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Heinz Moser (Hrsg.): Medienbildung und Medienkompetenz

Cover Heinz Moser (Hrsg.): Medienbildung und Medienkompetenz. Beiträge zu Schlüsselbegriffen der Medienpädagogik. kopaed verlagsgmbh (München) 2011. 273 Seiten. ISBN 978-3-86736-205-4. 18,00 EUR.
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Thema

Bei diesem Sammelband handelt es sich um 13 Beiträge, die Themen der Medienpädagogik aus unterschiedlichen Perspektiven aufgreifen. Sowohl die Herausgeber, als auch die Autoren der Einzelbeiträge sind keine unbekannten Größen, wenn es um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen um Medien, Erziehung und Bildung geht. So können die Leser zu Recht auf eine spannende Lektüre hoffen. Zudem erscheint das Buch in einer von neuen technischen Entwicklungen geprägten Zeit. Diese Tatsache erhöht die Erwartungen an das Buch zusätzlich.

Herausgeberin, Herausgeber und Entstehungshintergrund

Alle drei Herausgeber standen noch vor kurzem an der Spitze der Sektion Medienpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). In der Sektion engagieren sich heute mehr aus 120 Medienwissenschaftler/innen deutscher, österreichischer und schweizerischer Universitäten und Hochschulen. Hier wird regelmäßig ein wissenschaftlicher Austausch über die aktuellen Diskurse in den zahlreichen Ansätzen medienpädagogischer Methoden und aktuellen Medienthemen organisiert. Ende 2010 veranstaltete die Sektion an der Pädagogischen Hochschule Zürich eine Fachtagung unter dem Thema "Medienbildung im Spannungsfeld medienpädagogischer Leitbegriffe“. Der Sammelband stellt nun die Fachbeiträge dieser Tagung zusammen.

Turnusgemäß wurden Anfang 2012 Moser und Niesyto nach ihren langen, erfolgreichen Tätigkeiten im Vorstand der Sektion abgelöst. Man sollte jedoch auf diesen Sammelband nicht wie auf ein Vermächtnis dieser beiden Medienpädagogen schauen. Sie bleiben weiterhin aktiv. Zugleich setzt die Veröffentlichung aber einen Meilenstein in der Geschichte der Medienpädagogik. Die Entwicklung der Medienpädagogik ist einerseits stark – wie könnte es anders sein – an den technischen Fortschritt gebunden, und anderseits wiederum an die medial bedingten gesellschaftlichen Veränderungen. Im Gegensatz zur Medientheorie sucht man nicht unbedingt nach Erklärungen dieser Phänomene, sondern versucht die gesellschaftliche Erwartung im Bezug auf Medien im Auge zu behalten und für die Gegenwart entsprechende Lösungsvorschläge zu formulieren. Wenn man auf das letzte Jahrhundert zurückschaut, stellt man fest, dass es fast alle 10 – 15 Jahre neue medienpädagogische Tendenzen und Methoden gab.

Die in „Medienbildung und Medienkompetenz: Beiträge zu Schlüsselbegriffen der Medienpädagogik“gesammelten Beiträge ziehen eine Bilanz der letzten zehn Jahre des neuen Jahrhunderts und wagen eine Vermutung, in welche Richtung sich die Medienpädagogik in den kommenden Jahren bewegen könnte.

Aufbau …

Die Beiträge sind in drei Kapitel aufgeteilt.

Im ersten wird als Anleitung ein Streifzug durch die Geschichte der medienpädagogischen Begriffe gemacht und im zweiten der aktuelle Stand der Diskussion wiedergegeben, um im dritten die Debatte mit einem Ausblick abzuschließen.

