Hartmut Berger, Hans Gunia u.a.: Psychoedukative Familienintervention
Hartmut Berger, Hans Gunia, Jürgen Friedrich: Psychoedukative Familienintervention. Grundlagen, Ergebnisse und Praxis. Schattauer (Stuttgart) 2004. 112 Seiten. ISBN 978-3-7945-2270-5. 24,95 EUR, CH: 39,90 sFr.
Mit einem Geleitwort von Josef Bäuml.
Einführung
Nach dem heute weithin anerkannten Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell für die Entstehung von Schizophrenie wird davon ausgegangen, dass die krankmachende Wirkung von Stress reduziert werden kann, wenn eine für die Schizophrenie vulnerable Person über erfolgreiche Bewältigungsstrategien, soziale Kompetenz und ein stabiles, unterstützendes soziales Umfeld verfügt. Der Patient wird nicht als passives Objekt gesehen, das der Krankheit hilflos ausgeliefert ist, sondern als aktives Subjekt, das Experte seiner Erkrankung werden und sich Bedingungen schaffen kann, die einen günstigen Verlauf der Erkrankung ermöglichen. Aus diesem Modell lässt sich ebenfalls die Notwendigkeit ableiten, die Angehörigen als wichtigsten Teil des sozialen Umfeldes in die Behandlung mit einzubeziehen und sie so zu instruieren, dass sie dem Patienten unterstützend zur Seite stehen können. Die familienbezogenen Therapieprogramme bei Schizophrenie sind heutzutage weniger ätiologie-, sondern mehr sekundär-präventiv, rehabilitativ orientiert, d.h., es geht um eine bessere Bewältigung der Schizophrenie und um eine Erhöhung der Lebensqualität für die ganze Familie.
Für die psychiatrische Versorgung gewannen in den letzten zwei Jahrzehnten besonders die psychoedukativen Familieninterventionen bzw. die psychoedukativen Patienten- und Angehörigengruppen an Bedeutung. Unter Psychoedukation wird die zielorientierte und strukturierte Vermittlung präventiv relevanter Informationen von Professionellen an die Betroffenen bzw. deren Angehörige, kombiniert mit den psychotherapeutischen Wirkfaktoren einer Gruppentherapie verstanden. Durch Psychoedukation soll einerseits die Anwendung wirksamer Behandlungsmethoden unterstützt und andererseits das Selbsthilfepotential der Patienten bzw. der mitbetroffenen Angehörigen so gefördert werden, dass optimale Behandlungsergebnisse erreicht werden können.
Mittlerweile liegen im deutschsprachigen Raum nahezu 20 verschiedene Programme zur Psychoedukation bei Schizophrenie in manualisierter Form vor. Unterschiede gibt es unter anderem hinsichtlich des Formats der einzelnen psychoedukativen Programme. Während sich einige ausschließlich an Patienten oder Angehörige wenden, andere einen bifokalen Ansatz wählen und parallele Gruppen für Patienten und Angehörige vorsehen, einige Programme für die psychoedukative Arbeit mit einzelnen Familien gedacht sind, ist das Programm "Psychoedukative Familienintervention" (PEFI) von Berger, Friedrich und Gunia das einzige deutschsprachige Programm, das als multiple Familienintervention einzuordnen ist, d.h. bei dem mehrere Familien zu einer Gruppe zusammengefasst werden, also Patienten gemeinsam mit ihren eigenen Angehörigen vertreten sind.
Entstehungshintergrund
Das vorliegende Manual Psychoedukative Familienintervention (PEFI) ist auf der Grundlage der langjährigen Erfahrungen mit Angehörigengruppen und mit psychoedukativen Patientengruppen, die vor etwa 6 Jahren an der Walter-Picard-Klinik in Riedstadt implementiert wurden, entstanden. Durch den neu entwickelten multifamilialen Ansatz verspricht sich die Arbeitsgruppe synergetische Effekte, eine bessere Fokussierung auf Probleme der familiären Interaktion und einen ökonomischeren Einsatz der professionellen Kräfte.
Inhalt
Das Buch bietet zunächst eine kurzen Überblick über Familieninterventionen bei schizophrenen Psychosen allgemein und eine Einführung in das PEFI-Programm im besonderen. Daran schließt sich ein Kapitel über die Ergebnisse einer Studie zur Evaluation des Programms an.
Kernstück ist das 4. Kapitel, das eigentliche PEFI-Manual, das auf 34 Seiten Ziele, Inhalte und praktische Durchführung der 10 vorgesehenen Gruppensitzungen beschreibt. Zusätzlich werden allgemeine Hinweise und Tipps zum Umgang mit häufig auftretenden Problemen gegeben.
