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Karsten Speck, Thomas Olk u.a.: Ganztagsschulische Kooperation und Professionsentwicklung

Cover Karsten Speck, Thomas Olk, Oliver Böhm-Kasper, Heinz-Jürgen Stolz, Christine Wiezorek: Ganztagsschulische Kooperation und Professionsentwicklung. Studien zu multiprofessionellen Teams und sozialräumlicher Vernetzung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-2158-5. 26,95 EUR, CH: 39,90 sFr.

Reihe: Studien zur ganztägigen Bildung.
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Thema

Mit der rasanten Entwicklung der Ganztagsschulen in der Bundesrepublik vollzieht sich eine Veränderung des Personaleinsatzes an diesen Schulen. Bereits 47 Prozent der Allgemeinbildenden Schulen sind Ganztagsschulen und haben Ganztagsbereiche entwickelt. Neben den bekannten Lehrkräften betreten nun auch andere Berufsgruppen unter der Kennzeichnung „weiteres pädagogisch tätiges Personal“ die Schulbühne (z.B. Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe). Die zu verhandelnde Studie berichtet von durchschnittlich mehr als fünf solchen zusätzlichen Fachkräften in der Primarstufe und von weniger als fünf Fachkräften in der Sekundarstufe I. Obwohl die nunmehr auftretenden Kooperationsnotwendigkeiten bei weitem nicht unbekannt sind, vermehrt sich die erforderliche Kooperationsintensität ganz erheblich und wird zu einer Gelingensbedingung guter pädagogischer Arbeit in der Ganztagsschule (Katja Tillmann /Wolfram Rollett, S. 30). Ziele dieser guten Arbeit sind u.a. Verbesserungen der Lernarrangements, individuelle Förderung, emotionales Wohlbefinden wie auch die Öffnung der Schule zum jeweiligen Gemeinwesen und zu der jeweiligen Region. Der recht neue Begriff „multiprofessionelles Team“, auch verweisend auf interprofessionelle Kompetenz der Akteure, fokussiert in diesem Zusammenhang die sichtbaren Entwicklungen wie auch die einhergehenden Probleme. Probleme entstehen auch deshalb, weil die intensive Zusammenarbeit nicht mit gutgemeintem Schulterklopfen besiegelt werden kann, sondern eine organisations- und professionsbezogene Neuorientierung stattfinden muss. Auf diese zu klärenden Sachverhalte bezieht sich die vorliegende, auf empirischen Forschungen und entsprechenden Daten basierende, Veröffentlichung.

Aufbau

Nach einer umfänglichen Einleitung durch die Herausgeber strukturiert sich der Band nach zwei Kapiteln, die jeweils einer Fragestellung folgen. Das erste Kapitel trägt deshalb den Titel „Professionsentwicklung und Kooperation an Ganztagsschulen“ und umfast sieben Beiträge. Das zweite Kapitel bezieht sich auf „Professionsentwicklung und regionale Vernetzung an Ganztagsschulen“ und umfast fünf Beiträge. Der jeweils letzte Beitrag in den Kapiteln dient einer reflektierten und kritischen Durchsicht der vorangegangenen Beiträge ( für das 1. Kap. von Marianne Horstkemper, für das 2. Kap.von Manfred Rolfes). Vorwegnehmend sei gesagt, dass diese hilfreiche Flankierung ein guter Einfall der Herausgeber war

Inhalt

Der empirische Hintergrund der quantitativ und qualitativ zu verortenden Forschungsbefunde in den einzelnen Beiträgen bezieht sich sehr häufig auf die umfangreichen Längsschnittdaten der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG). Aber auch eigenständig durchgeführte Forschungsvorhaben werden dokumentiert. Dies gilt insbesondere für das zweite Kapitel. Die folgende Darstellung geht auf einige Beiträge in beiden Kapiteln ein.

Der erste Beitrag im ersten Kapitel von Katja Tillmann und Wolfram Rollett beschäftigt sich mit der Intensität der Kooperation in multiprofessionellen Teams im Zusammenhang mit der schulbezogenen Partizipation des weiteren pädagogisch tätigen Personals (z.B. Mitarbeit in einer Steuerungsgruppe). Es finden sich deutliche Hinweise darauf, dass eine Wechselbeziehung zwischen Intensität der Kooperation und der erreichten Partizipation besteht und damit eine positive Kooperationsentwicklung begünstigt wird. Diese Gelingensbedingung hinsichtlich guter Zusammenarbeit zwischen den genannten Akteursgruppen ist interessanterweise an Grundschulen stärker ausgeprägt.

