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Claudia Kaiser: Transnationale Altersmigration in Europa

Cover Claudia Kaiser: Transnationale Altersmigration in Europa. Sozialgeographische und gerontologische Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 342 Seiten. ISBN 978-3-531-18285-8. 39,95 EUR.

Reihe: VS research.
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Vorbemerkung: Der Rezensent gehört selbst der älteren Generation an bzw. ist pensioniert, hat zwei Wohnsitze, allerdings in Deutschland, und pendelt jede Woche von Ost- nach Westdeutschland und zurück, ist also ein „Pendelmigrant“ im eigenen Land. Ferner befasst er sich über 40 Jahre mit Fragen und Themen der „Migration und Integration“, ist also mehrfach vom Thema „betroffen“.

Thema

Eine weitere Buchpublikation zum Oberthema „Migration und Integration“, diesmal aber mit Blick auf Wanderungsprozesse älterer deutscher (!) Menschen, die ihr Heimatland in Richtung Mallorca bzw. die Balearen dauerhaft oder temporär (sog. „Pendelmigration“ oder „saisonale Migration“) verlassen. Diese Form der transnationalen Migration bzw. der Multilokalität, des „Lebens an mehreren Orten und in verschiedenen Welten“ ist zwar kein neues Phänomen, wird aber in Zeiten der Globalisierung vor allem von immer mehr älteren, zumeist relativ wohlhabenden Menschen in westlichen Ländern mit hohem Lebensstandard praktiziert. Die typischen Begleitphänomene der Moderne wie „Individualisierung, Flexibilisierung, Freizeit- und Konsumorientierung“ haben auch die ältere Generation, die „Lebensphase Alter“, erreicht. So konstatiert die Autorin in ihrer Einleitung folgerichtig: „In der Tat verbringt eine zunehmende Zahl von älteren Menschern aus nord- und westeuropäischen Ländern einen mehr oder weniger großen Teil des Jahres im Rahmen längerer Aufenthalte z.B. in Regionen des europäischen Mittelmeerraums“ (S. 12). Das bisher wenig erforschte Thema „Transnationale Alters-(pendel)migration“ ist hochgradig ambivalent und wird politisch-ökonomisch wie auch wissenschaftlich äußerst kontrovers diskutiert, wenn man nach den Vor- und Nachteilen, den Hoffnungen und Ängsten sowohl der Länder als auch der Betroffenen fragt.

Autorin

Claudia Kaiser ist „Wissenschaftliche Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisation (BAGSO) e.V.“ (Kladdentext) und befasst sich in wissenschaftlichen Publikationen seit mehr als zehn Jahren (!) mit Themen wie „Deutsche Senioren auf Mallorca“, „Altersmigration“ oder „Ruhesitzmigration“. Sie war – was man durch eine Fußnote auf S. 98 erfährt – Mitglied der von der Europaen Science Foundation geförderten „Workshop Group ‚Europaen Dimensions of Changing Retirement: The Life Experiences of Older People Living Abroad“ 1999 und Mitglied des ebenfalls geförderten interdisziplinären Forschungsnetzwerkes „International Migration in Europe“ von 2000 bis 2003.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Dissertation der Autorin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2011. Das Fachgebiet der Promotion wird nicht erwähnt, ebenso fehlen Hinweise darauf, ob Veränderungen gegenüber der Diss. vorgenommen wurden und wer Doktorvater bzw. Betreuer war – Schade.

