Klaus E. Müller: Die Grundlagen der Moral

Cover Klaus E. Müller: Die Grundlagen der Moral und das Gorgonenantlitz der Globalisierung. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. ISBN 978-3-86764-361-0. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 41,90 sFr.

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Thema

Dass „die überkommenen Moralvorstellungen an Eindeutigkeit, Orientierungsgewähr und mithin Verläßlichkeit“ verlieren, folgt laut Klaus E. Müller, emeritierter Professor für Ethnologie, aus sozialgeographischen Veränderungen, aus „großflächigen urbanen, ethnisch zunehmend gemischten, multikulturellen und berufsständisch hochspezialisierten ‚Mosaikgesellschaften‘“, die, wie im Zusatz zum Titel hervorgehoben, „zudem noch unaufhaltsam in den Sog der Globalisierung geraten“. (S. 9) Nicht nur, dass parallel zum sozialen Differenzierungsprozess ein moralischer sich abzeichnet, der „zu Dissens und Entfremdung unter den Partialgruppen der Gesellschaft führen mußte“ und muss (S. 158), sondern auch, dass „die Moral ihre ursprünglich grundlegende Funktion als unmittelbare, intersubjektiv und gesellschaftliche Leit- und Verantwortungsinstanz mehr und mehr an die überpersönliche, rein formale Jurisdiktion verloren“ hat, zeigt, dass „das Bewußtsein ‚des Guten‘ seine soziale ‚Bodenhaftung‘ verliert“. (S. 191) Mit seiner Analyse und Argumentation will der Verfasser zu praktischen Perspektiven für die Rückgewinnung eines – zeitgemäßen – moralischen Bewusstseins hinleiten. Das Buch schöpf aus einem Projekt zu Fragen der Alltagsmoral, in dem der Autor zusammen mit Thomas Luckmann und Hans-Georg Soeffner federführend war. Luckmanns Theorie der ‚Protomoral‘ hält der Autor für den bislang bedeutendsten analytischen Beitrag zur Entstehungsproblematik von Moral (vgl. S. 179ff); doch trotz der intellektuellen Patenschaft dieser beiden prominenten Soziologen bleibt Müller bei der kritischen Bearbeitung des Themas auf Analysen und Forschungsergebnisse der Ethnologie konzentriert, wobei er allerdings auch (u.a.) bei der Philosophie und sozialhistorisch anleiht, was angesichts einer erodierenden überkommenen und ganz offensichtlich verkommenden Moral unverzichtbar ist.

Immer wieder greift der Autor zwei zentrale Knotenpunkte des Moralproblems auf: Zum einen handelt es sich um das „Mandarin-Dilemma“, was auf ein Gedankenexperiment von Denis Diderot zurückgeht, wie man sich nämlich verhalten würde, könnte man kraft seines Willens einen reichen alten Mandarin im fernen Peking töten, um so sanktionsfrei an dessen Vermögen zu kommen (man würde vermutlich, und zwar auf Grund der großen zeitlichen und räumlichen Entfernung vom Opfer, meinten die Enzyklopädisten) (vgl. S. 68); zum anderen – und folgerichtig – geht es um den „Nostrozentrismus“ innerhalb eben geteilter Moralvorstellungen, also Überschaubarkeit und Nähe und nicht zuletzt alltags- und lebenspraktische Bedeutsamkeit, wobei sich die Problematik da auftut, wo die „Schattenseite des Nostrozentrismus“, das „Negationsprinzip“ (in der Soziologie in der Spannbreite vom Fremden über den Außenseiter bis zum Kriminellen behandelt) von „distanzierter Verachtung und Abwehr in tatsächliche Diskriminierung und Aggression“ umschlägt. (S. 213)

Wichtig für ein konfliktfreies Miteinander auch unter den Vorzeichen zunehmender Differenzierung und Entfremdung sei ein „Rekurs auf mögliche gemeinmenschliche, das heißt generell begründbare moralische Grundwerte sowie die Verständigung darüber unter allen Beteiligten“; dafür die „kognitiven Grundlagen“ zu ermitteln und „praktische ‚Konsequenzen“ zu bestimmen, könne „allein Aufgabe der vergleichenden Kulturwissenschaften, in letzter Instanz der Ethnologie sein“ (S. 16), und zwar getreu der früheren Aufgabenformulierung von Firth, „‛einige Universalien unter den menschlichen Werten zu bestimmen‘“. (S. 53)

