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Rita Marx: Familien und Familienleben

Cover Rita Marx: Familien und Familienleben. Grundlagenwissen für Soziale Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 270 Seiten. ISBN 978-3-7799-2213-1. 19,95 EUR, CH: 30,50 sFr.

Reihe: Studienmodule Soziale Arbeit.

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Zielgruppe und Thema

In der von H.-J. Dahme u.a. herausgegebenen Reihe, Studienmodule Soziale Arbeit, werden Grundlagentexte für Studierende der Diplom- und Bachelor-Studiengänge präsentiert.

Jeder Band dieser Reihe will den Stoff eines Semesters hochschulübergreifend vorstellen, einschließlich eigenständiger Lehr- und Lehreinheiten und schließt mit Übungsfragen, Vorschlägen für das Selbststudium und weiterführenden Literaturhinweisen ab. So der Werbetext im Buch.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist – neben der Einleitung – in vier Hauptkapitel gegliedert:

  1. Familie im Wandel
  2. Familienentwicklung, Sozialisation, Erziehung
  3. Alternative Lebensformen – Familienalltag, Familienleben
  4. Herausforderung und Problemlagen am Beispiel familiärer Gewalt

I. Familie im Wandel: Die Autorin zeigt die Entwicklung der Familie vom „ganzen Haus“ zur bürgerlichen Kleinfamilie auf, geht auf die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse in den letzten 40 Jahren ein, erläutert die These von der De-Institutionalisierung der Ehe, skizziert den Bedeutungswandel der Familie und gibt einen Überblick über alternative Familienformen.

II. Familienentwicklung, Sozialisation, Erziehung. In neun weiter untergliederten Unterpunkten werden insbesondere die Bedingungen des Aufwachsens in Familien vorgestellt, es geht um die Ausgestaltung der Elternschaft, um theoretische Modelle der psycho-sozialen Entwicklung, der Lebenssituation von Familien mit Kindern unter besonderer Berücksichtigung der Entstehung und Verfestigung der Eltern-Kind-Bindung. In weiteren Kapitel wird die familiale Entwicklung im Lebensverlauf thematisiert: Familie mit Schulkindern, das Zusammenleben mit Jugendlichen in der Adoleszenz. Dem schließt eine Betrachtung der Erziehungsstile an, der Rolle der Eltern als Erzieher und vorhandene Unterstützungsangebote für Eltern. In einer das Kapitel abschließenden Betrachtung geht die Verfasserin auf die Trennung und Scheidung der Eltern ein und stellt die Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf die Kinder dar. Diese knappe, aber präzise Darstellung wird von Hinweisen auf Hilfen zur Verarbeitung von Trennungserfahrungen ergänzt.

III. Alternative Lebensformen – Familienalltag, Familienleben. In vier Kapiteln geht die Autorin auf Ein-Elternfamilien (Alleinerziehende), Adoptionsfamilien und Pflegefamilien ein. Sie stellt die besonderen Aufgaben, Probleme und zu bewältigenden Aufgaben dieser Familienkonstellationen vor und schließt zwei weitere Betrachtung spezifischer familialer Lebensformen an: Die Stief- und Fortsetzungsfamilien und anschließend die sog. Regenbogenfamilien. In knappen Zusammenfassungen am Ende der Kapitel werden die jeweiligen Darstellungen verdichtet.

IV. Herauforderung und Problemlagen am Beispiel familiärer Gewalt. Unter Mitwirkung der Co-Autorin Sinah Marx stellt die Verfasserin Aspekte zur häuslichen Gewalt dar und geht auf die Situation der zuschauenden Kinder ein. Dem schließt sich eine Betrachtung der Kindeswohlgefährdung an und der möglichen Prävention bei Kindeswohlgefährdung bis hin zur Aufgabe des Bundeskinderschutzgesetzes.

Diskussion

Das Buch will den Stoff eines Überblicks zur Familie und Familienleben in Deutschland für eine einsemestrige Studieneinheit darstellen und Grundlagenwissen vermitteln.