Aufbau

Es handelt sich um eine typische sozialwissenschaftliche Dissertation. Entsprechend wird einleitend (Kap. 1) das Erkenntnisinteresse und die Fragestellung an Hand einer kurzen Diskussion der Thematik entwickelt, wobei auf die Aktualität des Themas sowie – wie üblich – auf fehlende Forschungserkenntnisse verwiesen wird. Sodann erfolgt im ersten Hauptteil (Theorie und Deskription) ein Blick auf den Stand der Forschung (Kap. 2: Begriffsdiskussionen, wissenschaftliche Erkenntnisse aus den USA und Europa zum Thema „Ruhesitzwanderung“), auf theoretische Ansätze zum Thema „transnationale Altersmigration“ (Kap. 3), um sich dann ausführlich im methodischen Teil (Kap. 4) dem Thema „Ältere Deutsche auf Mallorca: Konzept und Methodik“ zu widmen. Ergebnisse und Erkenntnisse der Studie werden ausführlich zum Aspekt „System“ (Kap. 5) als auch zu „Akteure“ (Kap. 6) sowie „Lebenswelt“ (Kap. 7) in Bezug auf die Themen „Ältere Deutsche auf Mallorca“ bzw. „Transnationale Altersmigration von Deutschland nach Mallorca“, „Zuzug, Partizipation und transnationale Praktiken“ beschrieben. Zuletzt (Kap. 8) erfolgt ein Blick auf den „Alternsprozess: Kritische Lebensereignisse im transnationalen Migrationskontext“, bevor abschließend (Kap. 9) eine „Zusammenfassung und Ausblick“ erfolgt.

Inhalte

Die Studie von Kaiser versucht, sozialgeographische und gerontologische Aspekte miteinander zu vermitteln, um eine bisher noch ausstehende „Theorie der transnationalen Altersmigration“ zu entwickeln. „Für die empirische Untersuchung wird das Beispiel älterer Deutscher auf Mallorca“ gewählt“ (S. 17). Von Interesse sind Fragen (und damit Erkenntnisse) über die Rahmenbedingungen (deren Wandel m. E. zu wenig reflektiert wird), die Akteure (wer, welche Gruppen und Milieus), den Alltag vor Ort (Lebenswelt, Partizipation und Integration) sowie den Prozesscharakter der Thematik (Altern und Alterssozialisation, Partnerverlust etc.).

Methodisch wählt die Autorin einen Methodenmix (Triangulation) aus etlichen Sekundärdaten und eigenen methodisch differenten empirischen Studien. „Dazu zählen vor allem eine quantitative Haushaltsbefragung, aber auch qualitative Interviews mit ausgewählten Zielpersonen sowie Expertengespräche“ (S. 18).

Der „Forschungsüberblick“ (S. 21ff) zeigt bereits – wie nicht anders zu erwarten – dass beim Thema Altersmigration ein ziemlicher Begriffswirrwarr vorherrscht, dass weder „Alter“ noch „Migration“ einheitlich definiert werden, dass „eine Vielzahl von Begriffen“ (S. 21) sowohl in der englischen wie in der deutschen Fachsprache verwendet wird – deren Auflistung ich mir hier erspare! Dieses grundsätzliche Problem (vgl. auch die strukturähnlichen Begriffe „Jugend“ und „Integration“) wird erkannt und genannt, aber nicht problematisiert und eben pragmatisch „gelöst“ (z.B. Rentnerstatus, älter als 55, 60 oder 65 Jahre oder Migration in zeitlicher, räumlicher oder motivationaler Perspektive).

In der äußerst literaturreichen Wiedergabe der „Erklärungsansätze der transnationalen Altersmigration“ (S. 47ff) fällt auf, dass Migrationstheorien zumeist mit Blick auf Arbeits- oder Fluchtmigration entwickelt wurden und dass Altersmigration Ähnlichkeiten mit touristischer Migration aufweist. Daraus entwickelt Kaiser ihre Fragen und (Hypo-) „Thesen“ (S. 86), die sie anschließend (Kap. 4; S. 89ff) näher erläutert. Sie analysiert die Rahmenbedingungen des Migrationssystems Deutschland-Mallorca an Hand von Sekundärdaten, wählt sodann in Zuhilfenahme primärer und sekundärer Daten eine „akteurszentrierte Betrachtung“ zur Überprüfung der „Selektionsthese“ und untersucht zuletzt die „Handlungslogiken der Akteure“, deren Motive und Lebenswelt und fragt nach Veränderungen und Widersprüchen im Prozess der Alternssozialisation.

