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Martina Schuegraf, Angela Tilmann (Hrsg.): Pornografisierung von Gesellschaft

Cover Martina Schuegraf, Angela Tilmann (Hrsg.): Pornografisierung von Gesellschaft. Perspektiven aus Theorie, Empirie und Praxis. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. 386 Seiten. ISBN 978-3-86764-334-4. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 52,90 sFr.

Reihe: Alltag, Medien und Kultur, Bd. 9.
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Thema

Körper, Intimleben, Nacktheit und Sexualität sind seit jeher Themen (medien-)öffentlicher Darstellungsformen. Zunehmend sind diese Inszenierungen von einer Tendenz zur „Pornografisierung“ geprägt – also der Entwicklung hin zur Popularisierung einer (scheinbaren oder nur angedeuteten) Grenzüberschreitung. Durch sie wird die Trennung zwischen erotischer Präsentation und erbarmungsloser Hardcore-Enthüllung, so scheint es, eingedämmt. Auseinandersetzungen mit der Pornografisierung bewegen sich zwischen Aufklärungsinteresse und Erregungslust, zwischen autonomer Aneignung und restriktiver Pädagogik. In dem vorliegenden Sammelband wird dem Pornografisierungstrend hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Effekte nachgespürt, was konkret eine Zusammenstellung sich ergänzender und zuweilen auch widersprüchlicher Befunde meint, die das Phänomen aus einer Vielzahl von Perspektiven als gesellschaftliches Diskurs- bzw. Problemfeld einkreisen.

Herausgeberinnen

Martina Schuegraf ist Lehrbeauftragte im Studium Medienwissenschaft der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg. Angela Tillmann ist Professorin für Kultur- und Medienpädagogik an der Fachhochschule Köln.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband geht zurück auf eine vom Institut für Medienforschung und Medienpädagogik, der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur und der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaften ausgerichteten Konferenz zurück, die im Oktober 2010 an der Fachhochschule Köln stattfand. Er erscheint als Band 9 der Schriftenreihe „Alltag, Medien und Kultur“.

Aufbau

Die 33 Einzelbeiträge sind ungleichmäßig über folgende sieben Hauptkapitel verteilt:

  1. Pornografisches im Diskurs
  2. Pornografisches in der Populärkultur
  3. Pornografisches in der digitalen Kultur
  4. Pornografisches in der queeren Kultur
  5. Pornografisches in der Jugend
  6. Pornografisches in der pädagogischen Praxis
  7. Pornografisches in der Produktion.

Inhalt

Der Körper, erfährt der Leser gleich zu Beginn, ist ein Produkt von Machtverhältnissen und diskursiven Praktiken. Die subtilen Mechanismen, die ihn prägen, haben mittlerweile als Komplementäreffekt eine öffentlichkeitssichtbare Gegenseite gefunden: „Der Körper als intimster Ort und die sexuelle Darstellung bzw. Handlung als intimste Praktik sind das, was heute interessiert und was medial in Castingshows, Dschungelcamps, Werbekampagnen und Online-Inszenierungen bzw. -Spiel(ch)en vorgeführt wird.“ (13 f.) Bislang fanden entsprechende Vorführungen im Rahmen der Pornografie statt, also in dem „medienvermittelte[n] Genre der Inszenierung sexueller Fantasien“ (24). Gegenwärtige Entwicklungen der Imperative des Genießens reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen, etwa auf neue Einsamkeit(en), und liefern über mediale Vertriebswege Expansions- und Kompensationsmittel (37 f.). Das wirft die (bislang vorwiegend moralisch bzw. bewahrpädagogisch reflektierte) Frage auf, ob mittlerweile zu Recht von einer „Pornogesellschaft“ gesprochen werden kann (51).