Dies ist kein einfaches Unterfangen. Zwangsläufig bedeutet dies Begrenzung auf einige zentrale Aspekte des familialen Lebens, seiner vielfältigen Formen, des Erziehungsgeschehens, der Brüche und Folgen von Trennung und Scheidung, aber auch der Sozialisationschancen in unterschiedlichen familialen Lebensformen.

Nimmt man diesen Band als Einführung, dann erfüllt er – cum grano salis – seine Aufgabe, den Studierenden der Sozialen Arbeit, Hinweise auf die Entwicklung zur heutigen Familie zu geben, Lebensbedingungen unterschiedlicher Familienformen aufzuzeigen und insbesondere auf Erziehungs- und Sozialisationsprozesse einzugehen. Die Autorin konzentriert sich auf die Bereiche der Entwicklung und Erziehung und Sozialisation der nachfolgenden Generation (S.9). und dies insbesondere unter entwicklungspsychologischen Aspekten.

Die Autorin verdeutlicht, dass eine Betrachtung von Familien im Zusammenhang mit der Sozialen Arbeit, sich auf eine Vielzahl von Studien, Konzepten und Theorien beziehen kann und muss. Sie geht auf soziologische, psychologische und pädagogische Erkenntnisse und theoretische Zugänge ein und stellt diese in den Kontext von Entwicklungsaufgaben der Familien. Die Autorin betont die Bedeutung des Stufenmodells der psycho-sozialen Entwicklung im Kontext sozialer Interaktion des amerikanischen Psychoanalytikers Erik. H. Erikson.

Im Sinne einer thematischen Eingrenzung verweist sie auf andere Studienmodule im Rahmen dieser Reihe.

Der gesellschaftstheoretische Teil zu Geschichte der Familie, der Beschreibung ihrer Aufgaben und Funktionen ist knapp, aber umgrenzt die Bedeutung der heutigen Familien(formen) für alle Mitglieder dieses Systems. Warum hier ein Einschnitt mit dem Beck`schen Buch zur Risikogesellschaft (1986) vorgenommen wird, dies erschließt sich dem Rezensenten nicht ganz. Die Formulierung der Kapitelüberschrift, „Familien seit der „Risikogesellschaft“ ist etwas irreführend, als habe mit der Herausarbeitung des Begriffs „Risikogesellschaft“ eine neue Epoche des Familienlebens begonnen. Abgesehen von der fehlenden Kritik an dem Beck`schen Individualisierungstheorem wäre möglicherweise eine Betrachtung im Kontext der „Intimisierung der Paarbeziehung“ als Teil der Ausdifferenzierung der bürgerlichen Familie als Leitbild, weiterführender und auch einsichtsbildender in die heutige mögliche Überfrachtungen familialer Orientierungsmuster gewesen.

Die Grundidee des Bandes, Familienleben im biografischen Verlauf von der Paarbildung zur Elternschaft, die Stadien des Aufwachsens von Kindern vom Kleinkind, der außerfamilialen Betreuung, über Schule und Adoleszenz nachzuzeichnen, lässt einen roten Faden hervortreten. Allerdings wäre die Betrachtung dann auch auf die ältre Generation zu beziehen und deren Bedeutung für die Entwicklung der Kinder, für die Eltern als Hilfe, aber auch deren Ansprüche an Pfleg und Betreuung.

Der Anspruch, die „vielfältigen Probleme und Chancen alltäglicher Familienentwicklung darzustellen“ wie er im Klappentext formuliert wird, erscheint mir deshalb etwas prätentiös.

Es werden durchaus wichtige Bereiche der Familiendynamik aufgegriffen, doch andere fehlen fast völlig oder werden sehr kursiv betrachtet: Wie verändern sich die familialen Lebensbedingungen im Verhältnis der Geschlechter zueinander? Gibt es hier signifikante Rollenveränderungen, die dazu beitragen, dass Frauenrollen sich strukturell wandeln (können).Wandelt sich die breadwinner-Rolle der Männer von fathers-caring hin zu fathers sharing, zu einer wirklichen Unterstützung der Frauen bei der Erziehung und Betreuung der Kinder durch die Väter? Wie greift die Familienpolitik als Querschnittspolitik in das familiale Leben ein? Wie wirksam sind die sozialpolitischen Unterstützungsleistungen und wer wird gefördert und welche Leitbilder verbergen sich dahinter? Welche Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Kindern werden gegeben auf nationaler, aber auch lokaler Ebene, welche Änderungen wären hier sinnvoll?

