale Beispiele der Arbeit mit dem Arbeitsbuch des kommunalen Index für Inklusion jeweils auf etwa drei Seiten vorgestellt. In einigen Fällen handelt es sich um eine kleine Zahl von vor allem Bildungseinrichtungen, die mit dem Index für Inklusion gearbeitet haben, in anderen Fällen um ganze Gemeinden, die mit dem Index Veränderungsprozesse eingeleitet haben. Nicht nur der Bezugspunkt, sondern auch die Methoden, mit denen ausgehend vom gleichen Index gearbeitet wurde, sind sehr unterschiedlich. Abschließend wird von einer Vernetzungsveranstaltung der Montag Stiftung berichtet, die im Rahmen der Erprobungsphase durchgeführt wurde.
Diskussion
Es ist ohne Zweifel gelungen, ein sehr anregendes und für die Praxis hervorragend geeignetes Arbeitsbuch zu entwickeln. Das Buch ist durchweg in einer sehr verständlichen Sprache geschrieben. Ein originelles und ansprechendes Layout mit zahlreichen Grafiken unterstreicht diesen Charakter. Bis auf kurze Hinweise zum Entstehungshintergrund und einige wenige Zitate wird auf eine theoretische Einordnung des Index für Inklusion offensichtlich bewusst verzichtet.
Der Aufbau des Buches weist gegenüber der Vorlage wichtige Unterschiede auf. Die Vorgängerversion war dem Ansatz des Diversity-Managements folgend deutlich enger auf die Entwicklung einzelner Organisationen bezogen. Hinsichtlich des Aufbaus der Fragen wurde zwischen den Dimensionen ‚Kultur‘, ‚Struktur‘ und ‚Praktiken‘ unterschieden. Die normative Orientierung an Verschiedenheit und deren Wertschätzung diente im Sinne einer Managementaufgabe der strategischen Ausrichtung einer Organisation. Das Versprechen eines auf kommunales Handeln bezogenen Index für Inklusion konnte so nur bedingt eingelöst werden. Das nun vorliegende Praxishandbuch bietet hier durch die Einbettung in Vorüberlegungen zu kommunalem Handeln und dem veränderten Aufbau des Fragekatalogs deutliche Erweiterungen. Allerdings steht die Entwicklung einzelner Organisation immer noch erkennbar im Vordergrund. So bleibt offen, wer der eigentliche Adressat des Praxishandbuches ist. Folgt man dem Praxisbeispielen, so sind es mal einzelne Personen, die ein Inklusion-Projekt anregen oder gründen, in anderen Fällen ist es ein Zusammenschluss von Organisationen, oder es sind kommunale Ausschüsse und andere Gremien wie das Kinder- und Jugendparlament, die die Initiative ergreifen. Nur in einigen Fällen ist erkennbar, dass der eingeleitete Prozess durch eine Beschlussfassung im Gemeindeparlament initiiert oder legitimiert wurde. An die Stelle der Adressierung an das Management in Organisationen tritt also eine offene Adressierung an sehr unterschiedliche Akteure. Die Praxisbeispiele belegen, dass diese Akteure den Auftrag zur Gestaltung von Inklusion vor dem Hintergrund ihrer Aufgabenstellung verschieden deuten und die Klammer durch den Begriff ‚Inklusion‘ recht vage bleibt. Damit folgt der Index in seiner jetzt vorliegenden Form der überschwänglichen Erwartung einer ‚Dekade der Inklusion‘, die sich durch unterschiedliche Formen des Engagements in der Zivilgesellschaft realisieren sollen. Es ist die Frage, ob und wie sich dies mit Formen systematischer Planung auf kommunaler Ebene verbinden lässt. Die Behindertenrechtskonvention mit ihrer Leitidee der Entwicklung eines inklusiven Gemeinwesens adressiert in erster Linie staatliches Handeln mit allen seinen Untergliederungen. Dies umfasst in Deutschland auch die Kommunen als demokratisch verfasste und legitimierte politische Ebene. Der kommunale Index für Inklusion kann zu einer Verbreitung der Idee der Inklusion beitragen, die aber durch die systematische Gestaltung politischer Prozesse auf kommunaler Ebene ihre Wirkung entfalten muss.
Fazit
Das Praxishandbuch bietet allen Praktikern, die an unterschiedlichsten Stellen in Organisationen und Initiativen den Ansatz der Inklusion aufgreifen wollen eine wertvolle und sehr gut handhabbare Arbeitshilfe. Es ist der Montag Stiftung ausgezeichnet gelungen, die Pilotphase der Einführung des Index für Inklusion zu nutzen, um aus einer Übersetzung ein auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland gut passendes Handbuch zu entwickeln. Das vorliegende Buch vermittelt zugleich ein lebendiges Bild der Entwicklung in den Pilotkommunen. Es ist zu wünschen, dass diese Dynamik sich in der Arbeit mit dem Praxishandbuch fortsetzt.
Rezensent
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 26.01.2012 zu: Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft (Hrsg.): Inklusion vor Ort. Lambertus Verlag (Freiburg) 2011. 232 Seiten. ISBN 978-3-7841-2070-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12629.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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