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Karl Heinz Bohrer: Selbstdenker und Systemdenker

Cover Karl Heinz Bohrer: Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken. Hanser Verlag (München) 2011. 221 Seiten. ISBN 978-3-446-23758-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 29,90 sFr.

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Momentanismus der Existenz

Über Denken lässt sich trefflich streiten! Nach Aristoteles ist noêsis noêseôs, das Denken des Denkens ein Phänomen und ein Problem zugleich. Zum einen wird Denken stets durch das gedachte Objekt bestimmt und ist dadurch Objekt des Denkens; zum anderen hängt die Qualität des Denkens davon ab, was gedacht wird (M. Bordt, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 374ff). Descartes und seine Adepten schließen Empfindungen, Fühlen und Wollen in das Denken ein; Kant sieht in der sinnlichen, vernunftbestimmten Anschauung die Grundlage des Denkens; Heidegger verbindet das Denken mit Metaphysik; und in der Neurophilosophie werden die Erkenntnis- und Kombinationsfähigkeit des Menschen hirnphysiologisch gedeutet. Die Frage „Was tun wir, wenn wir denken?“ beschäftigt die Menschheit philosophisch und alltäglich seit Jahrtausenden. Es ist so selbstverständlich „wie Gehen und Reden, Kauen und Appetithaben“ (Carl Friedrich Graumann, Hrsg., Denken, Köln 1969, S. 16); und so komplex, kompliziert und stellt sich als kontrovers dar, wenn über das Denken nachgedacht wird.

Entstehungshintergrund und Autor

In der philosophischen und psychologischen Diktion ist Denken nur dann bedeutsam, wenn Denken Grundlage des individuellen Bewusstseins ist, sich sowohl als kontinuierlicher wie auch wandelbarer Prozess darstellt und als unabhängiges Denken zeigt – weil der homo intellectus ein von Natur aus mit Vernunft begabtes Lebewesen ist. Die Frage danach, was unabhängiges Denken ist und wie es sich im philosophischen Diskurs zeigt, bedarf der vor-sichtigen Betrachtung, nämlich der historischen Reflexion darüber, wie sich unabhängiges Denken in seinen klassischen Erscheinungsformen entwickelt hat, um Kriterien für gegenwärtiges Denken zu gewinnen.

Der (em.) Bielefelder Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer, seit 1984 auch Herausgeber der „Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken“, MERKUR (siehe dazu auch: Heft 9/10, September/Oktober 2011, „Sag die Wahrheit!“, www.socialnet.de/rezensionen/12494.php), gibt sich nicht zufrieden mit den herkömmlichen Antworten, „dass das Wort ‚unabhängig‘ moderne Charakteristika wie ‚frei‘, ‚individuell‘, ‚eigenwillig‘, ‚selbständig‘ impliziert. Er macht sich auf die Suche nach der tatsächlichen Bedeutung der Begrifflichkeit, indem er feststellt, dass unabhängigen Denkens bestimmt ist von der Individualität, also subjektorientierte Eigenschaft besitzt, als „ein Denken, das aufgrund sehr individueller Impulse seine innovatorische Qualität hat oder den Mut besitzt, dominierenden Denkmotiven zu widersprechen – und diesen Widerspruch in Neuem zu begründen“. Als Zeugen dieses unabhängigen, essayistischen Denkens zieht er den französischen Politiker, Philosoph und Begründer der Essayistik Michel Eyquem de Montaigne (1533 – 1592 ) ebenda) und den deutschen Kulturphilosophen und Mitbegründer der modernen Geisteswissenschaften, Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel (1772 – 1829), heran. Deren Denken und unter Bezugnahme auf die Denkleistungen Friedrich Nietzsches, diskutiert Karl Heinz Bohrer, indem er den Finger in die Denk-Wunden legt, die er als „gefrorene(n) Widerspruch zur Unabhängigkeit“ tituliert. Dabei zeigt sich freilich, dass in der heutigen Zeit eine Nachahmung dieses Denkens nicht mehr angebracht und eine Suche nach Perspektiven, „die Welt phänomenologisch…(zu) beschreiben“, notwendig ist.

