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Ferdinand Klein: Inklusion von Anfang an

Cover Ferdinand Klein: Inklusion von Anfang an. Bewegung, Spiel und Rhythmik in der inklusiven Kita-Praxis Handbuch. SCHUBI Lernmedien (Braunschweig) 2012. 183 Seiten. ISBN 978-3-427-40156-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Ursprünglich veröffentlicht im Bildungsverlag EINS.
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Thema

Der Begriff Inklusion besitzt zur Zeit in Deutschland und in ganz Europa eine große bildungs- und gesellschaftspolitische Relevanz. Anfang 2009 wurde die UN-Behindertenrechtskonvention von der Bundesrepublik Deutschland rechtsverbindlich anerkannt. Diese stellt sich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung und für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und den Rechtsanspruch eine allgemeinbildende Schule zu besuchen. Im Gegensatz zur Begrifflichkeit der Integration bei dem Menschen mit Behinderungen in ‚normale‘ gesellschaftliche Aktivitäten miteinbezogen, also integriert werden sollen, wird unter dem Begriff der Inklusion eine von vornherein ermöglichte Teilhabe und Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen verstanden. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich durch die Ratifikation verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem aufzubauen, das ein gemeinsames Lernen in Bildungseinrichtungen bedeutet. Dabei wird von der Unterschiedlichkeit der Schüler ausgegangen; Kein Kind wird ausgesondert, da auf seine individuellen Bedürfnisse eingegangen wird. Die Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems ist momentan durch die Bildungshoheit der Länder und der föderalen Strukturen in Deutschland unterschiedlich ausgeprägt. In der Kindertagesstätte, die je nach Altersausrichtung und Konzeption Kinder von null bis sechs Jahren besuchen, bestehen durch individuelle Konzeptionen und einer offeneren Formulierung von Bildungszielen günstigere Bedingungen, um inklusiv arbeiten zu können.

Autor

Dr. phil. Ferdinand Klein ist Lehrer (Heil- und Sonderpädagogik). Er wirkte unter anderem als Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und PH's und leitete die Erlanger Lebenshilfe-Schule mit angeschlossenem heilpädagogischen Kindergarten. Die Bedingungen der integrativen/ inklusiven Erziehung standen im Mittelpunkt seiner Forschungstätigkeit.

Aufbau

Nachfolgend werden die sieben Kapitel in Kurzform kommentiert.

Kapitel 1 Einleitung

Kapitel 2 Kita – ein Ermöglichungsraum für alle Kinder. Ausgehend von einer pädagogischen Grundhaltung, die den inklusiven Aspekt innerhalb einer gemeinsamen Erziehung, Bildung und Betreuung aufgreift, wird die pädagogische Fachkraft angeregt, sich reflexiv damit auseinander zu setzen. Inklusion als Weg und Ziel heißt ein bespielhaftes Unterkapitel.

Kapitel 3 Kita – ein Bildungsort für Kinder und Erwachsene. In diesem Kapitel versucht der Autor den selbstreflexiven Prozess der pädagogischen Fachkraft einer ermöglichenden Didaktik für alle Kinder darzustellen. Der pädagogischen Fachkraft wird vermittelt, dass sie sich in einer deutenden Position befindet, da sich jeder Mensch durch seine individuellen Erfahrungen seine Welt selbst konstruiert. Dieses Wissen ist als pädagogische Grundhaltung in inklusiven Lernprozessen als grundlegend anzusehen.

Kapitel 4 Miteinander lernen durch Bewegung, Spiel und Rhythmik. Beispielhaft werden aus dem pädagogischen Bereichen Bewegungserziehung, Spielerziehung und Rhythmische Erziehung Bildungsprozesse unter inklusiven Rahmenbedingungen vorgestellt und an Fallbeispielen erläutert.

Kapitel 5 Bewegung, Spiel und Rhythmik bei Kindern mit Beeinträchtigung der Kommunikation, insbesondere am Beispiel Autismus. Die Autismus-Spektrum-Störung wird detailliert beschrieben und Methoden wie der TEACCH-Ansatz und Bewegungs-, Spiel- und Rhythmikangeboten vorgestellt und hinterfragt.

Kapitel 6 Heilpädagogische Rhythmik nach Mimi Scheiblauer, besonders bei Kindern mit hohem Erziehungshilfebedarf. Hoher Erziehungshilfebedarf wird auf „schwer geistig und körperlich behinderte Kinder“ bezogen, die vor allem im kognitiven Bereich, der Sinneswahrnehmung und der Motorik eingeschränkt sind. Heilpädagogische Rhythmik nach Mimi Scheiblauer steht hier im fachlichen Fokus und wird zur Inklusion in Beziehung gestellt.

Kapitel 7 Der Anhang beinhaltet neben einem Literaturverzeichnis noch weitere Informationen zur Beurteilung von gutem Spielzeug, Menschen-Rechte für Menschen mit Behinderungen und der Vorstellung des Bundesverbandes zur Förderung von Menschen mit Autismus e.V.

