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Ahmet Toprak: Unsere Ehre ist uns heilig

Cover Ahmet Toprak: Unsere Ehre ist uns heilig. Muslimische Familien in Deutschland. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2012. 192 Seiten. ISBN 978-3-451-30409-5. D: 14,99 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

„Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“ (Goethe o.J., S. 121). Mit diesem Goetheschen Hinweis aus dem „West-östlichen Divan“ verknüpfte der damalige Bundespräsident, Christian Wulff, zum Tag der Deutschen Einheit am 03.10.2010 die Feststellung, auch der Islam gehöre inzwischen zu Deutschland (Wulff, 2010). Die deutsche Öffentlichkeit reagierte äußerst kontrovers auf diese Feststellung, zumal sie sich auch indirekt gegen die Thesen des wenige Wochen vorher erschienenen Buches von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ (Sarrazin, 2010) zu richten schien. Bereits im Jahre 2006 hatte der damalige Bundesminister des Innern, Wolfgang Schäuble, in einer Regierungserklärung zur Deutschen Islamkonferenz vor dem Deutschen Bundestag erklärt: „Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas, er ist Teil unserer Gegenwart und er ist Teil unserer Zukunft. Muslime sind in Deutschland willkommen“ (Schäuble, 2006). Sein Nachfolger im Amt, Thomas de Maizière, bekräftigte diesen Satz auf der Deutschen Islamkonferenz am 17. Mai 2010: „Muslime sind in Deutschland heimisch geworden. Unser Land ist ihnen eine Heimat. Mein Vorgänger hat angesichts dieser Tatsache den Satz geprägt: ‚Der Islam ist ein Teil Deutschlands‘. Diese Zustandsbeschreibung war genauso richtig wie überfällig“
(de Maizière, 2010). Der gegenwärtige Bundesinnenminister, Hans-Peter Friedrich, hatte kurz nach Antritt seines Amtes, am 03. März 2011, eine differenzierende Auffassung geäußert und bekräftigt: „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt“ (Friedrich, 2011). Ende Mai 2012 äußerte sich auch der amtierende Bundespräsident, Joachim Gauck, zum o. g. Satz von Christian Wulf. In einem Interview, das er der ZEIT gab, meinte Gauck: „Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“ (DIE ZEIT vom 31.05.2012).

Jenseits dieser, zum Teil sehr unterschiedlichen, politischen Sichtweisen und der nicht minder kontrovers geführten öffentlichen Debatten (gehört der Islam, gehören die Muslime nun zu Deutschland oder nicht?) gibt es in Deutschland einen Alltag, zu dem auch die Muslime und der Islam gehören. Dass dieser Alltag nicht leicht zu bewältigen ist und nicht zuletzt durch die Stereotype und Vorurteile, mit denen die nichtmuslimischen Deutschen ihren muslimischen Nachbarn begegnen, erschwert und konfliktgeladen ist, kennzeichnet wichtige Ausgangspunkte des vorliegenden Buches.

Autor

Ahmet Toprak stammt aus der Türkei, hat in Ankara Anglistik, an der Universität Bonn Germanistik und an der Universität Regensburg Pädagogik studiert. 2001 promovierte er im Fach Pädagogik an der Universität Passau und ist seit 2007 als Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften tätig. Überdies ist er Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. In verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen hat er sich u. a. mit interkulturellem Konfliktmanagement und der Situation deutsch-türkischer Migrantenfamilien beschäftigt
(vgl. z. B. Toprak & Nowacki, 2011).

Ziel, Aufbau und Inhalt

Nach der vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vorgelegten und im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz erstellten bundesweiten und repräsentativen Studie
(Haug, Müssig & Stichs, 2009) leben zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime in Deutschland. Damit beträgt der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung zwischen 4,6 Prozent und 5,2 Prozent. Rund 45 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime mit Migrationshintergrund aus den berücksichtigten Herkunftsländern sind deutsche Staatsangehörige, rund 55 Prozent verfügen über eine ausländische Nationalität. Damit ist die Bevölkerungsgruppe der Muslime zwar größer als nach bisherigen Schätzungen angenommen, aber nach wie vor eine Minderheit.

Aber: Die Muslime gibt es nicht. Darauf will Ahmet Toprak aufmerksam machen; und er tut dies, indem er Vertreter der ersten, der zweiten und der dritten Generation muslimischer Familien zu Worte kommen lässt. Insgesamt wurden mit den Mitgliedern von 22 türkischen bzw. arabischen Familien 28 Interviews (18 Einzel- und 10 Gruppeninterviews, an denen insgesamt 61 Personen im Alter von 14 bis 69 Jahren teilnahmen) geführt.

Mittels qualitativer Typenbildung konnten vier prototypische Familientypen identifiziert werden:

  1. konservativ-autoritäre Familien,
  2. religiöse Familien,
  3. leistungsorientierte Familien und
  4. moderne Familien (S. 15ff.).