Aufbau und Inhalt

Es sind die Kritik an und der Widerspruch von „felsenfesten Gültigkeiten“, die Kulturkritik ausmacht, die Kritik am traditionellen, bildungsbürgerlichen Essayismen notwendig macht, Ausschau halten lässt und nach einer Art „puritanischer Ernüchterung“ ruft. Nach der Einleitung, in der Bohrer zur Quintessenz kommt, „keine Sinnfragen (zu) stellen, sondern „Formfragen“ zu formulieren, wie sie bei Montaigne, Friedrich Schlegel und Nietzsche zu finden sind, thematisiert er den Diskurs, wie er sich im 19. und 20. Jahrhundert im Konflikt zwischen zwei Modernen zeigt: „Der Verdacht wider die Idee“. Die sich dabei darstellenden Ideendekonstruktionen verdeutlicht er anhand der „ästhetische(n) Autonomie und Momentanismus bei Friedrich Schlegel“ und dem „Selbstausdruck des ästhetischen Phänomens bei Friedrich Nietzsche“. In seiner „Rede über die Mythologogie“ (1800) subsummiert Schlegel die Auffassung, wie sie bereits in der Zeit des deutschen Idealismus durch Hegel und Schelling formuliert wurden, „dass der höchste Akt der Vernunft der, in dem sie alle Ideen umfasst, ein ästhetischer Akt ist und dass Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind“; jedoch nuancierter, wonach „Vernunft… nur unter der Bedingung der poetischen Rede als aufgehoben (gilt)“. Damit, und mit seinen Vorstellungen vom „plötzlichen Sprung“, dem besonderen Moment also, in dem sich Denken und Handeln vollzieht, artikuliert Schlegel gewissermaßen den notwendigen Perspektivenwechsel, den er mit seiner These von der „Ungleichheit des Beschleunigungsphänomens“ zu beweisen versucht: Die „ästhetische Revolution“ wird damit phänomenologisch als gültig und nicht dialektisch begründet. Das Dionysche, wie es sich bei Nietzsche als Form des Verdächtigen und Bösen darstellt, ist zwar Anhaltspunkt für Schlegels Vernunftskepsis – „Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben und keins zu haben. Er wird sich wohl entschließen müssen, beides zu verbinden“ – macht aber auch deutlich, dass es „beim Verdacht gegen die Idee nicht darum (geht), diese durch Bilder, Metaphern, durch Essayismus zu ersetzen, sondern darum, Bilder, Metaphern und die poetische Sprache überhaupt nicht mit Ideen zu erklären“.

Um die Diskrepanzen und Widersprüche erklären zu können, muss auf „moderne Diskontinuität(en)“ hingewiesen werden. Es gilt, Begrifflichkeiten zu klären, wie sie im Diskurs um den „Momentanismus“ historisch und in der Moderne benutzt werden; etwa, was unter „Verzeitlichung“ beim angesagten Gesetz der Moderne verstanden wird. Der „Moment als Funktion“ und der „Moment als Substanz“ verdeutlichen sich in zahlreichen (literarischen und philosophischen) Fundstellen und machen deutlich, dass „der Wechsel von Funktion zur Substanz innerhalb der Verzeitlichungsmethaphorik nicht einfach epochenhistorisch erklärbar ist“.

Die Frage, welche Macht Philosophie heute noch hat, stellt sich insbesondere bei der Reflexion darüber, welche Wirkungsgeschichte Philosophie in der jeweiligen Gegenwart hatte und hat, was ohne Zweifel auch eine Frage nach der (gesellschaftlichen) Macht beinhaltet. Weitergeführt heißt das, zu bewerten, ob sich im Wissenschaftsbetrieb Philosophie als systematische Disziplin oder Fachgebiet darstellt.

Bei den Auseinandersetzungen mit dem Verständnis- und Stellenwert des philosophischen Denkens (heute), nimmt Bohrer eine Reihe von Philosophen aufs Korn und fragt nach „Vernunft, Zeitlichkeit und Ästhetik“ in diesem Diskurs, etwa anhand von Jürgen Habermas‘ Gegenrede: „Der philosophische Diskurs der Moderne“.

„Agonales Denken“, als Herausforderung, nicht Systeme darzustellen, sondern Denkprozesse zu beobachten, wird, das verdeutlicht Bohrer am Beispiel der Werke des Philosophiehistorikers Kurt Flasch, der Denken als kontingentes Ereignis auffasst. Des Philosophen Arbeiten haben vielfältige akademische Anerkennung, aber auch Kritik erfahren. 2010 wurde ihm der „Lessing-Preis für Kritik“ verliehen. Für Flasch gibt es „keine diskursive Letztbegründbarkeit, weil Denken immer auch Entscheiden bedeutet.

Weil Kritischsein heute in vielfältiger Weise betrachtet und gelebt wird, und auch im akademischen Diskurs die Kultur- und Gesellschaftskritik en vogue ist, ist es durchaus lohnend, danach zu fragen, inwieweit sich eine „rettende“ Kritik (Habermas) von der bewusstmachenden unterscheidet: Ist „Kritik am Ende der Kultur- (und Ideologie)kritik“ ein historisch gewordener, oder ein in der Kritik immanent vorhandener Widerspruch und in der Literatur grundgelegte Empörung gegen das zeitgenössische Leben?