Ganz so leicht wie in den Hochzeiten feministischer Pornokritik fallen die Analysen heute nicht mehr. Pornografie als „rational orientierte[r] Exzess“ (53) hat ihre eigene Logik und ihre eigenen Mythen heraus gebildet. Zu gesellschaftlichen Konventionen hält sie Abstand, aber sie lässt zugleich die subjektive Aneignung zu. Ist sie deshalb ein Werkzeug zum individuell-genießenden Empowerment, oder vielleicht doch nur eine geschickt positionierte Charade, bei der auch selbstbewusste Frauenbilder letztlich „phallisch dominiert“ sind und dem Spiegel männlichen Begehrens entstammen? (vgl. 58) So oder so, es ist nicht zu leugnen: Die Sexindustrie ist zum Kulturbestandteil geworden (69), und eine Folge davon ist, dass die Rezeption von pornografischen Medienprodukten „statusübergreifend selbstverständlicher“ wird (75). Mit gleicher Zunahme steigt aber auch die Nachfrage nach distanzierter Auseinandersetzung – und auf diese Weise bleiben die Dispute erhalten. Ob unmerkliche Unterdrückung oder bewusste Selbstverwirklichung (162), ob unkommerzielle, partizipative Amateurdarstellung oder pures Geschäft (199), ob Durchbruch des „queere[n] Begehrens“ (223), ob Hardcore-Handy-Videos auf Schulhöfen (248) oder ob die Popularität von Porno-Rap (261): Pornografie ist vielschichtig geworden und daher auch vielschichtig deutbar, vielschichtig kritisierbar, vielschichtiger affirmierbar.

Vor allem die Internet-Pornografie ist zu einem kaum zu übersehenden Freizeitgestaltungfaktor nicht nur junger Menschen geworden. Es sind, das belegen empirische Untersuchungen, in der Tat eher Männer, die sich „in den weiten Gefilden Pornotopias“ (246) aufhalten. Das recht umfangreiche begutachtete Feld der Pornorezeption Heranwachsender zeigt: „Es gibt keinen Bereich des sexuellen Verhaltens Jugendlicher, in dem die Geschlechtsunterschiede so ausgeprägt sind wie im Pornografiekonsum.“ (255) Jungen neigen dazu, Pornografie alleine zu konsumieren, d. h. absichtsvoll ausgelagert aus der Intimbeziehung, die sie andererseits mit ihrer Freundin verbindet (248); Mädchen dagegen reagieren auf Pornos eher indifferent und empfinden sie als virtuelle Realität, die mit dem Alltagsleben kaum etwas gemeinsam hat und die daher auch wenig interessant ist. Von der „Normierungskraft pornografischer Bilder“ (313) scheinen Konsumenten, die solche Ansichten vertreten, recht gut abgeschirmt zu sein, denn sie messen der pornografischen Wirklichkeit keine Gewalt über ihr lebensweltliches Denken bei. Dass Pornografie als „Teil der Lebenswirklichkeit der meisten Kinder und Jugendlichen“ anzusehen ist und deshalb im Schulunterricht thematisiert werden solle (331), ist insofern fragwürdig: Wird dadurch einer insgeheim autonom gehandhabten Darstellungsform nicht ein Rang beigemessen, der ihr eigentlich abgeht?

Vom „Elixier des Echten“ (362) kosten noch am ehesten diejenigen, die sich bei Körperdarstellungen, und am explizitesten bei sexuellen Handlungen aufzeichnen lassen. Hier ist die Pornografie, trotz des ökonomisch bedingten Strukturwandels der Branche (361 ff.), noch am ehesten bei ihren Wurzeln geblieben: Menschen haben Sex – „echten“ Sex, und andere schauen zu. Pornografische Authentizitätssignale (vgl. 203) sind die Essenz dessen, worum es hier, wider alle popkulturellen Beigaben, ideologiebrechenden Dekonstruktionen und überästhetisierten Zugaben, tatsächlich geht: um Bilder und Szenen, die in einer Gesellschaft als Teil ihrer selbst entstehen und aufzeigen, was heute pornografisch nachfragens- und darstellenswert ist. „Schau dir die Pornografie einer Gesellschaft an“, heißt es dazu bilanzierend, „und du wirst erfahren, wie stark die alltäglichen Unterdrückungsmechanismen wirken.“ (365).

Diskussion

Pornografie als Inszenierung einer vorgeblich unterschwelligen „Natur“ (54 f.), dieses Image lässt sich nicht mehr halten – und ist auch nicht mehr gefragt. Mit Pornografie „darf“ weitgehend offen umgegangen werden, Scham ist fehl am Platz, Prüderie macht einen selbst lächerlich, aber nicht den Pornofilm, und überhaupt haben Hardcore-Elemente längst Einzug in die Alltagskultur gehalten (248, 261, 358). Das trifft umso stärker zu, je breiter das Pornografieverständnis ist, das dieser Diagnose zugrunde gelegt wird. In dem vorliegenden Buch sorgt nicht zuletzt die Vielzahl an Beiträgen und ihre heterogenen Ausrichtungen dafür, dass Porno zu einer „Generalkategorie“ zu werden droht, die jede Form der Veröffentlichung sexueller Aktivitäten umfasst. Wie problematisch ein solches Verfahren sein kann, zeigen die Beispiele Queer Cinema (236 f.) oder Heavy Metal (135 ff.) – die Bezugspunkte zur Pornografisierung fallen dabei auffallend schwach aus. Hingegen bleibt weitgehend unhinterfragt, wer überhaupt die Darsteller sind, die sich für Soft- und Hardcore hergeben. Immerhin: Der Blick auf die juristische Perspektive zeigt, mal eher unabsichtlich (250), mal intentional (353 ff.), dass die aktuell verwendeten Pornografiedefinitionen im Rechtssystem antiquiert sind.