Aufbau und Inhalt

Ganz in diesem Sinne macht Müller zunächst an frühagrarischen Gesellschaften Sinn und Zweck von Moral deutlich, die grundlegenden Erfordernissen des sozialen Zusammenlebens entsprachen; dabei schält er vier je altersspezifisch moralische Imperative resp. Tugenden heraus, die als Urschrift bis heute ihre Gültigkeit behalten haben dürften (dazu bietet sich die Lektüre des Buches „Wie viel Moral verträgt der Mensch?“ von Franz M. Wuketits an, der kein Ethnologe, dafür aber Paläontologe und Evolutions- sowie Kognitionsforscher ist – vgl. Rezension in socialnet.de). Es handelt sich um basale Grundlagen von Individualwerten der Reziprozität (wie u.a. des ausgewogenen Leistungs- und Zuwendungsaustausches) und Redistribution (wie u.a. Fürsorge und Verantwortlichkeit) und Kollektivwerten wie Solidarität, Kooperationsbereitschaft und Verlässlichkeit. (vgl. S. 207f et pass.) Es geht um „‚Kernkräfte‘ der sozialen Kohäsion“ (S. 40), um eine „kohärente Gruppenmoral, die immer und zuallererst Sozialmoral war“. (S. 51) Nach dieser Matrix der Moral, die anheimelnd erscheint und in der man heimisch werden möchte, wird entlang einer knappen Behandlung der weltlichen und geistlichen Aufklärung und der Herrenmoral der Beginn des ‚Sündenfalls‘ von Moral nachgezeichnet, und zwar nicht erst mit der Entdeckung des Fremden und Anderen durch die Erkundungsreisen des 17. und 18. Jahrhunderts, sondern schon im Griechenland des 5. Jahrhunderts v.Chr. und bei den Kirchenvätern, um schließlich mit Kant und Konfuzius und auch der schottischen Moralphilosophie jenes Reziprozitätsprinzip wegen seiner Verletzbarkeit hervorzuheben, wie es im ‚kategorischen Imperativ‘ als moralisches und vernünftiges Desiderat gesetzt ist.

Müller spart nicht an Kritik von Theorie und Praxis, wo es um Moral geht. Am Kolonialismus und der Herrenmoral wird dann die negative Seite des Nostrozentrismus deutlich, zu deren Sprachrohr sich auch Sozialdarwinisten wie Ethnologen machten, welche die aufklärerischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der weißen und zivilisierten Rasse vorbehielten. Die Bigotterie dieser moralhegemonialen Vorstellung setzte sich in den Überlegungen einer ‚Moral für die Welt‘ fort, etwa da, wo Kant skeptisch gegenüber der Verallgemeinerbarkeit des Rechts des Bürgers war, sich nach seiner eigenen Vernunft und seinem Gewissen zu verhalten; problematisch schien ihm, dieses Zugeständnis auch Menschen zu machen, die noch in den Kinderschuhen der moralischen und rechtlichen Entwicklung stünden – ein Horn, in das später auch Engels stoßen sollte (vgl. S. 127, Anm. 368). Solche moralische Relativierung bietet womöglich die Legitimationsgrundlage für einen barbarischen Umgang mit Menschen einfacher Gesellschaften oder akephaler Gruppen, was der Autor an drastischen Beispielen bis zu kollektiven Selbsttötungen deutlich macht. Schon Rousseau klagte, dass die zivilisierten Nationen sich anschickten, „‚die Welt mit einem Heer von Sklaven zu bedecken‘“, dass er „‚den vierten Teil meiner Mitmenschen in Vieh verwandelt sah‘“ und „‚seufzte‘“ darüber, „‚daß ich ein Mensch bin‘.“ (S. 92) Darin äußert sich eine ‚Samaritermoral‘, mit deren Fundament, der Bibel, sich Müller kritisch auseinandersetzt, um doch aber im Begriff der Barmherzigkeit hervorzuheben, dass darin auch der ‚chinesische Mandarin‘ zum Nächsten wird.