Hier sind die Hinweise häufig sehr knapp gehalten, allerdings wird auch auf weiterführende Literatur und Quellen verwiesen.

Das Thema des Familienlebens hat viele Facetten. Das Buch greift einige davon aus.

Sicherlich gewährt dieser Band Einblick in die unterschiedlichen Lebensbedingungen verschiedener Familienkonstellationen.

Fazit

Das Buch ist gut aufgebaut, klar geschrieben, gut lesbar und führt zu einerstrukturierten, angeleiteten und themenzentrierten Auseinandersetzung mit familienbezogenen Themen.

Aus eigener Erfahrung weiß der Rezensent um die Schwierigkeit, familiensoziologische, erziehungswissenschaftliche und (sozial-)psychologische Grundlagen in einem Semester zu vermitteln. Dies bedeutet zwangsläufig die Notwendigkeit einer thematischen Eingrenzung. So nimmt z.B. das Thema Scheidung bei sorgfältiger Betrachtung der Scheidungsursachen, der empirischen Ansätze und Reichweite vorhandener Scheidungsstudien, deren Ergebnisse und widersprüchlichen Aussagen zu den Auswirkungen auf Eltern und Kinder verschiedener Altersstufen, allein schon einen breiten Raum ein.

Ähnlich das Thema Gewalt: Gewalt gegen Kinder, unterschiedliche Formen der Gewalt, Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Männer, retroaktive Gewalt von Jugendlichen gegen Eltern, dies bedarf detaillierter Analyse von Studien und deren Reichweite.

Der Autorin ist es jedenfalls gelungen, einige wichtige Aspekte klar zu umgrenzen und darzustellen.

Das Buch ist besonders Studierenden der Studiengänge im Bereich „Bildung und Erziehung“ zu empfehlen.

Dies enthebt die Studierenden aber nicht, sich mit den einzelnen Bereichen intensiver zu beschäftigen, nicht zuletzt auch zum Generationenverhältnis, der Fürsorge und Pflege in Familien, des Kontexts von Familie und Gesundheit und familienpolitischen Leistungen und Defizite.

In diesem Überblickswerk kann manches nur angetippt werden und auch die Auswertung vorhandener Studien gerät bisweilen sehr kursiv, so z.B. bei der Darstellung der Lebenslage und des Sozialisationsmilieu in Ein-Elternfamilien, von spezifischen Handlungsbereichen wie den der Schulsozialarbeit, aber auch grundsätzlichen Überlegungen zu den Auswirkungen von Scheidung und den Ursachen und Auswirkungen unterschiedlicher Formen und Erscheinungen von Gewalt in Familien So wird der selbst gestellte Anspruch, nicht nur die „vielfältigen Probleme und Chancen alltäglicher Familienentwicklung darzustellen“, sondern auch auf die „Abklärung von Ressourcen sowie möglicher und sinnvoller Interventionen in der Soziale Arbeit Bezug“ zu nehmen, nur in Teilen eingelöst.

Allerdings bleibt dennoch festzuhalten: Es werden in didaktisch gut aufgebauter Weise zentrale wichtige Aspekte familialer Entwicklungsbedingungen und Stadien im Lebensverlauf in unterschiedlichen Familienkonstellationen erläutert, dazu Fragen zur den jeweiligen Kapitel Themen gestellt und (einige) Literaturhinweise zur weiteren Bearbeitung und Vertiefung gegeben.

Eine gute Grundlage für Auseinandersetzung – im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit – mit familienbezogenen Fragestellungen, den Sozialisationsbedingungen, -chancen, aber auch den Problemlagen unterschiedlicher Familienformen und -strukturen.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 11.01.2012 zu: Rita Marx: Familien und Familienleben. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 270 Seiten. ISBN 978-3-7799-2213-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12678.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.


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