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Heinrich Wottawa, Heike Thierau: Lehrbuch Evaluation

Cover Heinrich Wottawa, Heike Thierau: Lehrbuch Evaluation. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 3., korrigierte Auflage. 176 Seiten. ISBN 978-3-456-84051-2. 34,95 EUR.

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Hintergrund und Funktion des Buches

Bereits in dritter Auflage und seit 1990 in der Szene wohl bekannt, präsentiert sich - neu gestaltet und gut überarbeitet - eines der Standardwerke für 'wissenschaftliche Evaluation'. Dieser Anspruch der Wissenschaftlichkeit wird auch deutlich gemacht und ebenso sinnvoll begründet, sowohl mit der Breite des notwendigen Aufwandes, der mit Evaluation verbunden sein muss als auch mit der plausiblen Forderung, dass die Methoden "dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Techniken und Forschungsmethoden angepasst" sein müssen. Damit ist aber auch gleich eine Spannungsfeld eröffnet: Wenn wir uns die aktuelle Praxis etwa im Sozial- und Bildungsbereich vergegenwärtigen, fällt auf, dass die Grenzen fließend geworden sind, zwischen aufwändiger Evaluationsforschung (hier übrigens im Sinne evaluierender Forschung und nicht im Sinne einer Forschung über Evaluation) und den dagegen bescheiden anmutenden Ansätzen der Bewertung psychosozialer Praxis, die die Fachkräfte selbst in Angriff nehmen - sinnvoller Weise und aus der Einsicht heraus, dass auch einfache Designs in der Lage sein können, (etwa im Sinne von Selbstevaluation) kontrollierend, aufklärend und legitimierend Beschreibungs- und Bewertungswissen über die eigene Praxis mit dem Ziel zu generieren, diese weiter zu entwickeln und Qualitätssicherung in eigener Sache zu betreiben.

Obwohl in dem vorliegenden Buch die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Evaluation eindeutig geklärt werden und auch die Vorteile wissenschaftlicher Evaluation anhand vieler Beispiele eindrücklich vor Augen geführt werden, bleiben doch - wahrscheinlich notgedrungen - Fragen offen: Wo liegt die Grenze wirklich? Wer definiert sie? Mit welchen Konsequenzen? Es lohnt sich, diese Frage im Hinterkopf zu behalten, vor allem dann, wenn man als LeserIn versucht, den Transfer des vermittelten Wissens in die eigene (oder eine andere Praxis) mitzudenken und sich dabei deutlich vor Augen zu führen, dass damit neben dem Kriterium des 'State of the Art' natürlich immer auch die Frage nach der notwendigen Differenziertheit und Komplexität des Vorgehens und so letztlich das Problem der Verfügbarkeit von Ressourcen für Evaluation vor Ort verbunden ist.

Wie dem auch sei: der Anspruch wird formuliert und trotz allem oder gerade deswegen ist es ein Genuss, sich in diesem sehr liebevoll und ansprechend gestalteten Werk nicht nur Grundlagen- und Anwendungswissen anzueignen, sondern einfach mal zu 'schmökern' oder sich auch im Hinblick auf die Möglichkeiten, dieses Wissen für eigene Evaluationsansätze anzuwenden, inspirieren zu lassen. Die Palette jedenfalls ist breit:

Inhaltliche Einblicke in das Buch

Nachdem die Grundlagen einer sozialwissenschaftlich gestützten Evaluation (Kapitel 1 und 2) gelegt sind, gehen die Autoren im dritten Kapitel auf Einsatzgebiete und Probleme von Evaluationsforschung am Beispiel konkreter Projekte ein. Einteilungsgesichtspunkte für verschiedene Evaluationen werden diskutiert und bei der Darstellung von Ansätzen aus dem Bereich der Wirtschaft, des Schul- und Bildungswesens und des Strafvollzugs tritt vor allem eines deutlich zu Tgae: der interdisziplinäre Charakter von Evaluation.