Das breite Spektrum der Beiträge(r) ist durchaus beeindruckend, zumal u. a. in der Person des Betreibers von „Beate Uhse-TV“ auch die Produktionsseite vertreten ist; in der Fachliteratur bislang (womöglich aus guten Gründen?) eine Seltenheit. Lobenswert, aber andererseits auch erwartbar als state of the art zeitgenössischer „Porn Studies“ ist der Abstand, der gegenüber ethischen Standpunkten gewahrt wird (wie man sie beispielsweise in der Debatte um die angebliche „sexuelle Verwahrlosung“ der deutschen Jugend regelmäßig medial aufbereitet findet). Fraglich sind allerdings Aussagen wie folgende Anmerkung zum so genannten Reality-TV: „Es handelt sich dabei nicht um fiktive Erzählungen mit professionellen Darsteller(inne)n, sondern um Eingriffe in das Leben von Alltagsmenschen. Mit genau diesem Authentizitätsversprechen wird das Fernsehpublikum zum voyeuristischen Beobachter moralischer Grenzverletzungen.“ (116) Vielleicht ist das so; aber mussten dann, im Namen der Voyeurismuskritik, im selben Beitrag ehemalige Big Brother-Kandidaten mit vollem Nachnamen genannt werden (die immerhin selbst der zuständige TV-Sender unter Verschluss hält)?

Dass im Schulunterricht laut einer Umfrage unter Lehramtsstudierenden nur 11% der Befragten über Selbstbefriedigung aufgeklärt wurden, aber 60% über Geschlechtskrankheiten (333), ist in der Tat kritisierenswert, weil dabei Sein und Sollen auffällig auseinander klaffen: Das eine kommt im Leben von Schülern relativ häufig, das andere relativ selten vor (was aber auch daran liegen könnte, dass es eben so viel Aufklärung über Geschlechtskrankheiten gibt!). Wenn andererseits die Freizeitrelevanz, wie angesprochen, auch Pornografie zum Unterrichtsthema machen soll, was spricht dann als nächstes dagegen, auch hinsichtlich Flirtverhalten, erotisierender Kleidung, Schminke und „cooler“ Interaktionsstrategien Schulaufklärung zu betreiben? Es braucht wenig Fantasie, sich vorzustellen, wie auf diese Weise die erotische Kommunikation qua top down-Anweisung durch Lehrpersonal jeglichen subversiven Zaubers beraubt würde.

Dass es zu den Aktivitäten zur Verbesserung der „Sexualkultur“ gehören könnte, „Möglichkeiten zur Sexualassistenz in Altenheimen“ zu fördern (309), klingt so kryptisch, dass man vorsichtshalber versucht ist, der Abschaffung des Zivildienstes auch in dieser Hinsicht zu danken. Und zuletzt: Die Sprüche, die in einem „Gayzine“, einem Insider-Magazin für Homosexuelle, so originell anders, weil unanständig und „kinky“ sind (215), wären, auf die heteronormative Schiene gewendet, ungefähr auf dem Niveau der Kalauer, die ehedem als Kommentare den Abdruck des „Bild-Girls des Tages“ begleitet haben.

Fazit

Ein umfangreicher, viele Sichtweisen und Ansätze umspannender und gewiss nicht langweiliger Sammelband, der zwischen seinen Buchdeckeln viele gute, aber auch einige weniger tiefsinnige Beiträge vereint. Als ein Überblick zu gegenwärtigen Tendenzen der Pornografisierung der Alltags- und Medienkultur fraglos ein Buch mit Gebrauchswert.


Rezensent
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 30.07.2012 zu: Martina Schuegraf, Angela Tilmann (Hrsg.): Pornografisierung von Gesellschaft. Perspektiven aus Theorie, Empirie und Praxis. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. ISBN 978-3-86764-334-4. Reihe: Alltag, Medien und Kultur, Bd. 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12777.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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