Konservativ-autoritäre Familien lassen sich von traditionellen Werten und Normen der Herkunftskultur leiten. Es dominiert eine geschlechtsspezifische Erziehung, bei der auf die formale Bildung der Mädchen kaum größerer Wert gelegt wird. Das Bildungsniveau und die Deutschkenntnisse der Eltern und auch der Kinder sind meist gering entwickelt. In religiösen Familien stehen religiöse Werte und Normen, die nicht zuletzt durch einen autoritären Erziehungsstil an die Kinder weitergegeben werden, im Mittelpunkt des Familienlebens. Das Bildungsniveau in diesen Familien ist meist sehr heterogen; sowohl hochgebildete als auch weniger gebildete Personen sind in diesen Familien anzutreffen. In den leistungsorientierten Familien erwarten die Eltern, dass sich ihre Kinder in Schule, Berufsausbildung oder im Studium im hohen Maße engagieren. Trotz eines vorherrschenden autoritären Erziehungsstils wird auf eine geschlechtsspezifische Erziehung verzichtet. Bei den modernen Familien beteiligen sich beide Elternteile gleichberechtigt an der Erziehung der Kinder. Das Bildungsniveau sowohl der Eltern als auch der Kinder ist in diesen Familien sehr hoch.

Diese vier Familientypen werden nach einer kurzen Einleitung und einem Kapitel, in dem knapp das methodische Vorgehen erläutert wird, in den anschließenden Kapiteln vorgestellt. Ahmet Toprak greift dabei sowohl auf authentisches Interviewmaterial als auch auf diverse sozialwissenschaftliche Studien zurück, um seine Interpretationen und Charakterisierungen stützen zu können. In differenzierter und reflektierender Weise und mit großer Hochachtung gegenüber seinen Interviewpartnern gelingt es dem Autor, die Spezifik und die Unterschiedlichkeit der vier Familientypen darzustellen.

In den Kapiteln 3 bis 5 wird der konservativ-autoritäre Familientyp beschrieben. Die Überschriften dieser Kapitel illustrieren sehr anschaulich die Merkmale und die grundlegenden Werthaltungen, die diese Familien auszeichnen: „Ehre ist uns heilig“, so ist das Kapitel 3 überschrieben. Eindrucksvoll und ganz nahe am Interviewmaterial schildert Ahmet Toprak, um was es geht, wenn seine Interviewpartnerinnen und -partner von der Ehre sprechen, die es nach innen, also innerhalb der Familien, und nach außen, gegenüber der muslimischen und nichtmuslimischen Welt zu sichern und darzustellen gilt. Ehre ist mit Respekt, Achtung und Würde verknüpft. Ehre gilt es zu wahren, etwa in der Sicherung und Weitergabe der traditionellen Geschlechterrollen, in der Erziehung zur Männlichkeit, im Umgang mit der muslimischen Gemeinschaft oder in der Darstellung von Macht und Dominanz. Im Kapitel 4 („Meine Tochter soll einen Mann heiraten, den wir auch akzeptieren“) werden nicht nur die Unterschiede zwischen einer arrangierten Ehe und einer Zwangsheirat deutlich, auch die Konflikte, die in den Familien und zwischen den Generationen durch Ehearrangements oder durch Zwangsverheiratungen entstehen können, fallen dem Leser auf.

Dass das Festhalten an traditionellen Werten und Beziehungen einerseits das Zusammengehörigkeitsgefühl in der muslimischen Gemeinschaft stützen kann oder stützen soll, andererseits mit den Werten und Normen in der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft in Konflikt gerät, zeigt Kapitel 5. Der in den konservativ-autoritären Familien dominierende autoritäre Erziehungsstil und die damit eingeforderten Erziehungsziele, wie Respekt, Gehorsam, Höflichkeit, Ordnung und gutes Benehmen, kollidieren eben nicht selten mit jenen Vorstellungen, mit denen die Kinder aus diesen Familien konfrontiert werden, wenn sie die vielfältigen medialen Angebote zu konsumieren verstehen.

Auch den von Ahmet Toprak in den Kapiteln 6 bis 8 beschriebenen religiösen Familien geht es da nicht anders. „Religion ist uns wichtig“ (S. 74); Religion ist in diesen Familien das entscheidende Bezugssystem, an dem sich Alltag und Lebensführung zu orientieren haben. Das Glaubensbekenntnis, die täglichen Gebete, die Almosensteuer, das Fasten, die hohen Feiertage, das Kopftuch der Frauen als Zeichen ihrer religiösen Einstellung, aber auch als Schutz – das sind einige Stichworte, von denen diese Kapitel handeln. Zusammenfassend stellt Ahmet Toprak fest, „dass Mädchen und junge Frauen sich für ein Kopftuch entscheiden, um einerseits ihre religiöse Zugehörigkeit zu demonstrieren, andererseits wollen sie öffentlich zeigen, dass sie die muslimische Bedeutung von Körperlichkeit und ihre weibliche Identität gegenüber der westlichen aufrechterhalten und verteidigen wollen“ (S. 108). Das ist auch eine Botschaft an die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft!