Im Kapitel über den ‚Balken im eigenen Auge‘ kommt er über den Begriff des Mitleids und der Frage, ob man im Fremden sich selbst begegnet, zu dem – nicht nur – Ethnologenargument, dass man, schärft man den eigenen Blick zeit-, kultur- und besonders entwicklungsversetzt, zu den „wilden, gleichsam ‚äffischen‘ Ahnen in uns selbst“ zurückkehrt, nicht zu den Toten oder (noch) ‚unzivilisierten‘ Völkern. (S. 114) Das führt zu Fragen um Kulturrelativismus und Menschenrechte, die auch anders als bisher behandelt werden könnten. Gegenüber dem Ungeist, wie er in missbrauchten Begriffen wie ‚Nationalcharakter‘, ‚Volksgeist‘ und ‚Gruppenseele‘ aufscheint, hält er erst einmal, dass mit Boas ‚die Fremden‘ zwar nicht mit ihnen äußerlichen Maßstäben zu beurteilen sind, auch nicht in Bezug auf ihre Wertorientierungen, doch aber der Ethnologe gleichsam ‚archaische‘ Leitmotive destillieren kann, die in einem verallgemeinerbaren Kanon zu verknüpfen wären. Darüber hinaus schuf der Kulturrelativismus gegenüber dem evolutionistischen Ansatz zunächst einmal ein Verständnis für kulturelle Alterität und förderte Toleranzbereitschaft, konnte transnationale Menschenrechtserklärungen beeinflussen, die allerdings mit ihrem „Allgemeingültigkeitsanspruch de facto nur so weit tragen, als es die real existierenden Machtverhältnisse zulassen.“ (S. 128) Natürlich ist Müller auch da nicht betriebsblind und weiß dies mit zahlreichen Beispielen zwischen Ethnozid und gewaltsamer Aneignung von Rohstoffen zu belegen. Er zeigt, dass die Menschenrechtsidee auf abendländischem, westlichem Gedankengut fußt und „untergründig die alten evolutionistischen, das heißt letzten Endes nostrozentrischen Vorurteile der machtmäßig führenden Nationen“ transportiert. (S. 137) Zwingend schließt sich unter dieser Perspektive die ‚Entwicklungsfrage‘ von Moral an, die durchaus keine Geschichte kontinuierlichen Zuwachses ist.

Um Beantwortung der Fragen um Entwicklung und Zuwachs von Moral mühen sich Philosophen, Theologen und Soziologen schon länger, was der Verfasser in aller Breite an der Aufklärung, dem Fortschrittsglauben und dem Evolutionismus bis zur Korrelation von Ethik und Moral nachvollzieht, der er mit Niklas Luhmann bescheinigt, dass sie ein „‚kulturelles Artefakt‘“ ist, „‚das prekär und kontingent ist und bleibt‘“ (S. 154f) – was im Übrigen neuere religionssoziologische Studien sehr deutlich belegen. Wie aber ersichtliche moralische Gleichgültigkeit nicht auf schwindende Gläubigkeit zurückzuführen ist und der zivilisatorische Fortschritt nicht gleichermaßen einen moralischen gebiert, macht die moderne Religionssoziologie ebenso deutlich, dass der – ersatzweise – Wachstumsglaube da, wo seine tönernen Füße zu bröseln beginnen, auch nicht zur moralischen Besinnung hinleitet, sondern Gier, Neid, Egomanie u.ä. auf den Plan ruft. Ähnlich argumentiert Müller, der nächst den über Macht und Herrschaft durchgesetzten materiellen Interessen jene schon vor, aber wesentlich durch Marx thematisierte Entfremdung mit ihr folgender Distanzierung aus Differenzierungsprozessen verantwortlich für moralische Gleichgültigkeit und Apathie macht, was, so der Philosoph Kurt Bayertz, dazu führe, dass moderne Gesellschaften sich nicht „‚auf das moralische Sollen verlassen‘“ können, sondern es „‚durch die Androhung staatlich ausgeübter Gewalt unterfüttern‘“ müssen. (S. 163) Das Recht aber schafft keine moralischen Werte, sondern verwaltet sie allenfalls; die bündige These von Müller dazu: „Die Moral baut auf gewachsenen, sozial gebotenen, realistischen Grundsätzen auf“ (S. 171) – ein Thema, womit er sich in den folgenden Kapiteln beschäftigt.