In der Darlegung des Forschungsdesigns (S. 93ff) wird dann deutlich, dass vermutlich Klaus Friedrich (Institut für Geographie – Halle) die Dissertation betreut hat, da beide das Projekt durch Exkursionen mit Studierenden initiiert und darüber publiziert haben, vor allem aber, dass die Feldforschung bereits in den Jahren 2000 und 2001 stattfand, die Daten also nicht unbedingt „taufrisch“ sind, wenn man den rapiden Wandel der Thematik betrachtet. Im Laufe des Forschungsprozesses entstand so ein riesiger Datenberg (vorliegende Statistiken – leider ohne Zeitangaben; eigene „telephonische Kurzinterviews“, „persönliche Haushaltsbefragungen“, 15 „problemzentrierte Interviews“ und zwölf „Expertengespräche“, über die man später wenig erfährt).

Im nächsten (ersten auswertungsorientierten) Kapitel analysiert Kaiser die „grenzüberschreitende Altersmigration mit Hilfe des heuristischen Modells des transnationalen Migrationssystems“ (S. 103), wobei sowohl Makro- als auch Mikroaspekte ausführlich zur Sprache kommen (sozialer Wandel, Lebenslage und familiäre Situation, demographische Veränderungen, Mobilität usw.) und der „mallorquinische Kontext“ reflektiert wird. Dies alles geschieht äußerst kenntnisreich, akribisch und ausführlich. Nach diesem Blick auf das „System“ erfolgt in Kapitel 6 der Fokus „Akteure der transnationalen Altersmigration“, wobei Sekundärdaten der spanischen Bevölkerungsstatistik sowie Primärdaten der eigenen quantitativen und qualitativen Erhebungen, vor allem im Hinblick auf soziodemographische Daten, ausgewertet werden.

Es folgt eine Beschreibung von Fallbeispielen (Männer, Frauen und Ehepaare – Alter 55 bis 82 Jahre) aus den problemzentrierten Interviews (S. 179ff), wobei die große Heterogenität der Altersmigranten und die mit zunehmendem Alter auch wachsenden (Gesundheits-)Probleme deutlich werden. Die zentralen forschungsleitenden Fragen werden dann im Kapitel 7 zu „Lebenswelt: Zuzug, Partizipation und transnationale Praktiken“ systematisch ausgewertet und beschrieben (Motive, Vergleiche mit US-Studien, Fragen der Integration und „Parallelgesellschaft“, soziale Netzwerke und Alltagsbewältigung). Leider sind die meisten Primär- und Sekundärdaten Daten älter als zehn Jahre, so dass neuere Entwicklungen nicht erfasst werden. Interessant in Bezug auf die aktuelle Diskussion im Einwanderungsland Deutschland ist, „dass ein größerer Teil der älteren Deutschen auf Mallorca im wesentlichen in einer ‚Parallelgesellschaft? unter seines gleichen lebt“ (S. 221) und keine „konkreten Rückkehrpläne“ hat. Besonders hervorheben, da auch theoretisch relevant und aktuell, ist m. E. der Abschnitt über „Aspekte von Transkulturalität“ (S. 241ff), in dem auch versucht wird, diesen Terminus zu operationalisieren und so empirisch zugänglich zu machen (ausgewählte Merkmale sind: Wohnungseinrichtung, Mediengebrauch, Lebensweise und Verständnis von ‚Heimat?). Daraus entwickelt Kaiser drei Idealtypen der Altersmigranten: Eine „transnationalen Elite“ (auch transmobil), Migranten in der Diaspora und Quasi-Einwanderer.

Im letzten Auswertungskapitel zum „Alternsprozess“ (S. 249ff) geht es um sog. „kritische Lebensereignisse“, d.h. um Krankheit und akute Pflegebedürftigkeit, Partnerverlust, finanzielle Veränderungen und zunehmende Altersrisiken und Probleme der Versorgung und Betreuung im Alter. Das Konstrukt „kritische Lebensereignisse“ hätte mit Blick auf seinen Ursprung und seine Bedeutung in der Erwachsenenbildung (Filipp 1995) intensiver diskutiert werden können.