Im Mittelpunkt des vierten Kapitels stehen die zentralen Fragen nach den Zielen und Bewertungskriterien von Evaluation. Dass es hier vor allem darauf ankommt, sich die möglichen Verwertungszusammenhänge bewusst zu machen, zeigen wiederum gute Beispiele für die gelungene Entwicklung von Kriterien sowie für Bewertungs- und Entscheidungshilfen in diesem Zusammenhang. Ganz wichtig sind an dieser Stelle auch Überlegungen, die sich aus der oft virulenten und höchst prekären Frage ergeben, wie denn mit sogenannten 'unerwünschten Ergebnissen' umzugehen ist.

Ganz konkret und praxisorientiert wird die Darstellung vollends im fünften Kapitel: Was ist bei einer Angebotserstellung zu beachten? Wie funktioniert Projektmanagement in dem Zusammenhang? Wie verläuft die Vorbereitungsphase, z.B. hinsichtlich der Entwicklung des Erhebungs- und Auswertungsdesigns sowie des dazu notwendigen Instrumentariums? Welches sind besonders wichtige Punkte im zeitlichen Verlauf eines Evaluationsprojekts? Diese und viele weitere praktische Details werden- sinnvoller Weise differenziert - auch verhandelt vor dem Hintergrund unterschiedlicher möglicher Auftragsverhältnisse.

Konkrete Durchführungsfragen und -probleme stehen im Mittelpunkt des sechsten Kapitels: Die Dynamiken innerhalb einer Organisation, in der Evaluation stattfindet, wird beleuchtet. Die Entscheidung, in welcher Hinsicht welcher Teil der vorliegenden Daten ausgewertet werden soll (und welcher evtl. zunächst nicht), wird in Beziehung gesetzt zum grundsätzlich immer virulenten Problem möglicher Manipulationsvorwürfe. Und schließlich - eine wohl besonders tückische Quelle von Konflikten und Schwierigkeiten - werden die Fragen geeigneter Kommunikation und Darstellung von Ergebnisse diskutiert. Hintergrund ist dabei das zurecht konstatierte Problem, dass viele externe EvaluatorInnen anderen 'sprachlichen Welten' als die AdressatInnen von Ergebnisberichten angehören.

Dass es abschließend um die 'Bewertung der Bewertung', also um die Frage geht, nach welchen Kriterien sinnvoller Weise denn Evaluationen selbst im Hinblick auf ihre Güte zu bewerten sind, ist nur konsequent und lenkt den Blick wiederum auf die Praxis, die ja der entscheidende Referenzpunkt, sowohl bezogen auf den Entstehungs- als auch den Verwertungszusammenhang jeder Evaluation, sein muss.

Fazit

Das Buch ist in jeder Hinsicht sein Geld wert! Es enthält gut aufbereitetes, fundiertes und differenziertes Wissen inclusive seiner Grenzen für alle möglichen Gelegenheiten: Studierende, SozialwissenschaftlerInnen, ReferentInnen, BeraterInnen und auch professionelle EvaluatorInnen können ebenso profitieren wie die von Evaluation Betroffenen selbst. Es enthält tolle Übersichten, ein gut brauchbares Stichwortverzeichnis und in jeder Hinsicht gelungen gestaltete Beispiele und Anwendungssituationen. Das Buch ist in der Lage, einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des Wissens über Evaluation zu leisten und damit auch zur selbst (vgl. S. 168) formulierten Perspektive, dass sich Evaluation insgesamt als gesellschaftliches Gestaltungsprinzip bewähren kann.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim König
Evangelische Hochschule Nürnberg, Fakultät für Sozialwissenschaften.
Allgemeine Pädagogik, Empirische Methoden, Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit, Jugend- und Erwachsenenbildung, Praxisberatung und Fortbildung in Qualitäts- und Evaluationsfragen.
Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation im kirchlichen, sozialen und Bildungsbereich.
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Zitiervorschlag
Joachim König. Rezension vom 24.02.2004 zu: Heinrich Wottawa, Heike Thierau: Lehrbuch Evaluation. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 3., korrigierte Auflage. 176 Seiten. ISBN 978-3-456-84051-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1267.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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