Wiederholt lotet er zur Klärung der Entstehungsfrage von Moral Argumente der Sophisten, des Utilitarismus, der frühen Kirchenväter, des Funktionalismus, der Philosophie und Sozialphilosophie zwischen Schopenhauer und Habermas aus, um zum einen die Relevanz von moralisch gesättigten Norm- und Wertorientierungen für eine (moralisch zu rechtfertigende) gesellschaftliche Ordnung auszuweisen, im kritischen Duktus dabei aber zum anderen warnend zu betonen, dass eine wie von ihm beschriebene Entwicklung von Moral „ihre ursprünglich grundlegende Funktion als unmittelbare, intersubjektive und gesellschaftliche Leit- und Verantwortungsinstanz mehr und mehr an die überpersönliche, rein formale Jurisdiktion verloren“ hat. (S. 191) Hier erinnert er dann an den ‚Wertekanon‘, der das sattsam bekannte ‚Wir-Bewusstsein‘ stiftet, aber Momente seiner Verallgemeinerung über das unmittelbare Wir hinaus nicht unbedingt birgt. Mit einem Schaubild zu moralischen Anforderungen in prämodernen Gesellschaften (vgl. S. 200f) macht er nochmals deutlich, dass sie „allein in kleinen, geschlossenen und überschaubaren Gesellschaften“ einsichtig werden und überzeugend gelingen können. (S. 203) Wiederum kommt der Verfasser auf die nicht zu hintergehenden ‚Konstanten der Moral‘ zurück, die er auflistet, wobei ihm wesentlich „Barmherzigkeit“ die vielleicht einzig realistische Chance zu bieten scheint, „die Grenzen der nostrozentrisch gebundenen Wertesysteme zu durchbrechen, moralische Vorurteile aufzulösen und gleichsam als Leitfigur den ‚globalisierten Samariter‘ ins Leben zu rufen“, der dann auch die Moralfunktion auszuüben hätte, „sozial gerecht auszugleichen.“ (S. 209) Dem steht die ‚Globalisierung‘ mit all ihren Auswüchsen entgegen, die der Verfasser im Anschluss anprangert, zum Glück ohne in die wenig fruchtbare Debatte um Globalisierung und/oder Relokalisierung einzusteigen, wohl aber um in aller Schärfe deutlich zu machen, dass „die geschichtliche Wirklichkeit die stolze These, die Moral sei eine Frucht der Aufklärung und Errungenschaft der Moderne, mit tödlicher Evidenz widerlegt und Rousseau Recht gegeben (hat), der den Ruin der Moral ganz im Gegenteil gerade in der ‚Zivilisation‘ selbst begründet sah.“ (S. 216)

Da es sich bei diesem Gorgonenantlitz der Globalisierung wohl um das Haupt der Medusa handelt, die bekanntlich sterblich ist, muss ein Perseus her, der sie enthauptet. Da muss man also nicht zu Stein erstarren, sondern kann dem Übel auf den Leib rücken. Insofern will Müller es auch nicht bei seiner scharfen Kritik bewenden lassen, sondern beschließt seine Untersuchung mit ‚praktischen Perspektiven‘, mit gleichsam Handreichungen, die er aus einer Kritik an Theorie etwa von Luhmann und dessen Feststellung sich abzeichnender Diskrepanzen von Funktionssystemen zueinander bezieht. Doch wirft er Luhmann vor: „Konkret ist allerdings auch er nicht geworden.“ (S. 218) Es bedarf einer Kritik unseres Alltagslebens, seiner privaten wie politischen Dimensionen. In dreizehn Punkten listet Müller sehr konkret jene moralischen Grundsätze auf, an die nach dem von ihm Dargelegten anzuschließen ist. Sie müssten dringend vermittelt werden. Unter den Mängeln, die er aufzeigt, findet sich die inzwischen ebenso geläufige wie folgenlose Kritik am Bildungssystem generell und speziell an den Universitäten, die beileibe weder nach Form noch nach Inhalt zur Erziehung jenes moralischen Menschen beitragen würden, dem das „Prinzip der Redistribution“ – über „Moralunterricht“ – „als obligatorische Handlungsmaxime bewußt gemacht“ werden müsste und zuwüchse. Das erst wäre die Voraussetzung auch für die Überwindung bzw. Relativierung des „‚Mandarin-Dilemmas‘ zu einem überregionalen Mosaik“, eine Vernetzung „ethnischer ‚Flurnachbarn‘“, was alles „im Innern durch eine stabile Moralordnung und im Gesamtverbund durch international vereinbarte Rechtsabkommen auf der Basis der ‚Menschenrechte‘ und des ‚Völkerrechts‘ zu sichern wäre.“ (S. 235)

