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Manfred Grohnfeldt: Grundlagen der Sprachtherapie und Logopädie

Cover Manfred Grohnfeldt: Grundlagen der Sprachtherapie und Logopädie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. 224 Seiten. ISBN 978-3-497-02273-1. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Die Publikation versteht sich „als Impuls zu einer Fundierung und prospektiven Weiterentwicklung des Faches Sprachtherapie“ (S. 9)-

Autor

Manfred Grohnfeldt ist Ordinarius für Sprachheilpädagogik und Sprachtherapie an der Ludwigs-Maximilians-Universität München und Leiter des Forschungsinstituts für Sprachtherapie und Rehabilitation.

Aufbau

  1. Sprachtherapie als Wissenschaft und Beruf
  2. Entstehungsgeschichte in Deutschland im internationalen Vergleich
  3. Theoretische Grundlagen
  4. Das Klientel
  5. Störungsbilder und Erscheinungsformen
  6. Aufgabenbereiche und praxisrelevante Handlungsfelder

Den Abschluss dieser Publikation bilden Epilog, Literaturverzeichnis und ein Sachregister.

Inhalte

Da in Deutschland z. T. auf dem Feld der Sprachtherapie sehr unterschiedliche Berufsgruppen auf Fachschul-, Fachhochschul- bzw. Universitätsniveau existieren, ist die Situation – und das auch weltweit – sehr zersplittert. Der Autor diskutiert die unterschiedlichen Berufsverbände der Sprachtherapeuten, als da beispielsweise wären:

  • Arbeitsgemeinschaft der freiberuflichen und angestellten Sprachheilpädagogen
  • Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik
  • Deutscher Bundesverband der Sprachheilpädagogen
  • Deutscher Bundesverband der akademischen Sprachtherapeuten
  • Bundesverband der Klinischen Linguistik
  • Verband der Patholinguisten
  • Deutscher Bundesverband der Klinischen Sprachwissenschaftler.

Grohnfeldt führt einen phasenspezifischen Verlauf der Entstehung der akademischen Sprachtherapie auf, die ihren Beginn um 1980 hat.

Über der Darstellung der sprachtherapeutischen Berufsgruppen in Deutschland und den akademischen Sprachtherapeutinnen unterschiedlicher Studiengänge kommt der Verfasser zur Notwendigkeit einer Sprachtherapiewissenschaft.

Sprachtherapie definiert Grohnfeldt am Ende des ersten Kapitels als „Gesamtheit der Maßnahmen, die im Zusammenhang mit Interventionen zwischen der Therapeutin und der betroffenen Person ablaufen und sich auf die Beseitigung, Linderung oder Kompensation der Sprachstörungen an sich und ihre psychosozialen Auswirkungen erstrecken. Dies bezieht sich auf die Betreffenden selbst sowie auf ihr soziales Umfeld“ (S. 17).

Der historische Abriss in Kapitel 2 will verdeutlichen, wie einige gegenwärtige Entwicklungen ihre Begründung in länger zurückliegenden Entscheidungen hatten. Außerdem wird erkennbar, warum einige Perspektiven zukünftig wohl eher nicht realisierbar sind.

Der Autor führt aus, dass es den Blick zu weiten gilt, „um international Anschluss zu bekommen und Perspektiven zur Weiterentwicklung in einen größeren Rahmen zu stellen“ (S, 38).

Im Rahmen der theoretischen Grundlagen werden fachwissenschaftliche Bezüge und beteiligte Berufsgruppen dargelegt. Hier wird das Augenmerk auf Sprachtherapie als Integrationswissenschaft gelegt, weil sprachgestörte Menschen im Fokus unterschiedlicher Fachdisziplinen und Berufsgruppen stehen, als da wären:

  • Linguistik und Phonetik
  • Medizin
  • Sprachheilpädagogik
  • Psychologie

Verbandsvertreter, Universitäten und Krankenkassen haben sich auf Mindeststandards für Bachelor- und Masterstudiengänge im Bereich der Sprachtherapie geeinigt, welche in den Gemeinsamen Empfehlungen der Krankenkassen gemäß §§ 124,4; 124,2 SGB V dokumentiert sind und Grohnfeldt dazu veranlassen curriculare Bezüge zu den genannten Bereichen herzustellen.

Zur prospektiven Orientierung wird sich dem Grundverständnis der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) und der International Classification of Functioning, Disability and Health, Children and Youth Version (ICF-CY) gewidmet.

Sprachtherapie als wertgeleitete Wissenschaft macht das Befassen mit den ethischen Grundlagen notwendig.

