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Eva Hammes-Di Bernardo, Sonja Adelheid Schreiner (Hrsg.): Diversität [...] Pädagogik der frühen Kindheit)

Cover Eva Hammes-Di Bernardo, Sonja Adelheid Schreiner (Hrsg.): Diversität. Ressource und Herausforderung für die Pädagogik der frühen Kindheit. verlag das netz (Berlin) 2011. 168 Seiten. ISBN 978-3-86892-055-0. 19,90 EUR.
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Thema

Das Buch beschreibt unter dem Begriff der Diversität Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Verschiedenheit als soziale Realität in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung und stellt Handlungskonzepte für einen respektvollen Umgang aller Beteiligten in heterogenen Umfeldern vor.

Herausgeberinnen

Eva Hammes-Di Bernardo ist Wissenschaftliche Referentin in der Stabsstelle Frühkindliche Bildung und Schulentwicklung des Ministeriums für Bildung des Saarlandes mit den Arbeitsschwerpunkten Sprach- und Zweitsprachenerwerb in der frühen Kindheit, Bildungsfragen in der frühen Kindheit und interkulturelle Erziehung.

Sonja Adelheid Schreiner ist MdL in Niedersachsen mit dem Schwerpunkt Jugend- und Bildungspolitik und Vorstandsmitglied im Fachverband für Kindheit und Bildung, der redaktionell an dem Buch beteiligt ist. 15 weitere Autor/innen aus Wissenschaft und Praxis der Bildung in der frühen Kindheit sind für die einzelnen Beiträge verantwortlich.

Aufbau

Der Band enthält 14 Beiträge, die in vier Kapiteln präsentiert werden. Es beginnt mit „Diversität – Aspekte und Grundlagen (3 Beiträge), gefolgt von „Diversität von Lebenslagen und Kulturen“. Das dritte Kapitel setzt den Schwerpunkt „Diversität – Pädagogischen Perspektiven“ und das vierte fokussiert „Diversität im Praxistest“.

Im Anhang finden sich Auszüge aus der Konvention über die Rechte des Kindes, aus dem Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie das Selbstverständnis des pfv (Pestalozzi-Föbel-Verband e.V.).

Jedes Kapitel wird eingeleitet und ‚belebt‘ durch ein Foto, das die Heterogenität kindlicher Lebenswelten zum Ausdruck bringt.

Inhalt

Aus den 14 Beiträgen werden im Folgenden exemplarisch einige vorgestellt. Im einleitenden Kapitel „Diversität – Einleitung und Überblick“ geben die beiden Herausgeberinnen einen umfassenden Einblick in den Aufbau des Bandes sowie eine Kurzzusammenfassung aller Beiträge. Diese Einleitung bringt die einzelnen Beiträge in einen Gesamtzusammenhang und wird dem Anspruch des angekündigten „Überblicks“ in voller Weise gerecht, sodass der Leser/die Leserin sich eine Vorstellung verschaffen und sein/ihr individuelles „Lesevorgehen“ wählen mag.

Unter dem Titel „Diversität – Herausforderungen und Chancen für die Pädagogik der frühen Kindheit. Ein Überblick“ gibt Angelika Speck-Hamdan (Professorin für Grundschulpädagogik und Didaktik der Ludwig-Maximilians-Universität München) Grundlage und Rahmen für die fachliche Auseinandersetzung mit Diversität und „umreißt den Horizont“(S.7) des Begriffs. Sie beschreibt Diversität als Grundtatsache in der Natur und den Umgang mit ihr im Bildungsbereich immer auch als Verwirklichung von Bildungsgerechtigkeit. Sie zeigt, dass der Versuch, Kategorien zu bilden und Heterogenität durch die Heraushebung von Unterschieden zu beschreiben, auch zu Verkürzungen führen kann und schlägt als Versuch für einen strukturierenden Umgang „Facetten“ vor (Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, Unterschiede im Alter, im sozioökonomischen Hintergrund, in ethnischer Zugehörigkeit, in unterschiedlichen Sprachen, Lerndispositionen und „Special Needs“). Positive Auswirkungen von Diversität stellen sich in Bildungseinrichtungen nicht automatisch ein, sondern bedürfen der sorgsamen Reflexion und der klaren und möglichst unvoreingenommen Wahrnehmung eines jeden Kindes in seiner Einzigartigkeit bei gleichzeitiger Gestaltung einer Geborgenheit vermittelnden Gemeinschaft vieler verschiedener Kinder (S.21). Die Autorin bezeichnet diese Herausforderung als äußerst komplex und betont die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen, die vielerorts optimierungsbedürftig seien sowie die Notwendigkeit einer jeden Einrichtung, den für sie passenden Weg zu finden.

Isabell Diehm (Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld) und Melanie Kuhn (Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld) beschreiben im zweiten Beitrag „Doing Race/Doing Ethnicity in der frühen Kindheit – (Sozial-)Pädagogischen Konstruktionen vom Kind und ihre Irritation durch Empirie“: Ausgehend von einer kritischen Hinterfragung der für die frühe Pädagogik behaupteten Feststellung der „frühen Prägungsannahme“ (S.25) stellen die Autorinnen empirische Befunde aus einem Forschungsprojekt vor, die belegen, dass sich ein „Doing Ethnicity“ in Alltagssituationen beobachten lässt. Sie bestärken dies durch eine Fallanalyse (S.32) und weisen hin auf die Bedeutsamkeit von empirischer Forschung für das Nachvollziehen des Zusammenhangs von Gesellschaft und Pädagogik.