Diskussion

Auch wenn der Autor auf der Ethnologie als einzig sinnvollem Zugang zum Thema der Perspektivengewinnung für verallgemeinerbare moralische Basisorientierungen beharrt, hat sein Buch doch auch sozialwissenschaftliche Züge und ist zumal für eine kritische Soziologie belangvoll, die (auch) ohne interdisziplinäre Anleihen nicht auskommt. Neu sind die Probleme um Nostrozentrismus und das Mandarin-Dilemma nicht, wie im Buch eindrucksvoll belegt. So drängt sich nicht nur am Rande und gerade im Anschluss an Müllers Desiderate folgender Rückbezug auf: Im Zuge seiner Überlegungen zu den Folgen der Arbeitsteilung meinte der an verschiedenen Stellen vom Verfasserzitierte Durkheim, ein „lange gehegter Traum der Menschen“ sei es, „endlich das Ideal der menschlichen Brüderlichkeit zu verwirklichen“, dass „der Krieg nicht mehr das Gesetz der internationalen Beziehungen wäre, die Beziehungen der Gesellschaften untereinander friedlich geregelt sein würden, so wie es die Beziehungen der Individuen untereinander bereits sind, und alle Menschen zusammen am gleichen Werk arbeiten und das gleiche Leben leben würden.“ Das alles könne jedoch nur verwirklicht werden, „wenn alle Menschen eine einzige, den gleichen Gesetzen unterworfene Gesellschaft bilden.“ Auch im Rahmen seiner ‚evolutionistischen‘ Sichtweise blieb Durkheim angesichts des Faktischen skeptisch und meinte gleichwohl, es sei möglich, „daß sich die Gesellschaften ein und derselben Gattung zusammenfinden, und in genau diese Richtung scheint sich unsere Evolution zu bewegen“, wobei die „Tatsachen“ der „Bildung immer größerer Gesellschaften“ seiner Definition von Moralität nicht widersprechen würden. (Durkheim, E.: Über soziale Arbeitsteilung. Frankfurt am Main 1992. S. 475f) Müllers Vorschläge zur Gewinnung und Durchsetzung einer an alten Werten orientierten, aber neu zu konturierenden Moralität sind weit dezidierter, wie er sie aus der kritischen Erörterung des Moralbegriffs gewinnt, kommen aber im Kern nicht über Durkheims vorsichtige prognostische Aussage hinaus, die implizit mehr mit der Zählebigkeit eines in seiner Engführung aufzuweichenden Nostrozentrismus rechnet, der erst dann zur Selbstverständlichkeit gerinnen dürfte, wenn, wie Bloch am Ende seines „Prinzip Hoffnung“ meinte, der Mensch „sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet hat“ und so in der Welt etwas entsteht, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Solche Heimat, Welt als Heimat, scheint vorerst in weite Ferne gerückt – durch Globalisierungsfolgen, entfesselte Finanzmärkte und vieles andere mehr, aber eben auch durch einen sich radikalisierenden Nostrozentrismus insbesondere der Industrienationen oder der Länder mit Reserven an Bodenschätzen. Mit den von ihm formulierten Desideraten weist Müller vor allemin seinen recht streitbaren letzten Kapiteln einen erst einmal gangbaren Moral-Weg hin zu diesem scheint's Utopischen, wobei aber die bange Frage im Raume stehen bleibt, ob seine Orientierungsangebote, deren auch kurzfristige Umsetzung in der Tat möglich sein dürfte, im Hier und Jetzt die brennenden Probleme aushebeln könnten, die zur Seite praktischer Redistribution und unter anderem auch multikulturell augenscheinlich überforderten ist. Ob „Moralerziehung“ und „Moralunterricht“, wie er sie auch für „Grund-, Haupt-, Mittelschulen und Gymnasien“ vorschlägt (S.233), die sozialen, mentalen und demoralisierenden Folgen aus sozialen Deklassierungsprozessen bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund abfedern oder gar auffangen können, kann bezweifelt werden. Dass die äußeren Ränder der Gesellschaft bekanntlich breiter werden, dass Soziologen sich inzwischen Gedanken über die Folgen von „Exklusion“ machen, dass an Luhmann orientierte Systemtheoretiker gar über „parasitäre Systeme“ forschen, ermutigt nicht gerade, auf das Heilmittel „Moralerziehung“ zu setzen, auch nicht im Hinblick auf die Probleme, die aus Zu- und Einwanderung erwachsen. So sieht auch der Verfasser, dass Unbehagen und Angst bei zunehmender Anonymisierung und Auflösung elementarer Bindungen anwachsen, bei der Wahrnehmung des Fremden insbesondere dann, wenn sie nach Aussehen und Kleidung, Traditionen, Bräuchen und Religion ‚anders‘ sind: „Der Negationsdruck wächst sprunghaft an“ (S. 215), hält Müller fest und konstatiert damit einen Tatbestand, der trotz politischer Gegenstrategien über Gebote von Political Correctness mehr und mehr aus der Schweigespirale heraustritt. Richtig bleibt, dass „der Anspruch, eine fortschrittlichere Moral als andere zu besitzen, immer nur eine nostrozentrische Illusion sein“ kann (S. 172) – was aber allgemeine oder beiderseitige (moralische) Einsicht abverlangt und alltagspraktisch in mehr als Duldung wirksam werden müsste. Richtig bleibt auch, dass nicht die Geltung moralischer Werte an sich fraglich geworden ist, wie der Autor vermerkt, sondern „die Fortschrittsgläubigkeit, die jeweils der nostrozentrischen Selbstüberhebung der machthabenden Führungseliten entspricht, stellt das Problem dar, weil sie sich allein ideologisch begründen und rein machtpolitisch behaupten läßt.“ (S. 163) Demgegenüber ist jener ‚Kampf der Kulturen‘, der als dankbares Thema die wissenschaftlichen Gazetten durchweht, ein blanker Euphemismus. Bleibt die bange Frage, wendet man Kants Überlegung auf unsere gesellschaftliche Gegenwart, ob nicht doch solche Spannungsverhältnisse letzten Endes auf einen „‚Zustand des Krieges‘“ hinauslaufen, sich für den Fremden einzig die Alternative stellt, „‚entweder mit mir in einen gemeinschaftlich-gesetzlichen Zustand zu treten, oder aus meiner Nachbarschaft zu weichen‘“. (S. 84f) Bleibt weiter die Frage, wie abzuwenden ist, was Marx meinte: „Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt.“ – Allerdings: Wie anders, als auf dem von Müller vorgeschlagenen Weg, einem aufklärenden und bildenden, solchen Übeln wehren?