Im Anhang sind 21 Kopiervorlagen für Informations- und Arbeitsblätter, sowie für die Materialien zur Begleituntersuchung (Wissensfragebogen; Gruppenleitungs-Wochenbogen; Erhebungsbogen zum Familiengespräch - soziodemographische Daten, Krankheitsdaten; Nacherhebungsbogen) zu finden.
Als Zielgruppen werden ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Ärzte und Psychologen in psychotherapeutischer Weiterbildung, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen in psychiatrischen Einrichtungen und Psychosozialen Diensten sowie Fachkrankenpfleger für Psychiatrie angegeben.
Das Programm PEFI selbst hat vier Schwerpunkte:
- Informationsvermittlung
- Kommunikationstraining
- Soziales Kompetenztraining
- Problemlösetraining.
An den ersten vier Sitzungen steht die Informationsvermittlung im Vordergrund, um eine Wissensgrundlage zur kompetenten Bewältigung der Erkrankung zu schaffen. Die Informationen beziehen sich auf
- Diagnose, Erscheinungsform, Häufigkeit, Verlauf und Prognose
- Ursachen (Vulnerabilitäts-Stress-Modell)
- Medikamentöse Behandlung (Biochemisches Modell, Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente)
- Stressbewältigung sowie nachstationäre Behandlung und Betreuung
In der fünften Sitzung geht es um die Erkennung von Frühwarnzeichen und das Erstellen eines individuellen Krisenplans.
Die Sitzungen sechs bis acht sind der Verbesserung der intrafamilialen Kommunikation gewidmet. In Rollenspielen werden Fertigkeiten eingeübt, die den Umgang mit den anderen Familienmitgliedern erleichtern sollen:
- aktives Zuhören
- Umgang mit negativen Gefühlen (benutzen von "Ich-Botschaften")
- Stellen berechtigter Forderungen
In den Rollenspielen werden die einzelnen Familienmitglieder mit anderen Familien gemischt, woraus sich wesentliche Lerneffekte ergeben, die in den anderen psychoedukativen Gruppenformen so nicht möglich sind.
In der neunten und zehnten Sitzung wird das Problemlösekonzept vorgestellt und an hand von den Teilnehmern eingebrachten realen familiären Problemen eingeübt.
In einer Booster-Sitzung, die nach sechs Monaten stattfindet, besteht die Möglichkeit, die wichtigsten Inhalte zu wiederholen und zu vertiefen.
Kommentar
Mit dem vorliegenden Manual ist es den Autoren gelungen, das psychoedukative Mehrfamilienkonzept auch in Deutschland der Praxis zugänglich zu machen. Die Konzentration auf die innerfamiliäre Kommunikation und Problembewältigung setzt auf Seiten der Teilnehmer eine gewisse emotionale Belastbarkeit voraus, so dass sich der Einsatz des Programms vor allem für den nachstationären Bereich empfiehlt.
Das Programm ist vor allem geeignet für Patienten und Angehörige, die sich mit der Krankheit auseinandersetzen und ihren Beitrag zur Krankheitsbewältigung leisten wollen. Besonders für Paare stellt die Psychoedukative Familienintervention (PEFI) ein außerordentlich geeignetes und deren Bedürfnisse in besonderem Maße entsprechendes Instrument dar.
Für psychoedukations- und/oder psychotherapierfahrene Psychologen und Ärzte bietet das Manual eine gute Grundlage zur Durchführung der Gruppensitzungen.
Therapeutisch Unerfahrene brauchen sicherlich zusätzliche Unterweisungen z.B. hinsichtlich organisatorischer Fragen oder auch zur Durchführung von Rollenspielen.
Fazit
Das Manual Psychoedukative Familienintervention (PEFI) bietet eine wertvolle und empfehlenswerte Erweiterung der psychoedukativen Versorgungslandschaft und hilft dadurch den betroffenen Familien den Verlauf schizophrener Erkrankungen noch weiter zu verbessern.
Rezensentin
Dr. rer. biol. hum. Gabi Pitschel-Walz
Psychologische Psychotherapeutin
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Gabi Pitschel-Walz. Rezension vom 07.09.2004 zu: Hartmut Berger, Hans Gunia, Jürgen Friedrich: Psychoedukative Familienintervention. Schattauer (Stuttgart) 2004. 112 Seiten. ISBN 978-3-7945-2270-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1279.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Heiko Hoffmann: Das Handeln der Behandelten
Steffen Moritz, Ruth Veckenstedt u.a.: MKT+. Individualisiertes metakognitives Therapieprogramm
Stellenangebote
Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen als Gesundheitsmanager (w/m), Stuttgart
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