… und Inhalt

Gerhard Tulodziecki schreibt in seinem Beitrag Zur Entstehung und Entwicklung zentraler Begriffe bei der pädagogischen Auseinandersetzung mit Medien über die Unklarheiten im wissenschaftlichen Gebrauch und Definieren von Begriffen wie: Medienpädagogik, Medienerziehung, Mediendidaktik, Medienkompetenz und Medienbildung. Hinter diesen Ausführungen verbirgt sich eine Darstellung der fast vollständigen Geschichte der theoretischen Überlegungen der letzten 50 Jahre. Auch wenn man zum Schuss seinen Vorschlägen für den Sprachgebrauch der Begriffe nicht immer folgen möchte, ist die Lektüre dieses Beitrags ein Muss nicht nur für angehende Medienpädagogen. Die umfassende Zusammenstellung der Literaturquellen unterstreicht dies noch. Der gordische Konten der terminologischen Schwierigkeiten kann höchstwahrscheinlich nicht einfach gelöst werden. Er kann aber, um das komplizierte Gefüge der begrifflichen Verflechtungen aufzuzeigen, gelockert werden. Der Beitrag von Tulodziecki tut es und ordnet die Diskussion über die Zweisäulen-Medienpädagogik, indem ein Teil die Mediendidaktik und der zweite Teil die Theorie der medienbezogenen Erziehungs- und Bildungsaufgaben, darstellt.

In seinem Beitrag Pädagogische Leitbegriffe – Kontroversen und Anschlüsse geht Heinz Moser auf den Begriff der Medienkompetenz näher ein und beleuchtet ihn im Vergleich mit zwei weiteren: Media Literacy und Medienbildung. Das von Baacke formulierte und eingeführte Verständnis von Medienkompetenz prägt die medienpädagogischen Diskurse der letzen 15 Jahre. Moser konstatiert, dass dies heute den Austausch mit dem angloamerikanischen Raum fast unmöglich gemacht hat. Wenn der hierzulande etablierte Begriff auf einem Verständnis der kommunikativen Kompetenz basiert, stellt die angloamerikanische Media Literacy Education eine Erweiterung der Lese- und Schreibfähigkeit dar, die auf der Textualität der Mitteilung beruht. Wenn die deutsche Auffassung eine projektbezogene und handlungsorientierte Komponente stark in den Vordergrund stellt, ist die Media Media Literacy auf die Bildung, als Befähigung zum partizipatorischen, selbstbewussten Leben ausgerichtet, wobei die Ursprünge der theoretischen Bestimmung von Medienkompetenz einen der angloamerikanischen Denkrichtung vergleichbaren Bildungsaspekt nicht ausschließen. Mit seinen Überlegungen eröffnet Moser somit den zweiten Teil des Bandes, wo eine vertiefende Auseinandersetzung mit diesen beiden Begriffen Medienkompetenz und Medienbildung – auch im internationalem Kontext – zu finden ist.

Silke Grafe zeigt in ‘media literacy' und ‘media (literacy) education' in den USA: ein Brückenschlag über den Atlantik die amerikanische Geschichte der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um das Lernen mit und über Medien. In einem Spannungsfeld um das Ringen von Bestimmungen zentraler Begriffe wie: empowerment, critical literacy, new media literacies, visual literacy und health literacy zeigt die Autorin viele Parallelen im Verlauf der deutschen und angloamerikanischen Diskussionen. So wie Moser plädiert sie zugleich für mehr Mut medienpädagogische Diskurse im internationalen Kontext zu führen.

In seinem Beitrag Zur Theorie der Medienpädagogik stellt Bernd Schorb den Entwurf einer Integralen Medienpädagogik vor, die im Kontext der Handlungswissenschaft die gesellschaftliche Mediatisierung, eine subjektbestimmte Medienaneignung und eine subjektbezogene Priorisierung der beiden Prozesse, die Orientierung genannt wird, in sich vereint.

Überzeugt, dass die Medienbildung einen der grundlegenden Begriffe der Medienpädagogik darstellt, fasst Dieter Spanhel (Medienbildung als Grundbegriff der Medienpädagogik – Begriffliche Grundlagen für eine Theorie der Medienpädagogik) seine bisherigen Überlegungen zu diesem Thema zusammen. Fest davon ausgehend, dass sich hinter jeder Diskussion um Begriffe auch eine Auseinandersetzung mit Theorien verbirgt, deutet er auf die Medienbildung als einen selbst gesteuerten Prozess hin, der einen bildungstheoretischen, systemtheoretischen und einen anthropologischen Bezugsrahmen braucht. In einer praktischen Konsequenz beinhaltet die Medienbildung auch die Medienerziehung, die in der Entwicklung der Heranwachsenden durch die Prägung ihrer Denk-, Wertungs- und Handlungsmustern eine herausragende Rolle einnimmt.