Fazit

Diese und viele andere Fragen regt das mit Nachdruck zu empfehlende Buch von Klaus E. Müller an, dem nicht nur wegen seiner Lesbarkeit, seiner souveränen Sachkunde und im besten Sinne gelehrten Inhalten eine große Verbreitung zu wünschen ist. Die unübersehbaren Restkohorten von Studierenden mit Bildungsambitionen sind hier bestens beraten, eben auch im Hinblick auf sinnvolle Anschlussdiskussionen, die der Verfasser selbst insbesondere für die Eliten, für die Hoffnungsträger reklamiert. Eine Bereicherung wird dieses Buch auch für jeden sein, der politisches Bewusstsein und politische Verantwortung auf ein solides Fundament aufsatteln möchte, auf etwas Tragfähiges jenseits dessen, was im hektischen und oft kurzsichtigen politischen Tagesgeschäft unterhalb der Schwelle der geistigen Armutsgrenze als jeweils Rechtfertigungsnarrativ produziert wird. „Moralfragen stehen gegenwärtig hoch im Kurs – und das nicht ohne Grund“, beginnt Müller sein Vorwort. (S. 9) Ein Grund mehr, sich gewappnet durch die Lektüre dieses hoch informativen Buches und die bestechende Argumentation der Autors diesen „Moralfragen“ zu stellen.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 12.03.2012 zu: Klaus E. Müller: Die Grundlagen der Moral. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. ISBN 978-3-86764-361-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12775.php, Datum des Zugriffs 31.07.2014.


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