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Karl Lenz, Marina Adler: [...] sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung. Band 1

Cover Karl Lenz, Marina Adler: Einführung in die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung. Band 1: Geschlechterverhältnisse. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 264 Seiten. ISBN 978-3-7799-2301-5. 21,00 EUR.

Geschlechterforschung. Hrsg.: Lothar Böhnisch, Heide Funk, Karl Lenz.
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Thema

Geschlechterforschung oder Gender- und Queer-Studies gehören zunehmend zum Repertoire der meisten sozialwissenschaftlichen Disziplinen. In den letzten Jahren sind deshalb mehrere „Einführungen“ und Handbücher in deutschen Verlagen erschienen (z.B. Aulenbacher/Meuser/Riegraf 2010; Becker, R. 32010; Degele 2008; Frey Steffen 2006; Mogge-Grotjahn 2004; Onnen-Isemann/Bollmann 2010; Rendtorff 2011; Schößler 2008). Karl Lenz und Marina Adler legen in diesem Kontext ein zweibändiges Lehrbuch vor (zu Band 2 vgl. die Rezension, das die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung für Studierende und Interessierte zugänglich macht. Im ersten Band wird sowohl eine Einführung in die zentralen Diskussionen, Paradigmen und Entwicklungen gegeben als auch verschiedene Themenfelder in makrosoziologischer Hinsicht vorgestellt.

Autor und Autorin

Karl Lenz ist Professor für Mikrosoziologie an der TU Dresden, Marina Adler Professorin für Soziologie an der University of Maryland. Beide haben als einen Schwerpunkt Soziologie der Geschlechter, jedoch einmal mit einem makro- und einmal mit einem mikrosoziologischen Fokus. Sie bringen zudem ihre jeweiligen Kenntnisse aus den us-amerikanischen und bundesdeutschen Diskussionen ein, was das jeweilige „nationalstaatliche“ Diskursspektrum erweitert und ergänzt.

Aufbau und Inhalt

„Stellen Sie sich vor: Sie wachen morgens im anderen Geschlecht auf.“ (S.7) Der erste Satz des ersten Bandes zeigt Programm und Ziel der Autor_innen auf. Sie möchten für das Thema „Geschlecht“ sensibilisieren und es einem möglichst großen Publikum nahe bringen. Dabei beziehen Lenz und Adler sich auf ein breites Spektrum sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse und stellen diese trotz der gebotenen Kürze umfassend dar. Neben einer Einführung in die Theorieentwicklung werden im ersten Band vor allem makrosoziologische Erkenntnisse, d.h. die institutionalisierten Formen der Geschlechterordnung vorgestellt.

Ausgangspunkt der theoretischen Einführung ist ein umfassendes Verständnis von Geschlecht (im Sinne des englischsprachigen gender): „Geschlecht soll als Gefüge sozialer Beziehungen, als komplex kultureller Leitvorstellungen und Zuschreibungen und als Komplex sozialer Praktiken verstanden werden, die allesamt Körperunterschiede aufgreifen und herausstellen, um eine Differenzierung der Lebensführung, einschließlich der Zuweisung ungleicher Lebenschancen und Ressourcen, zu generieren und zu legitimieren.“ (S.21) Trotz eines Wandels in der Ordnung der Geschlechter im westeuropäischen und us-amerikanischen Kontext gehen die Autor_innen von der „Persistenz der Geschlechterhierarchie“ (S.11) aus und sehen als Gegenstand einer Soziologie die Geschlechterordnung an. Dabei weisen sie biologische Erklärungen zurück und plädieren für eine soziokulturelle Analyse von Geschlecht bzw. Geschlechterverhältnissen und -beziehungen.

Die ersten beiden Kapitel stellen die theoretischen Grundlagen dar. Vorgestellt und diskutiert werden.: das Natur-Modell, Grundbegriffe, die Geschlechterblindheit der Soziologie und die Anfänge der Soziologie der Geschlechter, verschiedene theoretische Ansätze, die vom Sex-Gender-Modell bis zum Konstruktivismus reichen, Geschlechterordnungen in anderen Kulturen, Geschlechtermodelle in historischer Hinsicht, gegenwärtige Tendenzen und die Bedeutung von Sprache in der Herstellung und Aufrechterhaltung von Geschlechterordnungen.

Anschließend werden die Erkenntnisse aus vier makrosoziologischen Themengebieten vorgestellt: Recht, Politik, Bildung und Arbeit. In diesen Teilen werden jeweils zentrale Ergebnisse aus diesen Bereichen kurz präsentiert.

Jedes Kapitel endet mit der Aufführung von Schlüsselbegriffen, Diskussionsfragen und weiterführender Literatur bzw. Internetadressen. Der Band beinhaltet zudem ein umfangreiches Literaturverzeichnis (32 Seiten).

Diskussion

Die Geschlechterforschung hat sich in den letzten Jahren zu einem breiten und – im Vergleich zu den Anfangsjahren – gut ausgestatteten Forschungsgebiet entwickelt. Entsprechend vielfältig und kontrovers sind die Ergebnisse und Ordnungsversuche, entsprechend umfangreich die Untersuchungen und die daraus entstandene Literatur. Im Ensemble der inzwischen vorgelegten „Einführungen“ zeichnen die zwei Bände von Karl Lenz und Marina Adler sich zum einen durch ihren Umfang aus. Was andere in nur einem Band erreichen müssen, kann hier in einer deutlich ausführlicheren Fassung präsentiert werden. Zum anderen beziehen die Autor_innen zwar Stellung in den Kontroversen, präsentieren die unterschiedlichen Positionen aber sehr ausgewogen und lassen vor allem durch die Einflechtung kritischer Stimmen immer wieder Raum zum eigenen Nachdenken.

In allen Kapiteln werden die wichtigsten Entwicklungen und Konzepte/Theorien kurz, aber dennoch für eine Einführung umfassend vorgestellt. Trotz des Überblicks und der dadurch notwendigen Zusammenfassung und Kürze ergibt sich so eine differenzierte Darstellung, die durch umfangreiche Literaturverweise auch das Weiter- und Tieferlesen ermöglichen. Die Diskussionsfragen mögen dabei Anregungen für eine vertiefende Diskussion bieten, sind aber manchmal etwas zu eindeutig auf das zuvor angelesen Wissen abgestellt oder auch nur für bestimmte Kontexte relevant.

Insgesamt handelt es sich um einen gelungenen Band, der insbesondere zusammen mit Band 2 (Geschlechterbeziehungen) den Anspruch erfüllt, für das Thema nicht nur zu sensibilisieren, sondern auch Grundlagenwissen bereit zu stellen.

Fazit

Für Interessierte und Einsteiger_innen: Ausgesprochen gelungen! Gut lesbare Texte, die einen guten Einstieg und Überblick bieten und durch die zahlreichen Literaturverweise und -hinweise einen guten Ausgangspunkt zur weiteren Beschäftigung mit einzelnen Themen bieten.

Für Lehrende und „Fortgeschrittene“: Ein sehr guter Überblick und eine sehr gute Ergänzung zu den anderen „Einführungen“ in das Thema, mit dem sich gut arbeiten lässt, da sich die Themen durch den Aufbau der Bände gut in eigene Seminarkonzepte integrieren lassen.


Rezensentin
Prof. Dr. Leonie Wagner
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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 07.03.2012 zu: Karl Lenz, Marina Adler: Einführung in die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung. Band 1: Geschlechterverhältnisse. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. ISBN 978-3-7799-2301-5. Geschlechterforschung. Hrsg.: Lothar Böhnisch, Heide Funk, Karl Lenz. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12875.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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