Abschließend (S. 294ff) erfolgen neue Fragen und Reflexionen zum Thema „Transnationale Altersmigration und Altern: Ein Dilemma?“, die sich aus der Studie ergaben, z.B. Verdrängung von Krankheiten und Verlust der Mobilität. Zuletzt erfolgen „Zusammenfassung und Ausblick“ (S. 299ff). Hier wird auf die immanente Ambivalenz der Thematik in Bezug auf Deutschland und Mallorca verwiesen, auf die „Nähe zu Formen der touristischen Mobilität“ sowie auf milieubedingte Abgrenzungen und Bildung von Parallelgesellschaften. Die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Kohortenaspekte (sog. „Neue Alte“) führen mittlerweile zu „völlig anderen“ Formen der Altersmigration, die auch Folgen für die Theoriebildung haben (müssen). Erwähnenswert ist auch, dass es sich bei der untersuchten Altersmigration überwiegend um „Pull-Motive“ handelt, so dass Altersmigration ein Sonderfall allgemeiner Migration darstellt.

Wie bei einer Dissertation bzw. einem Forschungsprojekt üblich, entwickelt die Autorin am Ende nach den Zusammenfassungen der Ergebnisse/ Erkenntnisse „offene Fragen“ bzw. blickt auf Aspekte, die weiterer Forschung bedürfen bzw. „aus wissenschaftlicher als auch aus sozialpolitischer Hinsicht relevant erscheinen“ (S. 316f): Die Relation von Familienbeziehungen einerseits und Mobilität und Migration andererseits sowie die Rolle der Verwandtschaft und Kinder im Migrationsprozess und in der Bewältigung von Lebenskrisen. Unklar sind noch die Motive für eine eventuelle Rückkehr nach Deutschland oder einen endgültigen Verbleib auf Mallorca. Fazit: Es besteht ein „großer Bedarf an Aufklärung, Information und Beratung der transnationalen Altersmigration“ (S. 317) sowie an mehr Kenntnissen über Pflege- und Betreuungsbedürftigkeit.

Diskussion

Kaiser leistet mit ihrer Studie einen interessanten und relevanten Beitrag zur (Weiter-)Entwicklung einer Theorie der transnationalen Altersmigration und liefert umfangreiche empirische Primär- und Sekundärdaten zu diesem in Zukunft stärker wissenschaftlich und sozialpolitisch zu beachtenden Thema. Ihre Erfahrungen aus europäischen Projekten und Workshops sowie ihre langjährige intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema und frühere Publikationen dazu kommen der Arbeit zugute. Leider basieren die Erkenntnisse auf mittlerweile nicht mehr aktuellen Daten aus den Jahren aus den Jahren 1999/2001, was aber andererseits auf die Relevanz einer Nachfolge- bzw. aktuellen Vergleichsstudie verweist, denn die Rahmenbedingungen haben sich immens verändert (Massentourismus, Bauboom, Immobilienerbschaften und Folgemigration, Euro-Einführung und Finanzkrisen, wachsende Konkurrenz usw.). Dies erwähnt auch Kaiser im „Ausblick“ (S. 318), der angesichts des aktuellen und noch zu erwartenden rapiden Wandels in Europa und im Tourismus etwas knapp ausfällt. Wohin dieser Wandel führen wird, ist unklar. Klar ist nur, „dass die Zukunft der transnationalen Altersmigration durchaus ambivalent ist und sowohl Wachstumsszenarien als auch Stagnations- oder Schrumpfungsprozesse plausibel erscheinen“ (S. 319 – letzter Satz).

Fazit

Ich frage mich nach der Lektüre dieser nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten hervorragenden Studie nur, warum es mit der Promotion so lange gedauert hat.

Literatur

  • Filipp, S.-H. (1995): Kritische Lebensereignisse. Weinheim: Beltz.

Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie. ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Homepage www.Isef-Institut.de


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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 20.07.2012 zu: Claudia Kaiser: Transnationale Altersmigration in Europa. Sozialgeographische und gerontologische Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18285-8. Reihe: VS research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12825.php, Datum des Zugriffs 01.06.2016.


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