„Homosexualität ist Sünde“ (Kapitel 8) – das könnte auch ein Satz eines orthodoxen Christenmenschen sein, stammt aber vom Vater eines jungen muslimischen Türken. Diesem jungen Türken, der sein Schwulsein entdeckt und damit gegen die dominierenden Männlichkeitsvorstellungen verstößt, geht es offenbar nicht anders als manchen jungen deutschen Nichtmuslimen.

„Leistungsorientierte Familien“ (Kapitel 9 und 10) und „Moderne Familien“
(Kapitel 11 und 12) haben es da scheinbar leichter. Aber nur scheinbar! „Nachweislich werden die Nachkommen der Arbeitsmigranten im deutschen Schulsystem benachteiligt“
(S. 153). Und nicht nur dort. Auch auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Felde der politischen Partizipation oder in vielen kulturellen Bereichen haben es Menschen mit Migrationshintergrund nicht leicht. Bekanntlich sind Menschen, die Anerkennung erlangen und Erfolge erzielen können, eher motiviert, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, als Menschen, denen die Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung fehlen. Voraussetzungen für berufliche und persönliche Anerkennung und für Erfolg sind u. a. Bildung und Möglichkeiten gesellschaftlicher Partizipation. Das wären die Botschaften, die der Rezensent aus diesen Kapiteln herausgelesen hat. Gesellschaftliche Partizipation eröffnet Chancen, Anerkennung und Respekt zu erhalten und ist Voraussetzung dafür, dass Einwanderer eine positive soziale (bikulturelle) Identität entwickeln können (z.  B. als Deutsch-Türkin). Wenn der muslimischen (und nichtmuslimischen) Jugend Deutschlands derartige Chancen eröffnet werden, so fördert das einerseits deren Integrationsverhalten und verringert andererseits die Attraktivität von dogmatischen Ideologien sowie Abgrenzung und Segregation in Rückzugsnischen.

Im letzten, dem Kapitel 13, entwirft Ahmet Toprak ein Szenario, das allerdings nicht sonderlich optimistisch stimmt: „Deutschland im Jahre 2030“: „Sowohl die reichen Migranten als auch die reichen Deutschen werden sich abkapseln und integrationsunwillige Muslime als wichtiges innenpolitisches Problem identifizieren. Für die Verteidigung und Wahrung ihrer Privilegien werden sie jeden Montag demonstrieren. Die Schere zwischen Arm und Reich wird weiter aufgehen. Und die größten Verlierer werden die sozial und wirtschaftlich benachteiligten Migranten sein“ (S. 189).

Damit dieses Szenario nur eine schlechte Vision bleibt, kann der Rezensent nur mit Stéphan Hessel ausrufen: „Empört Euch!“ (Hessel, 2011).

Fazit

Das Buch ist anregend und lesenswert, für alle, die sich selbst eine eigene Meinung bilden möchten. Es ist aber auch ein Buch, das primär für die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft geschrieben ist; und deren Vertreter sollten dieses Buch zuvörderst lesen.

Ein dialektisches Verständnis von Integration impliziert bekanntlich zwei Dinge: Einerseits, dass auf Seiten der Migranten das Bewahren der traditionellen Herkunftskultur unumgänglicher Bestandteil der Integration ist. Dafür sollte die deutsche Gesellschaft den Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln Raum und Ressourcen zur Verfügung stellen, wenn sie tatsächlich an deren Integration interessiert ist. Zweitens impliziert ein derartiger Integrationsbegriff neben Veränderungen auf Seiten der Migranten auch kulturelle und soziale Veränderungen auf Seiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft und -kultur. Das ist keineswegs eine Zukunftsutopie, denn Kulturen sind nicht starr, sie sind keine homogenen Konstrukte, sondern sie sind ständig in Veränderung begriffen, wobei sie sich immer „fremder“ Elemente bedienen (wie einem leicht ersichtlich wird, wenn man, als Teil der Esskultur, an „deutsche“ Essgewohnheiten wie Pizza und Döner denkt). Das heißt, faktisch finden derartige kulturelle Veränderungen ständig statt. Was fehlt, ist, diese auch als solche wahrzunehmen und als unumgänglich und potenziell bereichernd (statt bedrohlich) für die Mitglieder der Mehrheitskultur anzuerkennen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 17.07.2012 zu: Ahmet Toprak: Unsere Ehre ist uns heilig. Muslimische Familien in Deutschland. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2012. ISBN 978-3-451-30409-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12868.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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