Die Herausgeberin Eva Hammes-Di Bernardo blickt im dritten und letzten Beitrag dieses ersten Kapitels auf „Sprachliche Diversität und ihre Bedingungen in der frühen Kindheit“. Da es die traditionelle Einsprachigkeit westeuropäischer Länder nicht mehr gibt und Kinder sehr unterschiedliche Sprachbiografien mitbringen, gelte es, „die Mehrsprachigkeit – nicht die sprachliche Anpassung allein – als Instrument für eine soziale und schulische Inklusion aller Kinder zu nutzen“ (S.47).

Karin Trübel (Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychoanalytikerin) schreibt im zweiten Kapitel einen Beitrag zur Migration und Eltern-Kleinkind-Psychotherapie unter dem Titel „Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind. Wir sehen sie so, wie wir sind“: Die differenzierte Falldarstellung des ersten Kindes eines aus Vietnam stammenden Paares, der Elterngespräche und deren Diskussion/ Interpretation schließt mit der Aufforderung „innerlich ein Stück Migration (zu) wagen, uns auf seelisches ‚Neuland‘ einzulassen und sowohl dem Befremden in uns, als auch dem Fremden vor uns einen noch unbestimmten Raum zur Verfügung zu stellen“ (S.73).

Ebenfalls im zweiten Kapitel stellt Susanne Miller (Professorin für Grundschulpädagogik an der Universität Bielefeld) Armut als extreme Form der Ungleichheit dar, die sich auf kindliche Bildungsbiografien auswirkt. Sie schildert mögliche Ansätze zur Veränderung und betont die notwendige Auseinandersetzung mit bildungspolitischen Grundbedingungen für nachhaltige Veränderungen.

Als Beispiel für das dritte Kapitel sei der Beitrag von Maria Kron (Professorin für Heil-und Sonderpädagogik an der Universität Siegen) heraus gestellt:“Der pädagogische Umgang mit Heterogenität – Routine und Herausforderung“. Mit Bezug auf den Leitspruch der italienischen Integrationsbewegung „tutti uguali, tutti diversi“, auf den Begriff der „egalitären Differenz“ nach Axel Honneth und auf die Pädagogik der Vielfalt nach Annedore Prengel (S.87) fordert sie, dass das „Spannungsfeld von Gleichheit und Verschiedenheit neu (zu) justieren) sei“ (ebd.). Als Grundgerüst für die pädagogische Arbeit in heterogenen Gruppen schlägt sie didaktische Grundlinien vor.

Im gleichen Kapitel schreibt Petra Wagner (Leiterin der Projekts KINDERWELTEN) über Qualifikationsanforderungen für pädagogische Fachkräfte und gibt dazu Beispiele aus der Konzeption der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung.

Im vierten Kapitel gibt es einen Beitrag über die Teilhabe von behinderten Kinder und ihren Familien in integrativen Kitas, einen über Mehrsprachigkeit als Qualitätsmerkmal und einen über das Projekt Rucksack als Beispiel für Sprachliche Bildung im Elementar- und Primarbereich. Das letzte Kapitel stellt die Ausstellung der Aktion Menschen „Vielfalt zum Anfassen“, eine Mitmach-Ausstellung für Kinder vor.

Diskussion und Fazit

Das Buch vermittelt einen umfassenden Überblick über das Phänomen der Diversität, sowie den entsprechenden Diskurs und aktuelle Handlungsansätze in der Pädagogik der frühen Kindheit. Dabei fällt besonders positiv auf, dass unterschiedliche Heterogenitätsdimensionen und Differenzlinien beleuchtet werden. So wird ein breites Verständnis von Diversität präsentiert. Vor dem Hintergrund der aktuellen bildungspolitischen Diskussion um Inklusion und Inklusive Bildung bietet das Buch sowohl theoretische Grundlagen, als auch Perspektiven für den praktischen Alltag. Es ist zu empfehlen für angehende als auch für aktive Fachkräfte in den Feldern der Pädagogik der frühen Kindheit – neben dem Informationsgehalt ist es in Formatierung und Aufmachung ansprechend gestaltet und vermittelt damit den Eindruck, den Leser/ die Leserin zur geführten Auseinandersetzung „einzuladen“.


Rezensentin
Prof. Dr. Andrea Platte
Professur für Bildungsdidaktik mit dem Schwerpunkt Didaktik der Elementarpädagogik an der Fachhochschule Köln, Leitung des Studienganges „BA Pädagogik der Kindheit und Familienbildung“
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Zitiervorschlag
Andrea Platte. Rezension vom 23.01.2013 zu: Eva Hammes-Di Bernardo, Sonja Adelheid Schreiner (Hrsg.): Diversität. Ressource und Herausforderung für die Pädagogik der frühen Kindheit. verlag das netz (Berlin) 2011. ISBN 978-3-86892-055-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12852.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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