Diese Reflexionen, bei denen eine Reihe von Denkern zu Wort kommen, aufs Tablett gehoben und beiseite geschafft werden, erfordern zweifellos eine Auseinandersetzung mit dem „Deutschen Geist“, wie er sich etwa bei Stefan George (1868 – 1933) und seinem Kreis zeigen, und zwar der ersten, zweiten, dritten, aktuellen Generation zeigt, als reformpädagogisch und von den platonischen Ideen Getriebene, wie dies in Ulrich Raulffs „Erziehungs“-Roman „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben (2009) vorgeführt wird.

Mit sechs Szenenschilderungen, die er „Achtundsechzig“ nennt, arbeitet Bohrer seine Erfahrungen, Überraschungen und Enttäuschungen ab, bei den Auseinandersetzungen, „als sich die Universitätsfanatiker der richtigen Lehre von den kulturrevolutionären Radikalen zu trennen begannen“, und bei denen die „Empörung“ Paradigma und Stigma wurde. Die Revolution, die sich ankündigte im Ton und in der Diktion, ließ der „Empathie des liberalen antiautoritären Subjektivisten, der für den Konservativismus keine Sympathie empfand… nicht die Spur einer Chance, von diesen Leuten akzeptiert zu werden…“. Entwickelte sich aus dieser Zurückweisung das, was Bohrer zum „Selbstdenker“ macht?

Mit dem Text „Ritus und Geste“ verweist der Autor darauf, wie sich Heldisches in Westernromanen und -filmen artikuliert und dargestellt wird, und er findet eine Reihe von Analogien zur antiken Tragödie. Vom Helden, oder ist es der Dandy, der alleine ist und einsam entscheidet, überwiegend jenseits der sozialen Normalität und der normativen Erwartung, bis hin zum altruistischen Helden der guten Tat – auf dem Gedanken- und Spielfeld sind alle Positionen frei.

Die anthropologische Kontroverse, ob der Mensch zum Guten veranlagt oder zum Bösen prädestiniert ist, durchzieht die gesamte Philosophiegeschichte. Bei der (literarischen) Betrachtung konzentriert sich Bohrer hier auf Szenen und Beschreibungen von Massentötungen als Menschheitsverbrechen und diskutiert das Faszinosum des Bösen am Beispiel von Jonathan Littells Roman „Les Bienveillantes“ (Die Wohlgesinnten, 2007). Es geht um das Immaginäre, nämlich „Abwesendes in einem Vorstellungspanorama zur Anschauung zu bringen“ (Wolfgang Iser). Die „Imaginationen des Schreckens“ führt vor, dass der Täter nicht deshalb zum Vollstrecker wird, weil er pervers ist; vielmehr wird das Böse … nicht ästhetisch attraktiv gemacht, sondern es wird imaginativ instrumentalisiert“ und intensiviert damit unser Vorstellungsvermögen und entwickelt sich zur „phantasmagorischen Narratio“.

Fazit

„Unabhängigkeit des Denkens“, die Wunschvorstellung des zôon politikon, zeigt sich im historischen, philosophischen und aktuell gesellschaftspolitischen Diskurs, lokal und global, eher als Ausnahme denn als Regel. Wie menschliches Denken, als Erkenntnis(gewinn) sich vollzieht und gewertet wird, ist ohne Zweifel einer Nachfrage wert. Karl Heinz Bohrer hat den Verdacht, dass die hehren Paradigmen und Zielsetzungen von der Unabhängigkeit des Denkens sich eher als Fata Morganen erweisen. Dabei schaut er nach bei Denkern wie Montaigne, Friedrich Schlegel, Nietzsche und anderen. „Wenn Unabhängigkeit…“, dabei bezieht sich der Autor auf diese, „als Kriterium des Denkens gilt…, wird dieses Kriterium selbst bald absehbar, abnutzbar“. Die verschiedenen Aspekte formuliert er in Themen, die er in den letzten Jahren als Vorlesungen und Abhandlungen vorgestellt hat. Die Zusammenfassung der einzelnen Beiträge unter dem Fokus des intellektuellen Denkens in dem Taschenbuch ist hilfreich und befruchtet die wissenschaftliche Diskussion um Denkprozesse und -verständnisse.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.03.2012 zu: Karl Heinz Bohrer: Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken. Hanser Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-446-23758-2. Reihe: Edition Akzente. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12903.php, Datum des Zugriffs 26.03.2017.


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