Manuela Pietraß (Medienkompetenz und Medienbildung – zwei unterschiedliche theoretische Positionen und ihre Deutungskraft) weist auf eine weitere Dimension des Vergleichs zwischen der Medienkompetenz und der Medienbildung hin. Diese sollen nicht substitutiv, sonder als komplementär aufgefasst werden. Wenn sich das eine auf einen durch den technischen Fortschritt und gesellschaftspolitische Gegebenheiten gekennzeichneten Kontext bezieht, beruht das andere auf einer prozesshaften Sozialität, die eine reflektierende Individualität einschließt.

Im nächsten Beitrag von Karsten D. Wolf., Kluas Rummler und Wibke Duwe (Medienbildung als Prozess der Unsgestaltung zwischen formaler Medienerziehung und informeller Medienaneignung) wird die Auffassung von Pietraß als selbstverständlich vorausgesetzt. Die theoretische Ausdifferenzierung wird jedoch um die Vergleiche einer Matrix von Bildungsprozessen in formeller und non-formeller Umgebung, dann einer informellen mit selbstorganisiertem Curriculum, einer schulischen und einer durch Vergemeinschaftlichungen und Peer Gruppen bestimmten Settings ergänzt. Somit verschiebt sich nicht nur die Grenze der Auffassung von Medienkompetenz und Medienbildung, darüber hinaus bekommt auch der Begriff der Medienbildung eine neue inhaltliche Ausstattung. Er wird durch die neue partizipative, kollektive digitale Kultur der Bildungsräume neu definiert. Es geht nicht mehr primär um Selbstgestaltung, sondern um eine Uns-Gestaltung.

In der Auseinandersetzung (Von der Medienkompetenz-Diskussion zu den "neuen Literalitäten" – Kritische Reflexionen in einer pluralen Diskurslandschaft) von Theo Hug wird aufgrund der unterschiedlichen Auffassung von visueller Kompetenz exemplarisch gezeigt vor welchen Schwierigkeiten alle Vergleiche medienpädagogischer Diskurse stehen. Allen Verständigungsbemühungen gehen ein interdisziplinärer Blick auf die Fragekomplexe, ein ausgewogenes weder euphorisches noch kritisches Verständnis für den technischen Fortschritt und ein Medienbegriff, der nicht lediglich aktuellen medialen Erscheinungen genügt, entgegen.

Isabel Zorn schließt sich in ihrem Beitrag (Zur Notwendigkeit der Bestimmung einer auf Digitale Medien fokussierten Medienkompetenz und Medienbildung) dem Standpunkt von Wolf / Rummler / Duwe an, wobei sie jedoch nicht die soziale Komponente neuer Bildungsformen betont. Ihre Überlegungen zielen darauf ab, eine Digitale Medienbildung zu bestimmen, die zugleich von der digitalen Technologie, als auch ihrer Rolle in der Gesellschaft eigene Funktionsprinzipien ableitet. Hier stehen das traditionelle Verständnis von Allgemeinbildung und Allgemeinwissen zur Disposition.

Benjamin Jörissen vertieft sein Model der Strukturelen Medienbildung („Medienbildung“ – Begriffsverständnisse und -reichweiten) in dem dieser im Kontext verschiedener Aspekte von Bildung – als Output, als Ergebnis von Lernprozessen und als ein Prozess der Transformation von Selbst- und Weltverhältnissen – aufgegriffen wird. Die in den letzten zehn Jahren geführte Diskussion um Medienbildung kann nach Auffassung von Jörissen erst dann gelingen, wenn auch theoretische Überlegungen über die Subjektivität und Medialität hinzukommen, die um anwendungsbezogene, methodische und methodologische Standpunkte erweitert werden.