Christine Steiner und Katja Tillmann verweisen ihrem Beitrag auf Probleme des Personaleinsatzes wie z.B. hohe Arbeitsbelastung, Zeitdruck, unklare Aufgabenstellung bei gleichzeitig steigender Verantwortlichkeit. Vermutet wird, dass die interprofessionelle Kompetenz in den Teams nicht hinreichend gegeben ist. In diesem Zusammenhang wird auch auf den unterschiedlichen Beschäftigungsstatus verwiesen, der in hauptberuflichen, nebenberuflichen und ehrenamtlichen Beschäftigungen seinen Ausdruck findet. Dies alles erschwert die Koordination für Schulleitungen in der Ganztagsschule. Eine Koordination mit informellen Akzenten fördert dabei die Kooperationsintensität. Nachdenklich stimmt, dass sich das erweitert pädagogisch tätige Personal (Fachkräfte) z.B. in Integrierten Gesamtschulen und Hauptschulen verbundener mit der Schule fühlt, als vergleichsweise in Realschulen und Gymnasien.

Eine Kooperationssystematik erstellen Karsten Speck, Thomas Olk und Thomas Stimpel in ihrem Forschungsbefund zu unterschiedlichen Berufskulturen an Ganztagsschulen. Sie finden durch Untersuchungen an 15 Ganztagsschulen drei Kooperationstypen:

  1. Koexistenz schulischer und außerschulischer Berufskulturen,
  2. Aufbau einer innerschulischen Kooperationskultur,
  3. Aufbau einer themenzentrierten Kooperationskultur.

Fünf Gelingensbedingungen für gute Zusammenarbeit sind für die Wissenschaftler von Bedeutung:

  1. Konzeptionelle Verankerung und Einbindung aller Lehrkräfte.
  2. Strukturelle Absicherung der Kooperation z.B. durch Gremien.
  3. Reflexion der eigenen Berufsrolle und Perspektivenübernahme, Bereitschaft sich auf zeitliche und inhaltliche Anforderungen einzulassen.
  4. Kontinuierliche Kooperationsbeziehungen und regelmäßige Reflexion.
  5. Systematische Definition von Schnittstellen für die Verknüpfung von formalen, non- formalen und informellen Lernprozessen.

Einen sehr kritischen Artikel schreibt die Autorengruppe Wolfgang Böttcher, Stephan Maykus, Andre Altermann und Timm Liesegang. Sie bezweifeln, dass die überwiegend gut bewertete Kooperation durch die beiden Akteursgruppen tatsächlich auch gut ist. Abgesehen davon, dass die Bewertung durch die Lehrkräfte in der Regel etwas besser ausfällt, vermisst die genannte Gruppe eine engere Verbindung zwischen dem unterrichtlichen und dem außerunterrichtlichen Geschehen. So kommt es dann zu einem Aufgabenarrangement: Hier das lehrende Unterrichtspersonal, dort die sozialpädagogischen Unterstützer. Diese „lockere Beziehung“ bringt Vorteile für beide Berufskulturen, die beide allerdings jeweils in einer zufriedenstellenden Selbstgenügsamkeit stecken bleiben. Marianne Horstkemper mahnt diesbezüglich eine weitere empirische Durchdringung dieses Sachverhaltes an.

Das deutlich kürzere zweite Kapitel beginnt mit einem Beitrag von Monika Brenda und Heinz-Jürgen Stolz. Sie beziehen sich in ihre Beitrag auf sechs Modellregionen in denen Vernetzung unter der wissenschaftlichen Begleitung des Deutschen Jugendinstitutes erprobt wurde. Die erzielten Ergebnisse sind nicht gerade überwältigend, auch weil der Forschungsgegenstand äußerst komplex ist. Hinzukommt, dass erzielte Erfolge nach Beendigung der Modellphase wieder zum Teil zerbröckelten. Schulische Selbstständigkeit und Offenheit war hilfreich für die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern. Aber hingewiesen wird auch auf die spannungsreiche Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Fachkräften die Kinder- und Jugendhilfe. Diesbezüglich wird eine Professionsentwicklung, insbesondere bei den Lehrkräften, empfohlen. Eine flächendeckende Fortbildung bezüglich multiprofessioneller Teams ist eine zukünftige Grundvoraussetzung. Die Erreichung des Leitziels in diesen Modellregionen, nämlich Bildungsbenachteiligung zu reduzieren, wird in diesem Beitrag offen gehalten.