Schließlich ist der Fokus auf die wissenschaftstheoretischen Grundlagen zu richten, aus denen sich Folgerungen für das Selbstverständnis von Diagnose und Therapie im interaktionalen Kontext abzeichnen.

Die Klientel, mit dem sich die Sprachtherapie zu befassen hat, ist das Thema des vierten Kapitels. Da wird sich mit Abgrenzungsproblemen und Definitionen (was ist normal? und Relativität von Klassifikationsschemata) und dem sich hinter dem Schema verbergenden Menschen befasst. Für Letztgenanntem lassen sich ausmachen:

  • biographische Faktoren
  • die interaktionale Einbettung (Familie, Angehörige, Umwelt).

Störungsbilder und Erscheinungsformen zeigen sich in:

  • Sprachentwicklungsstörungen, deren Auftreten v. a. Im Vorschul- und Grundschulalter als Verzögerung oder strukturelle Abweichung zu manifestieren ist
  • spezifischen Sprachentwicklungsstörungen
  • semantisch-lexikalischen Störungen
  • pragmatischen Störungen
  • Sprachentwicklungsstörungen im Zusammenhang mit anderen Entwicklungsbedingungen, wie kognitiven Störungen, Mehrsprachigkeit, auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen, gravierenden Hörschäden
  • Störungen der Redefähigkeit, wie Stottern, Poltern, Mutismus, Sprechangst
  • zentralen Sprach- und Sprechstörungen, wie Aphasien, Sprachabbau bei Demenz, Dysarthrien, Sprechapraxien
  • Rhinophobien bei Lippen-Kiefer-Gaumen-Segel-Fehlbildungen
  • Dysphonien
  • Dysphagien

Die im vorigen Abschnitt genannten Störungs- und Erscheinungsbilder treten in ganz unterschiedlicher Häufigkeit auf, weshalb Grohnfeldt die Häufigkeitsverteilung der einzelnen Störungsbilder genauer betrachtet und so in die Aufgabenbereiche und praxisrelevanten Handlungsfelder einleitet. Der Autor bespricht: die altersspezifischen Handlungsfelder und das mit Blick auf:

  • Prävention
  • institutioneller Therapie und Förderung
  • Rehabilitation

Diskussion

Ein Grundlagenwerk, das Auszubildenden auf dem Feld der Sprachtherapie und Logopädie den Ausbildungsbeginn quasi schmackhaft machen soll, wie die besprochene Publikation, erfährt ihre positive Bewertung durch die Übersichtlichkeit der einzelnen Kapitel. Es sind die kurzen Randbemerkungen, die ein schnelles Auffinden spezifischer Problemstellungen ermöglichen. Gerade für den Ausbildungsbeginn, einer Zeit also in der viel Neues auf den Betroffenen einprasselt, wird es wertgeschätzt, wenn man sich für ein konkretes Thema nicht durch das gesamte Kapitel oder gar Buch durchwühlen muss.

Grohnfeldt schreibt: „Das Primat der Früherfassung wird seit Ende der 1960er Jahre in der Sprachheilpädagogik und Logopädie herausgestellt […]. Umso mehr überrascht der vergleichsweise späte Verordnungsgipfel im Alter von sechs Jahren“ (S. 177 f.). Das Gesundheitssystem, an erster Stelle die Krankenversicherungen, könnte eine Menge Geld sparen, wenn sie der Prävention mehr Gewicht zukommen ließe. Rehabilitative Bemühungen sind in jedem Fall teurer, als eine gezielte Vorsorge. Selbst postnatal erworbene Sprachbehinderungen könnten durch eine Prävention vermieden werden. Eigene Untersuchungen haben mir hierfür Belege geliefert (vgl. Rensinghoff 2006; 2012).

Fazit

Ein sehr empfehlenswertes Buch, welches für den Ausbildungssuchenden bei der Berufswahl behilflich und für den in diesem Feld sich befindenden Auszubildenden ein Grundlagenwerk ist, welches in das Themenfeld sicher einführt.

Literatur

  • Rensinghoff, Carsten: Zu den psychotraumatischen Ursachen schwerer hirntraumatischer Ereignisse – eine (auto-)biographische Studie. In: Sonderpädagogik 36(Heft 1 – 2006)16-25.
  • ders.: Wider die gesellschaftliche Ausschließung. Neckenmarkt 2012.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 13.02.2012 zu: Manfred Grohnfeldt: Grundlagen der Sprachtherapie und Logopädie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-497-02273-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12879.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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