Inhalt

Pädagogische Fachkräfte, die mit Menschen mit besonderem Förderbedarf arbeiten, wissen, dass es keine Rezepte für den pädagogischen Alltag gibt. Ideen werden unter dem Aspekt der jeweiligen Zielgruppe unter methodisch-didaktischen und therapeutischen Aspekten angeboten, um diese ressourcen- und prozessorientiert in der Praxis umzusetzen; Das bedeutet, die Zielgruppe darin zu begleiten und Impulse zu geben. Genau diesen Aspekt greift der Autor auf und unterfüttert diesen wertschätzenden pädagogischen Prozess mit vielfältigen Gelegenheiten zur Selbstreflexion des Lesers. Zahlreiche Fallbeispiele, Anamnese- und Entwicklungsbeschreibungen aus der Praxis schärfen dabei den Blick auf die bisherigen beschriebenen Inhalte in den einzelnen Kapiteln. Die vielfältigen und vielschichtigen Anknüpfungspunkte in den einzelnen Kapiteln ermöglichen eine fundierte und gegenüber dem Leser wertschätzende Haltung, um ihn anzuregen, reflexiv pädagogische Prozesse zu überdenken und zu entwickeln. Der Leitgedanke von Klein ist: Die pädagogische Fachkraft arbeitet besonders professionell, wenn sie in der Lage ist, situationsgerecht auf Kinder einzugehen und den dabei entstehenden Prozess mit ihrem Wissen reflektiert. Klein spricht von der ‚therapeutischen Pädagogik‘ und der ‚pädagogischen Therapie‘, da sich in der inklusiven Pädagogik die jeweiligen Vorgehensweisen nicht voneinander trennen lassen.

Bewegungs-, Spiel- und Rhythmische Erziehung können vor allem in der frühen Kindheit und für Kinder mit Förderbedarf als grundlegende Bildungsbereiche angesehen werden. Sogenannte Transfereffekte, die sich in der weiteren kognitiven, motorischen, sensorischen, sozialen und emotionalen Entwicklung auswirken, werden detailliert beschrieben und ein Plädoyer für selbstbestimmtes Spielen und Lernen in unterschiedlichen Bezügen verfasst („Im Spiel konstruiert und rekonstruiert das Kind seine Wirklichkeit“ S. 84).

Da der Heilpädagogischen Rhythmik nach Mimi Scheiblauer (1891 – 1968) ein ganzes Kapitel (Kapitel 6) gewidmet wurde, wäre es wünschenswert gewesen, Weiterentwicklungen der Heilpädagogischen Rhythmik in den vergangenen fünfzig bis sechzig Jahren zu erwähnen, da sich Änderungen im Bildungssystem auch auf den Einsatz von Methoden wie der Rhythmik auswirken. Die Methoden Mimi Scheiblauers sind bis heute Grundlage der Heilpädagogischen Rhythmik, werden jedoch didaktisch neu interpretiert, um die Kinder und die pädagogischen Fachkräfte zeitgemäß anzusprechen. Zum Beispiel der Einsatz von Liedern in unterschiedlichen Spiel- und Sozialformen und der Einsatz von Materialien zur Wahrnehmungsförderung mit Alltagsmaterial oder passendem Material zu einem bestimmten Thema. Ebenso ist es für Kinder, die im emotional-sozialen Bereich Förderbedarf haben, wichtig, sie emotional anzusprechen und sie dadurch zu motivieren sich an einem rhythmisch-musikalischen Spiel-Lern- und Förderangebot zu beteiligen. Dies kann durch fantasievolle Geschichten, die mit Musik, Sprache, Bewegung, Instrumenten und Materialien in der Praxis umgesetzt, angeboten werden.

Fazit

Ferdinand Klein ist es gelungen, aus seinem reichen eigenen pädagogischen Erfahrungsschatz Bildungsbereiche unter dem Aspekt der Inklusion zu beleuchten und Zugänge für die Praxis aufzuzeigen. Die im Buch vorgestellten Praxisideen sind als exemplarisch anzusehen, um theoretische Bezüge auf einer Metaebene zu beleuchten und zu vertiefen. Ein empfehlenswertes Buch für pädagogische Fachkräfte unterschiedlicher pädagogisch-therapeutischer Schwerpunkte, die ihren eigenen pädagogischen Alltag und den Anspruch ihrer pädagogischen Tätigkeit unter dem Aspekt der Inklusion reflektieren und sich gegebenenfalls in den Bildungsbereichen Bewegungs- und Spielerziehung und Rhythmik weiterentwickeln möchten.


Rezensentin
Sabine Hirler
M.A., Doktorandin Fachbereich Pädagogik an der TU Kaiserslautern, Musikpädagogin- und therapeutin, Rhythmiklehrerin, Fachautorin, Dozentin/ Referentin u.a. im Bereich Rhythmik in der Heilpädagogik, Wahrnehmungs- und Sprachförderung. www.sabinehirler.de
Homepage www.sabinehirler.de
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Zitiervorschlag
Sabine Hirler. Rezension vom 09.03.2012 zu: Ferdinand Klein: Inklusion von Anfang an. Bewegung, Spiel und Rhythmik in der inklusiven Kita-Praxis Handbuch. SCHUBI Lernmedien (Braunschweig) 2012. ISBN 978-3-427-40156-8. Ursprünglich veröffentlicht im Bildungsverlag EINS. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12912.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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