Die Studie zu Bildungs- und Integrationsnetzwerken von Ulrike Baumheier und Claudia Fortmann vergleicht Stadtteile in Bremen und Nordrhein-Westfalen. Dieser Vergleich zeigt z.B. das Ganztagsschulen in benachteiligten Stadtteilen stärker vernetzt sind als es die Situation in gut situierten Schulumfeldern zeigt. Auch die thematische Ausrichtung ist anders: In benachteiligten Stadtteilen sind über den Unterricht hinausgehende Angebote der Schulen an sozialer Unterstützung ausgerichtet, während gut situierte Schulen musisch-kulturelle Angebote bevorzugen. Darüber hinaus stellen die Autorinnen eine additive Kooperationsform fest, also Unterricht am Morgen und Betreuung durch unterschiedliche Kooperationspartner am Nachmittag. Mitverantwortlich für diese nicht zu begrüßende Trennung ist ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen den Kooperationspartnern oder anders ausgedrückt: die Dominanz der Institution Schule begründet das Ungleichgewicht. Positiv wirken sich in benachteiligten Stadtteilen Koordinationsagenturen wie Quartiersmanagement oder Stadtteilbüros aus. Chancen hin zu lokalen Bildungsnetzwerken sehen die Autorinnen nur in einem zunehmenden Engagement der jeweiligen Kommunen. Nur dann lässt sich soziale Integration als ein Leitziel der Ganztagsschule verstetigen.

Auch der nachfolgende Beitrag von Peter Floerecke, Simone Eibner und Michael Pawicki beschäftigt sich mit der Vernetzungspraxis von acht Schulen (Nordrhein-Westfalen/Berlin) in benachteiligten Stadtteilen. Unterschieden werden u.a. drei Ebenen, die auf Gelingensbedingungen einwirken: Die Makroebene für politische Vorgaben und Ressourcenzuteilung, die Mesoebene für Organisations- und Kooperationsgestaltung und die Mikroebene für Handlungsziele und Handlungskompetenzen der Akteure. Auf diesem Hintergrund werden Gelingensbedingungen analysiert. In der Zusammenfassung wird festgehalten, dass vernetzte Ganztagschulen sich durch weitere Netzwerkakteure verbessern und entwickeln können. Damit würde z.B. Sprachförderung, Elternarbeit, Berufsorientierung und Stadtteilarbeit verstärkt. Dann wird zwar die Schul- und Lebenssituation für Kinder und Jugendliche verbessert, eine generelle Veränderung des Benachteiligungsmodus aber nicht erreicht.

In seinen kritischen Anmerkungen wirft Manfred Rolfes einen Blick auf die Vernetzung von Ganztagsschulen aus Sicht der Stadt- und Regionalforschung. Dies gibt den eher schulbezogenen Darstellungen in den einzelnen Beiträgen hier und da neue Perspektiven.

Diskussion

In den Beiträgen finden sich sowohl neue Erkenntnisse als auch langjährig bekannte Einsichten wie z.B. das Berufsrollen reflektiert werden müssen oder das Vernetzung im Stadtteil durch ein Quartiersmanagement verbessert werden kann. Doch stellt der Band insgesamt einen wichtigen Forschungs- und Diskussionsbeitrag dar, dessen Innovation darin liegt, dass auf interdisziplinäre Zusammenhänge in der noch jungen Ganztagsschulentwicklung verwiesen wird. Diese interdisziplinäre Klammer, die im Begriff des multiprofessionellen Teams ihren Ausdruck findet, gilt es weiterhin zu entwickeln. Begrüßenswert ist die empirische Ausrichtung der Forschungsbeiträge, die die häufig vorfindlichen programmatischen Darstellungen zum Thema hinter sich lassen. Eigentümlich ist, dass im vorliegenden Band nicht auf die reichhaltigen Erfahrungen und Befunde zur Ganztagsschulentwicklung in den 70er und 80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts eingegangen wird.

Fazit

Die vorliegende und empirisch ausgerichtete Fachveröffentlichung ist eher für fortgeschrittene Interessenten bezüglich der Ganztagsschulentwicklung geeignet. Der Wert liegt in einer interdisziplinären Betrachtung auftretender Probleme, beabsichtigter und unbeabsichtigter Wirkungen sowie sich ergebender Perspektiven.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 12.03.2012 zu: Karsten Speck, Thomas Olk, Oliver Böhm-Kasper, Heinz-Jürgen Stolz, Christine Wiezorek: Ganztagsschulische Kooperation und Professionsentwicklung. Studien zu multiprofessionellen Teams und sozialräumlicher Vernetzung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-2158-5. Reihe: Studien zur ganztägigen Bildung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12677.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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