In seiner Erläuterung („Medienerziehung“ – Statement zu einem Begriff ) stellt Matthias Rath fest, dass dem Begriff Medienerziehung innerhalb der Medienpädagogik zwar keine herausragende Rolle zugeschrieben wird, er sollte jedoch seinen „prominenten Platz“ nicht verlieren. Wofür der Autor auch plädiert, da die Medienpädagogik diesen wie keinen anderen Begriff nur für sich „exklusiv“ beanspruchen kann. Die Medienerziehung kann nur im Kontext der Medienpädagogik verstanden werden.

Im abschließenden Abschnitt „Perspektiven“ werden die Bezüge zur Mediendidaktik thematisiert.

Dominik Petko (Praxisorientierte medienpädagogische Forschung: Ansätze für einen empirischen Perspektivenwechsel und eine stärkere Konvergenz von Medienpädagogik und Mediendidaktik) weißt darauf hin, dass, wegen der zwischen Mediendidaktik und Medienpädagogik entstandenen Differenz, neue Studien gefragt sind, insbesondere in Hinblick auf medienpädagogische Praxis und ihre Wirkung. Um jedoch die nötigen experimentellen und praxisorientierten Forschungsvorhaben sinnvoll durchführen zu können, bedarf es noch einer konkreten theoretischen Fundierung der medienpädagogischen Begriffe.

Die Bereichsüberschneidungen zwischen Mediendidaktik und Medienpädagogik werden im Beitrag von Claudia de Witt und Michael Kerres (Zur (Neu-)Positionierung der Mediendidaktik: Handlung- und Gestaltungsorientierung in der Medienpädagogik) fortgeführt. Darin, dass einerseits Menschen zu einem kompetenten Medienhandeln befähig werden und andererseits Lern- und entwicklungsförderliche Technik gestaltet wird, sehen die Autoren die Aufgabe der Mediendidaktik. Diese Begründung schafft somit hervorragende Grundlagen für gemeinsame theoretischen und praktischen Exkurse von Mediendidaktik und Medienpädagogik.

Fazit

„Medienbildung und Medienkompetenz: Beiträge zu Schlüsselbegriffen der Medienpädagogik“ darf in keinem medienpädagogischen Bücherregal fehlen. Die bunte Zusammensetzung der Einzelbeiträge gibt ein stimmiges Gesamtbild ab. Die Reihenfolge ist aufeinander abgestimmt und stellt einen sich gegenseitig ergänzenden Diskurs unterschiedlicher Positionen dar. Die jeweils ausführlich beigefügten Literaturangaben helfen bei weiterem Selbststudium und fangen die Standpunkte auf, die durch keine eigenen Statements vertreten sind. Weder die wiederholten Erörterungen der Begriffe, noch die sich an einigen Stellen wiederholenden Zitate können den Gesamteindruck stören. Vielmehr zeigen sie die vielfältige Palette methodischer Ansätze der jungen Diskussion um Medienbildung. So zeichnet sich auch ein leichter Paradigmenwechsel in der Auseinandersetzung ab, die Medienkompetenz wird zunehmend von der Medienbildung abgelöst.

In diesem Kontext überrascht allerdings, dass die Medienpädagogen in ihren eigenen Ausführungen auf die didaktische Komponente verzichtet haben. Nur einige wenige Zeichnungen und Tabellen erleichtern das Erschließen der Inhalte. Keine Exkurse in das digitale Zeitalter der Kommunikation (keine beigefügte DVD mit Videos, kein Verweis auf eine dem Thema gewidmete Webseite etc.) begleiten die Beiträge. Am Ende der Lektüre ist man froh, dass das Buch noch zusammenhält und die Seiten nicht auseinander fliegen – die Druckqualität entschuldigt wohl nur der zugängliche Preis. Eine neue e-Book Auflage mit zusätzlichen medialen Artefakten würde den Autoren, dem Thema und dem Leser gerecht werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Anna Zembala
Homepage www.katho-nrw.de/koeln/studium-lehre/lehrende/haupt ...
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Zitiervorschlag
Anna Zembala. Rezension vom 29.05.2012 zu: Heinz Moser (Hrsg.): Medienbildung und Medienkompetenz. Beiträge zu Schlüsselbegriffen der Medienpädagogik. kopaed verlagsgmbh (München) 2011. ISBN 978-3-86736-205-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12821.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


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