Karl Adamek: Singen als Lebenshilfe
Karl Adamek: Singen als Lebenshilfe. Zur Empirie und Theorie von Alltagsbewältigung. Plädoyer für eine "erneuerte Kultur des Singens". Waxmann Verlag (Münster/New York/Berlin/München) 2003. 3. Auflage. 315 Seiten. ISBN 978-3-8309-1317-7. 48,00 EUR.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8309-1960-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Das Thema
Mit dem Märchen, man könne sich beruhigt da niederlassen, wo gesungen wird, weil böse Menschen keine Lieder hätten, hat leider oder glücklicherweise Marcel Reich-Ranicki in einer Zeit-Kolumne aufgeräumt, in der er zu Recht anmerkte, dass beispielsweise böse Faschisten und Neofaschisten aber auch Stalinisten sehr wohl Lieder hatten und haben. Dennoch bleibt die Stimme ein wichtiges Artikulationsorgan des Menschen und das Singen kann sicherlich zu den elementaren Grundäußerungsformen des Menschen zählen. Dass Singen auch heilsame Wirkung haben kann, war schon in der griechischen Antike bekannt. Auch Schamanen und Medizinmänner benutzen Singen rezeptiv und aktiv zur Heilung. Was es mit den Heilkräften des Singens in unserem Kulturkreis auf sich hat, überprüft Karl Adamek in vorliegendem Buch.
Der Autor
Karl Adamek promovierte nach einem Studium der Soziologie, Psychologie Pädagogik und Musik zur sozialen Bedeutung des Singens und veröffentlichte sowohl Forschungsarbeiten zu diesem Thema als auch Liederbücher und Schallplatten. Seine Schwerpunkte sind die Erforschung und die Förderung der Selbstheilungskräfte. Adamek leitet zu diesem Thema Kurse und Seminare und ist als selbst auch als Sänger aktiv.
Aufbau und Inhalt
Das Buch besteht aus zwei großen Teilen: im ersten Teil wird der Stand der Erforschung des Singens und seines Umfelds historisch und systematisch dargestellt, im zweiten Teil wird die Durchführung einer empirischen Studie und mehrerer Experimente sowie deren Ergebnisse dokumentiert. Es schließt sich ein umfangreicher Anhang mit statistischen Daten an. Das Buch besteht aus 20 Kapiteln, die wiederum in zahlreiche Unterpunkte untergliedert sind.
Der Autor schildert in den ersten Kapiteln sehr belesen und kenntnisreich die Geschichte des Singens als Heilmethode. Er setzt diese Methode in Beziehung zu unserer traditionellen Schulmedizin und stellt einen Zusammenhang zwischen Singen, Gesundheitsförderung und Gesundheitsvorsorge her. Der Bedeutung des Singens spürt er in der Geschichte, den Weltreligionen und alten Mythen hinterher, ehe er sich dem aktuellen Forschungsstand zum Singen und vokalem Musizieren zuwendet. Ein großer Abschnitt ist den psychischen Funktionen des Singens gewidmet.
Es folgt die Darstellung des Forschungsdesigns einer empirischen Untersuchung zum Thema Singen, die aus vier Teilen besteht:
- einer Fragebogenerhebung,
- einem Konzentrationsleistungstest,
- einem Persönlichkeitstest und
- einem physischen Leistungstest.
Mit Hilfe dieses Instrumentariums und der Formulierung zahlreicher Hypothesen sollte geklärt werden, ob Singen als Bewältigungsstrategie geeignet ist und inwiefern und von wem es als solche genutzt wird. Adamek kommt nach Auswertung der vier Untersuchungsteile auf S. 169 zu dem Ergebnis, dass Singen als eine "effektive und äußerst differenzierte Bewältigungsstrategie im Sinne der Regulation von Emotionen" benutzt wird. Die anderen Tests belegen darüber hinaus, dass durch Singen eine Steigerung der Konzentrationsfähigkeit und der temporären physischen Leistungsfähigkeit bewirkt wird sowie die Persönlichkeitsdimensionen Lebenszufriedenheit, Soziale Orientierung, Erregbarkeit, Körperliche Beschwerden und Emotionalität positiv beeinflusst werden.
Am Ende der Arbeit steht ein Plädoyer für eine "Erneute Kultur des Singens" mit der Hauptforderung, dem Singen im ganzheitlichen Lebenszusammenhang mehr Bedeutung und mehr Platz einzuräumen
Zielgruppe
Diese Veröffentlichung richtet sich an alle Menschen, die sich mit Singen allgemein und der heilsamen Wirkung des Singens beschäftigen wollen, setzt allerdings große Leselust und die Kenntnisse grundlegender statistischer Begriffe und Verfahrensweisen voraus. Insofern wird es primär professionelle Sängerinnen und Sänger, Studierende sowie Pädagogen und Sozialwissenschaftler erreichen.
Fazit
Dieses Buch stellt zum einen eine umfangreiche Materialsammlung zur Geschichte des Singens und dessen heilsamer Wirkung dar, zum anderen betritt es methodisches Neuland hinsichtlich der empirischen Belegbarkeit musiktherapeutischer Zusammenhänge. Unter dem ständigen Legitimationszwang gegenüber den naturwissenschaftlichen Fächern gehen auch die Geisteswissenschaftler immer mehr dazu über, quantitative sozialwissenschaftlich-statistische Methoden zu benutzen, um ihre Hypothesen zu belegen. Diese Arbeit ist ein weiteres Beispiel für diesen Trend. Wogegen einfache Evidenz von offensichtlichen Zusammenhängen oder hermeneutische Deutungsversuche dem Untersuchungsgegenstand manchmal gerechter würden. So könnte vermieden werden, dass Bücher zum Thema Singen - wie in diesem Fall - zum großen Teil aus der Erklärung statistischer Ergebnisse bestehen.
Rezensent
Prof. Dr. Hubert Minkenberg
Professor für Medienpädagogik/Musikpädagogik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Hubert Minkenberg. Rezension vom 23.03.2004 zu: Karl Adamek: Singen als Lebenshilfe. Waxmann Verlag (Münster/New York/Berlin/München) 2003. 3. Auflage. 315 Seiten. ISBN 978-3-8309-1317-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1264.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
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